Deutschland hat „Schulden“ von 180 Prozent des BIP – Spiegel-Online Autor Henrik Müller ist wieder einmal verwirrt und verwirrt andere

Spiegel-Online brachte gestern als Aufmacher einen Artikel von Henrik Müller, in dem die Schulden von privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat zusammengezählt werden und beklagt wird, dass viele Staaten inzwischen mit mehreren Hundert Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verschuldet sind. Auch für Deutschland wird eine Zahl von 180 Prozent genannt. Dazu haben wir vor einiger Zeit schon einmal alles Nötige gesagt. Auch dass Deutschland in Dummheit versinkt, wollen wir nicht wiederholen.

Weil aber offenbar weder die zuständigen Redakteure von Spiegel-Online noch Henrik Müller die 20 Cent haben, die das Lesen eines die Sache aufklärenden Artikels kostet, wollen wir auch ihnen die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden und drucken hier ab, was wir dazu am 21. Januar geschrieben haben:

„Auf der Homepage der europäischen Statistikbehörde findet sich unter der Rubrik „Datenbank“ eine Kategorie „Verfahren bei einem übermäßigen Ungleichgewicht Indikatoren“ (das sind also Kennzahlen, die im Zusammenhang mit der Macroeconomic Imbalance Procedure eine Rolle spielen). Dort werden u.a. Zeitreihen zu Schuldenständen des privaten Sektors, des öffentlichen Sektors (Staat) und ganzer Länder angeboten.

Schaut man sich die Zahlen an, dann liest man dort z.B. für Deutschland im Jahr 2013, dass der private Sektor (ohne Banken und andere Finanzinstitute) gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) „konsolidiert“ mit 103,5 % verschuldet ist, der öffentliche Sektor, also der Staat, mit 76,9 %. Wenn man das zusammenzählt, kann einem schon mulmig werden, oder? Schuldenberge also auch in Deutschland, wohin man schaut!

Gleichzeitig beträgt aber der Netto-Vermögensbestand, den Deutschland insgesamt gegenüber dem Rest der Welt hat, laut dieser Statistik 42,9 % des BIP. Das wirkt irgendwie ungereimt: Ein Land, dessen privater und öffentlicher Sektor hoch verschuldet sind, besitzt gegenüber dem Ausland netto, also nach Abzug aller Schulden des Auslands bei uns, Vermögen? Das ist logisch nur möglich, wenn die Schuldenstände mindestens für einen der beiden inländischen Sektoren (in diesem Fall ist das der Privatsektor) als Bruttoschulden angegeben sind. Dann bedeutet die oben genannte Zahl (103,5 % des BIP) aber nicht, dass Unternehmen und private Haushalte in Deutschland zusammengenommen mit mehr als der Wirtschaftskraft eines Jahres (netto) verschuldet sind, sondern nur, dass es Schuldner-Gläubiger-Beziehungen zwischen dem Privatsektor und den anderen Wirtschaftsakteuren (Banken, Staat und Ausland) in Höhe von etwas mehr als einem Jahres-BIP gibt. Rechnete man das Brutto-Geldvermögen des deutschen Privatsektors (dessen Daten wir an dieser Stelle bei Eurostat vergeblich gesucht haben) gegen seine Bruttoschulden, bliebe ein erheblicher Teil an Netto-Geldvermögen übrig.

Wie viel das ist, kann man mit einem Blick in die Statistik der Deutschen Bundesbank klären, die sektorale und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanzen enthält. Dort wird die Brutto-Verschuldung der privaten Haushalte für das Jahr 2013 mit 1579,4 Mrd. Euro und die der nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften mit 2060,1 Mrd. Euro angegeben. Zusammen macht das 3639,5 Mrd. Euro Brutto-Schulden der Privaten (ohne die finanziellen Kapitalgesellschaften, also grob gesprochen ohne den Finanzsektor). Das sind ungefähr 125 % des deutschen BIP. Das Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte beträgt 5020,8 Mrd. Euro, das der nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften 2860,0 Mrd. Euro, macht zusammen 7880,8 Mrd. Euro (271% des BIP). Saldiert man Brutto-Schulden und Brutto-Geldvermögen der Privaten (ohne den Finanzsektor), ergibt sich ein Netto-Geldvermögen der Privaten in Deutschland für das Jahr 2013 von 4241,3 Mrd. Euro oder ungefähr 146 % des BIP. Wenn das für den weniger spezialisierten Leser (etwa einen auf Datensuche befindlichen Journalisten) keine andere, um nicht zu sagen: gegensätzliche Information ist als die von Eurostat präsentierten Daten!

Um es auf den uns hier interessierenden Punkt zu bringen: Von vielen Politikern, Medien und Experten wird über die immense Verschuldung von privaten Haushalten, von Unternehmen und Staaten gesprochen und die Reduktion dieser Schuldenstände angemahnt. Den meisten scheint dabei nicht bewusst zu sein, dass sie zum einen möglicherweise Äpfel (Bruttoschulden) mit Birnen (Nettoschulden) vergleichen und zum anderen nicht alle relevanten Informationen haben. Und Eurostat bietet ausgerechnet im Zusammenhang mit dem sensiblen Thema „makroökonomische Ungleichgewichte“ Datenmaterial an, das zu dieser Konfusion und Schuldenphobie beizutragen geeignet ist. Warum finden sich nicht an gleicher Stelle die Zeitreihen zu den Geldvermögen der verschiedenen Sektoren (von den Sachvermögen gar nicht zu reden)? Warum wird nicht auf klare Bezeichnungen von „brutto“ und „netto“ Wert gelegt? Wissen die Politiker, die sich auf Grundlage dieses Datenangebots ihre Meinung – natürlich auch über andere Länder – bilden und weitreichende politische Entscheidungen treffen, was für Material sie da vor sich haben?

Wenn man die beiden eingangs genannten Zahlen der Verschuldung des deutschen Staates und der Privaten in Deutschland zusammenzählt, kommt man auf ca. 180 % des BIP und möglicherweise auf die Idee, dass das irgendwie gefährlich sein könnte. Diese Überlegung ist aber leider ungefähr so sinnvoll, als ob man beim Thema Außenhandel einerseits von den Importen spräche (in Deutschland derzeit ca. 38 % des BIP) und andererseits von den Nettoexporten (ca. 6 % des BIP) und aus dem Vergleich beider Zahlen den Schluss zöge, wir wären offenbar nicht wettbewerbsfähig, weil wir ja viel zu wenig exportierten.

Es gilt also, die Begrifflichkeiten zu klären, bevor man sich überhaupt sachlich fundiert über das Thema „Schulden“ unterhalten und ein Urteil bilden kann.“

Man sieht zum einen: Leser von flassbeck-economics wissen mehr. Zum anderen weiß man jetzt auch, wie man die Werbung zu verstehen hat, die unmittelbar neben dem Artikel erscheint:

Henrik Müller:
 Wirtschaftsirrtümer

50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten.

Campus Verlag; 304 Seiten, 19,99 Euro.

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