Die deutschen Löhne – Konfusion von links bis rechts

Unsere Leser haben uns gebeten, zu zwei Stücken über die Gewerkschaften und die deutsche Lohnentwicklung Stellung zu nehmen. Das erste Stück ist aus der FAZ, bei der es nicht verwundert, dass die Analyse der deutschen Lohnentwicklung durch eine stark gefärbte Brille erfolgt, so dass alles, was einfach und klar ist, im Dunkel der Ideologie verschwimmt. Das zweite Stück aber kommt direkt aus dem Herzen der Arbeiterbewegung, nämlich vom WSI, dem wirtschafts-und sozialwissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften. Es ist abgedruckt in der Zeitschrift „Sozialismus“ (Heft 4 2015) unter der Rubrik „Forum Gewerkschaften“. Auf dieses Stück von Thorsten Schulten verweist auch die Hans Böckler Stiftung in einem sogenannten Böckler Impuls, den das WSI und das IMK (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung) herausgeben. Zu finden ist das hier; dort gibt es einen Link für den ganzen Beitrag.

Um es gleich vorweg zu sagen, wenn man beides gelesen hat, weiß man nicht, wessen Konfusion größer ist. Aber das Erschrecken über die immer noch vorhandene Ignoranz (oder die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit und der Gewerkschaftsmitglieder) ist natürlich im Fall des Beitrags auf der Gewerkschaftsseite viel größer.

Zunächst kurz zur FAZ. Heike Göbel, seit über zehn Jahren verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, stellt fest, dass „Maßhalten gestern war“, und beklagt, dass die deutschen Gewerkschaften auf dem Vormarsch seien, ohne zu bedenken, welche Folgen das für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf Dauer haben müsse. Das ist faktisch Unsinn, wie wir hier gezeigt haben. Das ist aber auch, und das ist das eigentliche Problem, so daher gesagt, ohne auch nur eine Sekunde über die Folgen des deutschen „Maßhaltens“ für andere Länder nachzudenken. Und genau da trifft sich die Autorin der FAZ mit dem Mitarbeiter der Gewerkschaften. Fragt sich nur, für wen das schlimmer ist.

Wenn man, wie Frau Göbel das tut, den Eindruck erwecken will, dass auch heute noch Maßhalten angesagt ist, dann muss man als halbwegs intelligenter und nicht vollkommen im nationalen Gedankengut verbohrter Mensch fragen, welche Auswirkungen das bisherige deutsche Maßhalten für andere Länder mit sich gebracht hat. Offensichtlich ist, dass das deutsche Gürtel-enger-Schnallen, das deutsche Unter-den-eigenen-Verhältnissen-Leben, nur möglich war, weil in anderen europäischen Ländern genau das gegenteilige Verhalten an den Tag gelegt wurde, also über den eigenen Verhältnissen gelebt wurde. Wer das problematisch findet und den Partnerländern in Europa empfiehlt, gefälligst so zu werden wie Deutschland, muss logischerweise dazu sagen, dass Europa insgesamt dann riesengroße Partner in der Welt finden muss, die bereit sind, das Unter-den-eigenen-Verhältnisse-Leben der Europäer durch eigenes Über-den-Verhältnissen-Leben zu ermöglichen. Findet man die nicht – und selbst Frau Göbel verweist auf die jetzt schon akute amerikanische und die europäische Kritik an den deutschen Überschüssen – kann Deutschland nicht so tun, als könne es seine Politik einfach beliebig lange fortsetzen und anderen empfehlen.

Thorsten Schulten vom WSI hätte sich genau diese Frage auch stellen müssen. Er behauptet mit Verweis auf einige empirische Arbeiten, nicht die deutsche Lohnzurückhaltung sei für die deutschen Exporterfolge und Leistungsbilanzüberschüsse verantwortlich, sondern die hohe Qualität der deutschen Produkte und die hohe Nachfrage am Weltmarkt nach deutschen Produkten. Es hätte in seiner Sicht den deutschen Exporterfolg auch bei weniger Maßhalten gegeben. Er erkennt immerhin, dass die Lohnzurückhaltung aber erheblich negative Auswirkungen auf den Binnenmarkt hatte (wir werden zur Frage der Lohntheorie in offenen und geschlossenen Volkswirtschaften diese Woche noch einmal ein Stück von Günther Grunert bringen).

Zur verbreiteten Verwirrung um Produktqualität will ich hier nichts mehr sagen, das haben wir vor einiger Zeit abgehandelt (hier zu finden). Man fragt sich aber, wenn man eine Argumentation wie die von Thorsten Schulten liest, wieso die Gewerkschaften eigentlich diese Politik der Lohnmoderation mitgemacht haben. Wenn klar ist, dass das außenwirtschaftlich nichts zusätzlich bringen würde und binnenwirtschaftlich Schaden anrichtet, dann haben die Gewerkschaftsführer, die dieser Politik zugestimmt haben, den deutschen Arbeitnehmern eindeutig Schaden zugefügt.

Und noch viel schlimmer: Wenn das wahr wäre, müssten die Gewerkschaften jetzt mit ihren Lohnforderungen doch versuchen, alles, was die deutschen Arbeitnehmer an realer Kaufkraft in den Jahren der Lohnmoderation unnötigerweise verloren haben, wieder hereinzuholen. Das müsste gemäß der Analyse von Thorsten Schulten ja auch vollkommen unproblematisch sein, weil die deutschen Exporterfolge dadurch doch überhaupt nicht gefährdet würden. Das aber glauben die Gewerkschaftsspitzen offensichtlich nicht, sonst hätten sie sich doch nicht mit Zuwächsen in der Größenordnung von wenig über zwei Prozent in diesem und im nächsten Jahr zufriedengegeben.

Das eigentliche Problem aber, wie oben schon angedeutet, ist mit dieser Argumentation noch nicht einmal angesprochen. Es ist ganz gleich, aus welchen Gründen Deutschland sein Unter-den-Verhältnissen-Leben und seine Leistungsbilanzüberschüsse realisiert hat, es muss sich auf jeden Fall ein anderes Wirtschaftsmodell suchen, nämlich eines, bei dem die Handelspartner in Zukunft unter ihren Verhältnissen leben können, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Wenn es wahr wäre, dass die Nachfrage nach deutschen Produkten auch ohne den deutschen Wettbewerbsvorsprung in Sachen Löhne, den auch Thorsten Schulten nicht bestreitet, so groß gewesen wäre, dass das Ausland sich hoch verschuldet hätte, um deutsche Produkte zu kaufen, dann kann man wiederum nur konstatieren, dass die ausländischen Unternehmen und Staaten das nicht hätten tun dürfen, weil sie sich eigentlich die deutschen Produkte nicht leisten konnten. Folglich müssen sie jetzt die Nachfrage nach deutschen Produkten zurückfahren und versuchen, selbst mehr nach Deutschland zu exportieren.

Dann sind die deutschen Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften gleich zweimal die Gelackmeierten. Einmal, weil sie die Löhne (bzw. die Lohnstückkosten, also die Löhne im Verhältnis zur nationalen Produktivität) nicht genau so stark erhöht haben wie ihre Nachbarn, obwohl es – nach Schulten – keinerlei Hinderungsgrund gab, das zu tun. Zum zweiten, weil sie jetzt Arbeitsplätze verlieren, wenn der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in ein Defizit umgekehrt werden muss, weil die Handelspartner ihre Schulden zurückzahlen wollen. Hätten die Gewerkschaften wenigstens seit Beginn der Währungsunion mit aller Macht für eine normale Erhöhung der Löhne gekämpft und die wenigstens annähernd durchgesetzt, dann würde der nunmehr unumgängliche Verlust der Arbeitsplätze im Exportsektor wenigstens weniger schmerzen. Nach Thorsten Schulten aber haben die Arbeitnehmer ohne jeden Grund Lohnzurückhaltung geübt, den Binnenmarkt damit abgewürgt und drohen jetzt trotzdem all die Arbeitsplätze zu verlieren, die sie im Export gewonnen haben. Wie viele Gewerkschaftsberater sind eigentlich schon wegen offensichtlicher Fehleinschätzungen entlassen worden?

Ich habe bei meiner Mai-Veranstaltung in Wissen gesehen, dass sich auch viele Gewerkschafter nicht im Klaren darüber sind, dass die deutschen Exportüberschüsse – unabhängig von den Ursachen – für andere Länder ein unerträgliches Problem sind. Und viele verstehen immer noch nicht, dass die Umkehrung der Verhältnisse, also Leistungsbilanzüberschüsse in den Ländern mit bisherigen Leistungsbilanzdefiziten, zwingend bedeutet, dass Deutschland Leistungsbilanzdefizite machen muss.

Es ist aber eine ganz einfache Kette von Argumenten, die zu diesem Schluss führt: Weil Deutschland ausweislich seiner Leistungsbilanzüberschüsse unter seinen Verhältnissen lebt, müssen die anderen über ihren Verhältnissen leben. Soll sich das ändern, sollen die anderen ihre Schulden zurückzahlen, müssen sie unter ihren Verhältnissen leben, also Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen. Da Europa gegenüber dem Rest der Welt ein Über-die-Verhältnisse-Leben nicht erzwingen kann (die haben nämlich Währungen, deren Kurs gegenüber dem Euro abgewertet werden kann), bedeutet das, dass Deutschland Leistungsbilanzdefizite aufweisen muss. Das aber impliziert, dass Deutschland viel mehr importieren muss oder viel weniger exportieren. Um mehr zu importieren, müssen die Einkommen (sprich: die Löhne) sehr viel stärker steigen. Um weniger zu exportieren, müssen ebenfalls die Löhne in Deutschland sehr viel stärker steigen, damit die deutschen Exportgüter teurer werden. Wären die deutschen Produkte so preisunelastisch, wie viele glauben (würde die abgesetzte Menge also nur wenig auf die Lohn- und Preiserhöhungen reagieren), müssten die Löhne und Preise umso mehr steigen, nämlich so lange, bis die Reaktion der Güterströme groß genug ist, um das Defizitproblem der anderen Länder zu lösen.

Sagt man so etwas in Deutschland, sieht man in entsetzte Gesichter: Deutschland soll über seinen Verhältnissen leben? Das ist doch undenkbar! Nein, man mag es sich in Deutschland nicht vorstellen wollen, aber früher oder später werden Verhältnisse eintreten, die Deutschland dazu zwingen werden, genau das zu tun. Wer frühzeitig über Lösungen nachdenkt, die auch für Deutschland sinnvoll sind, hat eine Chance zu verhindern, dass das eine wirtschaftliche (und politische) Katastrophe mit sich bringt. Wer heute – ob von links oder von rechts – nur abwiegelt, ist mitverantwortlich für die Folgen der über Kurz oder Lang erzwungenen Anpassung.

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