Archiv flassbeck-economics | 07.05.2015 (editiert am 25.05.2016)

Haben niedrige Zinsen die Südeuropäer zum Über-die-Verhältnisse-Leben verleitet?

Wie konnte es sein, dass in den südeuropäischen Ländern jahrelang über die Verhältnisse gelebt wurde? Immerhin ist diese Frage bei der Suche nach den Ursachen der Eurokrise inzwischen zentral geworden. Das ist ein Fortschritt gegenüber den Debatten, in denen die Staatsschulden an sich oder die Bankenaufsicht oder ein Bündel von Faktoren wie die Länge der durchschnittlichen Arbeitszeit, das Rentenalter oder die Existenz von Katasterämtern als Schlüssel zum Verständnis der Misere in der Europäischen Währungsunion (EWU) angesehen wurden. Doch die Antworten auf diese zentrale Frage, die nichts anderes als die Frage nach den Handelsungleichgewichten innerhalb der EWU ist, gehen weiterhin oft am Kern der Problematik vorbei.

Wie schon vor einigen Tagen angesprochen, lautet eine verbreitete These: Mit der Übergabe der Verantwortung für die Geldpolitik von den nationalen Notenbanken in die Hände der Europäischen Zentralbank (EZB) fand eine massive Senkung der langfristigen Zinsen in den heutigen Krisenländern statt. Manche sehen sie als eine Art unverdienten Bonus an, den Südeuropa den strikt stabilitätsorientierten Ländern Nordeuropas zu verdanken hatte. Das niedrige Zinsniveau, so der weitere Gang der Erklärung, animierte sowohl Konsumenten als auch Produzenten in Südeuropa, mit Hilfe billiger Kredite mehr auszugeben, als sie erwirtschafteten. In der Euphorie über das auf diesem Wege erzeugte Wachstum (mancherorts nicht zuletzt im Immobilienbereich) wurden gemessen an der Produktivität recht hohe Lohnabschlüsse getätigt, [...]

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