Archiv flassbeck-economics | 06.05.2015 (editiert am 25.05.2016)

Höhere Lohnabschlüsse trotz Arbeitslosigkeit? Neue Einsichten bei der herrschenden Lehre?

Als sich im Juli des vergangenen Jahres zunächst der Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank, Jens Ulbrich, und anschließend auch sein EZB-Kollege, Peter Praet, für höhere Löhne in Deutschland aussprachen, war die Verwunderung groß, gilt doch insbesondere die Bundesbank seit Jahrzehnten als strikte Befürworterin von Lohnzurückhaltung. Wie der britische „Guardian“ kürzlich berichtete, kommen nun ähnliche Forderungen nach höheren Lohnabschlüssen aus Japan und dem Vereinigten Königreich. So hätten in diesem Jahr sowohl der japanische Premierminister Shinzo Abe gegenüber der japanischen Wirtschaftelite als auch etwa einen Monat später sein britischer Amtskollege David Cameron gegenüber den Handelskammern für Lohnsteigerungen in ihren Ländern plädiert, wobei dies insbesondere im Fall David Camerons, eines wirtschaftspolitisch strikt konservativen Politikers, überrascht. Ebenso erstaunlich erscheint, dass das führende Wirtschaftsmagazin des Marktliberalismus, nämlich der britische „Economist“, mit Blick auf die US-amerikanische Wirtschaft am 11. April dieses Jahres titelte: „Vorsicht jetzt – Wenn die Löhne nicht steigen, könnte Amerikas ökonomische Delle zum Trend werden“ (Careful now – Unless wages grow, America’s economic blip could become a trend“).

Was ist geschehen? Nach der vorherrschenden neoklassischen Arbeitsmarkttheorie kommt es nur bei einem Reallohnsatz, der über dem Gleichgewichtsreallohnsatz liegt, zu einem Überangebot am Arbeitsmarkt; daher ist der Reallohnsatz zu hoch, solange noch (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit vorliegt. Nun lässt sich aber schwerlich behaupten, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland (saisonbereinigte Arbeitslosenquote im März 2015: 4,7 Prozent), den USA (5,5 Prozent im März 2015), dem Vereinigten Königreich (5,5 Prozent im Januar 2015) oder Japan (3,6 Prozent im Januar 2015) verschwunden oder auf ein unabdingbares Minimum gesunken ist.[1] Wäre also aus neoklassischer Sicht nicht eher eine weitere Lohnzurückhaltung geboten, um den Abbau der Arbeitslosigkeit voranzutreiben?

Im folgenden Beitrag sollen in Abschnitt 1 zunächst einige Informationen zur längerfristigen Entwicklung der Reallöhne, der Arbeitsproduktivität und der Einkommensverteilung in den Industrieländern gegeben werden. Obgleich es – wie gezeigt wird – in den letzten Jahrzehnten bereits zu einer massiven Veränderung der Einkommensverteilung zulasten der Arbeitnehmer gekommen ist, wären nach der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie weitere Reallohnsenkungen zur Beseitigung der weiterhin bestehenden Arbeitslosigkeit notwendig. Die neoklassischen lohnpolitischen Empfehlungen sind allerdings theoretisch nicht haltbar, wie in Abschnitt 2 argumentiert wird. Deshalb ist aus Gründen, die in Abschnitt 3 genannt werden, eine Rückkehr zu einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik dringend geboten. Die jetzt geforderten höheren Lohnabschlüsse stellen hier einen Schritt in die richtige Richtung dar, auch wenn es sich offenbar um „Ad-hoc-Empfehlungen“ handelt, die nicht theoretisch begründet werden (Abschnitt 4).

1. Einige empirische Daten zur Reallohn- und Produktivitätsentwicklung

Bevor wir uns der Frage zuwenden, warum von unerwarteter Seite plötzlich Lohnerhöhungen befürwortet werden, ist es sinnvoll zu klären, vor welchem empirischen Hintergrund diese scheinbare Kehrtwende stattfindet. Die folgende Abbildung zeigt dazu das Wachstum der Arbeitsproduktivität und das damit verbundene Wachstum der durchschnittlichen Reallöhne (beides in Prozent) für verschiedene Länder und Zeiträume. Die blauen geraden Linien sind die 45-Grad-Linien, auf denen Arbeitsproduktivitäts- und Reallohnzuwächse gleich sind (die Winkel weichen in der Darstellung in den Diagrammen von 45 Grad ab, da unterschiedliche Maßstäbe auf den Koordinatenachsen verwendet werden). Steigen reale Entlohnung und Arbeitsproduktivität in gleichem Maße, bleiben die realen (gesamtwirtschaftlichen) Lohnstückkosten und damit auch die Einkommensverteilung, d.h. der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Lohnquote, unverändert.[2]

Alle Beobachtungen unterhalb der 45-Grad-Linie zeigen folglich eine sinkende Lohnquote bzw. sinkende reale Lohnstückkosten an und alle Beobachtungen oberhalb der 45-Grad-Linie eine steigende Lohnquote resp. steigende reale Lohnstückkosten.

Abbildung: Wachstum der durchschnittlichen Reallöhne und der Arbeitsproduktivität in 19 Industrieländern (verschiedene Zeiträume)

Grafik

Quelle: Mitchell 2015

Wenngleich die Abbildung natürlich keine detaillierte Analyse erlaubt, zeigen sich doch einige bemerkenswerte Tendenzen: So folgten in den betrachteten 19 Industrieländern in den 1960er Jahren die Reallöhne weitgehend der Produktivität (von wenigen Ausnahmen abgesehen) und die Lohnquoten waren relativ stabil. Dies war zugleich eine Zeit, die sich durch hohe Wachstumsraten und eine nur geringe Arbeitslosigkeit in den westlichen Industrieländern auszeichnete (im Jahresdurchschnitt lag die Wachstumsrate des realen BIP im Durchschnitt der OECD-Länder bei 5,2 Prozent, die Arbeitslosenquote bei 2,2 Prozent; vgl. Dullien et al. 2009, S. 24f).

In den 1970er Jahren stiegen in den meisten Ländern die Lohnquoten an, wenngleich insgesamt nicht dramatisch. Etwa Mitte der 1980er Jahre setzte dann die neoliberale Wende mit einer Einschränkung von Arbeitnehmerrechten sowie einer forcierten Deregulierung und Privatisierung ein, die bei dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit dazu führte, dass die Reallöhne stagnierten oder nur noch relativ geringfügig stiegen, so dass ihr Wachstum unter dem der Arbeitsproduktivität blieb. Folglich fiel in den meisten angeführten Ländern in den 1980er Jahren die Lohnquote und es begann eine Einkommensumverteilung zugunsten der Gewinne. In den 1990er Jahren verfestigte sich dieser Trend und im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre bis zum Beginn der globalen Finanzkrise nahm der Abwärtsdruck auf das Reallohnwachstum in vielen Ländern (insbesondere in Spanien, Deutschland, Japan, Portugal, Australien und Österreich) nochmals zu, während sich der Produktivitätszuwachs allgemein verlangsamte. In der Zeit seit der großen Rezession sind die Lohnquoten in den meisten Ländern zwar wieder etwas angestiegen, was aber primär darauf zurückzuführen ist, dass in einer tiefen Wirtschaftskrise typischerweise das Wachstum der Arbeitsproduktivität stärker zurückgeht als das der Reallöhne (Mitchell 2015). Auffallend an dem Zeitraum 2007-2014 ist der deutliche Rückgang der Reallöhne im Vereinigten Königreich, Luxemburg und vor allem Griechenland.

Insgesamt lässt sich also feststellen, dass mit Beginn der neoliberalen Phase in den meisten Ländern das Reallohnwachstum klar hinter dem Produktivitätswachstum zurückgeblieben und damit die Lohnquote gesunken ist. Im Ergebnis kam es zu einer starken Umverteilung bei dem erreichten Volkseinkommen zugunsten der Gewinne, aber dieses Volkseinkommen war niedriger, als es ohne den Umverteilungsversuch gewesen wäre. Hier bedarf es dringend einer Korrektur.

Insofern sind die oben erwähnten Forderungen nach höheren Lohnabschlüssen uneingeschränkt zu begrüßen, aus welchen Motiven sie auch immer erhoben worden sind. Diese Forderungen stehen allerdings im klaren Widerspruch zum weiterhin dominierenden neoklassischen Paradigma. Ihm zufolge funktioniert der Arbeitsmarkt genau wie der Markt für ein einzelnes Gut (z.B. der Kartoffelmarkt), d.h. Angebot und Nachfrage treffen aufeinander und führen zu einem gleichgewichtigen Reallohnsatz (als Preis auf dem Markt), zu dem alle Arbeitnehmer Arbeit finden. Nur wenn der Reallohnsatz über seinem Gleichgewicht liegt, ergibt sich (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit.

Eine Lohnregel, nach der die Reallöhne wie die Produktivität steigen sollten, lehnt die Neoklassik kategorisch ab. Allenfalls bei Vollbeschäftigung – so wird gelegentlich in einer etwas „weicheren“ Variante argumentiert, die eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität in Rechnung stellt – dürften die Reallöhne im Ausmaß des Produktivitätsfortschritts steigen; bei Arbeitslosigkeit dagegen müssten die Zuwächse der Reallöhne immer so lange und so stark hinter der Produktivitätszunahme zurückbleiben, bis wieder Vollbeschäftigung hergestellt sei.

Regelmäßigen Lesern von flassbeck-economics dürfte bekannt sein, dass wir von der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie wenig halten. Da sie aber weiterhin die wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbücher beherrscht, erscheint es sinnvoll, diese Theorie noch einmal einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Dies soll im folgenden Abschnitt geschehen.

2. Die neoklassische Position: Lohnsenkungen bei Arbeitslosigkeit

Solange noch unfreiwillige Arbeitslosigkeit vorherrscht, ist es im Rahmen der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie abwegig, eine Erhöhung des allgemeinen Lohnniveaus zu fordern. Ganz im Gegenteil wäre ein sinkender Reallohnsatz erforderlich, um die unfreiwillige Arbeitslosigkeit zu beseitigen, da Reallohnsenkungen in dieser Sicht gleichzeitig zu einem sinkenden Angebot an Arbeitsstunden von Seiten der Arbeitskräfte und zu einer steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften bzw. Arbeitsstunden von Seiten der Unternehmen führen. Nach der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie entscheidet der relative Preis von Arbeit zu Kapital bei gegebener Produktion über das Einsatzverhältnis der Produktionsfaktoren. Veränderungen in der Faktorpreisrelation führen zu einem Mehreinsatz des relativ billiger gewordenen Faktors in der Produktion. Steigt der relative Preis von Arbeit, also das Verhältnis des Preises von Arbeit zu Kapital, wählen die Unternehmen eine kapitalintensivere Technik (die zu teure Arbeit wird durch relativ billigeres Kapital substituiert) und die Beschäftigung sinkt. Sinkt dagegen der relative Preis von Arbeit, kommt es als Folge zur Wahl einer arbeitsintensiveren Technik, d.h. zu einer Substitution von Kapital zugunsten von Arbeit, und damit zu einer steigenden Beschäftigung.

Gegen diese neoklassische Arbeitsmarkttheorie lassen sich zahlreiche Einwände formulieren, von denen hier nur die wichtigsten kurz angesprochen werden sollen. Zunächst einmal ist die Vorstellung einer perfekten Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital, nach der sich alle Produkte mit einer beliebigen Variation der Einsatzmengen der beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit – jeweils entsprechend dem gerade vorherrschenden Verhältnis der Faktorpreise – herstellen ließen, abwegig. Wo sollte das breite Spektrum an Alternativtechniken zur Produktion der jeweiligen Güter herkommen? Welche Unternehmen sollten beispielsweise in einem Land, in dem bislang der Preis von Kapital niedrig relativ zu dem von Arbeit war, Ressourcen in die Entwicklung arbeitsintensiver Produktionstechniken gelenkt haben, in der vagen Vermutung, dass dies vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft für die Produktionsaktivitäten von Nutzen sein könnte? Selbst wenn man einräumt, dass in einigen Fällen arbeitsintensivere Produktionsverfahren aus anderen (vielleicht technologisch weniger entwickelten) Ländern oder auch aus der eigenen jüngeren Technikgeschichte erhältlich sind, darf doch bezweifelt werden, ob mit der veralteten Technik von gestern noch sehr viele Produkte von heute – man denke vor allem an solche mit hohem technologischen Gehalt wie etwa moderne Elektronikartikel – herstellbar sind.

Wesentlich plausibler als die Substitutionsthese erscheint die Annahme, dass die Unternehmen ihre produktiven Inputs in einem festen Verhältnis kombinieren, das durch die angewandte Technologie bestimmt wird. Das heißt, sie verwenden Maschinen und Ausrüstungen, die komplementär einen mehr oder weniger fixen Einsatz von Arbeit erfordern und die – sobald sie erst einmal installiert sind – wenig Substitutionsmöglichkeiten bieten. Auch wenn also z.B. der relative Preis von Arbeit sinkt, ist es zumeist einem Unternehmen rein technisch bedingt kaum möglich, entsprechend arbeitsintensiver (die gleiche Gütermenge wie zuvor) zu produzieren. Will ein Unternehmen seinen Output steigern, um eine wachsende Marktnachfrage zu bedienen, muss es seine Nachfrage nach Arbeit und Kapital erhöhen, und zwar in den Proportionen, die durch die eingesetzte Technologie festgelegt sind (Mitchell 2012).

Interessanterweise ist aber die neoklassische Substitutionshypothese noch nicht einmal dann aufrechtzuerhalten, wenn man von der (unrealistischen) Annahme ausgeht, dass den Unternehmen tatsächlich eine große Zahl an technischen Alternativen mit unterschiedlichen Faktorintensitäten für die Produktion ihrer jeweiligen Güter zur Verfügung steht. Selbst wenn es stimmte, dass die Unternehmen dann Kapital durch Arbeit substituierten, wenn sinkende Reallöhne den Einsatz des Faktors Arbeit im Vergleich zum Faktor Kapital verbilligten, stellt sich zunächst die Frage nach der Größenordnung des durch eine Veränderung des Faktoreinsatzverhältnisses ausgelösten gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungseffektes: Denn die allgemeine Umstellung auf eine arbeitsintensivere Technik impliziert eine deutliche Verringerung der Investitionen resp. eine abnehmende Nachfrage nach Investitionsgütern, so dass die Produktion und Beschäftigung in der Kapitalgüterindustrie sinkt. Der über die Substitution laufende Gesamteffekt auf die Beschäftigung wäre damit merklich schwächer, als von der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie unterstellt wird.

Wichtiger ist aber ein anderer Punkt: Wie Kritiker der neoklassischen Makroökonomie in der sog. Cambridge (Engl.)-Cambridge (Mass.)-Kontroverse in den 1960er Jahren logisch unstrittig zeigen konnten, lässt sich der unterstellte eindeutige Zusammenhang zwischen Reallohnhöhe, Wahl der Technik und Beschäftigungsniveau allein unter der – widersinnigen – Annahme der Existenz nur eines Kapitalgutes in der Volkswirtschaft (resp. einer gleichen Kapitalintensität in allen Branchen) aufrechterhalten, selbst wenn man alle anderen (zweifelhaften) Modellannahmen der neoklassischen Makroökonomie ohne Wenn und Aber akzeptiert. Die Unterstellung nur eines Kapitalgutes bzw. gleicher Kapitalintensitäten in allen Branchen kann aber nicht als legitime Abstraktion gerechtfertigt werden, denn die Aufhebung einer solchen Abstraktion darf nicht zum Zusammenbruch des theoretischen Modells führen. Genau dies aber geschieht hier: Es reicht bereits, statt nur eines Kapitalgutes zwei Kapitalgüter und folglich differierende Kapitalintensitäten zwischen zwei Branchen anzunehmen, und schon lässt sich theoretisch kein eindeutiger Zusammenhang mehr zwischen Reallohn- und Beschäftigungshöhe herleiten. Damit ist auch die Behauptung, sinkende Reallöhne führten zwangsläufig zu einer Substitution von Kapital durch Arbeit und damit zu mehr Beschäftigung, hinfällig (vgl. dazu ausführlicher Harcourt 1972; Heine/Herr 2013, S. 234-267; Grunert 2003).[3]

Was geschieht tatsächlich bei einer Senkung des allgemeinen Lohnniveaus, die von neoklassischen Ökonomen bei bestehender unfreiwilliger Arbeitslosigkeit gefordert wird? Nominallohnsenkungen führen bei gewissen Preisrigiditäten, d.h. (zunächst) nicht sinkenden Preisen, zu fallenden Realeinkommen und damit – bei unveränderter Sparquote – zu einer abnehmenden realen Konsumnachfrage der betroffenen Arbeitnehmerhaushalte. Ein Rückgang der realen Nachfrage des privaten Sektors tritt unter diesen Umständen nur dann nicht ein, wenn unmittelbar nach der Lohnkürzung entweder die Unternehmen mehr Arbeitskräfte einstellen und dadurch den Einkommensrückgang pro beschäftigtem Arbeitnehmer durch mehr Beschäftigte genau ausgleichen oder die Unternehmen in Höhe der ausgefallenen Konsumnachfrage zusätzlich investieren oder die Unternehmerhaushalte in entsprechender Größenordnung zusätzlich konsumieren.[4]

Nichts davon ist zu erwarten: Die Unternehmen werden bei fallender Nachfrage der Arbeitnehmerhaushalte, daraus resultierender sinkender Auslastung der Kapazitäten und ohne jedes positive Absatzsignal weder sofort neue Mitarbeiter einstellen noch ihre Investitionen erhöhen, wenn doch der vorhandene Kapitalstock vollkommen ausreicht, die aktuelle (abnehmende) Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zu befriedigen. Ebenso wenig ist mit einem Konsumrausch der Unternehmerhaushalte allein aufgrund der verbesserten Kostensituation der Unternehmen zu rechnen. Denn eine verbesserte Kostensituation führt erst dann zu verbesserten Gewinnerwartungen, wenn sich der Absatz zumindest nicht negativ entwickelt. Folglich bleibt es bei der sinkenden Gesamtnachfrage, die nicht nur keinen positiven Beschäftigungseffekt, sondern vermutlich sogar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge hat.

Diese Überlegungen zeigen auch, dass die populäre Vorstellung, Nominallohnsenkungen hätten quasi „automatisch“ eine Umverteilung der Einkommen zugunsten steigender Unternehmensgewinne (und damit höhere Investitionen und mehr Beschäftigung) zur Folge, nicht korrekt ist. Diese These setzt nämlich zwingend voraus, dass der Absatz nicht in gleichem Ausmaß zurückgeht wie die Kosten resp. kein Ausfall bei der Gesamtnachfrage eintritt. Eine derartige Voraussetzung ist aber in der Realität einer Marktwirtschaft nicht gegeben: Denn die Unternehmen bzw. Gewinneinkommensbezieher werden – wie erwähnt – niemals sofort mit Neueinstellungen, zusätzlichen Investitionen oder zusätzlichem Konsum auf eine Nominallohnsenkung reagieren, weil es durch die Lohnkürzung nicht zu einer unmittelbaren Verbesserung der Gewinnsituation insgesamt kommt. Damit aber ist ein Nachfrageausfall bereits unvermeidlich: Die Senkung der Tariflöhne führt bei unveränderten Absatzpreisen dazu, dass die gesamte Lohnsumme und mit ihr der private Verbrauch sinken. Somit steigt zwar der Gewinn pro Stück, aber die Absatzmenge geht zurück, so dass sich die Gewinnsumme, also Stückgewinn mal Absatzmenge, nicht notwendigerweise erhöht. Ein positiver Gesamteffekt für die Gewinne lässt sich also nicht herleiten, vielmehr ist dieser Gesamteffekt offen (vgl. dazu ausführlicher Flassbeck/Spiecker 2007, S. 77-84; Kalecki 1971, S. 26-34).

Existieren kaum Preisrigiditäten und fallen deshalb die Güterpreise – in Reaktion auf den lohnbedingten Nachfrageausfall – sehr rasch mehr oder weniger proportional zur Nominallohnsenkung oder nehmen anfänglich vorhandene Preisrigiditäten wegen der sich verschlechternden Absatzsituation ab, so wird als einziger (wesentlicher) Effekt die Gefahr einer deflationären Entwicklung heraufbeschworen. Die Senkung des Reallohnsatzes bleibt aus und mithin könnte es selbst dann nicht zu einer Erhöhung der Beschäftigung kommen, wenn es tatsächlich (wie von der Neoklassik angenommen) einen inversen Zusammenhang zwischen Reallohnsatz und Beschäftigung gäbe. Das neoklassische Modell hat in diesem Fall also bereits ausgedient, bevor es überhaupt seine (angebliche) Wirkung entfalten konnte.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass auch die lohnpolitische Forderung, die Reallöhne dürften allenfalls bei Vollbeschäftigung im Gleichschritt mit der Produktivitätszunahme steigen, müssten aber bei Arbeitslosigkeit hinter dem Produktivitätsfortschritt zurückbleiben, wenig plausibel ist. Sie bedeutet nämlich im Ergebnis, dass der Anteil der Löhne am BIP sinkt, solange Arbeitslosigkeit vorliegt, und, sollte die jemals abgebaut sein, dieser Anteil nie wieder auf sein altes Niveau steigt, d.h. dass sich die Verteilungssituation permanent zuungunsten der Arbeitnehmer verändert. Wenn die Lohnquote nämlich bei Arbeitslosigkeit sinkt und bei Vollbeschäftigung konstant bleibt, weist sie insgesamt einen abwärtsgerichteten Trend auf. Das ist jedoch abwegig, weil die Lohnquote dann langfristig gegen Null geht. Denkt man das zu Ende, landet man bei dem absurden Punkt, an dem produziert würde, es aber kaum noch zahlungsfähige Konsumenten gäbe.

3. Warum eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik erforderlich ist

Wie schon häufig ausgeführt, ist die von flassbeck-economics vertretene Position die der sog. „produktivitätsorientierten Lohnpolitik“: Da die Produktivitätsentwicklung pro Arbeitsstunde das Tempo des überhaupt möglichen realen Einkommenswachstums pro Arbeitsstunde in einer Volkswirtschaft bestimmt, sollten die Reallöhne im Durchschnitt der Volkswirtschaft und auf lange Sicht der Zuwachsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktivität folgen.

Wie erreicht man eine solche Lohnentwicklung, wenn doch Lohnverhandlungen stets über Nominallöhne und nicht über Reallöhne geführt werden? Die Antwort lautet, dass die Nominallöhne im Ausmaß des trendmäßig zu erwartenden (gesamtwirtschaftlichen) Produktivitätsfortschritts zuzüglich der Zielinflationsrate der Zentralbank steigen sollten. In diesem Fall wachsen die nominalen Lohnstückkosten wie die Zielinflationsrate und die Reallöhne erhöhen sich im gleichen Tempo wie der Produktivitätszuwachs.

Für eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik sprechen keineswegs allein „Gerechtigkeitsüberlegungen“, sondern „handfeste“ ökonomische Gründe: Nur wenn die Reallöhne immer im gleichen Tempo wie die Produktivität steigen, ist nämlich sichergestellt, dass die produzierten Konsumgüter auch verkauft werden können. Wachsen die Reallöhne systematisch langsamer, können die Produktionskapazitäten nicht so ausgelastet werden, wie es eine auf Dauer positive Wirtschaftsentwicklung erfordert. Zwar gibt es Möglichkeiten, den Zuwachs der Reallöhne eine Weile unterhalb des Produktivitätszuwachses zu halten, aber diese Strategien können nicht nachhaltig sein, wie das US-amerikanische[5] und das deutsche „Modell“ offenbaren: In den USA hinkt die Entwicklung der Reallöhne bereits seit Jahrzehnten dem Produktivitätswachstum hinterher (Bibow 2014) und dennoch konnte die US-Wirtschaft in dieser Zeit wachsen. Dies war besonders erstaunlich in den Jahren 1998 bis 2001, in denen die USA zusätzlich staatliche Haushaltsüberschüsse verzeichneten, die einen negativen Effekt auf die Gesamtnachfrage und das Wirtschaftswachstum ausübten. Dennoch war das BIP-Wachstum in den USA selbst in diesem Zeitraum beachtlich (mit Ausnahme des Jahres 2001).

Wie war das möglich? Die „Lösung“ wurde in der Entwicklung und Verbreitung neuer Finanzierungstechniken („financial engineering“) im Zuge der Deregulierung des Finanzsystems gefunden, mit deren Hilfe die privaten Haushalte und Firmen eine immer weiter wachsende Kreditlast anhäuften. Niedrige Zinssätze und die aggressiven Marketing-Strategien der Finanzingenieure animierten vor allem die privaten Haushalte zu Käufen auf Kredit. Bei den Haushalten stieg das Verhältnis der Schulden zum Einkommen (debt-to-income ratio) von etwa 60 Prozent Mitte der 1980er Jahre auf 100 Prozent im Jahr 2000 und auf 140 Prozent gegen Ende des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend (Tymoigne/Wray 2014, S. 81). Die Kreditausweitung und ein vermindertes Sparen[6] hielten die Kaufkraft der Arbeitnehmer aufrecht, obwohl das Reallohnwachstum äußerst schwach verlief. Zwar ermöglichte diese Strategie für einige Zeit ein fortgesetztes Konsumwachstum, aber sie war auf Dauer nicht tragfähig, da sie auf einer zunehmenden Verschuldung des Privatsektors und immer risikoreicheren Krediten basierte. Die massive Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten der Gewinne verschaffte den Banken und Hedgefonds die Mittel, um die Expansion des globalen Finanzkasinos rasch voranzutreiben. Schließlich mündete die Entwicklung in die Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2007 ihren Anfang nahm (Mitchell 2013).

Auch in Deutschland blieb die Entwicklung der Reallöhne seit Beginn der 1990er Jahre deutlich hinter dem Wachstum der Arbeitsproduktivität zurück (mehr noch als in vielen anderen Industrieländern) und auch hier bestand die „Lösung“ in einer wachsenden Verschuldung – allerdings nicht des heimischen Privatsektors, sondern des Auslands. Das heißt, der Nachfrageausgleich zum deutschen Lohndumping wurde durch eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeit und die daraus resultierenden hohen Leistungsbilanzüberschüsse geschaffen[7], zunächst vor allem gegenüber den Währungspartnerländern. Wie die aus den außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten (anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands, spiegelbildlich dazu Defizite der südlichen Euroländer incl. Frankreichs) entstandene Eurokrise zeigt, ist auch die deutsche Methode der Abkoppelung des Reallohnwachstums vom Produktivitätsfortschritt hochgradig destruktiv.

Deshalb ist die Durchsetzung von Nominallohnerhöhungen in Höhe der Summe aus erwarteter durchschnittlicher Produktivitätssteigerung und Zielinflationsrate der Zentralbank das Optimale, was die Lohnpolitik für die Beschäftigung tun kann. Natürlich gewährleistet eine in diesem Sinne erfolgreiche Politik noch keine dauerhafte Vollbeschäftigung. Sie sorgt aber dafür, dass eine Umsetzung der Produktivitätszuwächse in Realeinkommen und Nachfrage mit einem Minimum an Friktionen vonstattengehen kann. Sollen in Situationen der Unterbeschäftigung zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, reicht dies freilich nicht aus, hier sind dann die übrigen Politikbereiche, insbesondere die Fiskalpolitik, gefordert.

4. Fazit

Kehren wir abschließend noch einmal zu unserer Ausgangsfrage zurück: Wenn aus Sicht der Neoklassik das Vorliegen von Arbeitslosigkeit anzeigt, dass der Reallohnsatz zu hoch ist, warum fordern dann Vertreter dieser Theorierichtung plötzlich höhere Lohnabschlüsse, die das Beschäftigungsproblem doch verschärfen müssten? Deutet sich hier eine Abkehr vom neoklassischen Paradigma an?

Es wäre erfreulich, wenn dem so wäre, aber es ist große Skepsis angebracht. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass es in letzter Zeit innerhalb der Neoklassik zu einer intensiven Diskussion über eine erforderliche Neuausrichtung ihrer Arbeitsmarkttheorie gekommen ist. Vermutlich handelt es sich deshalb eher um Ad-hoc-Forderungen ohne theoretische Fundierung, die vor allem aus der Sorge über die ausgeprägten deflationären Tendenzen speziell in Europa und (wieder) in Japan entstanden sind. Offenbar hofft man, dieses – kaum noch zu leugnende – Problem mit Lohnerhöhungen entschärfen zu können.

Welche Gründe auch immer für die Forderungen nach Lohnsteigerungen in Ländern wie Deutschland, Japan, dem Vereinigten Königreich oder den USA ausschlaggebend gewesen sein mögen, es handelt sich zumindest insofern um einen kleinen Fortschritt, als nicht dogmatisch und ohne Rücksicht auf die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung an überkommenen Positionen festgehalten wird. Es bleibt zu hoffen, dass diese Äußerungen vor allem bei den deutschen Gewerkschaften auf fruchtbaren Boden fallen. Doch wie der gestrige Beitrag von Heiner Flassbeck zeigt, ist das leider eher unwahrscheinlich.

 

Fußnoten

[1] Dieses Minimum, also die verbleibende Arbeitslosigkeit, ist primär friktioneller Natur (die Beschäftigten wechseln von einer Arbeitsstelle zu einer anderen und finden dabei nicht immer einen zeitlich lückenlosen Übergang) und dürfte etwa bei einer offiziellen Arbeitslosenquote zwischen zwei und drei Prozent liegen.

Neoklassische Ökonomen vermeiden den Begriff „Vollbeschäftigung“ und reden stattdessen von einem Beschäftigungsstand, der sich aufgrund der „natürlichen Arbeitslosigkeit“ ergibt. Wie jedoch Heine/Herr (2013, S. 293) zeigen, handelt es sich bei der „natürlichen Arbeitslosenquote“ um ein sowohl theoretisch als auch empirisch höchst zweifelhaftes Konstrukt. Das gilt noch mehr für das Konzept der sog. NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment), bei der eine Arbeitslosenquote errechnet wird, die zu keiner Veränderung der Inflationsrate führt. Vgl. zur Kritik Heine/Herr 2013, S. 474-481; Mitchell/Muysken 2008, S. 83-119.

[2] Letzteres lässt sich sehr einfach zeigen: Die realen Lohnstückkosten sind definiert als (wn /P) / (Yr/E), mit wn = Nominallohnsatz pro Stunde, P = Preisniveau, Yr = reales Bruttoinlandsprodukt und E = Erwerbstätige (Einsatz in Std.). Dies lässt sich auch schreiben als (wn x E) / (Yr x P), also als Quotient aus nominaler Lohnsumme (wn x E) und nominalem Bruttoinlandsprodukt (Yr x P), was der Lohnquote entspricht.

[3] Die Probleme der neoklassischen Kapitaltheorie resultieren daraus, dass Verteilungsänderungen mit Veränderungen der relativen Preise verbunden sind. Die Folgen sind eine Neubewertung des Kapitalstocks und Technikwechsel, die das Modell der neoklassischen realen Makroökonomie zu Fall bringen. So ist es beispielsweise möglich, dass zwar mit einem steigenden Reallohnsatz zunächst von einer Technik mit einem höheren zu einer Technik mit einem geringeren Arbeitsinput umgestiegen, bei einem weiter steigenden Reallohnsatz dann aber wieder auf die Technik, die mit einem höheren Arbeitseinsatz verbunden ist, übergegangen wird, was nicht mit den Aussagen der neoklassischen realen Makroökonomie vereinbar ist. Vgl. Heine/Herr 2013, S. 259-263 sowie Pasinetti 1977, insbesondere S. 169-173.

[4] Rein theoretisch wäre es natürlich auch möglich, dass der Staat in die Lücke springt und seine Ausgaben entsprechend steigert. Ein solches sofortiges Handeln des Staates ist aber aus zwei Gründen sehr unwahrscheinlich: Zum einen kommt es zu einer Zeitverzögerung, bis eine Regierung einen bedeutsamen Rückgang der privaten Nachfrage erkannt, eine adäquate Reaktion darauf ausgearbeitet und beschlossen sowie schließlich die Intervention durchgeführt hat. Zum anderen erfordert eine solche Antwort des Staates in der Regel höhere Budgetdefizite. Hier jedoch sind dem Staat enge politische Grenzen gesetzt, seit mit der neoliberalen Wende die staatliche Haushaltskonsolidierung (unsinnigerweise) zu einem zentralen wirtschaftspolitischen Ziel erhoben wurde.

[5] Die USA sind hier nur exemplarisch gewählt. Für viele andere Industrienationen gilt ein ähnliches „Modell“.

[6] Die Sparquote der privaten Haushalte war in den USA bereits zu Beginn der 1980er Jahre deutlich gesunken und fiel weiter bis zum Beginn der Finanzkrise 2007. Schon Anfang der 1990er Jahre hatte die Abhängigkeit der Konsumausgaben von den Lohneinkommen der Haushalte deutlich abgenommen, auch durch die starke Zunahme der Kreditkarten und die damit verbundene größere Verfügbarkeit von Krediten. Vgl. Minsky 1992, S. 5f.

[7] Zu beachten ist, dass für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit eines Landes – hier Deutschlands – die Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten (d.h. die Relation von Nominallohn- und Produktivitätsentwicklung) entscheidend ist. Die realen Lohnstückkosten sind demgegenüber ein Verteilungsmaß.

 

Literatur

Bibow, J. (2014): Preisniveaustabilität in Amerika: Totenstille an der Lohnfront (Teil 2), 12. Mai 2014; letzter Zugriff: 25.04.2015

Dullien, S./Herr, H./Kellermann, C. (2009): Der gute Kapitalismus … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, Bielefeld

Flassbeck, H./Spiecker, F. (2007): Das Ende der Massenarbeitslosigkeit – Mit richtiger Wirtschaftspolitik die Zukunft gewinnen, Frankfurt/Main

Grunert, G. (2003): Lohnniveau und Beschäftigung, in: WSI-Mitteilungen 6, S. 353-359

Harcourt, G. C. (1972): Some Cambridge Controversies in the Theory of Capital, Cambridge

Heine, M./Herr, H. (2013): Volkswirtschaftslehre – Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, München

Kalecki, M. (1971): Selected Essays on the Dynamics of the Capitalist Economy, Cambridge

Minsky, H. P. (1992): Prices in a Capital Using Capitalist Economy II, Hyman P. Minsky Archive, Paper 36; letzter Zugriff: 25.04.2015

Mitchell, B. (2012): Productivity and the response of firms to the business cycle; letzter Zugriff: 25.04.2015

Mitchell, W. (2013): Full employment abandoned: the triumph of ideology over evidence, CofFEE Working Paper No. 02-13, April 2013; letzter Zugriff: 25.04.2015

Mitchell, B. (2015): Wage rises are required – real wages must grow in line with productivity; letzter Zugriff: 25.04.2015

Mitchell, W./Muysken, J. (2008): Full Employment Abandoned – Shifting Sands and Policy Failures, Cheltenham

Pasinetti, L. L. (1977): Lectures on the Theory of Production, London

Tymoigne, E./Wray, L. R. (2014): The Rise and Fall of Money Manager Capitalism – Minsky’s half century from World War Two to the Great Recession, London/New York

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