Archiv flassbeck-economics | 01.05.2015 (editiert am 25.05.2016)

Irrlichternde Nordlichter – Schweden, Dänemark und Finnland finden keinen Weg aus der Rezession (Teil 2)

Im ersten Teil haben wir die interne Situation der drei nordischen Länder beleuchtet. Im zweiten Teil wollen wir uns der Frage widmen, in welcher Weise die interne Schwäche mit der außenwirtschaftlichen Situation zusammenhängt und welche wirtschaftspolitischen Optionen es für die Regierungen gibt.

Auch Schweden wertete nach seiner großen Währungskrise von 1992 stark ab und begann seine Exportüberschussstrategie. Die Leistungsbilanz aktivierte sich in beiden Ländern sehr schnell sehr stark, was den größten Teil ihres so oft beschworenen Erfolges ausgemacht haben dürfte. Jedenfalls kann man deren wirtschaftliche Erholung ohne die Abwertung überhaupt nicht verstehen.

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Es ist wahrscheinlich keine große Übertreibung zu sagen, dass Nokia in Finnland nicht möglich gewesen wäre ohne diesen enormen Wettbewerbsvorsprung. In Dänemark gab es keine vergleichbare Abwertung, aber auch hier stiegen die Lohnstückkosten in den neunziger Jahren in Euro gerechnet sehr verhalten.

Die Verhältnisse haben sich aber besonders für Finnland in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert. Der Leistungsbilanzüberschuss ist verschwunden und das Land verzeichnet als einziges der nordischen Länder (seit 2011) ein Defizit. Das hat sicher damit zu tun, dass sich die Lohnentwicklung nach den 90er Jahren doch normalisiert hat. Betrachtet man die Lohnstückkosten in nationaler Währung auf der Basis des Jahres 1999 sieht man den Aufholprozess sehr deutlich. Auch in Finnland steigen jetzt die Lohnstückkosten weit stärker als in Deutschland.

Abbildung 7

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Schaltet man auf der Basis 1999 wiederum auf die Berechnung in Euro um (Abbildung 7), wird deutlich, dass Schweden über eine Abwertung seiner Währung doch bis 2009 seine Wettbewerbsposition gegenüber Deutschland halten bzw. eine zu starke Verschlechterung verhindern konnte, während Finnland schon 2008 stark nach oben zieht und damit an Wettbewerbsfähigkeit verliert.

Abbildung 8

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Schweden hat zuletzt aber durch eine Aufwertung der Krone in Sachen Wettbewerbsfähigkeit doch erheblich an Boden verloren und wird in den nächsten Jahren nur unter großen Schwierigkeiten seinen Leistungsbilanzüberschuss verteidigen können. Das gilt auch für Dänemark, das sich genau aus dem Grunde in den vergangenen Jahren gegen eine Aufwertung der Krone gestemmt hat. Dänemark kann seinen Überschuss aber offensichtlich nur dadurch verteidigen, dass es eine extrem schwache binnenwirtschaftliche Entwicklung und damit schwache Importe hinnimmt.

Bei schlechteren Wettbewerbsverhältnissen wird in den nordischen Ländern versucht, über eine „moderate“ Lohnentwicklung die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. In Finnland sind nach Schätzungen der EU-Kommission 2013 die nominalen Einkommen der Beschäftigten (pro Kopf) nur noch um 2,0 Prozent gestiegen, in Dänemark um 1,3 und in Schweden um 1,6 Prozent. 2014 werden nach dieser Schätzung die Einkommen in Finnland noch weniger und in den beiden anderen Ländern etwas stärker gestiegen sein.

Dieser Druck auf Löhne und Einkommen schlägt sich zum einen in der schwachen binnenwirtschaftlichen Nachfrage, zum anderen aber in den Verbraucherpreisen nieder (Abbildung 8). Alle drei Länder sind inzwischen wie Deutschland weit unter die EZB Ziellinie abgetaucht, an die sich Länder mit einem im Prinzip festen Wechselkurs wie Dänemark auch halten müssen. Aber auch Schweden, dessen Währung nicht offiziell fixiert ist, gerät mehr und mehr in eine deflationäre Situation (die wir vor einiger Zeit hier schon einmal angesprochen haben).

Abbildung 9

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Auch die Zentralbanken außerhalb des Euroraumes versuchen, dem durch Zinssenkung entgegenzuwirken (wir haben das für Schweden hier schon einmal angesprochen). Wie Abbildung 9 zeigt, hat das zur Folge gehabt, dass in den drei Ländern genau wie in Deutschland auch die langfristigen Zinsen sehr stark zurückgegangen sind.

Abbildung 10

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Doch auch hier reicht das nicht aus, eine Konjunktur zu beleben, die gleichzeitig von privater wie von staatlicher Seite gebremst wird. Neben der schwachen privaten Nachfrage, die sich aus dem Druck auf die Löhne und Einkommen der Masse der Bevölkerung ergibt, versuchen die Staaten in all diesen Ländern, die von Brüssel verordneten Regeln für die Defizite der öffentlichen Haushalte einzuhalten, auch wenn sie, wie Schweden und Dänemark, nicht Teil der Eurozone sind.

Auch hier zeigt sich, was wir schon für einige mittel- und osteuropäische Länder festgestellt haben, dass nämlich der Druck, der vor allem von Deutschland in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ausgeht, fatale Folgen in vielen Ländern hat. Weil die Länder den weiteren Verlust von Wettbewerbsfähigkeit fürchten, lassen sie auf die eine oder andere Weise keine vernünftigen Lohnsteigerungen mehr zu und sind gleichzeitig bemüht, die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. Das schwächt die gesamte Binnennachfrage so stark, dass selbst extrem niedrige Zinsen nicht ausreichen, der Wirtschaft Impulse zu geben. Im der Folge warten alle Länder darauf, dass ein Exportwunder geschieht, aber das kann ja nicht geschehen, wenn alle nur warten. Auch hier gilt: Nur Deutschland könnte Europa retten, wenn es begreifen würde, welch ungeheuren Schaden es mit seinem Merkantilismus anrichtet.

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