Kavala und die Verantwortung der Ökonomen

Heute will ich eine kleine Geschichte erzählen, die sich vergangene Woche in Griechenland zugetragen hat. Ich war in Kavala, im Norden Griechenlands, um bei einer Konferenz von Ökonomen aus ost- und mitteleuropäischen Ländern die Eröffnungsrede zu halten (hier ein link zu der Konferenz). Am Abend vor dem Vortrag wanderte ich durch die Stadt Kavala (70 000 Einwohner und sehr schön am Mittelmeer gelegen) auf der Suche nach einem netten Restaurant. Das fand sich schnell und am Ende des Essens fragte mich der Kellner (in sehr gutem Englisch), woher ich komme. Ich sagte wahrheitsgemäß: Von der Grenze Frankreichs mit der Schweiz.

Daraufhin fragte er mich sehr ernsthaft, wie es denn dort wäre. Gibt es dort auch Krise wie bei uns oder ist dort noch alles normal wie vor ein paar Jahren? Er schaute sich um und in der Tat war das sehr große, direkt am Hafen gelegene Restaurant fast leer. Es gab mehr Personal als Gäste. Ich hatte allen Bediensteten dort gleich zu Anfang angesehen, wie deprimiert sie waren, und er bestätigte, dass sie von dem, was sie im Restaurant verdienen, praktisch nicht mehr leben könnten, wie das vor ein paar Jahren noch selbstverständlich war. Ich gab mich vorsichtig und antwortete, die Krise sei in der Tat da, wo ich wohne, weniger zu spüren als hier.

Da sagte der junge Mann, die normalen Leute in Kavala hätten einfach kein Geld mehr, um so oft essen zu gehen wie früher. Wenn die Löhne so stark sinken, müsse man sich eben einschränken und anderes sei wichtiger als ein Restaurantbesuch. So einfach ist das und so richtig. Der Kellner hat verstanden, wie eine Lohnsenkung auf die Volkswirtschaft wirkt. Wenn man, wie die Troika das für Griechenland verlangt und durchgesetzt hat, die Löhne in der Gesamtwirtschaft drastisch absenkt, bekommt man, was in dem Restaurant in Kavala klar zu sehen war: eine drastische Reduktion der Nachfrage und die schlägt sich vor allem in den Bereichen nieder, die entbehrlich sind, also im weitesten Sinne bei den Ausgaben, die nicht dem täglichen Bedarf dienen. Die Mieten und die Versicherungsbeiträge und die Preise vieler anderer Dienstleistungen, auf die man nicht verzichten kann, sinken ja nicht im gleichen Tempo wie die ausbezahlten Löhne. Folglich sinken die Reallöhne und im gleichen Tempo die Nachfrage nach allen nicht unbedingt lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen.

Wenn man diese einfachen Zusammenhänge dann, wie ich es am Freitag getan habe, auf einem Kongress von Ökonomen darlegt, sind die meisten immer noch vollkommen perplex. Ach, am Arbeitsmarkt darf man keine Angebots- und Nachfragekurven malen wie an allen anderen Märkten, weil Angebot und Nachfrage nicht unabhängig voneinander sind? Was, bei Lohnsenkungen muss man unterscheiden zwischen den Wirkungen über die Exportschiene und den oben beschriebenen binnenwirtschaftlichen Effekten? Wie, man muss beachten, dass nicht alle Länder über die Exportschiene erfolgreich sein können? Oha, muss man zur Kenntnis nehmen, dass in einer Währungsunion nicht ein Land, ein großes zumal, einfach seine Löhne senken kann, ohne großen Schaden anzurichten? Unfassbar, der Monetarismus, die Lehre von Angebot und Nachfrage nach Geld und dem daraus marktmäßig sich ergebenden Zins, könnte auch nicht ganz richtig sein.

Die entscheidende Rolle, die einer normalen Einkommensentwicklung der Masse der Haushalte auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung zukommt, gibt es in der herrschenden Ökonomik einfach nicht. Das Dogma des auch diesen Bereich perfekt regelnden Marktes ist für den normalen Volkswirt einfach unüberwindbar. Er darf es auch bei offensichtlichen Paradoxien (wie in Griechenland, wo die fallenden Löhne mit steigender Arbeitslosigkeit einhergingen) nicht in Frage stellen, weil das die Grundlage aller seiner „wissenschaftlichen“ Arbeiten zerstören würde. Denn er kann als Volkswirt unmöglich Karriere machen, wenn er nicht in der Lage ist, mit dem – in den sogenannten Wirtschaftswissenschaften – anerkannten Standardmodell zu arbeiten. Das Standardmodell unterstellt aber selbstverständlich, dass der Arbeitsmarkt genauso funktioniert wie ein Kartoffelmarkt.

Der normale Ökonom, etwa konfrontiert mit Problemen einer europäischen Währungsunion, geht folglich immer entlang der Annahmen des Standardmodells vor (genau so habe ich es auf der Tagung erlebt). Er fragt sich, welche in der akademischen Literatur anerkannten Theorien über Währungsunionen es gibt und wie man die empirisch testen kann. Er stößt unmittelbar auf die Theorie der optimalen Währungsräume, liest die Literatur dazu von Anfang der sechziger Jahre bis heute und findet heraus, dass es vier oder fünf unterschiedliche Ansätze dazu gibt, die beschreiben, wie ein optimaler Währungsraum unter bestimmten theoretischen Bedingungen aussehen könnte. Weil er niemanden diskriminieren will, nimmt er einfach alle die Kriterien, die in der Literatur für das Vorliegen eines solchen optimalen Raumes entwickelt wurden, und liest nach, wie die bisher in der Literatur empirisch erfasst worden sind. Das ergibt eine erhebliche Menge von Kennzahlen für viele Länder der Welt. Man muss dann nur noch die europäische Währungsunion gemäß all diesen Kennzahlen testen, dann kann man sagen, ob sie ein optimaler Währungsraum ist oder nicht und ob sie vielleicht noch etwas besser würde, wenn man Griechenland oder andere Randländer einmal herauslässt.

Genau da ist die Analyse des Standardökonomen am Ende. Das genau ist nämlich die einzige Art von Analyse, die eine Chance hätte, in einem der „anerkannten“ Journals abgedruckt zu werden. Und weil das so ist, versuchen die jungen Ökonomen auf der ganzen Welt erst gar nicht, selbst nachzudenken oder etwas ganz anderes zu machen, weil es ja vertane Zeit ist, wenn ich selbst nachdenke, aber hinterher nicht abgedruckt werde. Und vertane Zeit kann man sich wirklich nicht leisten in den fünf Jahren oder so, die man hat, um eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen.

Die Volkswirtschaftslehre ist auf diese Weise zu einem sinnentleerten Fach geworden. Wenn man heute die große Mehrheit aller Standard-Fakultäten auf der ganzen Welt schließen würde, gäbe es weder morgen noch in zehn oder zwanzig Jahren irgendeine negative Auswirkung zu messen außer der, dass einige Volkswirte langzeitarbeitslos sind. Wenn in einem Fach einfaches, aber grundlegendes Nachdenken über akut aufgetretene Probleme nicht mehr angesagt ist und bestimmte gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge aus ideologischen Gründen von vornherein ausgeblendet werden, hat es die Berechtigung verloren, sich Wissenschaft zu nennen. Jede öffentliche Förderung gehört dann auf den Prüfstand, weil ja nicht nur dadurch Schaden angerichtet wird, dass es keine angemessene wirtschaftspolitische Beratung gibt, sondern auch dadurch, dass die stattfindende Beratung die Probleme potenziert. Obendrein werden viele intelligente junge Leute in eine Sackgasse gelenkt, aus der es nach ein paar Jahren keinen Ausweg mehr gibt.

 

 

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