Archiv flassbeck-economics | 11.05.2015 (editiert am 25.05.2016)

US-Wirtschaft legt satte Vollbremsung hin

Ende April hat das Bureau of Economic Analysis, eine Abteilung des US-Wirtschaftsministeriums, die erste Schätzung für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal 2015 vorgelegt: Die amerikanische Wirtschaft ist laut dieser Vorabschätzung im Winter gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt mit einer Jahresrate von nur 0,2 Prozent gewachsen. Nach 2,2 Prozent im vierten, 5 Prozent im dritten sowie 4,6 Prozent im zweiten Quartal des letzten Jahres war das also eine Art Vollbremsung. Es stellt sich die brennende Frage, ob es sich nur um einen vorübergehenden Einbruch handelt oder ob sich hier eine Durststrecke ankündigt. Wird sich die Erfahrung aus dem letzten Jahr, als die US-Wirtschaft im Winterquartal sogar deutlich schrumpfte, in diesem Jahr wiederholen? Ist Amerika also gerade in den Startlöchern, bereit zum nächsten Wachstumsspurt?

Seit Anfang des Jahres verdunktelte sich die Grundtendenz der amerikanischen Konjunkturmeldungen zunehmend. Es war für das erste Quartal zuletzt nicht mehr viel erwartet worden. Herausgekommen ist dann noch deutlich weniger. Gewachsen sind im ersten Quartal im Grunde allein die privaten Konsumausgaben, und zwar mit einer Jahresrate von mageren 1,9 Prozent (nach 4,4 Prozent im Vorquartal). Maßgeblich dafür waren allein die Dienstleistungen, während Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter, die zuvor mehrere Quartale sehr stark gewachsen waren, kaum zulegten. Bei den privaten Investitionsausgaben nahmen nur noch der Wohnungsbau leicht und Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte mit gesunder, aber ebenfalls abgeschwächter Rate zu, während der Wirtschaftsbau stark einbrach und die Ausrüstungsinvestitionen stagnierten. Die Staatsausgaben der Bundesregierung legten minimal zu. Die unteren Staatsebenen dagegen reduzierten ihre Ausgaben etwas. Einen kräftigen Einbruch erfuhren die amerikanischen Exporte, die um 7 Prozent schrumpften. Die Importe sind dagegen weiter gewachsen, wenngleich laut Vorabschätzung nur um 2 Prozent.

Letztere Statistik zum Außenhandel ist allerdings schon nicht mehr aktuell. Für den Monat März wurde mittlerweile eine Wachstumsrate der Importe gegenüber Februar von fast 8 Prozent gemeldet. Exporte dagegen wuchsen kaum. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der US-Außenhandel in den letzten Monaten durch Streiks in den Häfen an der US-Westküste betroffen war. Die jüngsten Statistiken ergeben nun den Befund, dass sich nach Beendigung der Streiks anscheinend allein auf der Importseite ein Nachholbedarf angestaut hatte; die Importe stiegen rasant, die Exporte dagegen legten im März kaum zu. Für die Handelsbilanz kam es so im Ergebnis zum höchsten Defizit seit 1996. Exporte erhöhen, Importe dagegen reduzieren das BIP. Dieser Faktor für sich allein genommen wird die geschätzte BIP-Wachstumsrate von 0,2 Prozent also weiter reduzieren, wohl unter null.

Abbildung 1

Bild1

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des US-BIP seit 1992 einschließlich des ersten Quartals 2015 ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen. Sie zeigt also an, welche Nachfragekomponenten das Wachstum angetrieben oder gebremst haben und in welchem Maße. Wachstumsmotor im ersten Quartal war der private Konsum. Gebremst haben der Staat, das Ausland und die privaten Unternehmensinvestitionen. Noch stärker als im Vorquartal schlugen die Nettoexporte im Winter mit satten minus 1,25 Prozentpunkten zu Buche. Und dieser negative Wachstumsbetrag ist, wie gesagt, laut den jüngsten Meldungen wohl noch massiver ausgefallen. Die US-Wirtschaft hatte doch die starke Dollaraufwertung locker wegstecken sollen, hieß es lange. Hoppla. Bei ohnehin lahmender Weltwirtschaft hat sich das bereits als naives Wunschdenken entpuppt.

Man bemerke hier aber auch und besonders den hohen positiven Wachstumsbeitrag der Lagerinvestitionen von dreiviertel Prozentpunkten. Da es zuvor zu keinem nennenswerten Lagerabbau gekommen war, ist davon auszugehen, dass der Lageraufbau im Winterquartal überwiegend ungeplant war, d.h. die Absatzerwartungen der Unternehmen enttäuscht wurden. Klammert man die Lagerinvestitionen aus, bedeutet dies, dass die Nachfrage (letzte Verwendung) also eigentlich sogar gesunken ist. War der Lageraufbau wirklich ungeplant, so ist es sehr wahrscheinlich, dass Lagerinvestitionen im laufenden Quartal als Wachstumsbremse wirken; die Unternehmen werden ihre überschüssigen Lagerbestände absetzen wollen und ihre laufende Produktion entsprechend drosseln. Somit ist auch die Weiterentwicklung der US-Konjunktur vom Nachfrageeinbruch im Winterquartal belastet.

Wird es sich in diesem Jahr wieder als eine nur kurzfristige Unterbrechung des Aufschwungs erweisen wie schon im letzten Jahr, als die Wirtschaft im ersten Quartal sogar deutlich geschrumpft war, danach aber im Verlauf des Jahres kräftig aufholte? Die meisten Beobachter gehen weiterhin hiervon aus. Wieder soll der kalte Winter ein Faktor gewesen sein. Hinzu kam noch die Dollaraufwertung. Jetzt ist der Winter aber vorbei. Und der negative Einfluss der Dollaraufwertung sollte bald ausklingen. Noch dazu hat der Dollar ja inzwischen wieder etwas abgewertet. Und überhaupt war da ja noch der versprochene Wachstumsanschub durch den gesunkenen Ölpreis, der ja vielleicht nur mit etwas Verspätung Wirkung zeigt. Die Wirtschaft sollte mit dem Frühling also wieder erwachen und zu neuer Stärke finden. So jedenfalls die Hoffnung vieler.

Eine weitere Möglichkeit ist allerdings, dass die Wachstumsbeschleunigung im Frühjahr und Sommer letzten Jahres der eigentliche Ausreißer war, die Wirtschaft seither aber wieder in ihre alte Lethargie zurückgefallen ist, welche die allgemeine Entwicklung seit 2010 gekennzeichnet hat. In den letzten Jahren war es insbesondere die restriktive Fiskalpolitik gewesen, die das Wachstum bremste. Die Fiskalpolitik ist heute zwar eher neutral, aber stattdessen bläst für Amerika heftiger Gegenwind aus der Weltwirtschaft. Die private Nachfrage, sowohl Konsum als auch Investitionen, sind einfach nicht stark genug, um das auszugleichen und die US-Wirtschaft trotzdem voran zu bringen. Die Unternehmen schwimmen im Geld, geben es aber nicht für Investitionen sondern nur für Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen aus. Unter den privaten Haushalten schwimmen weiterhin nur einige wenige fröhlich im seicht-gemütlichem Champagner-Hochwasser, während für die große Masse Ebbe zum Dauerzustand geworden ist.

Auch die jüngsten Konjunkturmeldungen für den Monat April und Anfang Mai waren überwiegend enttäuschend. Das Konsumentenvertrauen ist gesunken. Die Industrieproduktion verharrt auf dem niedrigsten Niveau seit zwei Jahren. Die Immobilienpreise in den großen Städten steigen zwar im Durchschnitt mit einer Jahresrate von fünf Prozent und die schwebenden Hausverkäufe sind auf dem höchsten Niveau seit zwei Jahren. Dagegen sind die Baugenehmigungen sowie Anträge auf Hypothekenkredite gesunken.

Kürzlich kam allerdings auch die Meldung, dass die Arbeitskosten, also Löhne und Zusatzleistungen, in der privaten Wirtschaft im März mit einer Jahresrate von 2,8 Prozent gestiegen sind, was einer leichten Beschleunigung auf den höchsten Stand seit vielen Jahren entspricht. Als weiterer wichtiger Lichtblick wurde zuletzt auch ein kräftiger Rückgang der Anträge auf Arbeitslosengeld, sowohl Erst- als auch Folgeanträge, gemeldet. Was diese scheinbar freundliche Entwicklung erklärt, ist allerdings noch schleierhaft. Denn der zuvor starke Beschäftigungsaufbau war ja im März deutlich eingebrochen. Letzte Woche meldete dann zunächst das private ADP-Forschungsinstitut auch für den Monat April einen wiederum schwachen Jobzuwachs in der privaten Wirtschaft. Die ADP-Statistik gilt als eine Art Vorbote für die am letzten Freitag fällige offizielle Statistik zum Beschäftigungswachstum des Bundesarbeitsministeriums. Dieser Erwartungsdämpfer wurde dann auch tatsächlich bestätigt: laut Bundesarbeitsministerium hat die US Wirtschaft im April 223 Tausend Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft geschaffen, was die Erwartungen enttäuschte. Diese Zahl ist zwar nicht wirklich schlecht, aber schon deutlich schlechter als die Entwicklung an die man sich bis Februar gewöhnt hatte. Noch dazu wurden die Zahlen für die beiden Vormonate um rund 40 Tausend nach unten revidiert. Im April gab es also eine Erholung zum satten Einbruch im Vormonat, aber Euphorie bricht bei dieser Zahl allein auf dem Aktienmarkt aus, der weiterhin auf schlechte Wirtschaftsdaten mit Kurssprüngen reagiert. Dahinter stecken Erwartungen über die Geldpolitik der Federal Reserve.

Unter dem Strich bleibt also eine Menge Nebel zur amerikanischen Konjunkturlage. Und genau das kann man auch in der Pressemeldung zur Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed) in der letzten Woche herauslesen. Man ist irritiert – aber noch nicht entmutigt. Wieder wurde alles durcheinander gebracht. Gerade als die Fed Mut fasste, das Ende der sechsjährigen Nullzinspolitik einzuläuten, schwächelt die Wirtschaft erneut.

Zumindest die Inflation scheint sich auf niedrigem Niveau stabilisiert zu haben, Deflationsängste sind zurückgegangen und Inflationserwartungen wieder gestiegen. In diesem Zusammenhang haben zuletzt auch die längerfristigen Zinsen geradezu rasant zugelegt, nachdem sie seit Januar, auch dank der EZB, im Sinkflug gewesen waren. Auch hier stellt sich heute die Frage, ob es sich nur um eine kurzfristige Korrektur oder um mehr handelt. Steigende Zinsen passen nicht zum jüngsten Konjunkturbild. Und so wird wohl auch der erste Zinsschritt der Fed zunächst einmal auf den Herbst vertagt – der Grund für den Kurssprung der Aktienmärkte.

Der amerikanische Kongress hat sich dagegen gerade unter republikanischer Mehrheit auf seinen ersten Haushaltsbeschluss geeinigt. Starke Ausgabenkürzungen sind darin vorgesehen, um den Bundeshaushalt in den nächsten Jahren und auf lange Sicht auszugleichen. Das soll vermutlich Vertrauen schaffen und so auf wundersame Weise Wachstum erzeugen. Weil die Bürger und Investoren ja bekanntlich Vertrauen schöpfen, wenn der Staat bei den Zukunftsinvestitionen spart und Behörden wie die Finanzaufsicht in ihrer Funktionalität eingeschränkt werden. Vielleicht handelt es sich zunächst nur um parteipolitisches Taktieren, um ideologisch ein Zeichen der wirtschaftspolitischen Vernunft und Verantwortung zu setzten. Das letzte Wort ist sicher noch nicht gesprochen. Die „Falken“ wollen das Militärbudget erhöhen. Präsident Obama hat angekündigt, das zu verweigern, sollten gleichzeitig nicht auch die Nichtmilitärausgaben entsprechend erhöht werden.

Sollte Amerika die Hirngespinste des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble am Ende wirklich importieren und umsetzen wollen, wäre jede Unterhaltung über Konjunktur und Wachstum jedenfalls hinfällig. Das relevante Thema wäre dann die neue Krise. Eine Vollbremsung hat man ja schon mal hingelegt.

 

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