Zur Phoenix-Runde: „Die Grausamkeit empört, aber die Dummheit entmutigt.“

Dieses Zitat aus Albert Camus‘ Stück „Der Belagerungszustand“ schickte uns ein Leser in Reaktion auf die Phoenix-Runde „Die Uhr tickt“ letzte Woche zu (vielen Dank an dieser Stelle dafür!). Neben vielem Kopfschütteln über die fachliche Niveaulosigkeit der Diskussion wurde in den Rückmeldungen unserer Leser bzw. von Zuschauern der Sendung vor allem Klärungsbedarf geäußert, wie das Argument einzuschätzen sei, Griechenland konkurriere dank vollkommen anderer Produktpalette auf den internationalen Märkten gar nicht mit Deutschland und daher helfe ein Vergleich der deutschen mit der griechischen Wettbewerbsfähigkeit bei der Ursachensuche und erst recht bei der Lösung der Eurokrise nicht weiter. Griechenland habe in seinen Produktbereichen wettbewerbsfähig zu sein und das hänge nun mal nicht mit Deutschland und deutschen Exporten zusammen.

Was ist dran an dieser Auffassung, die ja landauf landab von den verschiedensten Leuten vertreten wird – angefangen von deutscher Unternehmerseite über die meisten Politiker und Ökonomen bis hin zu führenden Gewerkschaftern aus dem Bereich der Exportwirtschaft? Ich will zur Klärung ein zugespitztes Beispiel wählen. Wenn ein Land A hauptsächlich Autos exportiert und ein Land B hauptsächlich pharmazeutische Produkte, dann, so die weit verbreitete Vorstellung, konkurrierten diese beiden Länder gar nicht miteinander, weil sie auf völlig unterschiedlichen Märkten auftreten. Und deshalb sei die Preisentwicklung der Produkte in dem einen Land für das andere Land bedeutungslos.

Würden die Autos, die Land A auf dem internationalen Markt anbietet, teurer, beträfe das die Wettbewerbsfähigkeit der pharmazeutischen Produkte des Landes B nicht. Daher sei es völlig falsch, sich von einer stärkeren Lohn- und damit Kosten- und Preisentwicklung in A Hilfe für die Exportmöglichkeiten von B zu versprechen. Und umgekehrt sei es auch falsch, von einer vergleichsweise schwachen Preissteigerung in A einen negativen Effekt auf die Exportchancen von B abzuleiten. Sei das Land B nicht wettbewerbsfähig, dann sei es eben im Vergleich zu den Ländern zu teuer, die ebenfalls pharmazeutische Produkte anbieten. Und daran sei nicht Land A Schuld, sondern B selbst (der Schuld-Begriff fiel ja in der Phoenix-Runde).

Diese Vorstellung ist grundlegend verkehrt. Sie geht (wie so oft bei Diskussionen um ganze Volkswirtschaften) von einer mikroökonomischen Gedankenwelt aus, die vor allem an zwei Fehlern krankt: erstens, dass Märkte weitgehend unverbunden nebeneinander stehen und unabhängig voneinander funktionieren, dass insbesondere Angebot und Nachfrage unabhängig voneinander sind. Und zweitens, dass eine Volkswirtschaft wie ein einzelnes Unternehmen zu betrachten ist (übrigens nie wie ein einzelner Haushalt, was auch verkehrt wäre; beides zusammen, Unternehmen und Haushalt, ergäbe immerhin ein etwas weniger schiefes Bild).

Zunächst einmal gilt: Wollen die Bürger eines Landes Güter aus anderen Ländern kaufen, können sie das auf Dauer nur tun, wenn sie selbst Güter herstellen, die im Ausland nachgefragt werden. Schaffen sie das nicht, weil sie keine wettbewerbsfähigen Produkte anzubieten haben, dann können sie ausländische Waren nur mit Krediten bezahlen, die – um wie viele Ecken von Banken und Zentralbanken herum auch immer – auf ausländische Währungen lauten. Diese Kredite werden sie nicht zurückzahlen können, solange sich ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verbessert. Denn Kreditrückzahlung bedeutet auf güterwirtschaftlicher Ebene Nettoexport von Gütern. Mangels Kreditwürdigkeit werden die Bürger eines solchen Landes auf Dauer daher nichts importieren können.

Die Unzulänglichkeit der oben geschilderten Argumentation zeigt sich am einfachsten an folgender Überlegung. Wenn sich die Preise des Exportgutes (Auto) im Land A unterdurchschnittlich entwickeln im Vergleich zu direkten Konkurrenzprodukten, dann hat das selbstverständlich Auswirkungen auf die Nachfrage nach diesem Exportgut: Sie steigt relativ zur Nachfrage nach den direkten Konkurrenzprodukten, also den Autos, die andere Länder produzieren. Auch für die Nachfrager aus dem Pharmaland B wird das Exportgut des Landes A attraktiver, ganz egal, wie konkurrenzfähig gegenüber Dritten das in ihrem Land hergestellte (Export-)Gut auf seinem internationalen Markt ist. Zudem – und das wird in der Regel vergessen – hat die genannte Preisentwicklung aber auch Auswirkung auf die Nachfrage nach anderen Gütern: Wenn nämlich ein Land C, das selbst Autos produziert, nun im Konkurrenzkampf mit Land A Nachfrage verliert, entsprechend weniger Einkommen erzielt und womöglich eine höhere Arbeitslosigkeit zu verzeichnen hat, dann sinkt tendenziell auch die Nachfrage aus Land C nach Produkten von B. Es existieren also indirekte Mechanismen, durch die das Land B sehr wohl von der Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit in Land A betroffen ist, auch wenn es kein unmittelbarer Konkurrent der Exporteure von A ist. Das sind die sogenannten Drittmarkteffekte.

Das heißt, die Anbieter eines Landes konkurrieren nicht nur mit den Anbietern aus anderen Ländern, die das gleiche Gut produzieren. Vielmehr konkurrieren alle diese Anbieter zusammen auch noch um die Nachfrage insgesamt. Welcher Teil der gesamten Nachfrage (aus dem In- und Ausland) auf den Markt für Autos und welcher auf den Markt für pharmazeutische Produkte entfällt, steht nämlich nicht fest, sondern kann sich jederzeit ändern. Und wie sich die Gesamtnachfrage selbst entwickelt, ist auch keineswegs vorgegeben und keineswegs unabhängig von der wirtschaftspolitischen Strategie, die einzelne, wirtschaftlich bedeutende Länder verfolgen. Die entscheidende Frage an dieser Stelle ist daher, ob der preisbedingten Verlagerung der Gesamtnachfrage Richtung A ein positiver Effekt auf die Gesamtnachfrage gegenübersteht, von dem die übrigen Länder profitieren können.

Bringt Land A die international unterdurchschnittliche Preisentwicklung seiner Autos dank überdurchschnittlicher Produktivitätssteigerungen zustande und kann es auf diese Weise seinen internationalen Marktanteil bei Autos steigern, dann wächst die Gesamtnachfrage des Landes A entsprechend mit, falls sich der Produktivitätsschub der Autoindustrie in Land A im Durchschnitt in den Reallöhnen des Landes A wiederfindet und sich das gesamtwirtschaftliche Preisniveau von A nicht ebenfalls international unterdurchschnittlich entwickelt. Dann nimmt nämlich auch die Importnachfrage des Landes A nach irgendwelchen anderen, darunter pharmazeutischen Produkten zu, so dass die Handelsbilanz des Landes A ausgeglichen bleibt oder sich ein bereits vorab vorhandener Handelsüberschuss zumindest nicht weiter ausdehnt. Unter der relativen Preissenkung beim Exportgut des Landes A leiden zwar wie gesagt die direkten Konkurrenten auf dem internationalen Automarkt, das wird aber ausgeglichen durch die zusätzliche Nachfrage aus Land A, von der die Anbieter anderer Güter profitieren. Obendrein besteht für die ausländische Autokonkurrenz die Chance, die Produktivitätsentwicklung in Land A nachzuahmen und entsprechend technologisch aufzuholen. Land C, das ebenfalls international versucht Autos zu verkaufen, hat in der Tat ein größeres Problem als Land B, doch es ist lösbar. Schafft C den technologischen Aufholprozess nicht, muss sich das Land auf andere Exportgüter verlegen (oder abwerten, wenn es denn eine eigene Währung hat).

Wenn aber Land A die unterdurchschnittliche Preisentwicklung durch Lohnzurückhaltung zustande bringt, also dadurch, dass die Löhne langsamer steigen, als es die goldene Lohnregel (Produktivitätszuwachs plus Zielinflationsrate) vorsieht, dann hält die Importnachfrage von Land A nicht mit der Exportnachfrage nach seinem Exportgut Schritt – es kommt zu Exportüberschüssen des Landes A (bzw. zu einer Steigerung eines bereits vorhandenen Handelsüberschusses). Dann verlagert sich die Gesamtnachfrage zugunsten des Landes A, ohne dass sie sich wie bei einer in den Löhnen weitergegebenen Produktivitätszunahme insgesamt ausdehnen kann und ohne dass die ausländische Konkurrenz irgendetwas technologisch kopieren könnte. Geschädigt sind dann nicht nur die Autoanbieter in Land C, sondern auch die Anbieter ganz anderer Güter aus anderen Ländern, etwa aus B.

Gewinnt ein Land durch Lohndumping an Wettbewerbsfähigkeit, unterhöhlt es die eigene Einkommensbasis und die seiner ausländischen Kunden. Die im Exportsektor kurz- bis mittelfristig hinzugewonnenen Arbeitsplätze können die Schwächung der Binnenwirtschaft in der Summe nicht ausgleichen (dazu gibt es einige wenige Gegenbeispiele, etwa Irland mit einer Exportquote von über 100%, aber das sind Sonderfälle) und stehen zudem auf tönernen Füßen: Sobald die Einkommenskraft der Währungspartnerländer mangels Wettbewerbsfähigkeit ausgesaugt ist und sich die Handelspartner, die eine eigenständige Währung besitzen, gegen den Merkantilismus des Lohndumpinglandes durch Abwertung wehren, stehen diese Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Es wäre interessant gewesen, über die Möglichkeiten zu diskutieren, wie in Deutschland ohne Verletzung der Tarifautonomie eine starke Lohnentwicklung in Gang gesetzt werden könnte; wie stark sie pro Jahr sein und für einen wie langen Zeitraum sie verfolgt werden müsste, um weder die deutsche Exportindustrie zu überfordern noch den Aufholprozess der Europartnerländer zu sehr in die Länge zu ziehen; wieviel die Fiskalpolitik der Überschussländer zur Stärkung der Binnennachfrage beitragen kann; warum Parallelwährungen nicht funktionieren; oder auch, wieviel Zeit bleibt, eine sinnvolle Strategie der europäischen Lohnkoordination zu verfolgen, bevor politische Extremisten in allen beteiligten Ländern eine friedliche Lösung der Eurokrise verhindern.

All das ist nicht angesprochen worden, weil man sich schon bei Fakten und Logik uneins ist: In der Eurozone gäbe es kein Deflationsproblem und kein gemeinsames Inflationsziel, Deutschland habe sich dank seiner Reformfähigkeit vom Wirtschaftseinbruch 2009 erholt (als ob es nicht massive keynesianische Nachfrageprogramme in Deutschland gegeben hätte, die man kurz darauf Griechenland verboten hat) usw.

Dass ideologische Positionen, die der Logik widersprechen, nur mit Lautstärke zu verteidigen sind, aber niemals einer sachlichen Analyse standhalten, ist keine neue Erkenntnis. Dass umgekehrt eine sachliche Analyse in einer Talkrunde kaum zu bewerkstelligen ist, ist ebenfalls nicht überraschend. Wie wenig sie auch im kleinen Kreis gefragt ist, konnte ich vor und nach der Sendung erleben. Erschreckend aber ist für mich, welche herablassende, um nicht zu sagen: arrogante Tonlage inzwischen in Deutschland öffentlich toleriert wird, wenn es um unsere europäischen Nachbarn geht. Eine menschengemachte Katastrophe kommt nicht schlagartig zustande, sie hat immer eine Vorgeschichte (worauf z.B. der Historiker Heinrich August Winkler in seiner Rede zum 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs vor dem Bundestag hingewiesen hat). Ihr gehen Jahre voraus, in denen in der breiten Bevölkerung das Feld für Vorurteile, Ressentiments und völlig falsche Einschätzungen der tatsächlichen Lage bestellt wird, und zwar von vielen einzelnen Leuten an mehr oder weniger wichtigen Multiplikatorstellen der Gesellschaft. Es gilt, anders als es das eingangs genannte Zitat nahelegt, dagegenzuhalten, auch wenn man von seinem Gegenüber nicht gehört, geschweige denn verstanden wird. Die Dummheit braucht ein Gegengewicht an Klugheit, und jeder Leser dieser Seite, der sich in die wichtigen Debatten um unsere politische und ökonomische Zukunft konstruktiv einbringt, ist ein Gewinn.

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