„Deutschland-Bashing ist unredlich“ – Da sträuben sich mir die Haare, lieber Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar, der unermüdliche Kämpfer für die Marktwirtschaft, hat sich – wie einige andere Schweizer – über ein Interview, das ich Finanz und Wirtschaft gegeben habe, offenbar geärgert. Er sagt in einem Artikel dort, ich betriebe „Deutschland-Bashing“ und das sei „unredlich“.

Sein Kritikpunkt ist, dass ich unterstelle, Länder als solche agierten wirtschaftlich anstatt die einzelnen Unternehmen eines Landes. Er sagt also, für die deutschen „Erfolge“ seien die deutschen Unternehmen verantwortlich, nicht aber in irgendeiner Weise das Land oder der Staat. Dieser Punkt ist schon erstaunlich in einer Welt, wo dauernd genau das getan wird, was ich getan habe, nämlich dass Deutschland als Land wie ein Akteur gesehen und vom ökonomischen Mainstream gefeiert wird. Heißt es nicht, die Rot-Grüne Regierung habe in den ersten Jahren des Jahrhunderts den Durchbruch für Deutschland auf die Schiene gebracht? Hat man gehört, dass Thomas Straubhaar Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder oder den heutigen Außenminister dafür kritisiert, dass sie sich den „deutschen Erfolg“ auf die eigene Fahne schreiben?

Selbstverständlich gibt es nicht einen Akteur namens Deutschland, sondern das, was in der Statistik unter „Deutschland“ zusammengefasst an wirtschaftlicher Aktivität auftaucht, besteht aus den wirtschaftlichen Aktivitäten vieler Millionen Menschen. Aber natürlich gibt es auch Gesetze und Vorschriften, die von deutschen Regierungen gemacht und verändert worden sind und die für alle diese einzelwirtschaftlichen Akteure in Deutschland die Rahmenbedingungen ihres ökonomischen Handelns darstellen. Diese Rahmenbedingungen unterscheiden sich von denen anderer Länder und sie müssen von „den“ Deutschen oder zumindest von den jeweiligen demokratisch gewählten Regierungen verantwortet werden. Insoweit lässt sich sehr wohl in einer gesamtwirtschaftlichen Terminologie von „Deutschland“ sprechen.

Hätte Thomas Straubhaar seinen Artikel nach dem Schreiben noch einmal kritisch gelesen, wäre ihm sicher aufgefallen, wie eklatant er sich selbst widerspricht. Im zweiten Drittel seines Artikels findet sich nämlich der folgende Satz: „Deshalb wird die in Deutschland lange Zeit geübte … Lohnzurückhaltung so gegeißelt …“ Hier schreibt er also selbst von einem gesamtwirtschaftlichen Faktum, das „in Deutschland“ stattgefunden hat. Und ein paar Sätze weiter: „Die zwischen Deutschland und etlichen anderen Mitgliedstaaten klaffende Lücke der Wettbewerbsfähigkeit … „. Erneut ordnet er einen wirtschaftlichen Begriff ganzen Ländern zu und nicht etwa einzelnen Unternehmen unabhängig von ihrem Standort. Auch sagt er, „Europäische Länder spielen nicht um die Europameisterschaft“. Wieso denn Länder, fragt sich Thomas Straubhaars Leser, es sollen doch nur die verschiedenen Unternehmen wesentlich sein, die gegeneinander antreten?

Man sieht, Thomas Straubhaar verheddert sich in seinen eigenen Argumenten und das ist kein Wunder, denn er macht einen wirklich schwerwiegenden Fehler: Er schreibt einen Artikel über Leistungsbilanzungleichgewichte zwischen Ländern in Europa und auch global, aber weder das Wort Währung noch das Wort Wechselkurs kommen darin vor. Was aber macht aus vielen einzelnen Unternehmen im globalen Zusammenhang eine Einheit, die man als Ökonom auch als Einheit ansprechen kann und muss? Die nationale Währung! Alle Unternehmen eines Landes haben im Durchschnitt einen Vorsprung gegenüber allen Unternehmen anderer Länder, wenn ihre Währung unterbewertet ist.

Man kann sich fragen, wie es zu einer Unter- oder umgekehrt einer Überbewertung einer Währung kommt, wie man die misst, warum sie beachtliche Zeiträume anhalten kann, statt dass sie durch Wechselkursveränderungen etwa auf „freien“ Devisenmärkten vermieden oder doch zeitnah korrigiert wird, und wie es um diese Zusammenhänge in einer Währungsunion steht, in der es ja keine einzelnen Währungen mehr gibt. Aber dieses zentrale Thema einfach ignorieren, wenn man sich zu Leistungsbilanzüberschüssen äußert, das kann man nicht. Denn das hieße, aus der „Erklärung“, derlei Überschüsse entstünden eben durch erfolgreiche einzelne Unternehmen und seien daher gerechtfertigt oder zumindest kritiklos hinzunehmen, achselzuckend ableitet, Wirtschaftspolitik habe hier nichts zu suchen geschweige denn zu korrigieren, weil gar nichts falsch laufe.

Bezeichnend ist ja, dass Thomas Straubhaar keinerlei Hinweis gibt, wie er sich die Lösung der Handelsungleichgewichte vorstellt. Entweder sieht er in ihnen kein Problem oder er weiß keinen Ausweg. Man stelle sich einmal vor, dieser Wirtschaftswissenschaftler stünde einem griechischen Wirtschaftsforschungsinstitut vor, das, jetzt in der Krise um Rat gefragt, lediglich bekannt gäbe, die griechischen Unternehmen müssten eben erfolgreicher werden, dann werde sich schon alles zum Guten wenden. Und dann selbstverständlich viele Maßnahmen aufzählte, was jedes Unternehmen tun könnte, um seinen Erfolg zu steigern – also einen Katalog an einzelwirtschaftlichen Kostensenkungsmaßnahmen vorlegte.

Jeder griechische Unternehmer würde doch sofort zwei Fragen stellen, nämlich erstens, ob seine Kostensenkungsmaßnahmen wie die aller seiner Unternehmerkollegen nicht zum weiteren Verfall der binnenwirtschaftlichen Nachfrage in Griechenland beitrügen, wie das in den letzten fünf Jahren der Fall gewesen sei, wo sich viele griechische Unternehmer genau so verhalten hätten. Da wäre es dann schwierig, erfolgreicher zu werden, weil man einfach nichts von dem verkauft bekäme, was man zunehmend preiswerter herstelle. Und zweitens würde ein griechischer Unternehmer fragen, ob der wirtschaftswissenschaftliche Berater nicht dafür sorgen könnte, dass alle anderen Unternehmen außerhalb Griechenlands, die im selben Währungsraum produzierten, mal eine Weile still halten könnten mit ihren Kostensenkungsmaßnahmen, damit die griechischen Maßnahmen wenigstens in Sachen Exporte bzw. Handelsdefizit sicher zum Erfolg führen könnten. Man läge ja schon weit zurück und könne nur aufholen, wenn die anderen nicht gleich schnell oder gar noch schneller ihre Kosten senkten, als es die griechischen Unternehmer versuchten.

Da würde ein Berater wie Thomas Staubhaar sofort abwinken und sagen, nein, andere könne und dürfe man am Erfolgreicherwerden nicht hindern. Und dann ginge er, gut bezahlt vom Staat, nach Hause, vorbei an der langen Schlange Arbeitsloser vor dem Arbeitsamt und der langen Schlange Hungriger vor der Suppenküche. Am nächsten Tag allerdings fände er seine Kündigung auf dem Schreibtisch vor, weil der Staat ihn nun doch nicht mehr bezahlen kann. In der Schlange vor dem Arbeitsamt träfe er einen der Unternehmer wieder, denen er zuvor seinen Rat erteilt hatte. Und der würde ihm dann vermutlich aufmunternd zunicken und erklären, der Berater müsse nur etwas erfolgreicher werden, dann werde er sein persönliches, einzelwirtschaftliches Problem schon lösen.

Nein, im Ernst: Es ist die Währung, über die man nicht hinweggehen kann, wenn man sich mit Handelsungleichgewichten zwischen Ländern beschäftigt. Wenn eine Währung unterbewertet ist, ist es angemessen, das Land als Einheit anzusprechen und sich nicht auf der einzelwirtschaftlichen Argumentationsebene davonzustehlen, weil ja nur auf der Ebene des Landes (bzw. der Länder) die Maßnahmen ergriffen werden können, die man braucht, um das Ungleichgewicht zu beseitigen.

Nun müssen wir nur noch wissen, was die nationale Währung in einer Währungsunion ersetzt, und schon ist der deutsche Fall gelöst. Wer als Ökonom einen sogenannten realen Wechselkurs berechnet, weiß das ganz genau. Reale Wechselkurse, die nichts anderes als die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften ausdrücken, werden ganz allgemein bestimmt, indem man zu den Differenzen der Inflationsraten (oder zu den Lohnstückkostendifferenzen) zwischen Ländern die jeweils in einer Periode sich ergebende Änderung der Währungsrelationen hinzuzählt. Wertet also eine Währung nominal auf, wie etwa gegenwärtig der Dollar gegenüber dem Euro, und sind die Inflationsraten in beiden Währungsräumen etwa gleich, gibt die nominale Aufwertung des Dollar gegenüber dem Euro den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der USA wider. Wäre hingegen im vergangenen Jahr die Inflationsrate in Europa wesentlich höher gewesen als in den USA, müsste man diese Differenz bei der Berechnung des realen Wechselkurses (der Wettbewerbsfähigkeit) berücksichtigen.

In einer Währungsunion kann man sich zur Berechnung der realen Wechselkurse zwischen den Mitgliedsländern den Schritt mit der nominalen Wechselkursveränderung schenken, weil alle Mitgliedsländer nominal die gleiche Währung haben. Nur die Unterschiede, die durch Inflationsdifferenzen zustande kommen, bleiben bestehen, so dass man innerhalb einer Währungsunion unterschiedliche reale Wechselkurse zwischen den Mitgliedsländern bekommt. Und die stellen ein Problem für den internationalen Handel dar, weil sie, solange die Währungsunion besteht, nicht durch nominale Wechselkursänderungen behoben werden können, aber bei Fortbestehen zu genau den Verschuldungsproblemen führen, an denen die Eurozone leidet.

Woher aber kommen die Differenzen zwischen den nationalen Inflationsraten in einer Währungsunion? Das weiß auch Thomas Straubhaar, denn er schreibt selbst, dass man durch eine Steigerung der deutschen Arbeitskosten eine Kostenannäherung in der Eurozone herbeiführen könnte. Klar, die Lohnstückkosten bestimmen die Inflationsraten. Woher kommen aber die Differenzen zugunsten der deutschen Lohnstückkosten? Waren das die deutschen Unternehmen, die so tüchtig sind, dass sie bei gegebenen Löhnen die Produktivität so stark erhöht haben, dass die Lohnstückkosten im Vergleich zu den anderen Ländern der Eurozone fielen? Herr Straubhaar gibt darauf selbst die Antwort, indem er, wie oben zitiert, von der deutschen Lohnzurückhaltung redet.

Es war also die in ganz Deutschland, was heißt, im Durchschnitt über alle Unternehmen geübte Lohnzurückhaltung, die den deutschen Erfolg begründet. Und diese Lohnzurückhaltung war auch nicht ein „Marktergebnis“ innerhalb der Tarifautonomie, sondern ein Ergebnis des politischen Drucks in Deutschland auf die Gewerkschaften. Aber selbst wenn es die Tarifautonomie gewesen wäre, bliebe es richtig, von einem länderbezogenen, einem nationalen Ereignis zu sprechen und nicht von einem Phänomen, das auf der Unternehmensebene stattfindet.

Man sieht, das nationale Element kommt in der globalen Wirtschaft über die nationale Währung und über die nationalen Lohnstückkostendifferenzen (Inflationsdifferenzen) zum Zuge, in einer Währungsunion nur über letztere. Weil es Währungsrelationen gibt, ist auch das letzte Argument von Thomas Straubhaar falsch, nämlich, dass europäische Länder auf der globalen Ebene spielen und deswegen der Weltmarkt der Maßstab sei. Auf dem Weltmarkt haben fast alle Länder eigene Währungen, die über Kurz oder Lang abgewertet werden, wenn ein Land droht, zurückzufallen und dauernd zu verlieren. Thomas Straubhaar glaubt, dass Länder „um den Weltpokal kämpfen, oder sie werden das Spiel gegen Teams ausserhalb Europas verlieren und den Markt verlassen müssen – nicht nur auswärts, sondern auch zu Hause.“ Länder können aber den Markt gar nicht verlassen (sie können allenfalls autark werden), jedenfalls in einer friedlichen Welt nicht, weil sie ihre Bürger nicht zum Auswandern oder Verhungern zwingen können. Die Bürger sind, anders als Unternehmen, immer da und müssen immer irgendwie überleben. Ein Land hat daher Mittel und Wege, um den Rückstand gegenüber einem anderen Land wieder ausgleichen zu können. Das wichtigste Mittel ist die Abwertung der eigenen Währung, die übrigens dafür sorgt, dass sich die Bürger Güter aus dem Ausland schlechter leisten können (also etwas autarker werden müssen).

Genau auf diesem Wege gibt es immer die „Kostenannäherung“ zwischen den Ländern, die Thomas Straubhaar glaubt, im deutschen Fall ausschließen zu können. Und es muss diese Kostenannäherung auch geben, weil sonst der Wettbewerb zwischen den Unternehmen fundamental verzerrt ist. Es war ja nicht das Verdienst deutscher Unternehmen, dass eine Rot-Grüne Regierung ihnen einen Kostenvorteil in der Währungsunion verschafft hat. Es war sozusagen eine staatliche Subvention, deren negative Wirkungen nur deswegen so lange nicht ausgeglichen und eliminiert worden ist, weil es eine Währungsunion mit ungeeigneten Regeln gab. Ohne Europäische Währungsunion wäre die deutsche Lohnzurückhaltung wie viele Male vorher durch eine Aufwertung der D-Mark ausgeglichen worden und hätte dann aus Sicht der deutschen Unternehmen sehr schnell ihren Zweck verloren.

Auf Einladung des Hamburger Abendblattes werde ich nächste Woche ein Streitgespräch mit Thomas Straubhaar führen. Da werden wir unsere Diskussion über diese Sachen fortsetzen können.

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