Die europäische Konjunktur im April – Teil 1

Die europäische Wirtschaft hat auch im April 2015 keine neuen Impulse bekommen. Zwar gibt es in einigen Ländern eine leichte Aufwärtsbewegung, von einem Durchbruch in Sachen Aufschwung und Erholung kann allerdings überhaupt nicht die Rede sein.

In Deutschland, wo die Medien ja regelmäßig zu maßloser Übertreibung neigen, wenn es um die Konjunktur geht (hier ein besonders schlimmes Beispiel), hat sich auch nur sehr wenig verändert. Von einem Aufschwung zu sprechen, ist schon gewagt bei einer konjunkturellen Entwicklung, die nur etwas besser ist als Stagnation.

Man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die einzige europäische Hoffnung, das Ausland, auf tönernen Füßen steht. Zwar ist der Euro immer noch schwach, doch die Wachstumsaussichten für eine Reihe von Ländern haben sich erheblich eingetrübt. Insbesondere die Schwellenländer inklusive Chinas wachsen weit weniger stark als zuvor oder gehen sogar, wie Brasilien, Richtung Rezession. Auch in den USA ist der Aufschwung weniger robust als gedacht, und Osteuropa hat zu einem erheblichen Teil große Probleme. Die verbreitete naive Auffassung, Europa müsse sich nur den „globalen Herausforderungen“ stellen und schon seien seine Probleme gelöst, erweist sich als das entscheidende Hindernis für eine Wirtschaftspolitik, die sich daran macht, einen wirklichen Ausweg aus der europäischen Stagnations-Deflationsfalle zu finden.

Die Financial Times zitiert Jeroen Dijsselbloem, den Chef der Eurogruppe, mit den Worten: “Member states need to prepare themselves for global challenges. They have a self interest to ensure their economies are flexible and have sufficient adjustment capacity in an increasingly globalised world” (Mitgliedsländer müssen sich auf globale Herausforderungen vorbereiten. Sie haben ein Selbstinteresse daran sicherzustellen, dass ihre Volkswirtschaften flexibel sind und ausreichende Anpassungskapazität besitzen angesichts einer immer stärker globalisierten Welt). Um es klar zu sagen: Das ist der Unsinn, der seit dem Fall der Mauer – und besonders unter Rot-Grün in Deutschland – immer wieder und wieder erzählt wird, um eine konservative Agenda durchzusetzen. Das war schon für Deutschland falsch, es ist aber in höchstem Maße absurd für eine europäische Wirtschaft, die sehr groß und sehr weitgehend auf sich selbst angewiesen ist.

In Deutschland gibt es beim Auftragseingang in der Industrie zuletzt kaum Bewegung und insgesamt seit Ende 2013 nur geringen Fortschritt (Abbildung 1). Nimmt man Inland und Ausland zusammen, wurde im April gerade der Wert erreicht, der nach dem Aufstieg aus der globalen Krise Mitte 2011 schon einmal erreicht war. Dass eine solche stagnative Entwicklung von den Medien und der Politik als großartiger Erfolg gefeiert wird, zeigt, wie sehr die Fakten in der Öffentlichkeit verzerrt werden.

Abbildung 1

Picture1

Unterschieden nach Eurozone und übrigem Ausland zeigt sich eine Abschwächung der Nachfrage aus dem Rest der Welt und eine leichte Erholung der Nachfrage aus der Eurozone (Abbildung 2). Aus beidem kann man keine große Geschichte machen, aber es scheint, das sich die Verschlechterung der Lage in einigen Entwicklungsländern schon bemerkbar macht.

Abbildung 2

Picture2

Das ifo-Geschäftsklima hat sich im Mai ganz leicht eingetrübt und könnte damit wieder auf den Stagnationspfad einschwenken, der die letzten Jahre kennzeichnet (Abbildung 3). Vergleicht man die Aufschwungphasen von 2005 ff. und 2009 ff. mit der jetzigen Entwicklung, sieht man unzweifelhaft, dass das Gerede von dem „vor Kraft strotzenden“ Deutschland oder dem deutschen Boom vollkommen neben der Sache ist.

Abbildung 3

Picture3

In Europa ergeben auch die Industrie-Daten für April kein neues Bild (Abbildung 4). Die Produktion stagniert insgesamt: Während in Deutschland zuletzt ein minimaler Anstieg zu verzeichnen ist, der sich von Stagnation fast nicht abhebt, liegt in Italien Stagnation vor und in Frankreich ein leichter Rückgang.

Abbildung 4

Picture4

Auch in Südeuropa ist nichts geschehen, was Aussagen der Art rechtfertigen würde, dort sei die Talsohle durchschritten und man sehe die Erfolge der „Reformpolitik“ (Abbildung 5). Spanien und Portugal befinden sich noch immer nahe des absoluten Tiefpunktes ohne durchgreifende Aufwärtsbewegung, und Griechenland ist unter Schwankungen bei dem tiefen Niveau von Mitte 2013 geblieben. Aber gerade hier kann von einer Aufwärtsentwicklung, einem Aufschwung oder einer Erholung weder vor der Zeit von SYRIZA noch danach die Rede sein.

Abbildung 5

Picture5

Die Misere der Wirtschaftspolitik in der Europäischen Union Auch zeigt sich in den nordischen Ländern Europas in vollem Ausmaß (Abbildungen 6 und 7). Weder in Österreich, Belgien und den Niederlande gibt es eine Wende noch ganz im Norden, in den skandinavischen Ländern. Warum prosperieren diese Länder nicht, die doch alles richtig gemacht haben, die alle notwendigen Reformen hinter sich haben und die ihre ganze Aufmerksamkeit seit Jahren der „Anpassung“ an die globalisierte Welt widmen? Warum spricht Herr Dijsselbloem nicht über sein eigenes Land, die Niederlande, und dessen Unfähigkeit, die Rezession, die seit 2010 unverkennbar ist, zu überwinden?

Abbildung 6

Picture6

Auch in Skandinavien ist es das Land, das am schlechtesten von allen abschneidet, nämlich Finnland, das in der Eurokrise eine der härtesten Positionen gegenüber Südeuropa einnimmt. Während die übrigen skandinavischen Länder wenigstens von Stagnation reden können, geht die Industrieproduktion in Finnland seit Anfang 2011 fast stetig zurück.

Abbildung 7

Picture7

Im Baltikum, das so oft als Vorbild für die Südeuropäer hingestellt wird, fehlt es ebenfalls weiterhin an einer wirklichen Belebung (Abbildung 8). Nur in Lettland hat es seit zwei Monaten einen Sprung nach oben gegeben, der vermutlich einem Sonderfaktor zuzurechnen ist, weil er im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe fällt.

Abbildung 8

Picture8

Befriedigend ist die Entwicklung auch weiterhin nur in wenigen osteuropäischen Ländern (Abbildungen 9 und 10). In Polen, Ungarn, in der Slowakei und in Tschechien geht es jetzt in der Industrie recht stetig aufwärts, nur in Slowenien ist die Entwicklung noch schwach, obwohl es zuletzt etwas besser wurde.

Abbildung 9

Picture9

Auch in Rumänien scheint die Industrie jetzt Tritt gefasst zu haben. Dagegen bleiben Bulgarien und Kroatien im stagnativen Modus. Beide Länder sind weit davon entfernt, die Werte wieder zu erreichen, die sie vor der globalen Finanzkrise schon einmal innehatten.

Abbildung 10

Picture10

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich die Bauproduktion und der Einzelhandel entwickeln und welche neuen Daten es für Preise und Arbeitslosigkeit gibt. Den Abschluss bildet wie immer eine wirtschaftspolitische Einordnung.

Anmelden