Archiv flassbeck-economics | 24.06.2015 (editiert am 25.05.2016)

Die europäische Konjunktur weiter ohne Impulse – Teil 2

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass sich auch im April in der europäischen Industrie keine Wende zum Positiven abzeichnet bzw. die leichten Belebungen, die es gibt, nicht auf eine robuste Aufwärtsentwicklung schließen lassen.

Das Gleiche gilt für die Bauproduktion (wo die Daten allerdings in einigen Ländern etwas hinterherhinken). Abbildung 1 zeigt, dass es auch in diesem Sektor für die EWU insgesamt keine Wende gibt, sondern weiterhin Stagnation angesagt ist. In Deutschland dagegen stellt sich die Entwicklung der Bauproduktion besser dar. Auch andere Indikatoren sprechen dafür, dass es hier eine Belebung gibt. Die etwas bessere Realeinkommensentwicklung bei stabilen Beschäftigungsverhältnissen und die niedrigen Zinsen regen sicher einige Bauvorhaben an. Eine große Rolle spielt dabei sicherlich, dass institutionelle Anleger mit normalen Sparanlagen kaum noch eine positive Rendite erzielen können und entsprechend teilweise auf das „Betongold“ ausweichen. Im Bereich des öffentlichen Baus läuft es ebenfalls etwas besser.

Weiter abwärts gerichtet ist hingegen die Bauproduktion in Frankreich, das keinen Boden zu finden scheint.

Abbildung 1

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Abbildung 2

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In ganz Südeuropa herrscht weiterhin Stillstand. In Spanien, wo es zwischenzeitlich eine leichte Erholung gegeben hatte, geht es seit einigen Monaten schon nicht mehr weiter, und in Portugal wie in Italien verharrt die Bauproduktion auf dem extrem niedrigen Niveau von 2014.

Der einzige kleine Lichtblick in Europa ist der Einzelhandel (Abbildung 3). Nachdem sich Deutschland sozusagen dem französischen Geleitzug angeschlossen und Italien eine leichte Wende vollzogen hat, sieht es auch für die EWU insgesamt in dieser Branche nicht mehr so düster aus: Sie nähert sich wieder dem Niveau von 2010.

Abbildung 3

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Südeuropa lebt allerdings immer noch in einer anderen Welt (Abbildung 4). Hier sind zwar die Einzelhandelsumsätze in Portugal und Spanien immerhin leicht gestiegen, sie liegen aber mit einem Indexwert von unter 90 immer noch klar unter dem Niveau, auf das sie 2010 nach der ersten „Verarbeitungsrunde“ der Finanzkrise gefallen waren. Und in Griechenland gibt es seit zwei Jahren keinerlei Besserung – der Einzelhandel krebst bei 70 Prozent des 2010er Levels herum.

Abbildung 4

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Insgesamt gesehen hat sich damit die Lage Europas weiter verschlechtert. Die Divergenzen in den Entwicklungen zwischen den Ländern werden größer oder nehmen zumindest nicht ab, und gleichzeitig wird die Geduld der Bürger mit diesem Europa mehr und mehr strapaziert. Ein Europa, das nicht liefert, was man erwartet, nämlich mehr Wohlstand und eine funktionierende Wirtschaft, gibt rechten nationalistischen Bewegungen immer mehr Raum. Wir haben es gerade in Dänemark und in Österreich gesehen.

Diese Wertung ändert sich auch dann nicht, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass die Arbeitslosigkeit in der EWU insgesamt leicht sinkt (Abbildung 5).

Abbildung 5

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Denn die zweit- und drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion, Frankreich und Italien, nehmen an diesem Trend nicht teil, sondern sind mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert. Ein Teil des Gesamtergebnisses stammt vielmehr vom deutschen Arbeitsmarkt. Ein anderer hängt vor allem damit zusammen, dass mehr und mehr Menschen die Hoffnung aufgeben, einen regulären Arbeitsplatz zu finden. Das zeigt sich an der Tatsache, dass gerade in Südeuropa, wo wirtschaftlich am wenigsten Fortschritt zu verzeichnen ist, die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen rückläufig ist (Abbildung 6).

Abbildung 6

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Von einem wirklichen Erfolg am Arbeitsmarkt kann nur dann die Rede sein, wenn kräftig steigende Produktion mit mehr Beschäftigung zusammenfällt. Erst bei einer solchen Kombination kann man damit rechnen, dass die Arbeitslosigkeit tatsächlich (und nicht nur statistisch) und nachhaltig zurückgeht und sich die Situation der Masse der Bevölkerung wirklich verbessert.

Weil das in Europa nicht der Fall ist, schneidet es im internationalen Vergleich katastrophal schlecht ab. Tritt früher oder später eine markante weltwirtschaftliche Störung auf, die Produktion und Beschäftigung einbrechen lassen, steht Europa vor einem noch größeren Scherbenhaufen. Es ist eben nicht so, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel behauptet, dass Europa stärker aus der Finanzkrise herauskommt, als es in sie hineingeraten ist. Mit immer noch mehr als 11 Prozent offizieller Arbeitslosigkeit im sechsten Jahr nach der Krise sind die Voraussetzungen für eine langfristige Gesundung extrem schlecht. Jede neue Krise, die von den USA und Japan angesichts dort deutlich gesunkener Arbeitslosenzahlen zu verkraften wäre, brächte Europa an den Rand dessen, was politisch noch erträglich ist (Abbildung 7).

Abbildung 7

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Auch bei der Preisentwicklung gibt es keine wirkliche Besserung (Abbildungen 8 und 9). Zwar ist die Preissteigerungsrate auf der Verbraucherstufe in der EWU ingesamt nicht mehr unter null, aber das ändert nichts daran, dass die deflationäre Tendenz erhalten bleibt. Die jüngsten Bewegungen sind auf das Auf und Ab des Ölpreises zurückzuführen, haben aber nichts mit dem Druck auf die Löhne zu tun, der in den meisten Ländern weiter hoch ist, weil man versucht, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Abbildung 8

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Abbildung 9

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So befinden sich Griechenland und Spanien weiterhin in einer offenen Deflation. Auf der Stufe der Erzeugerpreise geht es weiter bergab, nur das Tempo des Preisrückgangs ist etwas gesunken. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich Europas Unternehmen im Durchschnitt schwer tun und ihre Kapazitätsauslastung zu wünschen übrig lässt.

Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Angesichts der aufgezeichneten Entwicklung ist die vielfach zu hörende Meinung, es ginge jetzt doch aufwärts und einige Krisenländer hätten das Schlimmste überstanden, fragwürdiger denn je. Europa ist einfach unfähig, einen Aufschwung in Gang zu setzen, weil es sich selbst gefesselt hat. Es hat sich gefesselt in der Ideologie, die in dem im ersten Teil erwähnten Zitat des Eurogruppenchefs klar zum Ausdruck kommt. Wer versucht, vermeintliche Bedrohungen aus der Weltwirtschaft und insbesondere aus Richtung der Niedriglohnländer abzuwehren, kann nicht offensiv mit seinen eigenen wirtschaftspolitischen Möglichkeiten umgehen. Man kann daran auch klar ablesen, dass von den Verantwortlichen in Brüssel praktisch niemand die Bedeutung und die Rolle des Euro in einem weltweiten Währungssystems einzuordnen weiß.

Das ist ein Rückfall in primitive und naive Muster der Bedrohungsabwehr, die man eigentlich genau mit dem Übergang eines Großteils der wirtschaftspolitischen Verantwortung auf die europäische Ebene hätte ablegen sollen. Solche Vorstellungen mögen für kleine offene Volkswirtschaften nahe liegen, sie sind für eine der größten Volkswirtschaften der Welt und eine weitgehend auf sich selbst gestellte Wirtschaft abwegig.

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