Wachstum und Entwicklung für immer? – Einstiegsinterview Teil 1

flassbeck-economics startet hiermit eine neue Serie von Artikeln, die sich mit den Veränderungen befasst, die man in einem prinzipiell marktwirtschaftlich organisierten System braucht, um die Grenzen, die von einem begrenzten Planten und von der Natur im weitesten Sinne gesetzt werden, nicht zu überschreiten. Zum Einstieg bringen wir, in zwei Teilen, ein längeres Interview mit Gregor Czisch, einem Experten für erneuerbare Energien. Die Fragen stellten Richard Senner und Stefan Dudey.

Die Versorgung mit erneuerbaren Energien in Deutschland, Europa und darüber hinaus

Herr Czisch, Ihre Doktorarbeit „Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung, kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien“ wurde Anfang 2005 ausgelegt, nachdem sie schon in 2001 einzelne Szenarien vorgelegt hatten. Ausgangspunkt ihres Buchs sind zwei einfache Überlegungen: Fossile Energieträger sind endlich, und sie tragen zur CO2-Emission bei. Hier setzt unsere erste Frage an: Sind wir seit den Veröffentlichungen in Deutschland und weltweit vorangekommen beim Versuch, den Anteil fossiler Energien zu reduzieren?

Es ist durchaus als Fortschritt zu sehen, dass die Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland und weltweit zugenommen hat. Auch der Anteil der erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch hat deutlich zugenommen. Vom Basisjahr für die meisten CO2-Senkungsziele der Nationen, dem Jahr 1990, an stieg ihr Anteil bis Ende 2013 von 6,4 auf 8.9%, relativ also um knapp 40%. Absolut hat aber der Primärenergieverbrauch 7 ½ mal so stark zugelegt wie die regenerativen Energien, wobei fast 60% des Zuwachses bei den Erneuerbaren auf die “alte” Wasserkraft und nur etwa 23 und knappe 5% auf die “Neuen”, Wind und Solarenergie zurückzuführen sind. In Deutschland sind die Entwicklungen deutlich günstiger, allerdings wird Deutschland immer häufiger als schlechtes Beispiel angeführt, da die Stromkosten mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien stark angestiegen sind.

Messen kann man die Erfolge aber nur an dem Problem, das man mit der Nutzung der erneuerbaren Energien beheben muss, nämlich dem Klimawandel, der maßgeblich durch die Treibhausgasemissionen aus fossilen Energien verursacht wird. Die Nutzung der regenerativen Energien ist deshalb kein Selbstzweck sondern Notwendigkeit. Leider sieht die Bilanz aber beim CO2-Ausstoß nicht sehr erfreulich aus. Die CO2-Emissionen sind zwischen 1990 und 2013 nicht etwa gefallen sondern weltweit um 55% stark angestiegen. Schlimmer noch wiegt, dass der Trend nicht etwa abgeflacht ist, sondern die Emissionen nicht nur absolut sondern sogar relativ zum jeweils zuletzt erreichten Stand immer schneller angestiegen sind. Verfolgt man den Trend zurück, so sieht man, dass der Mittelwert der relativen Anstiege bis Ende 2013 vier Dekaden lang immer nur zugenommen hat und zuletzt einen mehr als doppelt so hohen Wert aufwies als anfangs zwischen 1973 und 1983. In absoluten Zahlen stieg der Zuwachs der CO2-Emissionen in den vergangenen vier Dekaden von 17 Mrd. t CO2 pro Jahr zuerst um 2,0, dann um 3,6, danach um 4,6 und zuletzt bis Ende 2013 um 7,8 Mrd. t CO2 auf eine Jahresausstoß 35 Mrd. t CO2. Es sieht also keineswegs nach Entspannung an der Klimafront aus. Die Situation spitzt sich mehr und mehr zu.

In Deutschland haben wir zwar die CO2-Emissionen seit 1990 um immerhin 18% gesenkt. Die größten “Fortschritte” brachte dabei aber die Deindustrialisierung der ehemaligen DDR. Seit der Jahrtausendwende hat sich nicht mehr sehr viel getan.

Die schnelle Zunahme der Emissionen ist nicht zuletzt der überproportionalen Steigerung der Kohlenutzung geschuldet. Deren Beitrag konnte seit 1990 weder durch die gestiegene Nutzung der regenerativen Energien und der Kernenergie (seit 1990 etwas weniger als der Beitrag der Windenergie) noch durch die Steigerung des relativ emissionsarmen Erdgaseinsatzes auch nur annähernd kompensiert werden.

Deutschland war sicher eines der wichtigen Vorreiterländer beim der Nutzung regenerativer Energien. Sein Beitrag bei der Etablierung der neuen Erneuerbaren sollte daher nicht gering geschätzt werden. Um aber dem Klimaproblem Herr zu werden, bedarf es einer viel konsequenteren, koordinierten Nutzung der erneuerbaren Energien, nicht zuletzt, um die Kosten einer – weltweiten – Energiewende, die diesen Namen auch verdient, möglichst klein zu halten.

Zwischen Ende 2006 und Ende 2013 sind die Preise für Photovoltaikanlagen um mehr als 60% gesunken (S. 8). Erwarten Sie, dass sich diese Entwicklung fortsetzt?

Seit 2001 sind die Preise von PV-Dachanlagen von damals etwa 6000 € pro kW Nennleistung – inklusive Umsatzsteuer – auf heute ca. 1900 € pro kW (Angabe für 2013 vom Bundesverband Solarwirtschaft – BSW) gesunken. Legt man die weltweiten Installationszahlen zugrunde ergibt sich bis Ende 2013 eine weltweite Zunahme der kumulierten PV-Leistung mit ca. 140 GW auf das 90-Fache des Wertes von 2001. Aus diesen Zahlen lässt sich eine Kostensenkung um gut 16% pro Verdopplung der Leistung errechnen. Das ist ein erwartbarer Wert für eine neue Technologie. Für PV wurden aber auch schon deutlich größere Kostenreduktionen vorhergesagt. Allerdings sind Ergebnisse bei der Beschäftigung mit Lernkurven immer mit etwas Vorsicht zu genießen. Es gibt immer wieder Phasen der Stagnation, denen steile Abwärtsbewegungen folgen können. Steil bergab ging es mit den Kosten in Deutschland zwischen 2006 und 2012. Seither blieb der Preis relativ konstant. Es wird mit den Preisen sicher noch weiter nach unten gehen. Eine Festlegung auf eine eindeutige Antwort auf die Frage, wie lange die langfristigen Trends der Lernkurve fortgeschrieben werden können, grenzte aber an Kaffeesatzleserei.

Bei den Kosten überwog Anfangs der Anteil der Hightech-Komponenten. Diese sinken aber besonders schnell, sodass der Kostenanteil der Lowtech – Aufständerung, Glasabdeckung …, der sich deutlich langsamer bewegt mit der Zeit immer größer wird. Man kann diesen Zusammenhang auch daran erkennen, dass die Modulpreise deutlich schneller gesunken sind als die Preise ganzer PV-Anlagen. Aufgrund dieser Entwicklung sollte man in Zukunft ein Abflachen der Lernkurve erwarten.

Gibt es andere für uns relevante Energieerzeugungsmethoden, bei denen wir in den letzten 20 Jahren ebenfalls deutlich gesunkene Herstellungskosten beobachten konnten oder für die Zukunft erwarten?

Die Windenergie ist auch ein gutes Beispiel für Kostensenkungen bei neuen Technologien. Ihre Kostentalfahrt begann und endete aber schon sehr viel früher als bei der Photovoltaik. Zwischen 1980 und 2000 sanken die Kosten pro erzeugte Energieeinheit auf weniger als ein Zehntel. Seither verharren sie aber etwa auf dem erreichten Niveau und sind relativ stark von Materialpreisen bestimmt. Ob sich in Zukunft Innovationen durchsetzen werden, die die Kosten nochmals deutlich senken, ist schwer abzuschätzen, ähnlich schwer wie die langfristige Preisentwicklung bei der Photovoltaik.

Letztlich sind die Kosten einzelner Komponenten aber kein alleinentscheidendes Kriterium. Bei der Stromversorgung muss immer das System betrachtet werden. Solange eine Technologie nicht in der Lage ist, jederzeit und insgesamt in ausreichendem Maße zur Erzeugung herangezogen zu werden, spielt ihre zeitliche Verfügbarkeit eine erhebliche Rolle. Dies lässt sich gut an meinen Szenarien illustrieren. Bei ihnen wurde nach der kostengünstigsten Vollversorgung für Europa und seine Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien gesucht. Dies geschah mittels mathematischer Optimierung, nicht zuletzt um größtmögliche Objektivität der Ergebnisse zu erreichen. Im Grundszenario wurden die Kosten der Photovoltaik mit 5500 pro kW Nennleistung angesetzt. Das Ergebnis der Optimierung war, dass PV nicht genutzt wurde. Es gab keine Lösung des Versorgungsproblems, in der PV einen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit hätte leisten können. Windenergie, schon damals genutzte Wasserkraft und sinnvoll genutzte Biomasse in einem leistungsstarken Netzverbund stellten sich als das günstigste System heraus, mit dem Strom deutlich unter den heutigen Stromkosten in Deutschland bereitgestellt werden kann. Aufgrund der fortschreitend starken Kostensenkungen bei der PV konnte man diese Ergebnisse aber nicht einfach stehen lassen. Es galt deshalb abzuschätzen, wie niedrigere Kosten die Situation verändern würden. Deshalb wurden auch Szenarien mit reduzierten Kosten für PV gerechnet. In sukzessiven Halbierungsschritten wurden alle Kosten der PV – also etwas optimistisch auch die für Wartung und Instandhaltung gleichermaßen – gesenkt und neue Szenarien gerechnet. Bis einschließlich herab zu einem Viertel der Anfangskosten – schon deutlich unter den heutigen Kosten – blieb das Ergebnis dasselbe. PV konnte nach wie vor keinen kostensenkenden Beitrag leisten. Erst die dritte Kostenhalbierung auf ein Achtel der Anfangskosten brachte ein neues Ergebnis. Jetzt konnte PV einen kleinen kostensenkenden Beitrag liefern, indem sie in den südlichsten Regionen des Versorgungsgebiets genutzt wurde. Insgesamt wurde die Stromversorgung dadurch um vernachlässigbare 0,8% günstiger. Der Strom wurde nach diesem Szenario vom Südrand der Sahara und aus Ägypten über eigens errichtete Stromtrassen zu den Verbrauchern nach Europa geschickt. Von diesen PV-Preisen sind wir noch immer weit entfernt und dennoch war eine Nutzung in den weniger sonnenverwöhnten Regionen – wie Europa – nicht wirtschaftlich. Eine weitere Halbierung auf ein 16-tel der Anfangskosten – grob ein Sechstel der heutigen kosten – änderte die Situation nicht grundlegend. Die Nutzung der PV erreichte zwar Regionen diesseits des Mittelmeeres, gelangte aber nicht in nördlichere Regionen wie Deutschland oder Skandinavien. Gemessen daran, dass die Kosten des photovoltaisch erzeugten Stroms nun schon weit unter den durchschnittlichen Stromerzeugungskosten im Szenariogebiet lagen, war der Gesamtanteil der PV in diesem Szenario relativ klein. Die Kostensenkungen gegenüber dem Grundszenario waren mit einigen Prozent auch recht bescheiden. An diesen Ergebnissen kann man sehen, dass Konzentration auf die Frage nach möglichen Kostensenkungen bei einzelnen Technologien alleine nicht zielführend ist. Man muss die systematischen Zusammenhänge berücksichtigen. Gleichzeitig kann man aus den Ergebnissen ableiten, dass es nichts bringt, auf Kostensenkungen zu warten – ob sie nun realistisch sind oder nicht – bevor man aktiv wird. Die Struktur einer kostengünstigen Stromversorgung ändert sich auch mit Kostensenkungen einzelner Komponenten nicht grundlegend. Weiteres Warten ist auch unter dem Gesichtspunkt der Kosten einer Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien nicht notwendig. Schon heute haben wir alles, was wir benötigen, um im Stromsektor – der weltweit immerhin für die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen durch die Nutzung fossiler Rohstoffe verantwortlich ist – eine klimaschonende Versorgung praktisch kostenneutral zu errichten. Dass auf den Klimakonferenzen trotz dieser Erkenntnisse noch immer darüber gestritten wird, wer welchen Teil der „Mehrkosten“ – die es zumindest in diesem Bereich nicht geben muss – übernimmt, und nicht darüber, wie man zur Lösung der Probleme kooperiert, entbehrt deshalb nicht einer entsetzlich tragischen Komik.

Die Situation zwischen der Ukraine und Russland schafft unter anderem auch Unsicherheiten für unsere Energieversorgung. Wenn zukünftig ein Teil unserer Energie aus Regionen kommen soll, die ebenfalls politisch nicht stabil sind, rechnen Sie dann mit Bedenken und politischem Widerstand?

Heute und seit langer Zeit kommt ein Großteil unserer Energie aus Regionen, die nicht als Hort politischer Stabilität angesehen werden können. Öl kommt beispielsweise nach wie vor zu guten Teilen aus dem Nahen Osten, in dem vielfach blutige Kriege ausgetragen wurden und werden. Nach Russland kommt der zweitgrößte Gasimport der EU aus Algerien, das während seiner langen Zeit der Gaslieferung kritische Situationen durchlebt hat. Von Seiten Russlands gab es während des ganzen kalten Kriegs keine Unterbrechungen der Gaszufuhr. Heute aber sieht es aus, als würde Energie von der Politik zunehmend als Waffe auch als Teil von Wirtschaftskriegen eingesetzt. Treibende Kraft dieser Entwicklung sind aber nicht die klassischen Ursprungsländer. Als die Nutzung ihrer Ressourcen für die energetische Versorgung Europas eingeführt wurde gab es in den europäischen Nutznießerländern auch wenig Bedenken und Widerstand, was von der realen Zuverlässigkeit der Versorgung über Jahrzehnte im Nachhinein auch gerechtfertigt wurde. Heute wird dieses Argument der politischen Energiesicherheit absichtsvoll häufiger angeführt, obwohl die bisherigen Erfahrungen die Sorgen nicht wirklich stützen. Wenn man in Kriegskategorien denkt, liegt die Überlegung nahe, dass man eine autarke Energieversorgung braucht. Das ist ein Ansatz, der dem Ziel der Kooperation als friedenstiftende Strategie, die beispielsweise ein wesentliches Gründungsmotiv für die EU und die Überwindung des kalten Kriegs war, diametral entgegen steht.
Ich halte eine Abkehr von der Strategie der Kooperation im Tausch mit einer Hinwendung zu einer der Maximierung von Autonomie nicht für erstrebenswert, selbst wenn sie technisch/wirtschaftlich machbar wäre. Tatsächlich läuft sie ja auch der immer größeren internationalen Verflechtung der Volkswirtschaften weltweit völlig entgegen. Wozu sollte ein Land wie Deutschland, das sich seit Jahrzehnten bemüht, seinen Export immer weiter auszudehnen, und das schon heute massive Exportüberschüsse mit all ihren negativen Konsequenzen erzielt, jetzt auch noch durch die Nationalisierung seiner Energieversorgung seine Handelsbilanz zu höheren Überschüssen verschieben? Volkswirtschaftlich macht das wenig Sinn, ist sogar gefährlich und destruktiv.

Solch übergeordnete Überlegungen mögen nicht jedermann interessieren. Vielleicht treibt manche der Wunsch, eine wahrhaft bombensichere Energieversorgung aufzubauen. Dann kann sie natürlich nicht kleinteilig – also dezentral – genug sein. Am Ende dieser Überlegung findet man sich bei der autonomen Selbstversorgung für jedermann wieder. Je kleiner der zu versorgende Kreis ist, desto teurer wird aber die Versorgung aus nicht importierten erneuerbaren Energien. Die kleinste Einheit ist das Einfamilienhaus. Heute werden diese kleinen Einheiten nicht selten mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet und mit Tagesspeichern in Form von Litium-Ionen Akkus ausgerüstet. Dies scheint Manchen glauben zu machen, dass damit eine autarke Stromversorgung nahe sei. Weit gefehlt, tatsächlich braucht es insbesondere, wenn ein Ausgleich über verschiedene Klimazonen nicht vorgesehen ist, Möglichkeiten der Speicherung weit über den Tagesbedarf hinaus in Form von Wochen- bis hin zu Saisonalspeichern. Von der Option, solche Speicher in der autarken Kleinstversorgung zu realisieren, sind wir aber sowohl technisch als auch wirtschaftlich weit entfernt. Schon die elektrochemischen Tagesspeicher verteuern den Strom erheblich und sind fernab davon, wirtschaftlich zu sein. Die um Größenordnungen größeren Speicher, die es für eine autarke Kleinstversorgung bräuchte, sind aber überhaupt nicht sinnvoll darstellbar. Dazu trägt neben den Kosten und ihrer potentiellen Dimension zusätzlich auch der relativ große Primärenergiebedarf für die elektrochemischen Speicher bei, der eine energetische Amortisation im Saisonalbetrieb praktisch unmöglich macht.

Heutige Bleisäurebatterien sind beispielsweise durch einen Primärenergieaufwand von grob 150 kWh pro kWh Speicherkapazität gekennzeichnet. Das bedeutet, erst nach 150 vollen Be- und Entlade-Zyklen ist so viel Energie durch die Batterie durchgesetzt, wie für sie energetisch aufgewandt werden muss. Bis zu diesem Zeitpunkt ist sie ein „Energievernichter“, auch ohne die Verluste durch Speicherwirkungsgrad, Ladevorgänge und notwendigen Umrichtung von Gleich auf Wechsel-Strom sowie für Selbstentladung zu berücksichtigen. Selbst in diesem Moment kann auch deshalb nicht davon die Rede sein, dass sich der Speicher energetisch amortisiert hätte, da die gespeicherte und verlorene Energie in einem intelligenteren System ohne Speicher keineswegs verloren gehen muss sondern beispielsweise durch Verteilung der Energie andernorts genutzt werden könnte. Bei einem gut ausgelegten Tagesspeicher-System sollte der Zeitpunkt, an dem die durchgesetzte Energie dem Primärenergieaufwand für den Speicher entspricht, in den ersten Jahren erreicht sein. Schon Wochenspeicher sind auf der Basis von Bleisäurebatterien energetisch kaum mehr sinnvoll zu betreiben – von den Kosten einmal ganz abgesehen. Sie werden meist den Zeitpunkt nicht erreichen, an dem wenigstens so viel Energie durch sie geschleust wurde, wie man für die Batterie selber aufwenden muss. Saisonalspeicher sind so gänzlich undenkbar, da es selbst bei optimaler Auslastung 150 Jahre dauerte, bis die Batterie, selbst wenn ohne sie alle zwischengespeicherte Energie verloren wäre, keinen negativen energetischen Beitrag mehr leisten würde. Noch ungünstiger sieht es bei anderen elektrochemischen Speichern aus. Das nächstbeste System – Lithium-Ionen-Akkus – liegt beim Primärenergieaufwand mit etwa 450 kWh pro kWh Speicherkapazität etwa dreimal so ungünstig. Jeder vermiedene Speicherbedarf – insbesondere der für etwas längere Frist – ist also ein großer energetischer Gewinn und reduziert zudem die ökologischen und ökonomischen Belastungen erheblich.

Grundsätzlich lässt sich der Speicherbedarf verkleinern, indem die Erzeugungsanlage überdimensioniert wird, sodass in Zeiten mit geringerem Energieangebot häufiger genügend Strom für den Tagesbedarf erzeugt werden kann. Diese Strategie schlägt aber wirtschaftlich mit einem je nach Auslegung ähnlich hohen Preis zu Buche wie die großen Speicher beispielsweise für den Wochenausgleich.

Die heutige Speicherauslegung wird meist dergestalt gewählt, dass der Eigenanteil des Verbrauchs des selbst produzierten Stroms in einen relevanten Bereich – beispielsweise auf 20% – gehoben werden kann. Der Rest des Stroms wird wie selbstverständlich ins Netz eingespeist und vergütet. Tatsächlich muss das Verteilnetz bei einer solchen Auslegung in der Lage sein, die maximale Leistung der PV-Anlage aufzunehmen, wenn keine Verluste beim der Erzeugung hingenommen werden sollen. Dies führt schon heute dazu, dass die teuerste Netzkomponente in unserem Verteil- und Transportsystem – das Verteilnetz – ausgebaut werden muss, wo der Anteil der Erzeugung aus PV hoch wird. Diese Kosten würden nicht anfallen, wenn man weniger dezentrale Ansätze verfolgte. Die Netzstrategie vermeidet aber die zuvor beschriebenen Probleme des Speicherbedarfs und der Überdimensionierung, indem die Abfuhr der Überschüsse ebenso wie der Strombezug bei mangelhaftem Angebot der regenerativen Ressource dem vorgelagerten Versorgungssystem überlassen wird. Von Autarkie kann in diesem Fall natürlich keine Rede sein. Dabei reicht es auch nicht, sich auf die Nutzung des Verteilnetzes zu beschränken. Im gesamten, mit PV-Anlagen bestückten Einfamilienhausquartier sind die Probleme ja überall ähnlich gelagert. Die Überschüsse und der Mangel treten hier hoch korreliert auf. Es muss also Möglichkeiten der Abfuhr und des Bezugs elektrischer Leistung geben. Dazu muss es irgendwo Erzeugungsanlagen geben, die zur Produktion in der Lage sind, wenn es die anderen nicht sind. Solange der fossile Kraftwerks- und Leitungspark zur Verfügung steht, ist die Lage recht komfortabel. Aber schon jetzt macht man Gebrauch von einem System, das schnell nationale Dimensionen annimmt. Was der Verwirklichung des Autarkiegedankens widerspricht. Will man ganz weg von den fossilen Energien, kann also mittelfristig nicht mehr auf den fossilen Kraftwerkspark zurückgreifen, wird es deutlich schwieriger, den Ausgleich zu organisieren, je kleinräumiger der Ansatz umso mehr.

Die Frage nach der Versorgungssicherheit eines großräumigen Systems in Krisenzeiten kommt – bis auf jüngere Bedenken, die gegenüber Russland als Gaslieferanten im Zuge des Ukrainekonflikts geschürt werden – meist im Zusammenhang mit der internationalen Stromversorgung auf. Dabei konzentrierten sich die Sorgen fast immer auf als Erweiterungen empfundene Schritte. Es wird beispielsweise die Versorgungssicherheit thematisiert, wenn es um eine Verknüpfung des EU-Versorgungssystems mit Afrika geht. Als Anlass dazu kann vieles dienen. Jüngst ist es die Arabische Revolution. Statt progressiv auf die politischen Veränderungen zu reagieren und Perspektiven der Zusammenarbeit zu schaffen, wird Angst instrumentalisiert. Ähnlichkeiten zur Flüchtlingspolitik der EU zu sehen, drängt sich förmlich auf. Eine sachgerechte Diskussion über die Chancen und Risiken der Energiekooperation findet praktisch nicht statt. So wird selten der Vergleich zum System der Gasversorgung heran gezogen. Hier leistet sich die EU eine Abhängigkeit von einigen wenigen Ländern. Bei Erschöpfung der Ressourcen reduziert sich deren Anzahl in Zukunft immer mehr. Dass diese Situation vollkommen anders gelagert ist als bei einer internationalen Stromversorgung mit erneuerbaren Energien, fällt daher bei der oberflächlich geführten “Diskussion” gar nicht auf. Die Potentiale der erneuerbaren Energien sind auf viel mehr Länder verteilt. Sie gehen auch nicht zur Neige, sondern können immer kostengünstiger erschlossen werden. Die Unterschiede der Kosten von Region zu Region sind nicht annähernd vergleichbar mit den enormen Preisschwankungen im fossilen Bereich, wo sich in der Vergangenheit beispielsweise der Ölpreis innerhalb einer Dekade um mehr als das Zehnfache erhöht hat. Diversifizierung kann als Strategie zur Herstellung von Versorgungssicherheit im Bereich der erneuerbaren Energien also vergleichsweise leicht, breit und kostengünstig verfolgt werden. Auch technisch kann ein großräumiges Versorgungssystem hoch redundant aufgebaut werden, ohne dass das bei den Kosten erwähnenswert ins Gewicht fiele. Dass all dies in der “Diskussion” kaum vorkommt, lässt darauf schließen, dass es eben nicht um eine vorurteilsfreie Diskussion im eigentlichen Sinne geht, sondern um ein absichtsvolles Schüren von Ressentiments.

Strom über große Entfernungen zu transportieren löst Befürchtungen und Widerstände bei denen aus, durch deren Siedlungsräume die entsprechenden Leitungen gelegt werden. Das zeigt sich aktuell auch in Deutschland. Wird es hinsichtlich des Transports durch verschiedene Länder ähnliche Schwierigkeiten geben?

Der Nimbyismus ist inzwischen sehr weit fortgeschritten. Nach dem Prinzip, wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass, dürfen wir erleben, wie selbst grüne Fraktionen in Kommunalparlamenten die Aufstellung von Windkraftanlagen zu verhindern suchen. Eine ähnlich gelagerte Empörungskultur scheint sich in Teilen der Bevölkerung gegenüber Freileitungen entwickelt zu haben. Dabei ist es mit der rationalen Fundierung der Antihaltung oft nicht sehr weit her. Mit etwas mehr Rationalität ließen sich aber durchaus Ansatzpunkte für eine fundierte Kritik am geplanten Leitungsausbau finden, die einen Protest rechtfertigen würden, allerdings ganz anders als die einfache Ablehnung des Leitungsbaus im eigenen Hinterhof, weil man sich um eine Wertminderung der eigenen Immobilie sorgt.
Was die Wenigsten wissen ist, dass wir allein in Deutschland über 100 000 km Hoch- und Höchstspannungsfreileitungen haben. Bei den derzeitigen Plänen für einen Neubau von Freileitungstrassen von weniger als 3 000 km handelt es sich also verglichen mit dem Bestand um eine Lappalie. Was auch wenig bekannt ist, ist die Tatsache, dass heute viel effizientere Freileitungsvarianten zur Verfügung stehen als die, die für den Ausbau zur Verfügung stehen. Mit heute bereits im Einsatz befindlicher Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Technik (HGÜ) lässt sich über eine Freileitung mit einem Stromkreis 5 mal so viel Leistung transportieren wie über eine in Deutschland übliche 400-kV Drehstromfreileitung mit zwei mal drei Phasen. Nutzte man die HGÜ-Masten für zwei Stromkreise, wäre man bei einem Faktor 10. Eine solche Trasse hätte also das Potential, 10 herkömmliche Trassen zu ersetzen. Solche Leitungen ließen sich auch nutzen, wenn man ein leistungsstarkes internationales Verbundnetz zur Vollversorgung mit erneuerbaren Energien errichten wollte. Sie verursachen selbst bei großen Transportstrecken sehr kleine Verluste und sind für diesen Einsatz extrem kostengünstig. Man kann sie auch so bauen, dass sie und ihre Leitungen die Wälder überragen und in Waldgebieten keine großen Schneisen für sie geschlagen und freigehalten werden müssen. Natürlich sind sie dann auch über den Wäldern sichtbar, was manch einen, dem der optische Landschaftsschutz über alles geht, auf den Plan rufen könnte, sonst aber ökologisch aus verschiedenen Gründen vorteilhaft ist. Spiegelt man dieses Wissen an den Plänen zum Leitungsausbau in Deutschland, tritt unweigerlich Ernüchterung ein. Die Leistungen der geplanten Trassen bleiben weit hinter den Möglichkeiten. Die geplanten Leitungen sind aufgrund der falschen Auslegung nicht für einen internationalen regenerativen Stromverbund geeignet. Ihre Endpunkte liegen dementsprechend auch hunderte Kilometer entfernt von den Grenzen zu unseren südlichen Nachbarn. An eine Entwicklung unseres Stromversorgungssystems im Sinne der Nachhaltigkeit ist also bei diesen Leitungen nicht gedacht. Man kann vermuten, dass die deutsche Energiewirtschaft damit auch Eigeninteressen verfolgt, nämlich die Vermeidung von Konkurrenz durch einen leistungsstarken Stromverbund. Es wird allenfalls an Morgen, nicht aber an die Zukunft gedacht. Das wären Kritikpunkte, die aufzugreifen sich lohnte. Davon ist aber leider sehr wenig zu hören. Es geht leider viel mehr um den eigenen Hinterhof als um einen Entwurf einer nachhaltigen, klimaneutralen Energieversorgung.

Die geplanten Leitungen sind für den regenerativen Stromverbund der Zukunft nur von sehr geringem Wert und daher ein relativ großer Aufwand für relativ wenig Erfolg. Mit etwa 6000 km HGÜ – also 6% der bestehenden Hoch- und Höchstspannungsfreileitungen – ließe sich ein hoch redundantes und in Deutschland für die internationale Vollversorgung mit regenerativen Energien vollständig ausreichendes Leitungssystem etablieren. Es ist zu erwarten, dass ein solches System einige der bestehenden Leitungen überflüssig machen würde, der Zubau an Leitungskilometern durch den Abbau von Teilen des alten Systems also zumindest teilweise kompensiert würde. Das zu eruieren, bräuchte es detaillierte Lastflussberechnungen und Simulationen des Leitungssystems. Letztlich ist diese Frage aber in Anbetracht des relativ kleinen zusätzlichen Bedarfs an Leitungen aber nicht von sonderlich großer Relevanz.

 


Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Gregor Czisch ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Transnational Renewables Consulting in Kassel. Er ist spezialisiert auf Beratung im Bereich Energieversorgung und Energiepolitik.


Ausgesuchte Veröffentlichungen zum Thema

Dissertation: Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung – Kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien

https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/handle/urn:nbn:de:hebis:34-200604119596

https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-200604119596/1/DissVersion0502.pdf

Low Cost but Totally Renewable Electricity Supply for a Huge Supply Area

http://transnational-renewables.org/Gregor_Czisch/projekte/LowCostEuropElSup_revised_for_AKE_2006.pdf

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