Anmerkungen zur Berechnung des BIP in Spanien und anderswo

Anlässlich unserer gestrigen Darstellung der Entwicklung in Spanien im Vergleich zu Griechenland fragen viele Leser, was denn in Spanien gestiegen sei, wenn trotz eines Absturzes der Industrieproduktion und der Bauproduktion das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur wenig gefallen ist.

Um diese Frage beantworten zu können, muss man in etwa wissen, was das BIP eines Landes genau ist und wie es „gemessen“ wird. Das BIP ist keine originäre Statistik, sondern Ergebnis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR), also eines Rechenwerkes, das sich auf vielerlei Statistiken und Erhebungen stützt. Diesem Rechenwerk fehlen kurzfristig viele einzelne Teile, für die es gar keine oder keine zeitnahe Originärstatistik gibt und die daher zu den Teilen dazugeschätzt werden müssen, die genau(er) belegt sind.

Für manche Bereiche kann man auf andere Statistiken (oft Sekundärstatistiken) – meist stark zeitverzögert – zurückgreifen, um sich ein Bild von den nicht oder wenig und ungenau erfassten Teilen der Produktion oder des Verbrauchs bzw. der Einkommen eines Landes zu machen (das sind die drei Seiten der VGR: die Produktionsseite, die Verwendungs- oder Nachfrageseite und die Verteilungsseite).

Zum Beispiel werden die Dienstleistungen in keinem Land der Welt (selbst nicht in den USA, die mit großem Abstand die beste Statistik aller Länder haben) kurzfristig auch nur halbwegs vollständig erfasst, weil für die meisten Dienstleistungen gar keine Outputmessung existiert. Die Zahl der Stunden, die Krankenschwestern an Betten von Patienten verbracht oder Lehrer Schüler unterrichtet haben, kennt niemand und genau so wenig das, was dabei herausgekommen ist. Daher behilft man sich meist einfach mit der Zahl der Beschäftigten und deren Gehältern bei der Outputmessung. Dann ist eben Input gleich Output. Aber selbst die Zahl der Beschäftigten wird in kaum einem Land kurzfristig in einer Weise erfasst, dass man sie für zeitnahe Quartalsrechnungen wirklich brauchen könnte.

Wenn wir zum Beispiel über die Produktionsseite des BIP reden, dann gibt es in den meisten Ländern aktuelle und zuverlässige Indikatoren nur für die Industrie und die Bauwirtschaft. So etwas wie eine Produktionsentwicklung gibt es weder für den Handel (wo man allerdings noch Nachfrageindikatoren wie den Einzelhandelsumsatz als Indiz nehmen kann) noch für den gesamten Bereich der Gesundheitsdienstleistungen oder den staatlichen Sektor, also etwa Bildung, Verwaltung oder Verteidigung.

Die fehlenden Teile werden dem BIP durch Schätzungen und Hochrechnungen der Statistischen Ämter hinzugefügt. Bei Dienstleistungen unterstellt man in der Regel keine großen Veränderungen, weil man vermutet, dass die kaum zyklische Schwankungen aufweisen. Mit größerer zeitlicher Verzögerung werden Daten etwa zu Steuereinnahmen oder staatlichen Ausgaben auf den verschiedenen Verwaltungsebenen mit herangezogen, um diese Schätzungen zu untermauern bzw. zu korrigieren. Das fließt dann in Revisionen der VGR-Daten ein, die nach und nach die ersten Schätzungen am aktuellen Rand ersetzen. Auch werden immer wieder grundlegende Erhebungen, deren Ergebnisse oft erst Jahre nach der eigentlichen Datenerfassung sinnvoll aufbereitet und damit einsetzbar für Hochrechnungen zur Verfügung stehen, nachträglich in die VGR eingearbeitet (Generalrevisionen).

Das Statistische Bundesamt schreibt zu seiner Berechnung des deutschen BIP: „Die frühe Erstveröffentlichung von Bruttoinlandsprodukt (BIP)-Angaben erfüllt die Nutzeranforderung nach aktuellen Ergebnissen, obwohl die Datengrundlage zu diesem Zeitpunkt häufig noch unvollständig ist. Die ersten vorläufigen Ergebnisse werden mehrmals überarbeitet, um neu verfügbare statistische Informationen einzuarbeiten, und können von den endgültigen Ergebnissen, die jeweils nach rund vier Jahren veröffentlicht werden, abweichen. Daneben werden noch sogenannte Generalrevisionen durchgeführt, die unter anderem der Einführung neuer Konzepte und Definitionen sowie der Einbeziehung von Ergebnissen aus unregelmäßigen oder neuen Erhebungen oder Zinsen dienen. Im mehrjährlichen Vergleich weichen die ersten vorläufigen Ergebnisse vom endgültigen Wert um rund einen halben Prozentpunkt nach oben oder unten ab. Bei einigen Teilaggregaten des Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der durchschnittliche Revisionsbedarf deutlich größer.“ Ob es derlei Erläuterungen auch vom Statistischen Amt Spaniens gibt und welche Zeitspannen für endgültige Ergebnisse und Abweichungen von Erstergebnissen dabei möglicherweise genannt werden, ist uns nicht bekannt.

Im Ergebnis heißt das, die Statistischen Ämter haben bei der Berechnung dessen, was BIP genannt wird, und vor allem seinen unterjährigen Zahlen, den sog. Quartalsdaten, die den konjunkturellen Verlauf abbilden sollen, große Ermessensspielräume. Was die ersten Veröffentlichungen zum aktuellen Rand betrifft, sind die Unsicherheiten obendrein relativ hoch.

Wenn man also eine solche Diskrepanz zwischen den halbwegs gut erfassten Daten der Industrieproduktion und dem BIP wie in Spanien sieht, kann man auf die Idee kommen, dass es vor allem steigende Phantasie des die Zahlen berechnenden Amtes ist, die das BIP weniger sinken lässt, als es die tatsächlich statistisch eng erfasste Produktion nahelegt. Ob einmal Jahre später Revisionen erfolgen werden, die diese Diskrepanz aufheben, ist heute völlig offen und dürfte dann bestenfalls noch den ein oder anderen Konjunkturforscher interessieren. Auf die gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen können derlei ex post-Korrekturen jedenfalls keinen Einfluss mehr nehmen. Werden diese heutigen Entscheidungen aber gerade unter dem Eindruck der aktuell veröffentlichten Zahlen, ja sogar genau mit Verweis auf sie getroffen („Reformwilligkeit zahlt sich aus, siehe den Aufschwung in Spanien“), sind die politischen Auswirkungen dieser Zahlen immens.

Ein Schelm, wer jetzt an die heute oft beklagten Datenmanipulationen im Zusammenhang mit dem Beitritt Griechenlands in die EWU im Jahr 2001 erinnert, die vielen damals politisch Verantwortlichen nicht völlig verborgen gewesen sein können.

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