Ben Bernanke und der Deutschlandfunk – klares Denken versus verwirrte Satire

Schon vor einiger Zeit haben wir auf einen Blog-Eintrag von Ben Bernanke, dem früheren Chairman der Federal Reserve, hingewiesen (hier). Auch sein jüngster ist absolut lesenswert.

Er beschreibt ein paar einfache Zusammenhänge, die sich aus einfachen volkswirtschaftlichen Überlegungen ableiten. Die wichtigsten: Erstens, Europa versagt bei der makroökonomischen Steuerung. Zweitens, es ist in einem System fester Wechselkurse wie der Europäischen Währungsunion (zumal, wenn sie so wenig wächst) ein großes Problem, wenn ein Land (ein großes wie Deutschland vor allem) Leistungsbilanzüberschüsse anhäuft.

Wenn das so ist, so Bernanke, dann kann es nur eine Umkehr geben, wenn dieses Überschussland mehr konsumiert, sich höhere Löhne gönnt und wenn der Staat mehr ausgibt, damit die Importe steigen.

Man stelle sich vor, Ben Bernanke hätte das im Deutschlandfunk gesagt. Dann wäre er sicher auch in den „satirischen Wochenrückblick“ geraten, so wie das mir passiert ist. Dort stellte Klaus Pokatzky folgendes „satirisch“ fest: „Dass wir mehr über unsere Verhältnisse leben sollen, … hat in unserem Sender Heiner Flassbeck erklärt, der frühere Staatssekretär im Finanzministerium. Wir hätten immer unter unseren Verhältnissen gelebt und damit die anderen Länder an die Wand gedrängt. Nicht genug konsumiert also, nicht genug Knete bei Tarifverhandlungen verlangt. Also los, leben wir über unsere Verhältnisse.“

Ja, lieber Deutschlandfunk, mit dem Denken und dem durchdachten Kommentieren ist das so eine Sache. Also machen wir es noch einmal, ganz langsam, damit alle mitkommen können. In einer großen Region wie Europa sind die ökonomischen Austauschbeziehungen zum Rest der Welt nicht groß genug, um sich durch Überschüsse im Außenhandel mit dem Rest der Welt aus einer wirtschaftliche Misere retten zu können. Eine solche Region ist, wie man das unter Ökonomen nennt, eine nahezu geschlossene Volkswirtschaft. Hat sich ein großes Teil dieser Region in einer Währungsunion zusammengeschlossen, gibt es innerhalb dieses Raumes keine Wechselkursanpassungen mehr.

Wenn in einer solchen Region ein großes Mitgliedsland positive und dauernd steigende Leistungsbilanzüberschüsse aufweist, dann lebt dieses Land einerseits unter seinen Verhältnissen (es exportiert mehr, als es importiert, produziert also mehr, als es selbst verbraucht). Andererseits nimmt dieses Land seinen Nachbarländern in der Region Wachstum weg (seine Außenbeiträge tragen positiv zum BIP-Wachstum bei, in den anderen Ländern ist es umgekehrt) und exportiert damit einen Teil seiner Arbeitslosigkeit. (Dabei ist es unerheblich, ob ein beachtlicher Teil des Außenbeitrags des großen Überschusslandes mit dem Rest der Welt außerhalb der Region oder innerhalb der Region erzielt wird. Denn sofern der Außenbeitrag der gesamten Region nahezu ausgeglichen ist, machen die anderen Länder entsprechend Defizite mit dem Rest der Welt. Das heißt, das Überschussland macht seinen Nachbarländern auf Drittmärkten so starke Konkurrenz, dass die dort nicht reüssieren und zu einem ausgeglichenen Außenhandel gelangen können.)

Die Länder in der Währungsunion, die Leistungsbilanzdefizite aufweisen, leben über ihren Verhältnissen (sie konsumieren mehr, als sie produzieren). Jedes Leistungsbilanzdefizit bedeutet aber neue Schulden, weil ein Teil der Importe ja nur auf Pump gekauft werden kann. Denn man hat selbst nichts im gleichen Umfang produziert, das man gegen den Gesamtwert der Importe hätte tauschen können. Werden die Schulden der Defizitländer zum Problem (etwa weil die Mehrheit der Kapitalmarktteilnehmer erkennt, dass die Auslandsschulden mangels Wettbewerbsfähigkeit der Defizitländer nicht mehr bedient werden können), müssen die Defizitländer früher oder später ihre Neuverschuldung verringern oder ihre Schulden gar abbauen. Das geht aber logischerweise nur über sinkende Leistungsbilanzdefizite bzw. Leistungsbilanzüberschüsse. Wenn die Region ihre Überschüsse gegenüber dem Rest der Welt nicht beliebig ausweiten kann, bedeutet das wiederum (immer noch reine Logik), dass das Überschussland seine Überschüsse verringern muss oder sogar Defizite hinnehmen muss. Ja, und Defizite, lieber Deutschlandfunk, das bedeutet nun mal, wie oben schon gesagt, über den Verhältnissen leben, denn man muss ja mehr ausgeben, als man selbst einnimmt.

Wie weit muss ein Sender (und ein Land) von der Bereitschaft entfernt sein, sich offen mit einem entscheidenden Punkt seiner Wirtschaftspolitik auseinanderzusetzen, wenn einfache logische Zusammenhänge, die kein vernünftiger Mensch auf der ganzen Welt bestreiten würde (siehe oben), satirisch behandelt werden? Ist das die letzte Form, sich vor der Logik drücken und auf Beifall vom Publikum hoffen zu können?

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