Archiv flassbeck-economics | 09.07.2015 (editiert am 25.05.2016)

Die Gesellschaft marktkonform organisieren? – Wie eine Wahnvorstellung in die Welt gesetzt wurde

Hinter dem Streit um die „Strukturreformen in den Eurostaaten“ steht die Frage, ob man eine Gesellschaft marktkonform organisieren kann, indem man die Arbeitsmärkte nach den Bedürfnissen der Unternehmen flexibilisiert, die Bildung in den Dienst der Wettbewerbsfähigkeit stellt, Arbeitsmobilität nicht nur fördert, sondern gar erzwingt, den Sozialstaat abbaut, um Ressourcen für den Export zu schaffen, und indem man auch die eigene Währung zwecks Exportförderung schwächt. Und klar: Umweltschutz ist zwar gut, darf aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht antasten, denn ohne die ist alles nichts.

Sechs Jahre Austerität in Europa haben die Frage beantwortet: Der Versuch, die „Wettbewerbsfähigkeit“ zur obersten Maxime der Wirtschaftspolitik zu machen, ist grandios gescheitert. Wir haben all dies auf flassbeck-economics.de immer wieder ausführlich dokumentiert. Hier wollen wir der ideengeschichtlichen Frage nachgehen, wie sich die abstruse Idee, die Gesellschaft marktkonform zu organisieren, in den Köpfen festsetzen konnte, und warum man die Gefährlichkeit schon von vorneherein hätte erkennen müssen, nämlich bevor in Deutschland zum Zweck der Exportförderung ein Niedriglohnsektor eingerichtet und ein Subproletariat etabliert wurde, und bevor Griechenland in Rezession und Chaos versinken musste.

Der Markt ist eine relativ neue Organisationsform. 999 von 1000 Generationen von Menschen haben ohne Markt überlebt und auch in modernen Gesellschaften wird nur eine Minderheit der Bedürfnisse über den Markt gedeckt. Die meisten produktiven sozialen Interaktionen spielen sich weiterhin in Hierarchien ab, in Familien, Sippen, Nachbarschaften und in Völkern. Auch Unternehmen sind hierarchisch strukturiert.

Deshalb hat der Markt in den Anfängen des ökonomischen Denkens keine wichtige Rolle gespielt. Das Wort Ökonomie kommt vom griechischen Oikos und meint Hausgemeinschaft. Der griechische Philosoph Aristoteles gilt als Urvater der Ökonomie, die für ihn aber bloss eine Unterabteilung der politischen Philosophie und der Staatskunde war. Ziel der Ökonomie war das gute Leben, das wiederum vor allem als eine Frage der guten Organisation von Familienverband (oikos), Dorf und Staat verstanden wurde. Der Begriff der Arbeitsteilung kommt zwar bei Aristoteles vor, aber sie wird nicht durch den Markt organisiert, sondern durch die Dorfgemeinschaft. „Mehrere Haushalte ergeben ein Dorf, in dem Arbeitsteilung eine bessere Versorgung ermöglicht.“

Erst etwa 2000 Jahre später, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat sich ein neuer Begriff des Ökonomischen durchgesetzt. Auslöser dieses Bedeutungswandels war Adam Smith, der mit seiner berühmten Nadelfabrik die Vorteile einer für damalige Verhältnisse extremen, durch Markt und Geldwirtschaft vermittelten Arbeitsteilung herausgearbeitet hat. Mit David Ricardo geriet dann auch die grenzüberschreitende Arbeitsteilung ins Blickfeld der Ökonomen. Sie waren von dieser Idee so fasziniert, dass sich die Ökonomie immer mehr auf das Funktionieren des Marktes beschränkt hat. „Begriff des Ökonomischen“, so der Zürcher Wirtschaftsethiker Hans Ruh in seiner Abschiedsvorlesung, „wird zum Inbegriff der auf dem Markt sich vollziehenden Regelungen von Angebot und Nachfrage.“ Das effiziente Funktionieren des Marktes wird zum Hauptziel der Ökonomie und das gute Leben wird auf eine optimale Versorgung mit käuflichen Waren und Dienstleistungen reduziert.

Adam Smith, der ja auch Moralphilosoph war, hätte diese Entwicklung nicht gefallen. Auch Abraham Maslow versuchte in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, das ökonomische Denken wieder auf eine breitere Grundlage zu stellen. Er stellte eine Hierarchie der Bedürfnisse auf – physiologische Bedürfnisse, Sicherheit, soziale und individuelle Bedürfnisse, Selbstverwirklichung. Sein Versuch, den relativen Wert dieser Bedürfnisse zu quantifizieren und daraus eine Art Gebrauchsanweisung für das gute Leben zu schaffen, scheiterte jedoch kläglich. Dennoch könnten die modernen Ökonomen von Maslow etwas Wichtiges lernen, nämlich, dass es auf die Bedürfnisse ankommt, nicht bloss auf die (monetäre) Nachfrage.

Bevor man sich um die weitere Vervollkommnung der Marktmechanismen kümmert, müsste man erst einmal klären, auf welchen Feldern der Markt (die Arbeitsteilung) denn besser als andere soziale Institutionen geeignet ist, das gute Leben zu fördern. Traut man sich, diese Frage überhaupt erst einmal zu stellen, schrumpft der „Marktanteil“ des Marktes ganz gewaltig.

Grundsätzlich eignet sich der reine Markt nur für individuell konsumierbare Güter und Dienstleistungen und zwar auch nur, sofern diese aus den laufenden Einnahmen bezahlt werden können. Grössere Gesundheits- oder Bildungsausgaben sowie die Altersvorsorge werden mit Vorteil kollektiv finanziert. Dasselbe gilt natürlich auch für die eigentlichen Kollektivgüter wie innere und äussere Sicherheit, Verkehrsnetze, Justizwesen, Verwaltung usw. Über den Daumen gepeilt werden nur gut 50 Prozent der im BIP enthaltenen Leistungen über den Marktmechanismus sowohl bereitgestellt als auch verteilt.

Dabei misst auch das BIP noch nicht einmal die Hälfte aller Nutzen stiftenden Tätigkeit. Dienstleistungen an Säuglingen und Kindern, von der Zeugung über Schwangerschaft, Geburt, Stillen bis hin zur Gutenachtgeschichte werden noch immer überwiegend geldlos im Familienverband erbracht, obwohl sich auch hier ein Markt herausbildet. Und trotz des Booms der Unterhaltungsindustrie beruht das meiste Amüsement immer noch auf Gegenseitigkeit, etwa bei einem gemütlichen Jazzabend, Wanderungen, Tanzveranstaltungen usw. Gemessen an der Zahl der geleisteten Stunden übertrifft die unbezahlte Arbeit die bezahlte bei weitem. Das Schweizer Bundesamt für Statistik etwa beziffert das Zeitvolumen für unbezahlte Arbeit auf 8,7 Milliarden Stunden gegenüber 7,8 Milliarden für die bezahlte Arbeit.

Die Institution des Marktes spielt also bei der Befriedigung unserer Bedürfnisse bloss eine Nebenrolle, die sich zudem weitgehend auf den unteren Teil der Maslow’schen Bedürfnispyramide beschränkt. Sein komparativer Vorteil liegt darin, dass er eine extreme Arbeitsteilung ermöglicht. Diese Spezialisierung erhöht zwar die Produktivität, aber um den Preis einer extremen Abhängigkeit von der Bereitschaft aller, in großer Anonymität (und oft auch in großer Eintönigkeit) Dinge zu tun, die für sich genommen, keinen Sinn ergeben. Gerade die Arbeitsteilung braucht einen funktionierenden Staat (und zunehmende Arbeitsteilung immer mehr Staat), weil der einzelne vollkommen abhängig wird vom Funktionieren dieser mit Hilfe des Staates organisierten Arbeitsteilung, denn er kann sich gar nicht mehr autark versorgen, wie das früher noch der Fall war.

Deswegen, und das wird überhaupt nicht verstanden, muss der Staat auch dafür sorgen, dass die Leistungen, die der einzelne für die Leistungen anderer bezahlen muss, für ihn erschwinglich bleiben. Was nichts anderes heißt, als das man von den Erträgen seiner Arbeit vernünftig leben können muss, weil sonst die Arbeitsteilung einfach sinnlos wird. Der Staat muss also die Garantie dafür übernehmen, dass alle, die an der Arbeitsteilung teilnehmen, an den Ergebnissen der Arbeitsteilung, also am Produktivitätsfortschritt, voll beteiligt werden. Ich lasse mich ja nur auf die Arbeitsteilung ein, wenn ich erwarten kann, dass sie auch mir etwas einbringt. Glaube ich das nicht oder wird meine Erwartung immer wieder enttäuscht, kann ich mich auch zurückziehen und wieder autark (wenngleich ineffizient) wirtschaften.

Aus der Optik der aristotelischen Ökonomie wäre ferner zu berücksichtigen, dass die Haus- und Familiengemeinschaft (Oikos) einerseits und das marktwirtschaftliche Unternehmen andererseits um dieselben zeitlichen Ressourcen konkurrieren. Das Familienleben braucht aber Planbarkeit, Rhythmus, feste Abläufe. Mit noch flexibleren Arbeitsmärkten kann zwar vielleicht die Versorgung mit handelbaren Gütern marginal verbessert werden, doch dem stehen hohe potenzielle Verluste im oberen Teil der Bedürfnispyramide gegenüber.

Kann man das quantifizieren, in Formeln fassen oder in einen Index giessen? Nein, das kann man nicht, aber man kann darüber nachdenken, wozu es führt, wenn man Ökonomie auf das reduziert, was vom Markt beziffert und gleichnamig gemacht wird.

 

 

 

 

 

 

 

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