Die SZ-Wirtschaftsredaktion, die Henne und das Ei

Die Süddeutsche Zeitung bemüht sich um Offenheit. Mehr und mehr werden Artikel publiziert, in denen man immerhin erkennen kann, dass es unterschiedliche Meinungen in dieser Welt gibt. So hat Ulrich Schäfer gerade festgestellt, dass es andere Ökonomen als Hans-Werner Sinn aus München gibt, und sogar solche, die der deutschen Politik extrem kritisch gegenüberstehen (hier) – Gratulation. Man hat Thomas Fricke eingeladen, jede Woche einmal eine unorthodoxe Meinung kundzutun, auch dafür herzlichen Glückwunsch. Schließlich sind sogar hartgesottene Redakteure mehr und mehr darauf aus, dem verwunderten Leser nahezubringen, dass es unterschiedliche Sichtweisen der Ökonomen gibt. Claus Hulverscheidt und Alexander Hagelüken (hier) stellen Ökonomen mit unterschiedlicher Sicht auf die Wirtschaft dar und bemühen sich, die Unterschiede zu erklären – bravo!

Dass das mit dem Erklären noch nicht so ganz gelingt, ist nach langer Abstinenz in Sachen Offenheit normal, und wir wollen das auch nicht kritisieren. Wir wollen aber einmal zeigen, wie man die Unterschiede auch aufschreiben könnte. In dem Artikel von Hulverscheid und Hagelüken heißt es: „Im Grunde geht es in dem Streit zwischen der Bundesregierung und ihren US-Kritikern um die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Während Merkel und Schäuble der Meinung sind, dass gesunde Staatsfinanzen die Voraussetzung für dauerhaftes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum sind, sehen es die Volkswirte genau anders herum: Für sie muss zunächst Wachstum da sein, notfalls auch solches, das vom Staat auf Pump finanziert ist. Erst dann – und nur dann – kann die Sanierung des Haushalts gelingen, ohne dass es zunächst zu einem massiven Konjunktureinbruch und Massenarbeitslosigkeit kommt. Wer recht hat in dem Streit, ist eine Glaubensfrage, die Diskussion dreht sich seit Jahren im Kreis.“

Nicht schlecht für den Anfang, aber noch nicht ganz optimal. Henne und Ei ist ein beliebtes Bild, wenn man sich nicht entscheiden kann und will, womit etwas angefangen hat, aber es trifft den Kern der Dinge in diesem Fall gerade nicht (das hat, mit mehr Bezug auf die Wissenschaft, vergangene Woche auch Günther Grunert hier erklärt).

In der Tat, kein vernünftiger Mensch und Volkswirt hat etwas gegen gesunde Staatsfinanzen. Wenn, wie das in den sechziger Jahren in Deutschland der Fall war, die Unternehmen auf Teufel komm raus investieren und sich dafür verschulden, kann sich der Staat in der Tat zurückhalten, weil für die Einkommensdynamik einer solchen Volkswirtschaft in der Regel genug getan ist. Die privaten Haushalte werden dann aus dem empfangenen Einkommen per Saldo etwas sparen. Die Rechnung geht für alle Beteiligten auf, ohne dass sich der Staat und/oder das Ausland dauernd verschulden müssen.

Nur, was ist, wenn die Unternehmen diese Rolle des Schuldners nicht mehr spielen? Wer treibt die Wirtschaft voran, wenn die Unternehmen ebenfalls zu sparen versuchen, wie das seit über zehn Jahren in Deutschland der Fall ist? Es können nämlich nicht alle Sektoren einer Volkswirtschaft per Saldo sparen. Denn die Ersparnisse können nur erhalten (und erst recht nur dann mit Zinsen bedient) werden, wenn sie von jemandem produktiv verwendet (und obendrein vermehrt) werden. Das ist keine Frage von Henne und Ei, also der Reihenfolge von Sparen und Investieren, sondern zunächst einmal nur eine Frage der Logik, nämlich der Saldenmechanik, und daher mitnichten eine Glaubensfrage, wie die beiden SZ-Autoren meinen.

Die Sache mit der Reihenfolge (erst Investieren, dann Sparen) spielt dann noch eine ganz zentrale Rolle, wenn man den dynamischen Ablauf einer Marktwirtschaft wirklich verstehen will. Aber es wäre schon einiges gewonnen, wenn man sich nicht mehr dauernd über den sehr viel simpleren Zusammenhang auf der rein logischen (saldenmechanischen) Ebene streiten müsste. Der wird aber in aller Regel mit den Fragen der Dynamik vermischt, so dass am Ende konfuses Zeug dabei herauskommt: Da braucht es „Vertrauen“, damit investiert wird, auf alle Fälle aber keine „Schulden“, nichts „auf Pump“.

Eine sorgfältige Unterscheidung, ob „Schulden“ ganz allgemein abgelehnt werden (was im Zusammenhang mit Wachstum einer monetären Marktwirtschaft einfach falsch ist) oder ob man „nur“ keine Neuverschuldung des Staates, also eines speziellen Sektors, haben möchte, wird meist unterlassen. Auf diese Weise bleibt die Frage nach der logischen Konsistenz der Argumentation in Sachen „Wachstum dank gesunder Staatsfinanzen oder gesunde Staatsfinanzen dank Wachstum“ unbeantwortet bzw. sie wird erst gar nicht gestellt und der Leser wähnt sich bereits in der Abteilung „Glaubensfrage“, in der es Henne-Ei-Diskussionen zu führen gälte. Der entscheidende Punkt ist eben nicht die Reihenfolge von Wachstum und Staatsfinanzen, sondern die Sicht auf den Gesamtzusammenhang, in dem alle Sektoren vorkommen müssen.

Wer den gedanklichen Horizont zu eng zieht, also bewusst oder unbewusst wesentliche Teile der Wirtschaft ausblendet, wird in Sachen Makroökonomie schnell auf vermeintliche Glaubensansichten stoßen, ohne zu merken, dass er längst nicht mehr die relevanten Fragen stellt. Bestes Beispiel ist Deutschland vor und in der Eurokrise. Der zu enge gedankliche Horizont bestand darin, sich Anfang der 2000er Jahre auf den deutschen Arbeitsmarkt zu konzentrieren und ihn mittels Lohnmoderation reparieren zu wollen. Als dies (übrigens erst) nach einigen Jahren gelang, glaubten die Politiker, endlich den Stein der Weisen (in Form der Agenda 2010) gefunden zu haben. Man behielt den zu engen Horizont bei und weigerte sich, über den deutschen Tellerrand zu schauen, d.h. die zunehmende Verschuldung des Auslands bei uns in Beziehung zu unserer Lohn- und Arbeitsmarktentwicklung zu setzen und darin ein Problem zu erkennen.

Stattdessen empfahl man den vermeintlichen Stein der Weisen weiter, ja man zwang ihn den Europartnerländern auf, die im Zuge der Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten waren. Und nun wundert man sich allenthalben, dass nicht bei allen anderen wieder funktionieren will, was in Deutschland doch so gut funktioniert zu haben schien. Man sucht die Schuld bei der andernorts nicht hartnäckig genug durchgeführten Anwendung des Steins der Weisen, man sucht sie bei der Dauer seiner Anwendung, man sucht sie in Henne-Ei-Überlegungen, die man zu Glaubensfragen erklärt. Aber man kommt nicht darauf, dass es an dem von vornherein zu kleinen Ausschnitt liegt, den man betrachtet hat, als man die gewählte deutsche Wirtschaftspolitik für erfolgreich erklärte.

Um die Perspektive nicht ändern zu müssen, werden die Entwicklungen in Spanien, Portugal und Irland als Erfolg dargestellt, obwohl die dort inzwischen herrschende Arbeitslosigkeit die in Deutschland zu Beginn der Agenda 2010 vorliegende weit übersteigt. Auch die Frage, welche Folgen das empfohlene Rezept noch zeitigen könnte, wenn es von den beiden großen Volkswirtschaften Frankreich und Italien tatsächlich angewendet wird, bleibt ungestellt. Denn man betrachtet nach wie vor lieber jedes Land für sich und ohne die saldenmechanische Rückwirkung der Verschuldung bzw. der Ersparnisbildung.

Wir haben zur jüngsten Entwicklung der Salden der Wirtschaftssektoren, also ihrer Verschuldungssituation, vor einiger Zeit geschrieben: „Mit der Jahrtausendwende und dem Beginn der Europäischen Währungsunion (EWU) ergab sich wiederum eine grundlegende und bis heute anhaltende Verschiebung der Salden. Mehr als jemals zuvor richtete sich die deutsche Wirtschaft darauf ein, dass das Ausland den Defizitpart [also den Schuldenpart] übernimmt. Die von der Rot-Grünen Regierung orchestrierte Lohnmoderation führte zu einer Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, die vor allem innerhalb der EWU zum Tragen kam.

Damit manövrierte Deutschland die ganze Währungsunion in die Sackgasse, weil eine gewaltige Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den wichtigsten Mitgliedsländern entstand. Mit über sieben Prozent Leistungsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr und einer selbst von der Bundesregierung erwarteten nochmaligen Vergrößerung dieses Überschusses in diesem Jahr hat sich Deutschland offenbar endgültig von der Vorstellung verabschiedet, wieder eine normale Marktwirtschaft zu werden. …

Schließt man aus, dass es gelingen könnte, die deutschen privaten Haushalte dazu zu bewegen, auf Sparversuche ganz zu verzichten, oder sie gar zu Schuldnern zu machen, würde ein positiver Saldo des Auslandes (also eine Rückzahlung seiner Schulden an Deutschland) zwingend bedeuten, dass der Staat und die Unternehmen den Gegenposten zu diesen beiden Ersparnisblöcken übernehmen, also die Nettoschuldenlast tragen.

Bleibt die Sparquote der privaten Haushalte trotz Nullzinsen etwa so hoch, wie sie derzeit ist, wird die Aufgabe für den Staat und die Unternehmen bei ausländischem Nettosparen schon gewaltig. Würde sich der Staat obendrein auf die in der Verfassung verankerte Schuldenbremse zurückziehen, drohte Deutschland ein wirtschaftlicher Kollaps, der den Staat letzten Endes quasi automatisch wieder in die Schuldnerrolle manövriert (nämlich über die wegbrechenden Einnahmen im Steuerbereich und bei den Sozialversicherungen einerseits und über die hoch schießenden Ausgaben für Arbeitslosigkeit andererseits).

Dass man die deutschen Unternehmen ohne eine „Kulturrevolution“ wieder in die Schuldnerrolle zurückdrängen kann, ist sehr unwahrscheinlich. Man müsste den deutschen Unternehmen via höhere Löhne und via höhere Steuern deutlich geringere Gewinne zumuten und sie gleichzeitig dazu bewegen, mehr zu investieren. Das ist nur über sehr lange Zeiträume realistisch, in denen die Unternehmen wieder lernen, dass man in einer Marktwirtschaft nicht schon Gewinne macht, weil man ein Unternehmen ist, sondern erst dann, wenn man in neue Produkte und Produktionsverfahren investiert.

Folglich bleibt für die absehbare Zukunft, sagen wir die nächste Dekade, nur der Staat als Schuldner of last resort. Je länger die dogmatische Weigerung in Deutschland anhält, über dieses Problem auch nur nachzudenken, desto größer wird der Schock sein, der den Staat genau dazu zwingt. Nach jetzigem Ermessen wird es der Schock des Zerbrechens der Eurozone sein, der allen vor Augen führen wird, dass eine Konstellation, die aus der Logik der Sache heraus nicht haltbar ist, irgendwann in sich zusammenbricht. Wer den heutigen Schuldnern im Ausland sagt, dass sie nicht wie bisher weitermachen können, hat den Kern der Sache angesprochen. In der Regel hat derjenige aber nicht verstanden, welche gravierenden Konsequenzen das für die Gläubiger hat.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Man sieht, das Bild von Henne und Ei ist ein wenig zu schlicht, um das Problem adäquat zu beschreiben. Aber mit der Darstellung unterschiedlicher Positionen ist ein Anfang gemacht, den die SZ nutzen kann, um ihren Lesern auch die etwas komplexeren Zusammenhänge zuzumuten.

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