Archiv flassbeck-economics | 15.07.2015 (editiert am 25.05.2016)

Europäische Konjunktur weiterhin nahe der Stagnation – Teil 1

Auch im Mai sind keine Impulse für die europäische Konjunktur zu beobachten, die ein anderes Gesamtbild als Stagnation vermitteln würden. Zwar sind hie und da leichte Aufwärtsbewegungen zu beobachten, von einem Aufschwung kann aber nicht die Rede sein.

Deutschland befindet sich, gemessen am gesamten Auftragseingang in der Industrie (die rote Linie in Abbildung 1), nach einem Rückgang und einem langen und mühevollen Aufstieg wieder genau auf dem Höchstwert, der schon im Mai 2011 erreicht worden war. Das sind also genau vier Jahre, in denen sich in Sachen Wachstum praktisch nichts getan hat. Der Ausweis des wirtschaftspolitischen Versagens könnte nicht größer sein. Dennoch wird weiter in der Politik, in den Medien und in Teilen der sogenannten Wissenschaft an der Mär gestrickt, Deutschland mache alles richtig und stehe blendend da.

Abbildung 1

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Nimmt man die jüngste Entwicklung des ifo-Index mit hinzu, muss man sogar daran zweifeln, dass diese Stagnation überhaupt gehalten werden kann (Abbildung 2). Der Indikator ist nun schon wieder zwei Monate in Folge gefallen (wir hatten hier schon darüber berichtet), so dass es durchaus möglich ist, dass es wie schon im vergangenen Jahr erneut einen Rückschlag gibt.

Abbildung 2

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Blickt man auf den Auftragseingang aus dem europäischen Ausland und dem Rest der Welt (vgl. Abbildung 3), zeigt sich bei letzterem eine Tendenz zur Stagnation. In den jüngsten Daten zum deutschen Außenhandel vom Mai ist das noch nicht angekommen. Doch gehen die Schwellenländer durch eine ausgeprägte Schwächephase, was die deutschen Ausfuhren dorthin beeinträchtigen wird. Dabei dürfte das Platzen der hausgemachten Börsenblase in China noch nicht einmal in den jüngsten Daten zum Auftragseingang aus dem nicht-europäischen Ausland enthalten sein. Da auch die USA schwächeln und von Europa weiterhin kein Schwung zu erwarten ist (von dem unsäglichen Hickhack um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone, das private Investoren wie Verbraucher mehr denn je den Atem anhalten lassen dürfte statt sie zu wirtschaftlicher Aktivität zu ermutigen, ganz zu schweigen), kann der Außenhandel diesmal nicht der entscheidende Mechanismus sein, den Deutschland regelmäßig anzuwenden versucht, um sich wenigstens ein bisschen Wachstum zu verschaffen.

Abbildung 3

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Schaut man auf die Industrieproduktion des Euroraums insgesamt (den zeitnäheren Indikator ‚Auftragseingänge‘ gibt es leider nicht), ist das Bild nicht besser. Die Produktion in dem für die Konjunktur entscheidenden Bereich, der Industrie, hat hier noch nicht einmal den Wert erreicht, der im Frühjahr 2011 den letzten Hochpunkt markierte( Abbildung 4).

Abbildung 4

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Nimmt man die Aussage des deutschen Finanzministers vom September 2011 zum Maßstab, dass Austerität die einzig mögliche Kur für Europa sei, muss man konstatieren, dass diese Kur nicht angeschlagen hat, ja, dass sie vollständig gescheitert ist. Sie ist in allen großen Ländern gescheitert und nur wenige kleine Länder haben sich von diesem hausgemachten Stagnationsprogramm loseisen können. Italien und Frankreich bewegen sich weiterhin auf extrem niedrigem Niveau, auch wenn sich Italien im Schneckentempo minimal nach oben schiebt. Italien liegt jedoch immer noch ganz nahe am Tiefpunkt in der jüngeren Entwicklung, nämlich dem von 2009. Frankreich seinerseits befindet sich noch unter dem Hochpunkt von 2011.

Für Spanien und Portugal sind nach dem extremen Absturz 2009 und dem fortgesetzten Einbruch zwischen Anfang 2011 und Anfang 2013 die Werte von 2011 noch nicht wieder erreicht (vgl. Abbildung 5). Portugal hat zwar zuletzt ein wenig an Boden gut gemacht, doch die Entwicklung scheint einigermaßen volatil zu sein. Spanien weist eine etwas kontinuierlichere, aber eben sehr geringe Belebung der Industrieproduktion auf. Auch hier ist die häufig verbreitete Botschaft, die „Reformen“ hätten gegriffen und zeigten positive Wirkung, durch nichts zu rechtfertigen. Schwer abgestürzt ist schon im Mai die Produktion in Griechenland. Wenn man sich vorstellt, dass das noch vor den Kapitalverkehrskontrollen eingetreten ist, muss man davon ausgehen, dass der Sommer eine wirklich katastrophale Entwicklung mit sich gebracht hat. (Wie man vor diesem Hintergrund irgendwelche Primärüberschüsse oder Steuereinnahmen in der näheren und ferneren Zukunft zur Grundlage von Verhandlungen im Schuldenstreit mit Griechenland machen will, bleibt ein Rätsel der „Institutionen“ und wird noch für viel Ärger sorgen.)

Abbildung 5

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Auch in Deutschlands kleinen Nachbarländern ist die Situation sehr schwierig (vgl. Abbildung 6). In den Niederlanden ist die Produktion im Mai geradezu weggebrochen. Aber auch Belgien und Österreich können sich nicht aus der Stagnation befreien.

Abbildung 6

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Das Gleiche gilt für Nordeuropa (vgl. Abbildung 7). Finnland, eines der „Musterländer“ der Reformadvokaten und politisch ein enger Verbündeter Deutschlands, befindet sich auf einem scheinbar unaufhaltsamen Weg tiefer in die Krise. Die Industrieproduktion liegt mittlerweile unter dem Krisenniveau von 2009. Dänemark und Norwegen stagnieren bestenfalls. Ob die leichte Erholung, die sich in Schweden seit einigen Monaten abzeichnete, von Dauer sein wird, ist ausweislich der jüngsten Daten und in dem besagten Umfeld seiner Nachbarn ungewiss.

Abbildung 7

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Auch im Baltikum, das vielen als vorbildlich in Sachen Anpassungsleistung nach der globalen Finanzkrise gilt, haben Estland und Litauen seit Mitte 2014 nicht viel mehr als Stagnation zu bieten (vgl. Abbildung 8). Das ist für Länder auf diesem Entwicklungsniveau und mit so vielen ausländischen Direktinvestitionen extrem enttäuschend. Nur in Lettland hat es seit Jahresbeginn einen regelrechten Niveausprung nach oben gegeben, der sich aber nicht ungebremst fortzusetzen scheint.

Abbildung 8

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Im Vergleich dazu erscheinen einige mitteleuropäische Länder immer noch einigermaßen erfolgreich mit ihrer Industrieproduktion (vgl. Abbildung 9). Die Slowakei, Polen, Tschechien und vor allem Ungarn schaffen es, sich in einem schwierigen Umfeld zu behaupten, auch wenn die Daten der letzten Monate insgesamt eher eine konjunkturelle Abflachung als eine Verstärkung des Wachstums signalisieren.

Abbildung 9

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Auch Rumänien (vgl. Abbildung 10) passt noch halbwegs in diese Gruppe aufholender Staaten, während die Industrieproduktion in Bulgarien und Kroatien im Großen und Ganzen seit Jahren ähnlich stagniert, wie das in Slowenien der Fall war. Erst seit Ende 2014 konnte sich Slowenien wieder der etwas positiveren Entwicklung der zuerst genannten Gruppe osteuropäischer Staaten anschließen. Warum das so ist, wollen wir in den nächsten Tagen noch einmal gesondert anschauen.

Abbildung 10

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Weil zur Zeit viel über die Wachstumserfolge kleiner europäischer Länder gesprochen wird, haben wir auch solche Länder einmal dargestellt (vgl. Abbildung 11). Dabei zeigt sich, dass Irland, dessen industrielle Entwicklung vor der globalen Finanzkrise sehr verhalten war, seit Mitte 2013 einen großen Sprung nach oben gemacht hat.

Abbildung 11

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Das hat sicher mit dem enormen Ausmaß an ausländischen Firmen zu tun, die nach der Krise in Irland und den damals erfolgten Lohnkürzungen wieder mehr Produktion dorthin zurückverlagert haben dürften. Dass Irland wegen seiner extrem hohen Exportquote ein (vermutlich auch steuerrechtlich bedingter) Sonderfall ist und sich kaum für Vergleiche mit Südeuropa eignet, haben wir hier gezeigt. Malta dümpelt vor sich hin.

In ihrer Regierungserklärung vom 18. Juni hat Bundeskanzlerin Angela Merkel behauptet, „[a]uch Zypern ist auf einem guten Weg.“ Wie sie angesichts der hier präsentierten Daten zu dieser Ansicht kommt, bleibt ihr Geheimnis. Eine Ermutigung für andere Landstriche in Europa, die sich Kapitalverkehrskontrollen ausgesetzt sehen, geht jedenfalls vom Beispiel Zypern mit Sicherheit nicht aus.

Im zweiten Teil zeigen wir wie es bei der Bauproduktion, im Einzelhandel, bei der Arbeitslosigkeit und bei den Preisen in Deutschland und Europa weitergegangen ist und ziehen aus dem Befund wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen.

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