Europäische Konjunktur weiterhin nahe der Stagnation – Teil 2

Die anhaltende Schwäche der Bauproduktion in Europa ist in mancher Hinsicht das beste Zeichen dafür, dass bei der wirtschaftspolitischen Steuerung des Kontinents etwas grundlegend schiefläuft. Für die EWU insgesamt liegt das Niveau der Bauproduktion jetzt schon fast zwei Jahre um etwa 30 Prozent unter dem Niveau, das 2007 und 2008 erreicht worden war (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1

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Wenn die Bauproduktion selbst bei Nullzinsen nicht von diesem niedrigen Niveau abhebt, kann man daraus nur schließen, dass die Einkommenserwartungen der meisten Menschen und die Gewinnerwartungen der meisten Unternehmen in Europa so schlecht sind, dass noch so günstige Finanzierungsbedingungen keine Rolle mehr spielen bei der Entscheidung, ob Wohnungen oder Fabrikhallen gebaut werden sollen. Der Pessimismus lässt sich offenbar nicht mehr durch geldpolitische Maßnahmen aufwiegen.

Europa hat mit der Austeritätspolitik und dem Versuch, sich mit Deflation und mit Lohnkürzungen aus der Krise zu kämpfen, ein fast unlösbares Problem geschaffen. Die Löhne und Einkommen bleiben gedrückt, weil ein Teil der Politik(er) das will, während der andere Teil, die Geldpolitik(er), mit allen Mitteln versucht, genau diese deflationäre Falle zu überwinden.

Naturgemäß noch schlechter sieht es in Südeuropa aus, denn dort war das Zentrum der Krisenbekämpfung mit den falschen Mitteln (vgl. Abbildung 2). Selbst in Spanien ist die kleine Aufwärtsbewegung in Stagnation gemündet. In Portugal stagniert der Bau ohne jede zwischenzeitliche Erholung seit über einem Jahr auf einem historischen Tiefpunkt, und auch in Italien ist bestenfalls Stagnation erreicht.

Abbildung 2

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Der einzige Bereich, wo sich eine Aufwärtsentwicklung etabliert zu haben scheint, ist der Einzelhandel (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3

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Nachdem Italien hier auch eine Wende gesehen hat und in Deutschland die reale Einkommensverbesserung sofort auf die Einzelhandelsumsätze durchgeschlagen hat, bringt das – zusammen mit der seit 2009 stabil aufwärtsgerichteten französischen Entwicklung – für die EWU insgesamt immerhin eine Rückkehr zu dem Niveau, das 2010 erreicht worden war.

Das ganze Ausmaß der Fehlleistungen der europäischen Wirtschaftspolitik zeigt sich bei einem Vergleich der Entwicklung der Arbeitslosigkeit mit den USA (vgl. Abbildung 4). Natürlich darf man diese offiziell gemessenen Zahlen nicht überinterpretieren, aber der Verlauf der Quoten diesseits und jenseits des Atlantik zeigt doch in aller Deutlichkeit, dass Europa unter deutscher Führung kläglich versagt. Während die US-Quote auf ein Niveau gefallen ist, das doch schon sehr nah an den Ergebnissen der 2000er Jahre ist, hat sich Europa mit seiner Austeritätspolitik nach 2010 (der Einschnitt ist klar zu erkennen) aus der Gruppe der Länder verabschiedet, die verstehen, dass man eine wirtschaftliche Erholungsphase dazu nutzen muss, diejenigen so schnell wie möglich wieder in Lohn und Brot zu bringen, die während der Rezession arbeitslos geworden sind.

Abbildung 4

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Die jetzt schon absehbar lange Dauer der Arbeitslosigkeit vieler Menschen ist eine soziale Tragödie, für die selbstverständlich mehr und mehr Europa verantwortlich gemacht wird – mit allen politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben werden.

In einzelnen Ländern bleibt die Lage dramatisch, auch wenn – worauf wir immer hingewiesen haben – die offiziell gemessene Arbeitslosenquote mit der Zeit etwas sinkt. Das dürfte nämlich zum Teil daran liegen, dass viele Arbeitskräfte von der erfolglosen Suche nach Arbeit entmutigt sind und sich irgendwann nicht mehr bei den Arbeitsämtern melden. In Frankreich und Italien macht sich aber noch nicht einmal dieser Mechanismus in der amtlichen Statistik bemerkbar – dort ist kein Rückgang der offiziellen Arbeitslosenquote festzustellen (vgl. Abbildung 5).

Abbildung 5

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In Südeuropa dagegen gibt es den erwähnten Rückgang der Arbeitslosenquote von einem extrem hohen Niveau aus, der aber aus dem besagten Grund kein sehr zuverlässiger Beleg für eine tatsächliche Besserung der wirtschaftlichen Lage ist (vgl. Abbildung 6). Immerhin steigen die Beschäftigtenzahlen gemäß der jüngsten Daten von Eurostat (der letzte Wert bezieht sich auf das erste Quartal 2015) in Spanien (dort seit 4 Quartalen), Portugal (dort seit 6 Quartalen) und sogar in Griechenland (dort seit drei Quartalen) ein ganz klein wenig an. Ob diese Tendenz anhält und ob sich hinter diesen Zahlen mehr als nur extrem schlecht bezahlte Jobs verbergen, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Abbildung 6

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Wie schon im ersten Teil wollen wir heute auch hier einmal auf drei kleine Länder schauen, die sonst kaum erwähnt werden. In Malta, Zypern und Irland gibt es ganz unterschiedliche Bewegungen bei der Arbeitslosigkeit. Malta ist unauffällig und weist seit Jahren eine Quote zwischen sechs und sieben Prozent auf, die keine zyklischen Schwankungen zeigt (vgl. Abbildung 7).

Irland dagegen war von der globalen Finanzkrise heftig getroffen und hatte mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Seit 2012 hat sich aber, wie oben gezeigt, die wirtschaftliche Lage gebessert und die Arbeitslosigkeit ist von 15 Prozent auf zehn Prozent gesunken. Zypern geriet in der Eurokrise in ein heftiges Gewitter und wurde von den Gläubigern mit einer Konditionalität belegt, die ihresgleichen suchte (vgl. z. B. dieses Stück).

Abbildung 7

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Die Folge war ein tiefer Einbruch bei der Produktion und ein horrender Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit 2013 liegt das Niveau der Arbeitslosigkeit bei über 15 Prozent und das fast ohne jede Bewegung. Auch hier hat das von den Gläubigern verordnete Programm das Gegenteil dessen bewirkt, was es bewirken sollte.

Auch bei der Preisentwicklung in der EWU gibt es keinen Durchbruch zum Besseren (vgl. Abbildung 8).

Abbildung 8

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Die Nulllinie wird bei den Verbraucherpreisen nur minimal überschritten, von einer Rückkehr zur Normalität, nämlich einer Rate in der Nähe von zwei Prozent, kann nicht die Rede sein. Die Erzeugerpreise sind weiterhin auf dem Rückzug. Ohne die Energiepreise sieht das Niveau der Inflation zwar ein wenig besser aus, aber die gedrückte Tendenz und mit ihr die weiterhin klare Zielverfehlung sind nicht zu leugnen.

In der Diskussion über den Fall Griechenland wird mehr und mehr vergessen, dass ganz Europa auf eine andere Wirtschaftspolitik wartet. Der Fokus auf die staatlichen Schulden und der Versuch, Defizitziele des Staates um jeden Preis zu erreichen, sind zwar von der neuen EU-Kommission etwas gelockert worden, aber es gibt dennoch keine neue Strategie. Niemand ist in der Lage oder willens, die lähmende deutsche Führungsrolle in Europa in Frage zu stellen. So treibt der Kontinent auf eine Situation zu, in der sich die internationale Lage möglicherweise deutlich verschlechtert, Europa aber selbst keine Mittel in die Hand nehmen will, die geeignet sind, der eigenen Wirtschaft aus der Talsohle zu helfen. Bricht die Weltkonjunktur ein, droht Europa daher ein noch höherer Sockel an Arbeitslosigkeit.

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