„Ist meinem Index doch egal“- Aktuelles aus dem Wörterbuch der Marktteilnehmer

„Und was me no cha hoffen isch alei, dass si hemmige hei.“

Der Schweizer Mundartdichter Mani Matter hat Recht, Hemmungen, Gewissensbisse und Skrupel sind für ein gutes Zusammenleben unerlässlich. Deswegen muss man auch ein scharfes Auge auf alles haben, was Hemmungen abbaut. Das gilt besonders für den Sprachgebrauch: man kann die Realität immer auch so in Worte fassen und verkürzen, dass alles ausgeblendet wird, was das Herz einschalten und Gefühle wecken könnte –Arbeitslosigkeit, Armut, erzwungene Auswanderung, Menschen. Diese souveräne Wertneutralität erlangt man heutzutage am besten, wenn man die Welt durch die Brille der Kapitalmärkte sieht. Dazu braucht es zwar viel Übung, aber die haben wir inzwischen ja leider bis zum Abwinken. Wer das Weltgeschehen schon nur bei den Abendnachrichten am Bildschirm verfolgt, weiß, dass ein Vorkommnis erst dann zum berichtenswerten Ereignis wird, wenn es seinen Niederschlag am MARKT gefunden hat, weil es beispielweise einen Spread um ein paar Punkte nach oben verschoben hat. Politische Analyse besteht heute vor allem darin, im Kaffeesatz der Marktreaktionen zu lesen.

Auf diese Weise finden die Kommentatoren auch immer wieder mal heraus, dass ein angebliches Ereignis – wie etwa der wirtschaftliche und soziale Kollaps Griechenlands – eigentlich gar keines ist. Diese Erkenntnis verdanken wir Michael Rasch von der NZZ. Unter dem Titel „Wer hat Angst vor Griechenland“ erfahren wir zu unser aller Beruhigung, dass zwar „die neuesten Finten der unberechenbaren Athener Regierung die Aktienkurse schnell einmal um3 bis 5 Prozent schwanken lassen, doch aus heutiger Sicht besteht kaum die Gefahr eines Crashs oder einer systemischen Krise, wie sie nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers entstanden ist. Trotz der höheren Volatilität schauen viele Marktteilnehmer eher gelassen auf das Treiben in Athen und Brüssel.“

Diese Gelassenheit hängt offenbar auch damit zusammen, dass „fast zwei Drittel der Marktteilnehmer den Euro durch einen Grexit gestärkt sehen, wogegen ein fauler Kompromiss aus ihrer Warte den Euro schwächen würde.“ Anders als das Volks sind die Marktteilnehmer offenbar blitzschnell in der Lage „faule Kompromisse“ zu durchschauen und die richtigen Entscheide zu treffen. Und die Ansteckungsgefahr für andere dubiose Debitoren-Länder? Die liegt gemäß einer von Sentix durchgeführten Umfrage bei Marktteilnehmern auf einen „rekordtiefen Niveau“.

Und natürlich fehlt auch der bei solchen „Analysen“ unvermeidliche Hinweis auf den auf bloß 1,8 Prozent gesunkenen Anteil Griechenlands am BIP der Eurozone nicht. Deswegen „erachten viele Bankstrategen etwaige Kursverluste wegen negativer Meldungen über den Schuldenstreit eher als Kaufgelegenheit für riskante Wertpapiere wie Aktien.“ Fazit: „Für Europa könnte sich Griechenland immer mehr zum Non-Event entwickeln.“

Spätere Generationen werden sich wundern, mit welcher Gefühllosigkeit Vertreter der Gläubigerländer anfangs des 21. Jahrhunderts ein Schuldnerland kaputtgespart haben. Einige Zeitgenossen wundern sich heute schon. Bei der Ursachenforschung wird man zu ähnlichen Erkenntnissen kommen, wie nach dem 2. Weltkrieg der deutsche Politikwissenschaftler und Journalist Dolf Sternberger. Er schrieb 1957 das berühmte „Wörterbuch des Unmenschen“ in dem er den entmenschlichenden Sprachgebrauch der Nazis analysierte. Für die überfällige aktualisierte Neuauflage müsste man den Titel ein wenig abändern: „Das Wörterbuch des Marktteilnehmers.“

 

 

 

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