Kein deutscher Exportüberschuss mit dem Euroraum?

Ein Leser schickt uns eine alte Geschichte aus der FAZ, die ihm, wie er sagt, immer wieder vorgehalten wird, wenn er mit dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss argumentiert. Dort wird eine Graphik gebracht, die zeigen soll, dass Deutschland mit dem Euroraum für die Monate Januar bis November 2013 keinen Überschuss im Außenhandel mehr aufwies, was als Beleg dafür dienen soll, dass das mit den deutschen Handelsüberschüssen gar nicht so schlimm sein kann, und vor allem dafür, dass sie nichts mit der Eurokrise zu tun haben.

Wir nehmen das zum Anlass, die Fakten noch einmal zu referieren. Tatsächlich gibt es eine statistische Abgrenzung des Außenhandels, bei der im Jahr 2013 die Bilanz mit dem Euroraum ausgeglichen war. Es handelt sich dabei um den sogenannten Spezialhandel, der vom Statistischen Bundesamt ausgewiesen wird.

Für die Zahlungsbilanzstatistik ist in Deutschland aber die Deutsche Bundesbank zuständig, weil nur sie all die Fakten zur Verfügung hat, um die umfassende Rechnung anzustellen, die eine Zahlungsbilanzstatistik (die Zahlungsbilanz ist in der Tat eine Bilanz, weil Güterseite und Kapitalseite immer ausgeglichen sein müssen) erfordert. Im Waren- und Dienstleistungshandel, wie ihn die Bundesbank ausweist (wo der Spezialhandel ergänzt wird um die sogenannten „Ergänzungen zum Warenhandel“), gab es nie eine ausgeglichene Bilanz zwischen Deutschland und den übrigen Staaten des Euroraums.

Abbildung 1 zeigt zunächst die Leistungsbilanzsalden, die Deutschland seit 1991 gegenüber der Welt insgesamt hat, und zusätzlich die, die es gegenüber den anderen Staaten der EWU aufweist. Es wird deutlich, dass der Leistungsbilanzüberschuss mit dem Euroraum mit Beginn der globalen Krise im Jahr 2008 zu schrumpfen beginnt und sich bis 2014 gegenüber 2007 auf gut 50 Milliarden Euro halbiert hat. 2013 war mit 40 Milliarden Euro der Tiefpunkt, danach begann der Überschuss wieder zu steigen und die Zahlen für das erste Quartal 2015 weisen erneut eine Zunahmen gegenüber dem ersten Quartal 2014 auf (21 Mrd. Euro gegen 17 Mrd. Euro).

Abbildung 1

Bild 1 Handel

Abbildung 2 gibt den Warenhandel allein wider, also ohne die Übertragungsbilanz und die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen und auch ohne die Dienstleistungen. Das Muster in den letzten Jahren ist ganz ähnlich, der Saldo des Warenhandels sinkt von weit über 100 bis auf etwa 50 Mrd. Euro in den Jahren 2013 und 2014.

Abbildung 2

Bild 2 Handel

Abbildung 3 zeigt den Saldo der deutschen Waren- und Dienstleistungsbilanz in der Abgrenzung der Deutschen Bundesbank und hier sinkt der Überschuss noch etwas tiefer, nämlich bis auf 15 Mrd. im Jahr 2013, und steigt dann wieder leicht an. Auch hier gibt es im ersten Quartal 2015 eine Zunahme gegenüber dem ersten Quartal 2014. Von einem ausgeglichenen Außenhandel Deutschlands mit den Europartnerländern kann also keineswegs die Rede sein. Der Spezialhandel, auf den sich der besagte FAZ-Beitrag stützt, umfasst eben nur einen bestimmten Teil der warenmäßigen Handelsverflechtungen Deutschlands. Insbesondere die Importe Deutschlands aus dem Euroraum werden im Spezialhandel massiv überzeichnet – in der Monatsstatistik der Deutschen Bundesbank, die den Spezialhandel und die Ergänzungen zum Außenhandel erfasst (sog. Generalhandel), werden sie z.B. 2014 ungefähr 50 Milliarden niedriger ausgewiesen. (Das dürfte mit Lohnveredelungsprozessen und deren unterschiedlicher Verbuchung bei Ex- und Importen im Spezialhandel zu tun haben.)

Abbildung 3

Bild 3 Handel

Insgesamt zeigt sich allerdings, dass es einen deutlichen Rückgang des Überschusses Deutschlands mit dem Euroraum gibt, der mit der lang anhaltenden Rezession im Euroraum zusammenfällt. Die deutschen Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt entwickeln sich hingegen vollständig anders. Zunächst leidet auch der Rest der Welt unter der Krise von 2008 und 2009 – die deutschen Exportüberschüsse von Waren und Dienstleistungen dorthin nehmen 2009 gegenüber 2007 ebenfalls ab, wenn auch viel weniger gravierend (nämlich nur um 6 Mrd. Euro) als die in die EWU im selben Zeitraum (40 Mrd. Euro). Aber anschließend sinken die Überschüsse mit dem Euroraum weiter, während die deutschen Überschüsse mit der ganzen Welt steigen (vgl. die blauen Kurven in den Abbildungen). D.h. die Netto-Nachfrage nach deutschen Gütern aus dem Rest der Welt (ohne Euroraum) kompensiert die rückläufige Nettonachfrage aus den EWU-Partnerländern nicht nur, sie wächst noch erheblich stärker, als es die blaue Kurve in Abbildung 2 und 3 veranschaulichen, die ja für die deutschen Überschüsse mit der gesamten Welt, also unter Einschluss des Euroraums, stehen.

Das zeigt deutlich, dass sich die Länder außerhalb des Euroraums von der Finanzkrise, die sie ähnlich getroffen hat wie den Euroraum, rasch erholt haben, sonst wäre deren Importnachfrage nicht so beeindruckend und für Deutschland vorteilhaft gestiegen. Der Euroraum hingegen hat seit 2011 eine Konjunkturkrise zusätzlich zu den Folgen der Finanzkrise zu verzeichnen, die er sich selbst eingebrockt hat: Er hat sich bis heute nicht wirklich von der großen Rezession 2008/2009 erholt hat, weil mit Austeritätspolitik und Lohnkürzungen jeder Ansatz einer Erholung zunichte gemacht wurde.

Insofern besagt der Rückgang der Überschüsse Deutschlands mit dem Euroraum, ganz gleich, ob er bis Null geht oder darüber bleibt, eben nicht, dass sich die Handelszustände innerhalb der EWU wirklich normalisiert haben. Erst wenn Euroland wieder normal wachsen würde und kein erneuter Anstieg der deutschen Überschüsse zu beobachten wäre, könnte man davon reden, dass sich „strukturell“ etwas zum Besseren geändert hat. Dann müssten wir aber auch eine „strukturelle“ Änderung bei den Lohnstückkostenverhältnissen innerhalb der EWU beobachten – also konkret eine klare Annäherung des deutschen Lohnstückkostenniveaus an das der beiden großen EWU-Partner Frankreich und Italien. Ja, man müsste sogar eine zeitweilige Umkehr der Niveauverhältnisse erreichen, wenn die im Ausland verschuldeten EWU-Partner beginnen sollen, ihre Auslandsschulden zurückzuzahlen. Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Solange nicht einmal ein Niveauausgleich in Sicht ist, braucht man nicht auf eine wirkliche Wende bei den Güterströmen zu hoffen.

Dass mit einer einzelnen, noch dazu amtlichen Zahl von interessierten Kreisen Schindluder getrieben wird, kennen wir ja zur Genüge. Wann hätte sich ein Laie je mit dem Unterschied von Spezialhandel und Generalhandel beschäftigt? Das ist nicht seine Aufgabe. Also ist es für eine Zeitung wie die FAZ nicht schwer, dem Leser Zahlen vorzusetzen, die er nicht hinterfragen wird, vor allem wenn sie zum allgemeinen Vorurteil („die Krisenländer sind selbst Schuld und die müssen sich ändern, nicht wir“) passen bzw. die Grundauffassung stützen, deutsche Außenhandelsüberschüsse hätten nichts mit der Eurokrise zu tun. Die Aufgabe seriöser Journalisten wäre es allerdings, etwas genauer hinzusehen und sich über so gravierende Unterschiede wie die zwischen den amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und denen der Deutschen Bundesbank zu informieren.

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