Lothar Bindings Kritik an flassbeck-economics – eine Replik

Der folgende Beitrag erscheint voraussichtlich am Montag, dem 20. Juli 2015, im Heidelberger Online-Magazin „DIE STADTREDAKTION“: www.die-stadtredaktion.de/

Lothar Binding, MdB und finanzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hat in einem Artikel vom 1. Juli 2015 meinen Beitrag „Schäuble und das Vorbild Deutschland“ auf flassbeck-economics kritisiert. DIE STADTREDAKTION bat mich daraufhin, auf diese Kritik zu antworten, wozu ich gerne bereit bin.

Eine Anmerkung dazu vorweg: Leider erweckt die Kritik Bindings den Eindruck, dass er meinen Text nicht sehr gründlich gelesen, geschweige denn versucht hat, die Argumentation nachzuvollziehen. Darauf deutet nicht nur die Verwechslung des Autors hin – Herr Binding glaubt offensichtlich, dass der Text von Heiner Flassbeck stammt, obwohl mein Name im Titel unmissverständlich angegeben ist –, sondern auch der Aufbau seiner Kritik. Diese beschränkt sich nämlich über weite Strecken auf Allgemeinplätze, die Parteiprogrammen, Stellungnahmen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) oder Ähnlichem entstammen könnten.

Dazu nur eine Kostprobe: „Für nachhaltiges Wachstum brauchen wir zudem mehr Investitionen auf europäischer Ebene. Zielgerichtete Investitionen in die digitale Infrastruktur, den gemeinsamen Energiemarkt und im Bereich Energieeffizienz können einen wertvollen Beitrag zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union leisten und wichtige Wachstumsimpulse setzen.“

Was hat diese Passage, die wortwörtlich einer Veröffentlichung des BMWi (Investitionsstrategie) entnommen ist und die in dieser allgemeinen Formulierung wohl kaum jemand bestreiten wird, mit meinem Text zu tun? Und was bezweckt Binding z.B. mit seiner ausführlichen Darstellung der Euro-Rettungsschirme, der Europäischen Bankenunion oder der EZB-Instrumente, um die es in meinem Beitrag doch gar nicht geht?

Binding kritisiert zunächst meine Darstellung, nach der Schäuble Deutschland mit seiner erfolgreichen Haushaltskonsolidierung als Vorbild sieht, dem die anderen Länder folgen könnten und sollten. Dies sei eine Unterstellung bzw. eine bewusste Fehlinterpretation. Schauen wir uns also noch einmal an, wie sich Schäuble anlässlich des G7-Finanzgipfels geäußert hat: „Die Sicht des Bundesfinanzministeriums […] besteht dagegen darin, dass solide Staatsfinanzen das Vertrauen der privaten Wirtschaft stärken und so Investitionen und Wachstum fördern. Hier wird es noch weiterer Überzeugungsarbeit bedürfen. Aber gerade Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich solide Staatsfinanzen, Strukturreformen, Wachstum und Rückführung der Arbeitslosigkeit nicht ausschließen, sondern dass im Gegenteil ein solcher Politikansatz erfolgreich ist.“

Diese Hervorhebung der beispielgebenden Rolle Deutschlands ist bei Schäuble kein Einzelfall, sondern hat System. So schreibt etwa die FAZ bereits im Zusammenhang mit der Einbringung des Haushaltsentwurfs für 2013 im Bundestag: „Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) sieht Deutschland für die sich abzeichnende schwächere Wirtschaftsentwicklung gerüstet. ‚Wir sind für viele europäische Staaten ein Vorbild‘, sagte er […]. Deutschland habe gezeigt, dass sich Wachstum und Konsolidierung nicht ausschlössen.“ In meinem Beitrag für flassbeck-economics findet sich darüber hinaus ein Link zu einem Artikel von BoerseGo.de, in dem es anlässlich der Vorlage von Schäubles Plan für die „schwarze Null“ im letzten Jahr heißt: „Schäuble sieht Deutschland damit auch als Vorbild für andere Länder Europas. ‚Es ist nicht nur ein Zufall, sondern es hat seinen Zusammenhang, dass wir in Europa nicht nur Stabilitätsanker, sondern auch Wachstumslokomotive sind‘, sagte er am Freitag im Bundestag.“

Nur nebenbei sei hier angemerkt, dass die häufig zu hörende Behauptung, Deutschland sei die Wachstumslokomotive Europas, grober Unfug ist: Ein Land, das permanente Exportüberschüsse verzeichnet, kann in Sachen Konjunktur niemals eine Lokomotive für andere sein, da es nicht andere Länder mitzieht, sondern ganz im Gegenteil auf die Hilfe anderer Länder angewiesen ist, in denen es Käufer für seine produzierten Güter sucht und dort per Saldo mehr Nachfrage auf sich lenkt, als es anderen Ländern Nachfrage der eigenen Bürger abtritt. Will man in dem Bild bleiben, ist ein solches Land also keine Lokomotive, sondern ein Trittbrettfahrer.

Aber zurück zu Deutschland als Vorbild Europas: Nach der Definition bei Wikipedia ist ein Vorbild „eine Person oder Sache, die als richtungsweisendes und idealisiertes Muster oder Beispiel angesehen wird.“ Wie die obigen Zitate belegen, zeichnet sich Deutschland nach Schäuble dadurch als „richtungsweisendes Muster“ für andere Länder aus, dass es gezeigt habe, dass Haushaltskonsolidierung und Wachstum gleichzeitig möglich seien; eine Sicht, die übrigens von Angela Merkel voll und ganz geteilt wird (vgl. Fußnote 5 in meinem Beitrag für flassbeck-economics). Wie also soll man Schäubles Position anders interpretieren, als dass er den übrigen (europäischen) Ländern rät, dem Beispiel Deutschlands zu folgen und gleichfalls ihre Staatshaushalte zu konsolidieren, d.h. ihre Budgetdefizite in Richtung einer „schwarzen Null“ abzubauen?

Nirgendwo findet sich in Schäubles Äußerungen ein – und sei es noch so versteckter – Hinweis darauf, dass sich viele andere Länder Deutschland gar nicht als Vorbild nehmen können, selbst wenn sie es denn wollten, ohne ihre Wirtschaft vor die Wand zu fahren. Genau das ist aber das Problem: Deutschland befindet sich – wie in meinem Beitrag ausführlich erläutert – als Land mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen in der komfortablen Position, vergleichsweise problemlos einen ausgeglichenen öffentlichen Haushalt realisieren zu können. Wohin es dagegen führt, wenn ein Land, das sich inmitten einer tiefen Wirtschaftskrise befindet (und Leistungsbilanzdefizite aufweist), versucht, sein Budgetdefizit zu reduzieren, lässt sich gegenwärtig am Beispiel Griechenlands studieren: Das Wachstum bricht komplett ein, die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich nochmals dramatisch. Im Fall Griechenlands (und anderer sog. Krisenländer) schließen sich mithin – anders als Schäuble offenbar meint – Haushaltskonsolidierung und Wachstum sehr wohl aus. Das Budgetergebnis wird in hohem Maße endogen bestimmt, liegt also weitgehend außerhalb der Kontrolle des Staates und ist folglich nicht einfach von den „Sparanstrengungen“ in einem Land abhängig.

Binding nimmt Schäuble gegen meine Vermutung, dass dieser den Zusammenhang zwischen deutschen Leistungsbilanzüberschüssen und Verschuldung des Auslands gegenüber Deutschland offenbar nicht kennt, ausdrücklich in Schutz: „Natürlich kennt Schäuble die Wirkungen von Leistungsbilanzüberschüssen bzw. Leistungsbilanzdefiziten.“ Wirklich? Mir ist keine einzige Veröffentlichung, keine einzige Rede, keine einzige Äußerung Schäubles bekannt, in der er sich jemals mit den gravierenden negativen Folgen der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse für andere Länder oder gar mit den Interdependenzen zwischen den volkswirtschaftlichen Sektoren auch nur ansatzweise beschäftigt hätte.

Ganz im Gegenteil: Schäubles Verlautbarungen legen zumindest den Verdacht nahe, dass ihm noch nicht einmal die simple Tatsache geläufig ist, dass sich die Leistungsbilanzen aller Länder notwendigerweise zu Null addieren, da die Überschüsse des einen die Defizite eines anderen sind, und dass die Welt insgesamt folglich keine Überschüsse oder Defizite verzeichnen kann. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Schäuble Anfang letzten Jahres auf die Kritik seines US-amerikanischen Amtskollegen Jack Lew an den deutschen Exportüberschüssen mit der Bemerkung reagierte, dass die Eurozone ohne Deutschland ein Handelsdefizit hätte. Und dann wörtlich: „Das amerikanische Defizit wird nicht besser, wenn ein europäisches Defizit hinzugefügt wird“ (Handelsblatt, 08.01.2014). Auf die Idee, dass die Überschüsse hier und die Defizite dort irgendwie miteinander zusammenhängen könnten bzw. dass ein europäisches Defizit vermutlich einen US-amerikanischen Überschuss zulassen würde, kommt Schäuble offenbar nicht.

Aber wenden wir uns jetzt der Analyse Bindings selbst zu: Wie erklärt er die hohen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands?

„Im Jahr 2014 hat die starke Nachfrage nach deutschen Produkten und der gesunkene Ölpreis Deutschland erneut die weltweite Spitzenposition beim Exportüberschuss eingebracht. Der Überschuss in der Leistungsbilanz stieg in 2014 um rund 30 Milliarden auf knapp 220 Milliarden Euro. Eine wesentliche Ursache für den Überschuss in der Leistungsbilanz war die gute Konjunkturlage in wichtigen Importländern wie den USA und Großbritannien. Der Überschuss entsprach in 2014 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In 2015 wird der Überschuss voraussichtlich sogar auf acht Prozent der wirtschaftlichen Gesamtleistung Deutschlands steigen.“

Ursache für die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse waren also die starke Nachfrage nach hiesigen Produkten, der gesunkene Ölpreis und die gute Konjunkturlage in Ländern wie den USA und Großbritannien. Da stellt sich natürlich die Frage, warum ausgerechnet Deutschland so immens hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufweist, nicht aber z.B. Frankreich, Spanien oder Italien (Frankreich verzeichnete 2014 sogar ein Leistungsbilanzdefizit von 1,7 Prozent des BIP!), obwohl diese Länder doch in gleicher Weise wie Deutschland von den von Binding angeführten Faktoren hätten profitieren können.

Nur zur Erinnerung: Niemals zuvor erzielte Deutschland so hohe Leistungsbilanzüberschüsse (in Prozent der Wirtschaftsleistung) wie in den letzten Jahren (2014: 7,6 Prozent des BIP; 2013: 6,9 Prozent; 2012: 7,2 Prozent). Dies schließt die Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung ein: Damals galten die gut 4 Prozent Überschuss, auf die Westdeutschland in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre kam, als extrem ungewöhnlicher Wert, der dann schließlich auch zur Aufwertung der D-Mark gegenüber dem US-Dollar und innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) führte. Der Leistungsbilanzüberschuss Westdeutschlands erreichte mit fast fünf Prozent des BIP im Jahre 1989 den höchsten Wert, der bis dahin je von einem anderen Land aus der G7 (der Gruppe der sieben großen Industrieländer) erzielt wurde. Und nun Leistungsbilanzüberschüsse von über sieben Prozent! Wie konnte es also zu so riesigen Überschüssen Deutschlands, aber keines der anderen größeren Länder Europas in den letzten Jahren kommen?

Interessanterweise liefert Binding selbst die Erklärung an späterer Stelle in seinem Text: „(D)er jahrelange Rückgang der Reallöhne […] war eine Ursache für die überschießende Außenhandelsbilanz.“ Ersetzt man nun noch „eine Ursache“ durch „die Ursache“, dann sind wir tatsächlich am entscheidenden Punkt angelangt, nämlich dem Lohndumping in Deutschland, dem das Land seine hohen Überschüsse verdankt. Warum also redet Binding so lange „um den heißen Brei herum“, bringt sinkende Ölpreise und die gute Konjunkturlage in den USA und Großbritannien ins Spiel, statt von vornherein Klartext zu reden?

Binding erwartet in der Zukunft noch einen weiter ansteigenden Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands: „Der weitere Ausbau deutscher Exportüberschüsse ist derzeit nicht vorrangig auf Kosten einer höheren Verschuldung der anderen Euro-Staaten zurückzuführen, sondern in der zunehmenden Nachfrage wirtschaftlich erstarkender Länder außerhalb der Euro-Zone verursacht.“

Ein Satz, der mir Rätsel aufgibt: Warum eigentlich führt Binding ihn nicht konsequent zu Ende? Dann müsste der zweite Teil heißen: „[…] sondern auf Kosten einer zunehmenden Verschuldung wirtschaftlich erstarkender Länder außerhalb der Euro-Zone.“ Erschien Binding der Begriff „Verschuldung“ zu negativ? Oder glaubt er, dass für die Exportüberschüsse Deutschlands gegenüber den EWU-Partnerländern andere ökonomische Gesetze gelten als für die Exportüberschüsse gegenüber den Ländern außerhalb der Eurozone, dass also erstere mit einer Neuverschuldung des Auslands bei uns einhergehen, letztere aber nicht?

Aber wenden wir uns der weiteren Argumentation Bindings zu. Seiner Meinung nach bringt es wenig, „die Leistungsbilanzüberschüsse und die ‚schwarze Null‘ im Bundeshaushalt in Deutschland abzubauen.“ Denn: „Mehr Schulden in Deutschland schaffen keine wesentlichen Wachstumsimpulse in der Euro-Zone. Es ist wahr: Wenn Deutschland die Binnennachfrage anschiebt, wird die Wirtschaftsleistung steigen, was wiederum die Exporte nach Deutschland ankurbeln würde. Aber der Effekt in den anderen Euro-Staaten wäre doch sehr gering.“

Diese Argumentation ist kaum noch nachvollziehbar. Käme es tatsächlich zu den von flassbeck-economics seit langem geforderten kräftigen jährlichen Lohnerhöhungen in Deutschland (und damit im Ergebnis zu einer Umkehr der Lohnstückkostenpfade innerhalb der Eurozone) und würde hierzulande gleichzeitig die unsinnige Politik der „schwarzen Null“ zugunsten einer expansiven Fiskalpolitik aufgegeben, hätte dies selbstverständlich positive Effekte auf die anderen Euroländer: Sie würden in erheblichem Maße von den steigenden Importausgaben in der – gemessen am BIP – größten Volkswirtschaft Europas, die sich als Folge der wachsenden Einkommen in Deutschland ergäben, profitieren und obendrein aufgrund ihrer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit auch auf Drittmärkten wieder punkten – letzteres ein Argument, das die Verteidiger deutscher Außenhandelsüberschüsse regelmäßig unter den Tisch fallen lassen, vielleicht weil es ihnen selbst unbekannt ist, eventuell aber auch, weil sie ahnen, dass es sich dem Laien nicht unmittelbar erschließt, also ohne großen Verlust an Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit unerwähnt bleiben kann.

Binding versteigt sich gar in die kühne Behauptung: „Deutschlands Exportüberschüsse haben nicht viel mit der Wachstums- und Verschuldungskrise in einigen Euro-Staaten zu tun.“

Zur Erinnerung: Von 2005 bis 2009 erzielte Deutschland mehr als die Hälfte seiner enormen Leistungsbilanzüberschüsse innerhalb der Europäischen Währungsunion (EWU). Wie aus der folgenden Abbildung hervorgeht, waren das in der Spitze – nämlich im Jahr 2007 – rund 105 Mrd. Euro. Danach sank dieser Überschuss zwar deutlich, aber die Europartnerländer verzeichneten auch in den letzten fünf Jahren mit Deutschland noch ein Leistungsbilanzdefizit von durchschnittlich gut 56 Mrd. Euro jährlich. Dass die Außenhandelsdefizite vieler Länder gegenüber Deutschland abgenommen haben, ist im übrigen nicht etwa ein Zeichen deutlich gewachsener Exportstärke, sondern liegt in erster Linie daran, dass diese Länder in einer tiefen Rezession stecken und deshalb weniger importieren als zuvor.

Abbildung

LB

Wie in meinem von Binding kritisierten Beitrag ausführlich erläutert wird, bedeutet ein Leistungsbilanzdefizit für das betroffene Land, dass diesem Defizit zwingend ein in der Summe negativer Finanzierungssaldo von Staat und Privatsektor entspricht. Der Staat und der Privatsektor zusammen können folglich in diesem Fall nicht gleichzeitig Einnahmenüberschüsse aufweisen – mindestens einer der beiden Sektoren muss ein Defizit verzeichnen. Jedes Leistungsbilanzdefizit des einen Landes gegenüber einem anderen Land stellt eine Neuverschuldung des einen Landes bei dem anderen Land dar.

Damit werden die Folgen des deutschen Lohndumpings klar: Mit dieser Strategie konkurrierte Deutschland die anderen Euroländer nieder, exportierte Arbeitslosigkeit ins Ausland und verzeichnete hohe und permanente Leistungsbilanzüberschüsse, denen spiegelbildlich Defizite der Europartnerländer gegenüberstanden. Deutschland trieb auf diese Weise die anderen EWU-Länder in eine wachsende Verschuldung – und zwar entweder deren Privatsektor oder deren Staatssektor oder beide zusammen. Wie man vor diesem Hintergrund ernsthaft davon sprechen kann, dass die deutschen Exportüberschüsse „nicht viel mit der Wachstums- und Verschuldungskrise in einigen Euro-Staaten zu tun“ haben, bleibt Bindings Geheimnis. Dies auch, weil zusätzlich noch die – oben bereits angesprochenen – Drittmarkteffekte berücksichtigt werden müssen, die von Binding nicht erwähnt werden. Deutschland verringert mit seiner hohen internationalen Wettbewerbsfähigkeit nämlich auch die Chancen seiner EWU-Partnerländer, ihre Güter auf Drittmärkten (z.B. außerhalb der Eurozone) erfolgreich abzusetzen resp. dort selber Exportüberschüsse zu erzielen. Die aber benötigen sie dringend, um ihre Verschuldung auch gegenüber der restlichen Welt (nicht allein gegenüber Deutschland) abbauen zu können.

Es ist schon in höchstem Maße verwunderlich, wie Binding die negativen Effekte der immensen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (fast 220 Mrd. Euro insgesamt allein im letzten Jahr, wie er selbst feststellt) auf Wachstum und Beschäftigung in den Handelspartnerländern einerseits und die positiven Effekte für Deutschland andererseits kleinredet und gleichzeitig einige wenige Milliarden Euro des Bundes für zusätzliche Investitionen (z.B. 7 Milliarden Euro für die öffentliche Verkehrsinfrastruktur, erhöhte Energieeffizienz etc. in den Jahren 2016 bis 2018) zu einer bedeutenden „Investitionsoffensive“ hochjubelt. Besonders begeistert ist Binding offenbar vom neuen „Europäischen Fonds für Strategische Investitionen“ (EFSI), der mit 21 Mrd. Euro ausgestattet ist – davon 16 Mrd. Euro aus schon vorhandenen EU-Mitteln (also keine wirklich zusätzlichen Gelder) und 5 Mrd. Euro von der Europäischen Investitionsbank (EIB). Mit Hilfe dieses Fonds sollen letztendlich Investitionen von insgesamt 315 Mrd. Euro angeschoben werden; allerdings muss dieses Geld primär von Privatinvestoren kommen.

An dieser Stelle kann keine ausführliche Bewertung des EFSI vorgenommen werden. Nur so viel: Erstens dürften die Annahmen zur Hebelung des zur Verfügung gestellten Geldes utopisch sein. Aber selbst wenn tatsächlich – über mehrere Jahre verteilt – am Ende 315 Mrd. Euro zusammenkämen, würde dies bei weitem nicht reichen, um in der Eurozone insgesamt einen kräftigen Wachstumsschub auszulösen. Zweitens aber stellt sich die Frage, welcher Sinn darin liegen soll, in Zeiten sehr niedriger Zinsen auf öffentliche Investitionen zu verzichten und stattdessen auf private Investitionen zu setzen. Welchen Vorteil soll es bringen, mit dem EFSI Anreize dafür zu schaffen, dass erforderliche öffentliche Investitionen zukünftig an private Investoren abgegeben werden? Hat es sich nicht allmählich herumgesprochen, dass „öffentlich-private Partnerschaften“ aufgrund der Renditeforderungen der Investoren oft wesentlich teurer als öffentliche Investitionsprogramme sind?

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Binding will von einer Verantwortung Deutschlands für die Probleme im Euroraum nichts wissen und schiebt lieber den Banken die Verantwortung zu: „Wesentlicher Auslöser (der hohen Staatsverschuldung der anderen Euro-Staaten, G.G.) war vielmehr die durch Banken verursachte Finanz- und anschließende Weltwirtschaftskrise, die unterschiedliche Staaten sehr unterschiedlich getroffen hat.“

Diese Analyse greift viel zu kurz. Es gibt hierzulande eine Tendenz, die Banken undifferenziert für alle Krisen in der Welt verantwortlich zu machen. Für die „Große Rezession“, die im Jahr 2008 begann, trifft das sicherlich zu, aber längst nicht für alle Krisen der jüngeren Vergangenheit, die in ihrer überwiegenden Zahl Währungskrisen darstellten (so auch die Eurokrise). Letztere waren durch Fehlbewertungen (Über- oder Unterbewertungen) von Währungen gekennzeichnet, die Veränderungen von Währungsrelationen oder – im Fall des Euro – von Wettbewerbsrelationen via Lohnanpassungen erforderten. Die in den USA losgetretene Finanzkrise 2008 hätte sich in Deutschland nie so stark bemerkbar machen können, wie es tatsächlich der Fall war, wenn bei den deutschen Banken nicht so viele amerikanische Ramschpapiere gelegen hätten, die dort gerade auch im Gegenzug zu den hohen deutschen Exportüberschüssen gelandet waren.

Die Banken haben die Eurokrise zwar verstärkt, aber sie sind nicht die eigentlichen Verursacher dieser Krise. Die wichtigsten Gläubiger der Euro-Krisenländer waren Investoren – vor allem Banken – aus Deutschland und Frankreich, und zwar die gleichen Banken, die sich auf dem Subprime-Markt in den USA verspekuliert hatten. Sie hatten hohe Verluste erlitten und mussten deshalb ihr aufgezehrtes Eigenkapital wieder aufbauen. Das Mittel der Wahl war der Abbau insbesondere von Auslandsforderungen, nicht zuletzt der Forderungsabbau gegenüber den Krisenländern. Dieses Verhalten der Banken wirkte in den Leistungsbilanzdefizitländern der Eurozone tatsächlich krisenverschärfend, weil letztere damit von der Außenfinanzierung abgeschnitten wurden (ein Leistungsbilanzdefizitland benötigt Kredite aus dem Ausland) und sie wichtige Importausgaben (Rohstoffe, Nahrungsmittel etc.) verringerten. Darüber hinaus führte die unsinnige Austeritätspolitik zu einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in den „Krisenländern“ und als Folge zu steigenden Kreditausfallquoten der Banken.

Auch in Währungskrisen kommt es also häufig zu sekundären Bankenproblemen, vor allem dann, wenn diese Krisen so falsch angegangen werden wie die Eurokrise. Die entscheidende Ursache für die Eurokrise war jedoch nicht ein Fehlverhalten der Banken, sondern das Auseinanderlaufen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Euroraum, das sich in differierenden Zuwächsen der Lohnstückkosten und als Folge in massiven Leistungsbilanzungleichgewichten zwischen den EWU-Ländern widerspiegelte, wie wir dies oft auf flassbeck-economics erläutert haben.

Fazit: Bindings Kritik ist oberflächlich, geht über weite Passagen am Thema vorbei und ist in den entscheidenden Punkten nicht nachvollziehbar. Sie ist daher in keiner Weise geeignet, die Diskussion über die Eurokrise voranzubringen.

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