Preise und Lohnstückkosten – unter welchem Druck steht Frankreich? – 2

Wir haben im ersten Teil dargestellt, wie sehr die Lohnstückkosten in Frankreich und Deutschland auseinandergelaufen sind und gezeigt, dass sich auch bei den gesamtwirtschaftlich relevanten Preisen und bei den Verbraucherpreisen eine Lücke ergibt, die allerdings wesentlich kleiner als die bei den Lohnstückkosten ist.

In welcher Klemme sich die französischen Unternehmen, namentlich die Exportindustrie, befinden, zeigt die Entwicklung der Exportpreise sehr klar. Die Zuwächse bei den Exportpreisen unterscheiden sich bei beiden Ländern nur sehr wenig, wenn man den Deflator für die Exporte von Waren und Dienstleistungen zu Rate zieht. Sie kumulieren sich seit 1999 auf gerade einmal 2 Prozentpunkte im letzten Jahr (vgl. Abbildung 5). Offenbar verhindert der Konkurrenzdruck auf den internationalen Märkten eine stärkere Weitergabe des Kostendrucks, dem die französischen Unternehmen im Vergleich zu den deutschen ausgesetzt sind.

Abbildung 5

Picture5

Was bedeutet das für die französischen und die deutschen Unternehmen und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit? Um den Spielraum zwischen Lohnstückkosten und Preisen anschaulicher zu machen, werden in Abbildung 6 und 7 die drei genannten Indizes (Lohnstückkosten, BIP-Deflator und Deflator der Exporte) für Frankreich und Deutschland jeweils getrennt dargestellt:

Abbildung 6

Picture6

Abbildung 7

Picture7

Spätestens hier wird der Druck, der auf den französischen Unternehmen lastet, überdeutlich. Während sich in Deutschland die gesamtwirtschaftlichen Preise insgesamt seit 2003 stärker entwickelt haben als die Lohnstückkosten, liefen sie in Frankreich bis 2008 parallel und seither ist es in Frankreich sogar umgekehrt. Im Durchschnitt über alle Branchen hinweg müssen die französischen Unternehmen die Lohnstückkostensteigerung des Jahres 2009 als anhaltende Gewinnschmälerung hinnehmen, da sie seither offenbar keine entsprechende Steigerung ihrer Preise an den Märkten mehr durchsetzen konnten.

Noch krasser erscheinen die Bedingungen im Bereich der Exporte. Zwar liegen in Deutschland die kumulierten gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkostenzuwächse seit 2009 im Gegensatz zu den Vorjahren über denen der Exportpreise (2014 knapp 7 Prozentpunkte), aber in Frankreich ist das bereits seit 2001 der Fall und vor allem in einem viel höheren Ausmaß: Inzwischen haben sich die Abstände der Zuwächse auf immerhin 20 Prozentpunkte aufsummiert.

Das bedeutet, dass sich die französische Industrie seit Jahren in einem Erosionsprozess hinsichtlich ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit befindet – sei es, dass man immer weniger Gewinne erwirtschaftet, sei es, dass man bereits in die Verlustzone geraten ist. Dass das nicht in erster Linie ihre eigene Schuld ist, sondern eng mit der deutschen Lohndumpingstrategie zusammenhängt, kann man zum einen daran sehen, dass sich die französische Wirtschaft seit 1999, anders als die deutsche, im Durchschnitt fast exakt an das Inflationsziel der EZB angepasst hat: Ihre Lohnentwicklung folgte der Produktivitätsentwicklung gemäß der goldenen Lohnregel. Dadurch hat Frankreich für eine vernünftige Entwicklung seiner Binnennachfrage gesorgt, von der auch sein Nachbar Deutschland profitierte.

Zum anderen aber konnte sich Frankreich auf seinen Exportmärkten nicht dem Preistrend entziehen, den sein Währungspartner Deutschland setzte oder dem Deutschland zumindest folgte. Hätte Frankreich noch eine eigene Währung, hätte es sich von der deutschen Unterbewertungsstrategie durch eine behutsame nominale Abwertung seiner Währung im Europäischen Währungssystem (EWS) absetzen können, ohne seine Binnennachfrage zu gefährden. Deutschland hätte dank permanenter Aufwertung in Sachen Exportüberschüsse keine Weltmeistererfolge erzielt, also u.a. Frankreich nicht so viel Binnennachfrage und Nachfrage auf Drittmärkten streitig machen können, wäre aber auf der kläglichen, durch Lohndumping bedingten Entwicklung seiner eigenen Binnennachfrage sitzen geblieben.

Früher oder später werden diese Zusammenhänge von französischen Politikern aufgegriffen werden, um sich den deutschen Forderungen nach deflationär wirkenden und deshalb niemals zum Erfolg führenden „Strukturreformen“ gut begründet zu widersetzen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht allein die Politiker am rechten Außenrand des politischen Spektrums in Frankreich sein werden, die sich dieser Sachargumente bedienen werden, und dass die Politiker in Deutschland zu so viel ökonomischer Vernunft zurückkehren werden, die Stichhaltigkeit dieser Sachargumente zu erkennen.

Dass diese Fakten beim Schuldendstreit mit Griechenland nicht vorrangig auf EU-Ebene diskutiert worden sind, muss man als taktischen Erfolg der deutschen Regierung und als Versagen der griechischen, vielmehr aber noch der französischen Regierung werten, der ganz Europa teuer zu stehen kommen wird.

Weitere Teile dieses Artikels

Anmelden