US-Konjunkturausblick zur Jahresmitte 2015

Gestern hat das Bureau of Economic Analysis die erste Schätzung für das US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal veröffentlicht. Dazu habe ich am Ende dieses Textes kurz Stellung genommen. In Vorbereitung auf die BIP-Zahlen Woche möchte ich in diesem Beitrag zunächst einige wichtige Entwicklungen der letzten Monate Revue passieren lassen.

Abbildung 1

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Beginnen wir zunächst mit einem Blick auf das „GDPNow“ Prognosemodell der Federal Reserve Bank von Atlanta (Abbildung 1). Laufend aktualisiert und wöchentlich veröffentlicht, verwendet das Prognosemodell genau jene Indikatoren der BIP Komponenten, die dann auch jeweils für die offizielle BIP Vorabschätzung des BEA zum Einsatz kommen. Per Stand vom 17. Juli 2015 wird laut „GDPNow“ für das zweite Quartal eine Jahreswachstumsrate von 2,4 Prozent prognostiziert. Nach einer Minuswachstumsrate von 0,2 Prozent im ersten Quartal (laut dritter Schätzung vom 24. Juni 2015) wäre das eine deutliche, aber keineswegs rasante Beschleunigung. In der ersten Jahreshälfte insgesamt hätte die US-Wirtschaft nicht einmal mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent zugelegt – ausgesprochen mager. Seit ein paar Wochen hat die „GDPNow“ Prognose aber zumindest zum unteren Rand der „Blue Chip consensus“ Prognose aufgeschlossen, einer Prognose führender Wirtschaftsökonomen, die aus dem monatlichen Survey „Blue Chip Economic Indicators“ ermittelt wird.

Abbildung 2

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Werfen wir dann als nächstes einem Blick auf die allgemeine Entwicklung der Persönlichen Einkommen und Ausgaben seit 2014 in Abbildung 2 (hier ausgedrückt als Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahresquartal, saisonbereinigt). Bei den Einkommen zeigt sich eine deutliche Beschleunigung im Jahresverlauf von 2014, die dann allerdings Anfang 2015 wieder auf 4 Prozent zurück sank, zuletzt aber wieder etwas zugelegt hat. Auch bei den Ausgaben sieht man im Jahresverlauf von 2014 zunächst eine gewisse Beschleunigung, dann allerdings ab dem Herbst eine deutliche Verlangsamung, die sich erst in den letzten Monaten wieder umgekehrt hat. Die klaffende Lücke zwischen beiden Größen seit Ende 2014 spiegelt einen Anstieg der Sparquote wider.

Die günstige Einkommensentwicklung im letzten Jahr war dabei insbesondere auch von der Beschleunigung des Beschäftigungswachstums getragen. Die Beschäftigung steigt zwar weiterhin, aber das Tempo hat nachgelassen. (Abbildung 3 zeigt die saisonbereinigte Entwicklung der Gesamtbeschäftigung außerhalb der Landwirtschaft ausgedrückt als Wachstumsrate gegenüber dem Vorjahresquartal, wobei ich auch hier die sehr bequeme „FRED“ (Federal Reserve Economic Data) Datenbank der Federal Reserve Bank of St. Louis zur Erstellung der Graphik verwendet habe.) Auch andere Arbeitsmarktindikatoren hatten sich in 2014 günstig entwickelt. Die seit der Krise stark eingebrochene Beschäftigungsquote verharrt dagegen weiterhin auf sehr niedrigem Niveau.

Abbildung 3

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Ein wichtiger Indikator für den privaten Konsum, der rund 70 Prozent des US-BIP ausmacht, ist der Einzelhandel. Abbildung 4 zeigt die (saisonbereinigte) Entwicklung im Einzelhandel (ohne Gastronomie) seit 2010, beginnend mit der zunächst kraftvollen Erholung nach der Krise. Der sinkende Trend in den letzten Jahren spiegelt unter anderem den Umbruch im Kaufverhalten hin zum E-Commerce wieder. Es ist so verdammt bequem geworden bei Amazon zu bestellen und zwei Tage später die Lieferung kostenlos an der Haustür entgegen zu nehmen. Da muss man nicht mehr extra zur Mall rausfahren. Abbildung 4 deutet allerdings auch eine Lageverschlechterung seit dem Ende letzten Jahres an, nachdem sich in 2014 die Einzelhandelssituation zumindest vorübergehend deutlich verbessert hatte. Da wir hier die Umsätze in laufenden Preisen betrachten, spielt allerdings auch der gesunkene Ölpreis bei diesem Rückgang eine Rolle. Für viele Beobachter ist das große Rätsel, warum der Ölpreiseinbruch dem Konsum keinen stärkeren Anschub gegeben hat; wie gesagt, ist die Sparquote in dieser Zeit sogar gestiegen.

Abbildung 4

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Das zeigt sich übrigens auch recht gut, wenn man die (saisonbereinigten) persönlichen Konsumausgaben betrachtet, aufgegliedert in Dienstleistungen, nichtdauerhafte Konsumgüter (darunter Benzin) sowie dauerhafte Konsumgüter (Abbildung 5). Billiges Benzin und niedrige Inflation allein erklären allerdings die Flaute bei den Ausgaben für nichtdauerhafte Konsumgüter nicht. Die persönlichen Ausgaben für Dienstleistungen wachsen dagegen allgemein recht stetig, und bei den dauerhaften Konsumgütern deutet sich nach dem Einbruch zum Jahresbeginn eine Erholung an. Insgesamt sehe ich für den privaten Konsum keine überzeugenden Anzeichen für eine kräftige Beschleunigung, die der Konjunktur neuen Auftrieb geben könnte. Indikatoren für das Konsumentenvertrauen hatten sich seit dem Sommer 2014 zwar handfest verbessert, sind aber zuletzt wieder gesunken.

Abbildung 5

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Wendet man sich dann dem Investitionsverhalten zu, so lässt sich für die Auftragseingänge für dauerhafte Güter im Verarbeitenden Gewerbe allgemein ein Sinken konstatieren (Abbildung 6).

Abbildung 6

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Besondere Aufmerksamkeit als Indikator der unternehmerischen Investitionen genießen dabei die Auftragseingänge für zivile Kapitalgüter ausschließlich der Luftfahrt (wo die Auftragsentwicklung besonders volatil ist). Auch hier (siehe Abbildung 7) zeigt sich eine zuletzt, nach kurzfristigem Aufwind in 2014, verschlechterte Auftragslage.

Abbildung 7

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Im Wohnungsbau sieht die Entwicklung freundlicher aus. Zuletzt hat es sowohl bei den Baugenehmigungen sowie den Baubeginnen eine weitere Verbesserung gegeben (Abbildung 8). Der Vergleich zum Vorkrisenstand zeigt allerdings, dass sich die steigende Aktivität weiterhin auf sehr viel niedrigerem Niveau abspielt: der Bausektor ist kräftig geschrumpft und noch immer weit von einer Rückkehr zur Normalität entfernt. Die fortlaufende Verbesserung kann sich allerdings zu einer wichtigen Stütze der Binnenkonjunktur entwickeln. Die Immobilienpreise steigen mit rund fünf Prozent, also deutlich schneller als die Löhne. Die langfristigen Zinsen sind weiterhin niedrig, vergleichbar mit dem Niveau von vor einem Jahr.

Abbildung 8

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Und dann bleibt am Ende noch der Außenhandel. Wenig überraschend ist, dass der US-Außenhandel weiterhin durch den Dollaranstieg und die schwächelnde Weltkonjunktur, auch und insbesondere in der Eurozone, ungünstig beeinflusst wird (Abbildung 9). Der sinkende Wert der Importe ist in erster Linie durch den Ölpreis erklärt. Die Einfuhr anderer Güter ist dagegen recht munter gewachsen.

Abbildung 9

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Insbesondere die US-Industrie ist außenwirtschaftlich verwundbar und schwächelt. So ist der von der Firma Markit monatlich veröffentlichte „Purchasing Manager Index“ speziell für das Verarbeitende Gewerbe deutlich gesunken. Der in Abbildung 10 gezeigte „Composite PMI“, der sowohl das Verarbeitende Gewerbe als auch das Dienstleistungsgewerbe enthält, bleibt zwar weiterhin über der kritischen Marke von 50, die Expansion und Kontraktion voneinander trennt, deutet aber zuletzt nur auf ein BIP-Wachstum von gut zwei Prozent. Der ebenfalls von Markit veröffentlichte „U.S. Business Outlook“ fiel dabei im Monat Juni für das Verarbeitende Gewerbe sogar auf einen neuen Nachkrisentiefststand).

Abbildung 10

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Ähnlich zeigt auch der vom Institute for Supply Management monatlich veröffentlichte Sammel-Konjunkturindikator für das Verarbeitende Gewerbe eine nur leichte Erholung nach starkem Einbruch und für das Dienstleistungsgewerbe eine tendenzielle Verlangsamung des Expansionstempos an (Abbildung 11). Für diesen Indikator steht die Marke 50 ebenfalls als Trennlinie zwischen Expansion und Kontraktion.

Abbildung 11

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Die gestern erschienene Vorabschätzung für das Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal bestätigt die Erwartungen, die ich oben geäußert hatte. Danach ist die US-Wirtschaft im Frühjahr gegenüber den Vorquartal mit einer Jahresrate von 2,3 Prozent gewachsen, nach revidierten 0,6 Prozent im Winter. Es hat also nur eine schwache Erholung nach der (fast-)Vollbremsung im Winter gegeben.

Gleichzeitig mit den Daten zum ersten Quartal wurden auch revidierte Zahlen für die letzten drei Jahre veröffentlicht. Seit der Krise ist die US-Wirtschaft nunmehr im Durchschnitt jährlich nur mit 2,0 statt mit den zuvor berechneten 2,3 Prozent gewachsen. Darüberhinaus hat das Bureau of Economic Analysis seine Methodik der Saisonbereinigung leicht überholt, was zum Beispiel das Wachstum im ersten Quartal dieses Jahres leicht erhöhte. Insgesamt ist festzustellen, dass die Entwicklung in den letzten Jahren sowie im ersten Halbjahr dieses Jahres alles andere als berauschend verlaufen ist. Auch die Details der Entwicklung des US-BIP treffen übrigens mit meiner im Teil 1 beschriebenen Einschätzung zur aktuellen Konjunkturentwicklung weitgehend überein.

Hier also einige Details. Die privaten Konsumausgaben sind im zweiten Quartal mit knapp drei Prozent nach knapp zwei Prozent im ersten Quartal gewachsen. Insbesondere die Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter haben sich beschleunigt; der Automobilboom hält an. Die Investitionsausgaben der Unternehmen dagegen entwickelten sich insgesamt nur sehr schwach, stagnierten zum Vorquartal fast. Die Bauinvestitionen der Unternehmen waren dabei rücklaufig, die Ausrüstungsinvestionen sanken sogar mit einer Jahresrate von über vier Prozent. Allein die Investitionen in intellektuelle Eigentumsprodukte wuchsen weiterhin mit einer soliden Jahresrate von gut fünf Prozent. Im Wohnungsbau dagegen war das Wachstum wie in den beiden Quartalen zuvor weiterhin recht kräftig, obgleich das Tempo zuletzt gesunken ist. Im Außenhandel kam es zu der von mir erwarteten Gegenbewegung: die Exporte wuchsen wieder, und zwar mit gut fünf Prozent, nachdem sie im ersten Quartal ähnlich schnell gesunken waren. Bei den Importen dagegen halbierte sich das Wachstumstempo auf 3,5 Prozent. Die Staatsausgaben insgesamt nahmen mit einer Jahresrate von knapp einem Prozent zu. Dabei sanken sowohl die Verteidigungsausgaben als auch die zivilen Ausgaben auf Bundesebene, während die Staatsausgaben auf Landes- und Kommunalebene etwas zulegten.

Abbildung 12

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Abbildung 12 zeigt die Entwicklung ab 2013 ausgedrückt in Wachstumsbeiträgen, sie zeigt also, welche BIP-Komponenten jeweils wie stark zum Wachstum beigesteuert haben. Wie man hier sieht, hat der private Konsum mit zwei Prozentpunkten das BIP-Wachstum im Frühjahr im Grunde allein getragen. Die Bruttoanlageinvestitionen, Staatsausgaben sowie die Nettoexporte leisteten jeweils nur minimale positive Beiträge; wobei letztere im Quartal zuvor jedoch noch die wichtigste Wachstumsbremse waren. Die Lagerinvestitionen, die im Winterquartal noch einen beträchtlichen positiven Wachstumsbeitrag geliefert hatten, waren nunmehr als Gegenbewegung eine geringfügige Wachstumsbremse.

Insgesamt bleibt es also bei einer enttäuschend schwachen US-Konjunkturentwicklung. Dennoch hat die Federal Reserve bei ihrem Treffen in dieser Woche ihre Zinserhöhungsabsichten in absehbarer Zukunft erneut bestätigt. Die Federal Reserve vertraut darauf, dass die positive Beschäftigungsentwicklung weiterhin anhalten und damit den auch weiteren Konsum- und Konjunkturverlauf tragen wird. Das mag sein. Eine wesentliche Verbesserung kann ich zur Zeit jedenfalls nicht ausmachen.

Auch für die nähere Zukunft bleibt der Konsum dabei die wichtigste Konjunkturstütze. Dabei ist das Tempo des Beschäftigungswachstums zuletzt gesunken, während es gewisse Hinweise auf etwas schneller steigende Löhne gibt, und Präsident Obama jüngst auch einen neuen Versuch unternommen hat, der Hilfe in dieser Hinsicht bringen könnte. Ich werde zu dieser Entwicklung im Herbst ausführlicher berichten. Bei den Ausrüstungsinvestitionen sehe ich eher Anzeichen für eine Abschwächung, während sich im Baugewerbe, speziell im Wohnungsbau, eine Belebung abzuzeichnen scheint. Was den Außenhandel angeht, ist grundsätzlich Anschub von dieser Seite bis auf weiteres ebenso wenig zu erwarten wie von der US-Finanzpolitik. Die US-Konjunktur kann also nur von der Binnennachfrage neue Impulse erhalten, vom privaten Konsum und von den Investitionen.

 

 

 

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