Archiv | 27.07.2015 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 2

Selbst wenn, wie wir das im ersten Teil beschrieben haben, eine angemessene ökonomische Theorie angewendet wird, können viele Menschen nur schwer nachvollziehen, was Ökonomen zur Debatte um das Überleben der Menschheit beitragen können. In der Tat, der Ökonom kann und sollte sich nicht auf das Gebiet der Erforschung der naturwissenschaftlichen Phänomene begeben, die den Klimawandel oder andere Umweltschäden beschreiben.

Wir müssen also hinnehmen, was die Naturwissenschaftler vorgeben. Mögen die Naturwissenschaftler untereinander auch über die Rolle des Menschen bei der Beeinflussung des Klimas streiten, wir unterstellen hier, die Mehrheit habe mit der Behauptung Recht (was ja in der Wissenschaft keineswegs immer der Fall ist), dass die Menschen mit dem Ausstoß von Klimagasen das Weltklima beeinflussen und hohe Risiken für zukünftige Generationen schaffen.

Ist diese Grundentscheidung einmal getroffen, ist der Rest der Überlegung bis hin zur Politik weitgehend ein ökonomisches Problem. Zunächst scheint es um klassische Mikroökonomik zu gehen, nämlich um die Frage, wie viel einer bestimmten gegebenen Güterausstattung die Menschen bereit sind zu opfern, wenn sie mehr Ressourcen einsetzen müssen, um für eine gesunde Umwelt zu sorgen, also z.B., um Schäden zu beseitigen, die durch die Produktion von Konsumgütern entstanden sind oder um Vorsorge zu treffen, dass zukünftig bei der Produktion weniger Schadstoffe entweichen können. Man muss also Kosten (den Verzicht auf herkömmliche Konsumgüter) abwägen gegen den Nutzen, den die Verhinderung von Umweltschäden schafft.

Das wichtigste von den Ökonomen heftig diskutierte Problem bei dieser Ausgangslage liegt darin, dass das normale Wirtschaftssubjekt keinen unmittelbaren Nutzen davon hat, wenn bei einer Produktion der Ausstoß von schädlichen Emissionen verringert wird, weil es vielleicht gar nicht in der Nähe einer solchen Anlage wohnt oder es nicht weiß, ob woanders das Gleiche geschieht, so dass es mit einem signifikanten Gesamteffekt der Umweltmaßnahme rechnen kann. Anders herum: Wenn bei der Produktion eines bestimmten Gutes negative Umwelteffekte auftreten, kann man nicht leicht zuordnen, wer durch die Nachfrage nach diesem Gut diesen Effekt sozusagen verursacht hat, so dass der Gesamteffekt in keiner individuellen Kosten-Nutzen-Überlegung auftaucht. Man hat, so nennen das die Ökonomen, externe Effekte produziert, die zwar der Gesellschaft schaden, für die aber niemand individuell so einfach in Haftung genommen werden kann.

Um ein einfaches Beispiel zu nehmen. Bei der Verbrennung von Kraftstoffen in Automobilen entstehen schädliche Abgase, die nicht den Fahrer des Autos direkt schädigen, sondern den, der hinter ihm fährt und die Gesellschaft insgesamt. Also hat kein Fahrer ein Interesse daran, die Verbrennung seiner Autotreibstoffe sauberer zu machen, solange er nicht sicher ist, dass alle anderen das auch tun. Folglich muss der Staat eingreifen und alle zwingen, etwas gegen die schädlichen Abgase zu tun. Um den negativen externen Effekt zu verhindern, kann der Staat Vorschriften erlassen, die Autofahren generell teurer machen, er kann technische Vorgaben durchsetzen, die vom gegenwärtigen Stand der Technik angeboten werden, um die Schadstoffe zu verringern.

Er kann aber auch versuchen, die externen Effekte unmittelbar durch Vorschriften zu internalisieren, sie also für den einzelnen spürbar zu machen, ohne dass er in die Technik eingreift. Ein treffendes Beispiel dazu, das ich schon in den 80er Jahren benutzt habe, ist die extrem einfache Vorschrift, alle Abgase, die ein Automobil produziert, zunächst durch das Wageninnere zu leiten. Das klingt radikal, ist aber im Zeitablauf vermutlich die beste Lösung. Es besteht meines Erachtens kein Zweifel, dass wir, wäre diese Vorschrift vor hundert Jahren von den Staaten der Welt durchgesetzt worden, heute genauso viel Autofahren würden, wie wir es derzeit tun. Vielleicht würden wir wasserstoffbetriebene Automobile fahren, auf jeden Fall hätten wir einen weit größeren Teil des Erdöls in der Erde gelassen und hätten viel weniger Klimagase produziert.

Dieses Beispiel zeigt zudem, dass die mikroökonomische Fragestellung prinzipiell nicht weit, ja zumeist sogar in die Irre führt. Denn die klassische Entscheidungssituation, die von ihr unterstellt wird, gibt es eigentlich nie. In der Realität gibt es die Informationen gar nicht, die man bräuchte, um die Mehrheit der Menschen vor eine einfache Entscheidungssituation nach der Art zu stellen: „Was wollt ihr? Mehr Umweltschutz oder mehr Güter?“. Zuallererst gibt es nämlich keine „gegebene Güterausstattung“. Wir bewegen uns in einem dynamischen System, in dem durch den Erfindungsgeist der Menschen die Güterausstattung ja permanent vergrößert und in ihrer Struktur permanent verändert wird. Die Menschen kennen auch ihre Präferenzen nicht wirklich, weil sie für die Güter, die neu erfunden werden, erst in der Zukunft Präferenzen entwickeln werden. Hinzu kommt, dass durch den technischen Fortschritt die Möglichkeit, Umweltschutz umzusetzen, dauernd verändert wird. Gibt es die richtigen Anreize, können die Kosten langfristig stark sinken.

Über viele Jahre hinweg kann daher niemand vorhersagen, wie sich die Entscheidung zwischen normalen Gütern und Umweltgütern darstellen wird und ob sie überhaupt noch relevant ist. Im obigen Beispiel: Ist die Wasserstofftechnik für das Auto erst eingeführt, weil sie am besten mit der Vorschrift in Einklang zu bringen ist, ist es für die nächsten hundert Jahre vollkommen irrelevant, wie teuer die Einführung war und wie viele normale Güter deswegen nicht verbraucht wurden, wie viel entgangenen Nutzen die Menschheit hat also „erleiden“ müssen, weil sie schon früh auf eine „teure“ Technik gesetzt hat. Auch die Vorschrift, Abgase erst durch’s Wageninnere zu leiten, ist dann nicht mehr sonderlich relevant.

Der Gedanke, dass Umweltschäden regelmäßig durch externe Effekte bei der Abarbeitung der „normalen“ Präferenzen der Menschen durch das Marktsystem auftreten und vom Staat auf die eine oder andere Art internalisiert werden müssen, wird aber dann vollends unscharf, wenn Umweltschutz zu einem Teil der Präferenzen der Menschen wird. Wenn also, bei hoher Ausstattung mit herkömmlichen Gütern, den Menschen ins Bewusstsein kommt, dass sie die natürliche Umwelt vernachlässigt haben und hier ein großer Nachholbedarf bzw. ein Vorsorgebedarf besteht, dann ist der Wunsch nach einer Beseitigung der Schäden und/oder der Verhinderung von neuen Schäden unmittelbar vorhanden und konkurriert auf der Mikroebene mit den normalen Präferenzen.

Dann braucht man Unternehmer, die diese Präferenzen aufgreifen und umsetzen. Da sich diese Präferenzen aber weniger in einer konkreten Nachfrage nach konkreten und besseren Produkten äußern, sondern mehr in einer abstrakten Bereitschaft, für mehr Umweltschutz zu zahlen, muss der Staat der Unternehmer für den Umweltschutz sein und diese Präferenzen bedienen. Indem er den Unternehmen in der ein oder anderen Weise generell auferlegt, bestimmte Vorkehrungen zu treffen (Katalysatoren und Filter in Automobile einzubauen zum Beispiel), erfüllt er die Präferenzen der Bürger nach einer besseren Luftqualität und zwingt sie auch gleichzeitig, dafür zu zahlen. Der Zwang, dafür zu zahlen, resultiert aber nur aus der Tatsache, dass es ohne diesen Zwang viele Trittbrettfahrer gäbe, die sich darauf verlassen würden, dass die „anderen“ schon ausreichend viel tun und sie sich der Zahlung entziehen können. Der Zwang bedeutet in der Regel nicht, dass der Staat den Menschen etwas aufzwingt, was sie partout nicht haben wollen und was deswegen etwas dem Markt im weitesten Sinne Fremdes ist.

Aber selbst wenn es so wäre, dass der Staat allein aus seiner besserer Einsicht heraus handelt und den Bürgern etwas aufzwingt (er schafft „meritorische Güter“, sagte man früher), was sie so nicht unmittelbar haben wollen, was aber doch, nach der Einschätzung einer demokratisch gewählten Staatsführung, ihrem Wohl dient, kann man als Ökonom nicht einfach sagen, das ist etwas dem Markt Fremdes, das muss ich sozusagen abziehen bei der Berechnung des Wohlstandes. Die Vorschrift des Staates etwa, dafür zu sorgen, dass Kinder eine Schule zu besuchen haben und nicht arbeiten dürfen, mag der einzelne als Zwang empfinden, dennoch wird die weit überwiegende Mehrheit der Bürger das heutzutage als selbstverständlich betrachten und wissen, wie sehr das dazu beiträgt, dass auf lange Sicht die Gesellschaft materiell und immateriell reicher wird.

Ist auf diese Weise der Umwelt- oder Klimaschutz eingereiht in die Bedürfnisse und Präferenzen der Bürger und der Gesellschaft, erledigt sich eine ganze Klasse von Problemen, die von der herrschenden Ökonomie mit dem Umweltschutz verbunden wird, von ganz alleine. Dazu im dritten Teil mehr.

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