Wolfgang Münchau: Deutschland sprengt die EWU

In seiner Kolumne bei Spiegel-Online kommt Wolfgang Münchau zu einem für Deutschland sicher schockierenden Ergebnis: Deutschland sprengt den Euro! Schockierend ist das aber nur für diejenigen, die sich bisher geweigert haben, ernsthaft über die Probleme der Europäischen Währungsunion nachzudenken.

Friederike Spiecker und ich haben vor zehn Jahren ein Papier mit einem fast identischen Titel geschrieben: „Die deutsche Lohnpolitik sprengt die Europäische Währungsunion“. Dort kamen wir ebenfalls zu einem schockierenden Ergebnis:

„In der Europäischen Währungsunion gärt es. Bis hin zu lautem Nachdenken führender Politiker über einen Austritt aus dem Verbund reichen inzwischen die Symptome einer großen Krise, die die junge Union erfasst hat. Was ist geschehen? Eine Reihe von Ländern hat seit Beginn der Union massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Ihr realer Wechselkurs, den es im Gegensatz zum nominalen Wechselkurs auch innerhalb einer Währungsunion noch gibt, hat sich aufgewertet. In der Vergangenheit kam in solchen Situationen regelmäßig das Ventil einer nominalen Abwertung zum Einsatz. Dieses steht nun nicht mehr zur Verfügung. Daraus wird von vielen im In- und Ausland geschlussfolgert, nur ein Austritt aus der Währungsunion könne die Wettbewerbsfähigkeit der zurückgefallenen Nationen wiederherstellen.

Dieser Kurzschluss offenbart, dass die Ratio einer Währungsunion noch immer nicht verstanden wird, insbesondere nicht in Deutschland, dessen realer Wechselkurs abgewertet hat und das dadurch massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber seinen Währungsunionspartnern gewonnen hat. In der gleichen Weise wie die meisten Beobachter in Deutschland von Anfang an nur politische Gründe für die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion (EWU) gelten ließen, so sehen sie jetzt im Versagen der „anderen“ den entscheidenden Grund für die entstandenen Schwierigkeiten. Die Rolle Deutschlands beim Entstehen der Krise wird kaum problematisiert. Deutschland tut nach Ansicht der Mehrheit der deutschen Experten, der Deutschen Bundesbank und zumindest implizit auch der Europäischen Zentralbank, was es zum Abbau der Arbeitslosigkeit tun muss, ohne die Inflation in Europa anzuheizen: es versucht seine Arbeitskosten zu senken. Mehr könne niemand von Deutschland erwarten. Und doch ist diese Position völlig unhaltbar und, schlimmer noch, inkonsistent mit dem Wunsch nach dauernder Geldwertstabilität, der wie kein anderer die deutsche Position bei den Verhandlungen um die Gründung der EWU dominiert hat.“

Im Jahr 2001 hatte ich ein Papier geschrieben, dass schon damals auf die deflationären Gefahren der deutsche Politik hinwies:

„Bei einer vor allem an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Volkswirtschaften ausgerichteten Wirtschaftspolitik in den großen Ländern droht das gesamte Modell der Währungsunion in eine deflationäre Falle zu laufen. Standortwettbewerb, ob über Steuersenkung oder die Löhne, läuft darauf hinaus, dass jeder versucht, den anderen zu unterbieten. Da das logischerweise nicht gelingen kann, ist die Folge der Anstrengungen jedes Landes in diese Richtung eine Spirale nach unten bei den Preisen und den Mengen.“

Wir werden morgen ein Stück bringen, das noch einmal im Detail erklärt, warum die europäischen Verträge falsch konstruiert sind und warum die deutsche Politik eine ganz andere Antwort braucht, als die europäischen Partnerländer bereit sind zu geben.

 

 

 

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