Archiv flassbeck-economics | 11.09.2015 (editiert am 25.05.2016)

China und Brasilien: Fallen die wichtigsten BRICS aus der Rolle?

Die „Investoren fliehen“ aus den Schwellenländern, vermelden die Medien weltweit. Was ist geschehen? Haben sich die Investitionsbedingungen in den Schwellenländern so schnell und so dramatisch verschlechtert? Weit gefehlt, um Investitionen geht es nämlich gar nicht. Würde man, wie es viel eher zutreffend ist, davon sprechen, dass sich die Spekulanten aus den Schwellenländern zurückziehen, klänge das ganz anders. Denn mit wirklichen Investitionen in Sachanlagen hat es nichts zu tun, wenn Milliarden Dollar oder Euro in kurzer Zeit um den Globus gejagt werden, es geht um „investments“, also um den Kauf und den Verkauf von Papieren, aber gerade nicht um neue Investitionen in Sachanlagen.

In der Tat, es passiert derzeit, was schon so oft passiert ist in den vergangenen 40 Jahren: Die Anleger, die auf schnelle Beute aus sind, werden nervös, weil das Wachstum in einigen wichtigen Schwellenländern stockt und man nicht mehr wie selbstverständlich drauf setzen kann, dass die Börsenblasen oder Währungsblasen immer noch größer werden. Von der Flucht der Anleger werden auch die Währungen der großen Länder betroffen, der brasilianische Real wertete bis auf historische Tiefststände ab und auch die chinesische Währung, der Renmimbi, ist unter Druck, so dass die chinesische Zentralbank sogar einen erheblichen Teil ihrer Devisenreserven verkaufen konnte.

All das passt aber überhaupt nicht in die einfachen Muster, in die es von unseren Medien (diesmal ausdrücklich auch der internationalen Presse) gesteckt wird. Die Abwertung der brasilianischen Währung ist das Beste, was dem Land derzeit passieren kann und die Tatsache, dass China Währungsreserven verliert, ist kein wirklicher Verlust, sondern bedeutet nur, dass Geld, das aus dem nichts geschaffen wurde, wieder vernichtet wird, weil es zur Zentralbank zurückfließt.

Versuchen wir also eine Erklärung dessen, was hier geschieht. Um es aber gleich vorweg zu sagen: Die Geschichten, die es hier eigentlich zu erzählen gibt, sind sehr kompliziert. Nichts ist einfach, wenn man auf solche Länder schaut und schon deswegen ist das, was wir dazu in den Zeitungen lesen, in der Regel irreführend oder doch wenigstens mit großer Vorsicht zu genießen. Auch ich werde hier und heute nicht versuchen, erschöpfende Geschichten zu erzählen, sondern lediglich einige der gängigen Vorurteile über diese Länder und ihre Probleme zurechtzurücken. Andere BRICS und eine Reihe weiterer Schwellenländer haben übrigens ähnliche Probleme und erhebliche Probleme mit ihren Rohstoffen dazu, unter anderem Südafrika und Russland. Aber auch die Türkei ist in einem ihrer typischen Abschwünge mit erheblicher Abwertung der eigenen Währung gefangen, aber diesmal ohne, dass sie schon wieder den IWF akut zu Hilfe gerufen hat. Wir haben in der Vergangenheit eine große Geschichte über einige BRICS gemacht, die man hier findet.

China und Brasilien sind in den Augen der meisten westlichen Beobachter ja schon dadurch „vorbelastet“, dass sie die „falschen“ Regierungen haben. China steht klar unter dem Kommando der Kommunistischen Partei, die es aber geschafft hat (alle Freiburger Ökonomen bitte genau hinhören!) dem Land solche Rahmenbedingungen und eine solche Wirtschaftspolitik zu geben, dass es nun fast 40 Jahre erfolgreich den Status eines bitterarmen Entwicklungslandes abgeschüttelt hat und de facto in den Klub der Industrienationen eingetreten ist (de jure beharrt China weiter darauf, ein Entwicklungsland zu sein). Es gibt keine solche Geschichte eines Landes, das bei strenger Anwendung eines von westlicher Seite bejubelten reinen Marktkonzepts auch nur annähernd so erfolgreich wie China gewesen wäre.

Brasilien wird seit 2002 von einer sozialdemokratischen Partei regiert, was das Land in den Augen der Mehrzahl der westlich/nördlichen Medien von vorneherein verdächtig macht und super-kritische Kommentare hervorruft, sobald auch nur die kleinste Unstimmigkeit in der Regierung auftritt oder die wirtschaftlichen Ziele nicht erreicht werden. Seit Beginn der Machtübernahme war die Regierung, die zunächst von Präsident Lula angeführt wurde, der inzwischen von seiner früheren Mitarbeiterin Dilma Roussef abgelöst wurde, durchaus erfolgreich. Die ersten Jahre gab es ansehnliche Wachstumsraten, man versuchte einen größeren sozialen Ausgleich und die Regierung steuerte Brasilien ohne gewaltige Eruptionen durch die große globale Rezession von 2008/2009. Heute verzeichnet Brasilien eine ausgeprägte Wachstumsschwäche und die brasilianische Währung ist in den letzten Tagen auf den tiefsten Stand seit Anfang der 2000er Jahre gefallen.

China ist über die Jahrzehnte viel erfolgreicher gewesen als Brasilien und das hat, anders als es der Mainstream sieht, der vor allem institutionelle Faktoren vergleicht, sehr viel mit den monetären Bedingungen in beiden Ländern zu tun, also mit dem Zinsniveau und dem Währungsregime. China hat nach einer Finanzkrise im Jahr 1993 ein Geldsystem installiert, das für eine Entwicklungsland nahezu perfekt war. Da es China gelungen ist, die Inflationsrate über eine staatliche Einkommenspolitik niedrig zu halten, konnten sie auch die Investitionsbedingungen sehr günstig gestalten. Der Zins war in China in vielen Jahren seitdem fast immer so niedrig wie in den USA, was es ihnen gleichzeitig erlaubte, den (zu Anfang sicher unterbewerteten) Wechselkurs bis 2005 fest an den US-Dollar zu binden und erfolgreich (auch mit Hilfe von Kapitalverkehrskontrollen und generell eingeschränkter Konvertibilität) zu verteidigen. Das führte zwar am Ende zu hohen Devisenreserven, weil die Notenbank häufig intervenieren musste, aber die haben, anders als vielfach behauptet, das Land nie wirklich belastet. Mit sehr niedrigen Zinsen und einem unterbewerteten Wechselkurs waren die Investitionsbedingungen in China absolut ideal und zudem sehr stabil.

In Brasilien war und ist es genau umgekehrt. Das Land versuchte in den neunziger Jahren mit einem crawling peg (also einer sich in kleinen Schritten ändernden Parität zum US-Dollar) einen Stabilitätsimport zu betreiben, was impliziert, dass die brasilianische Währung, der Real, immer leicht überbewertet war. Das führte zu einer schweren Zahlungsbilanzkrise im Jahr 1999, in deren Verlauf der Real stark abgewertet wurde. Danach kehrte Brasilien einerseits wieder zurück zu flexiblen Wechselkursen, andererseits aber auch wieder zu einer sehr ungewöhnlichen Geldpolitik. Diese Kombination musste auf längere Sicht ins Unglück führen. Brasilien betreibt nämlich traditionell eine Art Hochzinspolitik, weil das Land, geprägt von einigen Phasen der Hyperinflation nach dem Zweiten Weltkrieg, vorsichtig agieren will, um keine Inflationierung zu riskieren. Die unabhängige Zentralbank agiert weitgehend losgelöst von der übrigen Politik und ihre Spitze wurde auch von den Sozialdemokraten, aus Angst vor den Finanzmärkten sagt man in kritischen Zirkeln, konservativ besetzt. Noch schlimmer wird das Ganze dadurch, dass der Zins, den die Banken für Kredite verlangen, noch viel höher ist als der Zentralbankzins (siehe dazu auch diesen Artikel). Nur über die nationale Entwicklungsbank (BNDES) können Unternehmen Kredite zu vernünftigen Konditionen bekommen.

Die hohen Zinsen haben in den vergangenen 15 Jahren immer wieder dazu geführt, dass die brasilianische Währung unter starken Aufwertungsdruck geriet, weil sogenannte carry trades gemacht wurden, bei der man eine Niedrigzinswährung wie den japanischen Yen oder den Schweizer Franken nach Brasilien trägt (als Kredit augenommen oder auch als Eigenkapital) und dort ganz kurzfristig anlegt. Damit konnte man über lange Phasen schon sehr hohe Gewinne machen, weil aber die carry trades so attraktiv waren und von so vielen in der Welt genutzt wurden, wertete der Real teilweise extrem auf. Das war schön für die carry trader, die dann noch höhere Gewinne machten, war aber fatal für die brasilianische Exportwirtschaft (hier von uns analysiert). Im Gefolge dieser Kapitalzuströme verlor die brasilianische Wirtschaft immer wieder erheblich an Wettbewerbsfähigkeit und wurde natürlich massiv zurückgeworfen.

China beendete seine Unterbewertung nicht durch eine vollständige Freigabe des Wechselkurses, sondern durch eine allmähliche Lockerung der Konvertibilitätsrestriktionen und eine leichte Aufwertung, die 2005 begann. Auch in China verschlechterte sich in Laufe der letzten zehn Jahre die internationale Wettbewerbsfähigkeit, jedoch nicht infolge einer starken Aufwertung der Währung, sondern durch starke Lohnsteigerungen bei relativ stabilem Wechselkurs. Dadurch war es möglich, den Strukturwandel, den das Land brauchte, um seine Abhängigkeit von teilweise extrem hohen Leistungsbilanzüberschüssen zu verringern, in Gang zu setzen, ohne per Saldo jeden Schwung zu verlieren. Dass es jetzt zu einer gewissen Korrektur im Tempo des Wachstums kommt, ist vollkommen normal, weil die Regierung versucht, der Immobilien- und Aktienblase (die bei einer so rasanten Entwicklung nicht zu vermeiden war) langsam die Luft entweichen zu lassen. Dass die Regierung interveniert, um Exzesse nach unten zu vermeiden, ist gleichwohl vernünftig. Ebenso sollte man aus der Abwertung, die jüngst zugelassen wurde, keine große Geschichte machen, da die Aufwertung, die China vorher hingenommen hatte, beträchtlich gewesen war.

Brasilien braucht dringend die Abwertung, die sich jetzt einstellt. Das Land hat nach 1999 gezeigt, dass es die Chancen, die in einer solchen Abwertung stecken, nutzen kann (wir haben das hier erläutert). Brasilien braucht aber dringender denn je eine von der Regierung moderierte und kontrollierte Einkommenspolitik. Diese braucht man jetzt unmittelbar, um die aus der Abwertung resultierenden Inflationsgefahren klein zu halten (also abwertungsbedingte Importpreissteigerungen nicht auf die Inflationsrate durchschlagen zu lassen, weil die Löhne zu steigen beginnen, um den Importpreiseffekt auszugleichen), man braucht sie aber insbesondere, um für die Zukunft eine stabile Säule der Binnennachfrage zu schaffen, die Brasilien in all den vergangenen zwanzig Jahren gefehlt hat. In irgendeiner Art und Weise waren zwar die Nominallöhne immer an die Inflationsrate gekoppelt, die Produktivitätsfortschritte hat man aber, so meine Wahrnehmung, systematisch „vergessen“. Zudem braucht Brasilien, wie die anderen Schwellen- und Entwicklungsländer auch, ein globales Währungssystem, das verhindert, dass aus einer Abwertung rasch wieder im Zuge neuer Spekulationen eine neue Aufwertung wird.

P. S.: Würde man mich fragen, ob die jetzige brasilianische Regierung eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik hinbekommt, müsste ich doch mit nein antworten. Allein die Tatsache, dass die Präsidentin vor einigen Monaten mit Joaquim Levy einen Mann zum Finanzminister gemacht hat, der aus der härtesten aller harten Chicago-Schulen entsprungen zu sein scheint, spricht nicht dafür, dass sie den Mut zu einem Neuanfang auf der Basis einer anderen Wirtschaftstheorie hat. Ich habe Joaquim Levy in den frühen 2000er Jahren auf einem Seminar in Brasilia kennengelernt (da war er schon in leitender Position im Finanzministerium) und dachte damals, dass so viel Borniertheit eigentlich nicht möglich und für ein Schwellenland wie Brasilien eigentlich untragbar ist.

 

 

 

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