Archiv flassbeck-economics | 22.09.2015 (editiert am 25.05.2016)

Die Europäische Konjunktur im Herbst 2015: Das endlose Debakel des Wolfgang Schäuble (Teil 3)

Gerade meldet die Financial Times (hier, kostenpflichtig), dass sich der Chefvolkswirt der Bank von England, Andy Haldane, dafür ausgesprochen hat, das Bargeld abzuschaffen. Willkommen im Club der Ahnungslosen (wir haben uns hier mit der Forderung auseinandergesetzt und sie abgelehnt)! Nur auf diese Weise, sagt er, könnten die Notenbanken mit der Möglichkeit, Negativzinsen auf liquide Vermögensteile zu verlangen, ihre wirtschaftspolitische Handlungsmöglichkeit in Zeiten der Deflation zurückgewinnen. Klar, und die Zeiten der Deflation sind ja gewissermaßen unabänderlich, so dass man solche gravierenden Veränderungen vornehmen muss, um mit Der Deflation auf Dauer leben zu können.

Die Konfusion über Inflation und Deflation geht tiefer und weiter, als ich das jemals angenommen hätte. Mit anderen Worten, die Idee, Geld sei der Schlüssel zur Veränderung des Preisniveaus ist auch bei jemandem wie Haldane (den ich für seine Analysen der Finanzkrise sehr schätze und der sicher nicht unter fremdem Einfluss steht) so tief verwurzelt, dass er sich auch nach vielen Jahren offenkundigen Versagens jeder Art von Geldmengentheorie nicht zu einer fundamental anderen Diagnose des Deflationsphänomens durchringen kann. Doch dazu später, wenn es um die neuen Deflationszahlen aus Europa geht, mehr.

Hatte es vor zwei Jahren so ausgesehen (auch das trug sicher zu Schäubles grandioser Fehleinschätzung bei, siehe Teil 1), als könnte sich die Bauproduktion in der EWU erholen, kann davon inzwischen nicht mehr die Rede sein. Der Index der Bauproduktion ist inzwischen wieder auf einen Wert unter 90 gefallen, was ganz nahe am tiefsten Niveau von 2013 liegt (Abbildung 1).

Abbildung 1

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Frankreich ist in dieser Hinsicht besonders desolat, dort ist der kleine Aufschwung von 2013 einer neuen Krise gewichen und das heutige Niveau liegt tiefer als irgendeins in den Jahren bis 2000 zurück.

In Südeuropa (für Griechenland gibt es keine Zahlen) sieht es nicht besser aus (Abbildung 2). Italien (Zahlen nur bis Mai) ist weiter auf dem absteigenden Ast, nunmehr schon fast durchgängig seit 2008. Spanien erholt sich nicht weiter und Portugal verharrt auf extrem niedrigem Niveau.

Abbildung 2

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Der einzige Bereich, wo es in Europa einen Lichtblick gibt, ist der Einzelhandel (Abbildung 3). Angeführt von einer stetigen Verbesserung der (realen) Umsätze in Frankreich, hat sich doch inzwischen eine Belebung in den wichtigsten Ländern durchgesetzt.

Abbildung 3

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Wie lange diese anhält, ist eine vollkommen offene Frage. Einerseits ist es klar, dass sich bei den Nominallöhnen in ganz Europa wenig bis nichts tut. Das WSI in der Böckler-Stiftung, das die Tarifentwicklung in Europa verfolgt (hier), kommt zu folgender Einschätzung hinsichtlich der Effektivlöhne (also der ausbezahlten Löhne): „Das Wachstum der nominalen Effektivlöhne in der EU weist … eine rückläufige Tendenz auf: 2012 betrug die Steigerung 2,0 Prozent, 2013 waren es 1,7 Prozent, 2014 nur noch 1,2 Prozent. Den höchsten Anstieg verzeichnete im vergangenen Jahr Lettland mit 8,7 Prozent, das Schlusslicht war Kroatien mit -5,3 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission im Schnitt ein Plus von 1,6 Prozent, also eine geringfügig dynamischere Entwicklung.“

Ob man der Kommissionsschätzung für 2015 trauen kann, wage ich zu bezweifeln, weil für sie oft der Wunsch der Vater des Gedankens oder der Prognose ist. Ansonsten zeigen diese Zahlen das ganze Elend der Europa von Deutschland auferlegten Wirtschaftspolitik. Nominale Zuwächse knapp über ein Prozent sind eindeutig deflationär. Alles, was derzeit an Belebung des Einzelhandels zu sehen ist, liegt folglich am Rückgang der Preise, der aus dem mickrigen Anstieg der Nominallöhne noch einen spürbaren Anstieg der Reallöhne macht.

Diese Entwicklung, so viel ist sicher, wird sich nicht noch einmal wiederholen, weil die Rohstoffpreise nicht noch einmal um so viel fallen werden, wie sie jetzt gefallen sind. Dann ist das, was den europäischen Einzelhandel derzeit ein wenig bewegt, der klassische Einmaleffekt.

Abbildung 4

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Für Südeuropa gilt selbst das nicht. Griechenland liegt ohne Bewegung am Boden, Spanien und Portugal gehen im Zeitlupentempo nach oben.

Die geschilderte Lohnentwicklung hat, zusammen mit dem Rohstoffpreiseffekt, einen fatalen Einfluss auf die Preisentwicklung allgemein. Im Juli sind die Verbraucherpreise für die gesamte EWU wieder auf die Nullmarke gefallen (Abbildung 5).

Abbildung 5

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Die Erzeugerpreise zeigen deutlich (Abbildungen 5 und 6), dass es nach dem Rekordtief vom Jahresbeginn inzwischen eine kleine Erholung (im Sinne von Aufwärtsbewegung) gab, die aber schon wieder zu weichen beginnt.

Abbildung 6

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Auch zeigt sich bei den Verbraucherpreisen in einzelnen Ländern (Abbildung 7), dass Griechenland und Spanien zwar nach unten von den anderen abweichen, aber man kann über die gesamte EWU erkennen, dass der Druck, der in Richtung Deflation geht, eine gemeinsame Ursache haben muss.

Abbildung 7

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Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen

Nach dem gezeigten Befund bei den Löhnen und Preisen ist es offensichtlich, dass man die Deflation nur wirksam bekämpfen kann, wenn man bei den Löhnen ansetzt. Geldpolitik ist wirkungslos, weil sie die zweifache negative Wirkung der relativen Lohnsenkung (Lohnmindersteigerung) auf die Preise und die Binnennachfrage nicht ausgleichen kann.

Das anzuerkennen ist aber für Menschen wie den oben genannten Chefvolkswirt der Bank von England tabu, weil das ihren Vorurteilen über die Funktionsweise des Arbeitsmarktes fundamental widerspricht. Aber machen wir uns nichts vor, ein solcher Schwenk in der ökonomischen Position wäre ohnehin schwierig. Er würde in der Politik unmittelbar als politischer Schwenk verstanden, als ein Versuch, etwa Labour und ihrem neu gewählten Vorsitzenden Jeremy Corbyn in die Hände zu spielen.

Selbst eine wissenschaftlich absolut gerechtfertigte Position, die darauf hinausläuft, einen staatlichen Eingriff in den Arbeitsmarkt zu befürworten, würde sofort als „links“ gebrandmarkt und als eine politische Position verunglimpft. Das zeigt die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn wissenschaftlich Überzeugungen in der politischen Diskussion umgesetzt werden sollen. Stellen wir uns vor, Mario Draghi würde mit der aus Studien der Zentralbank gewonnenen Einsicht an die Öffentlichkeit gehen, dass die Geldpolitik bei der Bekämpfung der Deflation versagt und die wahre Ursache bei den Löhnen liegt. Er würde vor allem in Deutschland sofort als Linker beschimpft, der eine politische Agenda hat. Selbst die deutschen Ökonomen würden auf die Barrikaden gehen und die deutsche Politik unterstützen.

Man braucht anders als auf anderen Gebieten nicht nur große Erkenntnisse, man braucht bei wirtschaftlichen Fragen auch unglaublich starke Persönlichkeiten, um diese Erkenntnisse in die Politik umzusetzen. Weil das so selten zusammenkommt, ist vermutlich der Fortschritt in wirtschaftlichen Fragen so unglaublich klein.

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