Noch mehr Zweifel am schweizerischen System der Vollbeschäftigung durch Exportüberschüsse.

Rein orthographisch ist der Unterschied zwischen legen und liegen klitzeklein. Mathematisch liegt er bei 20 Milliarden Franken – allein im 2. Quartal 2015. In diesen drei Monaten hat die Schweiz gemäss den neuesten Zahlen der Nationalbank einen Leistungsbilanzüberschuss von 18 Milliarden Franken erzielt. Gleichzeitig ging jedoch das Netto-Auslandvermögen um 2 Milliarden zurück. Dieser Vorgang hat System: Im Vorquartal ist das Nettovermögen sogar um 94 Milliarden geschrumpft – trotz 15 Milliarden Franken Überschuss in der Leistungsbilanz.

Zugegeben: Die aktuellen Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Das zeigt die Tatsache, dass die SNB ihre Zahlen zur Kapitalbilanz inzwischen bereits um einen zweistelligen Milliardenbetrag revidiert hat. Irritierend ist auch, dass die Nettovermögen in der neuesten Veröffentlichung um rund 40 bis 50 Milliarden ohne nähere Erklärung nach unten revidiert worden sind.

Am allgemeinen Trend ist klar: Das Auslandvermögen der Schweiz verrottet. In den vergangenen zehn Jahren oder 40 Quartalen hat die Schweiz zwar einen Leistungsbilanzüberschuss von 552 Milliarden Franken kumuliert, doch das Nettovermögen ist bloss um magere 27 Milliarden gestiegen – plus minus ein paar Dutzend Milliarden Statistical Error.

Die Schweiz teilt damit das Schicksal aller chronischen Überschussländer: Sie müssen ihre Überschüsse notgedrungen in den weichen Währungen der Defizitländern anlegen. Da ist ein Wertverlust schon mal programmiert. Dazu kommt aber noch ein Hebeleffekt: Die Schweiz hatte Ende März 2015 ein Netto-Devisenguthaben im Wert von 2,4 Billionen Franken, nämlich 3,6 Billionen Guthaben gegenüber 1,2 Billionen Devisenschulden. Jede Aufwertung des Frankens um durchschnittlich 1 Prozent entwertet das Auslandsguthaben der Schweiz um circa 24 Milliarden Franken.

Die Schweiz hält also ihre Guthaben in weichen Währungen. Wer Exportüberschüsse erzielen oder gar Exportweltmeister werden und bleiben will, braucht Schuldner – und das sind nun mal Defizit- bzw. Weichwährungsländer. Also stellt sich für die Schweiz nicht die Frage nach der optimalen Allokation der Wertschriften, sondern nach dem Sinn von chronischen Exportüberschüssen. Wie die Statistik zeigt, hat die Schweiz Jahr für Jahr rund 50 Milliarden in den Sand gesetzt. Hätte man das Geld nicht besser einsetzen können?

Die Frage ist insofern falsch gestellt, als es den „man“ nicht gibt. Die Überschüsse sind nicht das Ergebnis einer zentralen Planung, es gibt keine Instanz, die daran kurzfristig etwas ändern könnte, aber es gibt viele Kräfte, die am Erhalt des Status quo interessiert sind. Dazu gehört natürlich die Exportindustrie, aber auch die Gewerkschaften halten an den Arbeitsplätzen in der Exportindustrie fest. Das ist der Grund, warum es weder in der Schweiz noch in Deutschland eine ernsthafte Diskussion über Alternativen zum Modells der Vollbeschäftigung durch Exportüberschüsse gibt.

Dabei sind die Mängel dieses Modell nicht nur in der Statistik der verrottenden Auslandsvermögen klar erkennbar. Dazu ein paar Stichworte: Die Exportindustrie beschäftigt weniger Leute, als man denkt und hat per Saldo in den letzten Jahren immer nur Stellen abgebaut. Hätte man die Ressourcen stattdessen z.B. in den Umbau der Energieversorgung gesteckt, wären viel mehr Stellen entstanden. Die Nationalbank wird mit der Entsorgung der Exportüberschüsse zunehmend alleingelassen und ist damit überfordert. Das zeigen übrigens auch die neuesten Zahlen. Schliesslich exportiert die Schweiz mit ihren Überschüssen Arbeitslosigkeit und erntet Einwanderung – die auch nicht immer erwünscht ist.

Wie also kommt die Schweiz aus ihrer – unter anderem mit der 2. Säule – selbst gestellten Falle hinaus? Wir haben diese Frage hier schon mal etwas ausführlicher diskutiert.

 

 

 

 

 

 

 

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