Archiv flassbeck-economics | 04.09.2015 (editiert am 25.05.2016)

Rationale Erwartungen und reale Befürchtungen – Die Politik der Austerität ist genau so ein Desaster wie deren intellektuelle Begründung

Mit einer Ergänzung von Heiner Flassbeck

Wirtschaftspolitik ist oft erschreckend einfach gestrickt. Das Muster geht so: Man treffe eine rein theoretische Annahme. Zum Beispiel, dass Wirtschaftssubjekte immer ihren Eigennutz maximieren und über vollkommene Information verfügen, auch betreffend künftige Entwicklungen. Daraus kann man rein rational fast beliebig vieles ableiten. Etwa dies: Wenn eine Regierung die Steuern senkt und die Ausgaben erhöht, dann erwarten die Wirtschaftsakteure rational, dass die Steuern früher oder später wieder erhöht werden müssen, dass also ihr Nettoeinkommen wieder sinken wird. Deshalb werden sie gar nicht erst damit anfangen, mehr Geld auszugeben. Das Konjunkturprogramm verpufft sozusagen in der rationalen Erwartung, noch bevor es gestartet wird.

Man kann aus derselben „Theorie der rationalen Erwartungen“ (die wir hier schon ausführlich kritisiert haben) aber auch genau so logisch zwingend folgern, dass staatliche Konjunkturpakete erfolgreich sein müssen. Das geht dann so: Wenn der Staat Budgetkürzungen glaubwürdig ankündigt, wissen die Wirtschaftsakteure, dass die Steuern sinken werden und sie geben deshalb jetzt schon mehr aus, bzw. investieren mehr. Die bremsende (kontraktive) Wirkung der sinkenden Staatsausgaben wird also durch die stimulierende Wirkung der positiven Erwartungen überkompensiert.

Mit der ersten Ableitung haben neoliberale und konservative Kräfte ab den Siebzigerjahren staatliche Ankurbelungsprogramme bekämpft, [...]

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