Was im August wichtig war: Teil 2 – Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Die wirtschaftliche Lage hat sich auch nach den Zahlen, die im August erschienen, nicht gebessert. Im Gegenteil, angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten, die einige Schwellenländer haben, könnte eine globale Abschwächung Europa auf dem falschen Fuß erwischen. Genau zu dem Zeitpunkt, wo Europa versucht, sich über verbesserte Wettbewerbsfähigkeit von außen positive Impulse für die Konjunktur zu verschaffen, gibt es negative Impulse, die das Potenzial haben, die hiesige Stagnation in eine neue Rezession umzuwandeln.

Die Börsenturbulenzen der vergangenen Wochen sollte man zwar in ihrer Bedeutung für die Konjunktur nicht überschätzen, aber der weitere Absturz einiger Rohstoffpreise zeigt jetzt, wo die Finanzspekulation auf diesen Märkten weitgehend zum Erliegen kommt, dass der von vielen erwartete „Superzyklus“ im Rohstoffbereich, der auf immerwährend steigende Nachfrage in China und anderen Entwicklungsländern baute, eine reine Illusion war. Die Unsicherheit an den Börsen beruht darauf, dass viele erwarten, dass China in eine Phase schwächeren Wachstums eintritt und als globale Lokomotive ausgedient hat. Wir werden dazu in den nächsten Wochen noch einmal ausführlicher Stellung nehmen. Dass allerdings der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, glaubt, die Märkte führen Achterbahn, weil die Banken wegen neuer Regulierungen als „Market Maker“ und damit als Stabilisator ausfielen, gehört zu den wirklich lustigen Meldungen, von denen es allerdings nicht so viele gab.

Nun rächt sich der Ansatz der „alternativlosen Austerität“, den Angela Merkel und Wolfgang Schäuble den Europäern bis Ende vergangenen Jahres aufgezwungen haben. Wer darauf wartet, dass der Rest der Welt Europa aus dem Sumpf zieht, musste früher oder später auf diese Weise bestraft werden. Die Zyklen der Weltwirtschaft sind zwar schwächer geworden, aber es gibt sie noch, und wer die Zeit eines globalen Aufschwungs verschläft oder sich gar mit kontraproduktiver eigener Politik davon abkoppelt, hat hinterher keine Chance, das Versäumte wieder aufzuholen. Diejenigen, die Europa diese falsche Politik verordnet haben, sind verantwortlich für Verluste an Einkommen in ganz Europa in der Dimension von vielen hundert Milliarden Euro, von der Arbeitslosigkeit und den damit verbundenen Schicksalen vieler Millionen Menschen gar nicht zu reden.

Was die jüngere Entwicklung angeht, also vor allem, was den Daten von Juni bis August zu entnehmen ist, muss man feststellen, dass es für Deutschland ein gemischtes Bild gibt und sich Europa praktisch nicht bewegt. In Deutschland ist der ifo-Index im August leicht gestiegen, die Auftragseingänge sind im Juni aufgrund einer Sonderbewegung auch etwas nach oben gegangen, die Produktion ist aber im Juni in der Industrie und beim Bau (hier sogar sehr stark) gesunken. Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland im Juli saisonbereinigt um 8000 Personen gestiegen und im August um 6000 gesunken. Dass die deutschen Medien die deutsche Stagnation verantwortungsvoll zur Kenntnis nehmen würden, war nicht zu erwarten, statt dessen malten sie weiter (wie etwa hier das Handelsblatt) an ihrem Lieblingsbild, dem immerwährenden Aufschwung für Deutschland.

Die Wiesbadener Statistiker haben aus dem im zweiten Quartal insgesamt sehr durchwachsenen Bild der Originaldaten, die von der Produktionsseite eigentlich für Stagnation sprechen, wieder eine leichte Zuwachsrate des BIP von 0,4 herausgerechnet.

Der Aufschlüsselung in der Tabelle des Bundesamtes lässt sich entnehmen, dass der Beitrag vom Außenhandel zum BIP-Wachstum ganze 0,7 Prozentpunkte beträgt (an dieser Stelle ist immer dazu zu denken, dass das im Rest der Welt die gleiche Buchung mit negativem Vorzeichen impliziert), was bedeutet, dass der Beitrag aus dem Inland mit -0,3 Prozentpunkten wegen extrem schwacher Investitionstätigkeit die Entwicklung bremste. Nur: Auch Exporte müssen produziert werden. Wenn von daher die Belebung der Konjunktur gekommen wäre, müsste man auch das eigentlich auch in der Produktion finden. Da aber die Läger sinken, kann es sein, dass man vermutet, der zusätzliche Export sei aus den Lägern bedient worden. Auffällig ist in jedem Fall, dass die Exportwachstumsrate nahezu verdoppelt wurde (2,2 nach 1,2), die Importrate aber halbiert wurde (0,8 nach 1,9). War es vor allem der Tatsache zuzuschreiben, dass Deutschland weniger importierte, die dazu führte, dass das Wachstum stärker als erwartet war?

Man kann aufgrund der ersten beiden Quartale schon vermuten, dass Deutschland in diesem Jahr die von Brüssel vorgelegte Latte von 6 Prozent Leistungsbilanzüberschuss leicht reißen wird. So wie es jetzt aussieht, werden eher acht Prozent oder 250 Milliarden herauskommen. Damit verstößt Deutschland in eklatanter Weise gegen die gemeinsam gesetzten Regeln und alles Gerede von wegen „jeder muss sich an die Regeln halten“, ist eine reine Farce. In jedem Fall erweist sich die Behauptung, die regelmäßig in Deutschland von höchster politischer Warte kommt, die deutsche Konjunktur sei vor allem von der Binnenkonjunktur getragen, als reines Märchen.

In Europa ist weder in der Industrie noch bei der Bauproduktion, wie die beiliegenden Bilder zeigen, eine Wende nach oben gelungen. Im Gegenteil, in der Industrie geht es wieder leicht abwärts und am Bau kam es im Juni zu einem Rückgang, der vor allem von Deutschland ausging.

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Mit Erstaunen beobachtet man in diesen Tagen wie der spanische Regierungschef seine Konjunktur nach oben redet. Wir haben vor der Sommerpause dazu ja schon einiges gesagt (hier) und werden die Frage sicher wieder aufgreifen.

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Aber die hier vorliegenden Zahlen zeigen, dass auch in Spanien bei den harten Indikatoren sehr wenig Belebung zu verzeichnen ist. Lediglich die spanische Industrie hat sich zuletzt etwas stärker entwickelt. Die Industrieproduktion hat seit Mitte vergangenen Jahres um etwa fünf Prozent zugelegt, nachdem sie von Beginn der Krise an etwa um vierzig Prozent eingebrochen ist. Auch bei der Bauproduktion gab es 2014 eine Belebung, die sich aber seit Monaten nicht mehr fortsetzt. Von einem Erfolg der Reformen zu sprechen und das Land als Vorbild für andere zu empfehlen, ist lächerlich und demagogisch. Zur „positiven Wachstumsrate“ in Griechenland im zweiten Quartal werden wir diese Woche noch einen Beitrag machen.

Die Inflationsrate lag auch im August in Euroland nur bei 0,2 Prozent. Man fragt sich, wo all die vielen Milliarden Euro (sechzig Milliarden Euro pro Monat waren versprochen) geblieben sind, die von der EZB seit Beginn des Jahres ins System „gepumpt“ worden sind. Man sieht jetzt, dass die Zahlen zwar groß sind, dass die Pumpe aber sehr schwach ist. In vielen Bankbilanzen steht jetzt Cash, wo vorher Staatsanleihen gestanden haben. Dafür stehen bei der EZB viele Staatsanleihen in der Bilanz. Ja, und? Mit einer Anregung der Konjunktur hat das offensichtlich nicht viel zu tun, und die EZB muss sich fragen, ob sie nicht viel klarer und offener einen Beitrag der Finanzpolitik einfordern muss.

Die EZB sollte sich einmal ein Beispiel an der Deutschen Bundesbank nehmen. Die hat sich nie gescheut, den Staat zur Konsolidierung der Staatsfinanzen aufzufordern, wenn ihr das geboten erschien. Und niemand in Deutschland hat sich darüber aufgeregt. Der umgekehrte Fall, dass die Zentralbank den Staat zur Anregung der Konjunktur auffordert, sollte in einer so heiklen Situation, wie sie sich derzeit für die europäische Konjunktur darstellt, kein Tabu sein. Unser Ceterum Censeo jedenfalls, dass die Geldpolitik nie sozusagen im leeren Raum, also losgelöst von Lohn- und Fiskalpolitik, erfolgreich im Sinne von Wachstumsankurbelung, Arbeitsplatzschaffung und Preisstabilität agieren kann, findet wieder seine volle Bestätigung.

 

 

 

 

 

 

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