Wie man den Druck im Kessel erhöht, Teil 1: Die Salafisten

Was haben Staumeldungen und Wetterbericht gemeinsam? Sie liefern (meist) Informationen, die uns helfen, unser Verhalten zum eigenen Nutzen zu verändern – also Staus zu umfahren, das Auto stehen zu lassen, den Schirm nicht umsonst mit herum zu schleppen oder mangels Jacke zu frieren. Diese Qualität haben leider nicht alle Informationen, die einem von den „Qualitäts“medien angeboten werden, worauf auch der Kabarettist Volker Pispers unermüdlich aufmerksam macht. Vor ein paar Tagen etwa geisterte die Meldung durch die Presse, der Bundesverfassungsschutz warne davor, Salafisten versuchten, unter Flüchtlingen Anhänger zu werben. Der Verfassungsschutz ließ wissen, die Salafisten nutzten die Hilflosigkeit der Flüchtlinge aus, versuchten, „auch unbegleitete junge Flüchtlinge anzusprechen, die ohne ihre Familien in unser Land kommen und in besonderer Weise nach Anschluss und Unterstützung suchen“.

Grundlage für die Nachricht war offenbar ein Interview von Verfassungsschutzpräsident Maaßen mit der Rheinischen Post. Darf man fragen, was diese Meldung (auch auf der Webseite des Bundesverfassungsschutzes selbst) eigentlich soll und wie sie es in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschafft hat? (Die Meldung lief auch über den Deutschlandfunk, ist aber inzwischen auf der Webseite nicht mehr verfügbar.)

Soll die Bevölkerung vorsorglich informiert werden, damit sie selbst irgendwie ein Auge auf die Salafistenszene hat? Fühlt sich der Bundesverfassungsschutz mit dieser Aufgabe überfordert? Will er eines Tages, wenn hier irgendein Anschlag von Salafisten verübt worden ist, darauf verweisen können, er habe es ja schon immer gesagt und im Vorfeld gewarnt? Sollen sich die Bürger vermehrt um die Flüchtlinge kümmern, so dass diese gar nicht erst auf die Idee kommen, sich mit Salafisten einzulassen? Oder soll mit der Meldung unter den Bürgern einfach nur Angst vor Flüchtlingen geschürt werden? Letzteres wäre dann eine gute Hilfestellung des Bundesverfassungsschutzes für deutsche Rechtsradikale bei der Anwerbung (junger) Deutscher.

Jeder normale Mensch fragt sich doch, warum sich ausgerechnet Leute, die vor dem IS-Terror fliehen, zu Menschen hingezogen fühlen sollten, die eben diesen Terror anheizen. Natürlich stammen nicht alle Flüchtlinge aus Gebieten, die vom IS terrorisiert werden. Aber warum sollte ein Afghane, der vor den Taliban-Milizen flieht, darauf erpicht sein, sich in den nächsten Hexenkessel zu begeben? Und wieso schafft es der Bundesverfassungsschutz eigentlich nicht, die Anwerbung junger Deutscher durch Salafisten zu unterbinden? Müsste er dann nicht im gleichen Atemzug auch vor diesen Aktivitäten warnen, die ja obendrein zur Flüchtlingskrise beitragen?

Wie dem auch sei, es liegt auf der Hand, dass Menschen tatsächlich dann besonders anfällig für Rattenfänger sind, wenn sie wenig positive Perspektiven für ihr Leben haben. Das dürfte umso eher der Fall sein, wenn sie – womöglich jugendlich und ohne Familie – in einer völlig fremden Umgebung und ohne Kenntnisse der Landessprache auf Ablehnung, offene Anfeindung und sogar Brandsätze stoßen. Zu solchen Brandherden wird mit derlei Meldungen fleißig Holz getragen. Und der deutsche Bürger muss auch noch durch Rundfunkgebühren und Steuern die Verbreitung dieses gefährlichen Schwachsinns finanzieren. Das konterkariert die Hilfsbereitschaft tausender Bürger, die sich mit Herz und Verstand der Flüchtlinge annehmen.

Um auf den hohen Nutzen von Staumeldungen und Wetterbericht zurückzukommen: Sollte die Polizei nicht rund um’s Oktoberfest in Presse, Rundfunk und Fernsehen, wenn über sechs Millionen Gäste innerhalb von 14 Tagen München besuchen – übrigens eine tolle logistische Leistung der bayerischen Landeshauptstadt! –, vor der erhöhten Gefahr von alkoholbedingten Verkehrsunfällen rund um die Theresienwiese warnen? Damit ließen sich Spalten und Sendeminuten auch füllen. Und anders als die Warnung vor Flüchtlingsanwerbung durch Salafisten hätte eine solche Nachricht für den Normalbürger auch einen kleinen, brauchbaren Informationsgehalt. Er könnte sich vor dem genannten Risiko tatsächlich konkret schützen, etwa indem er die Wies’n weiträumig umfährt.

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