Deflation und Aufschwung – für Jens Weidmann kein Widerspruch

„Im Moment gehe ich, wie auch der gesamte EZB-Rat, davon aus, dass sich die konjunkturelle Erholung in Europa festigt. … Wir befinden uns derzeit … in einem moderaten Aufschwung.“, sagte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, in einem Interview mit dem Spiegel vor Kurzem (Der Spiegel 41/2015, Seite 76 ff). Leser von flassbeck-economics wissen, dass wir die konjunkturelle Lage vollkommen anders einschätzen (vgl. dazu etwa unsere jüngste Konjunkturanalyse hier). Ist das berechtigt?

Die realwirtschaftliche Entwicklung in der Industrie stagniert in Europa und auch in Deutschland, ebenso verhält es sich mit der Bauproduktion. Das stützt die These von einer sich festigenden Erholung nicht. Doch auch die Preisentwicklung spricht in unseren Augen dagegen, dass wir uns in einem Aufschwung oder wenigstens am Anfang eines Aufschwungs befinden. Jens Weidmann spielt die Fakten herunter: „In der Tat bewegt sich die Inflationsrate um die Null herum. Ich rechne damit, dass die Preise auch in den kommenden Monaten kaum steigen und die Inflationsrate vorübergehend sogar negativ sein kann. Nur: Von einer Deflation im Sinne einer destabilisierenden, sich selbst verstärkenden Abwärtsbewegung der Preise kann keine Rede sein. … Der Hauptgrund für die derzeit sehr niedrige Inflationsrate ist der gesunkene Ölpreis.“

Selbst wenn es so wäre, dass „nur“ der Ölpreis die Gesamtindizes von Verbraucher- und Erzeugerpreisen deutlich unter die Zielmarke der Europäischen Zentralbank von 1,9% zöge, muss Jens Weidmann sich fragen lassen, was ihn so sicher macht, dass sich diese Ölpreisentwicklung nicht bis in andere Bereiche „durchfressen“ wird. In den 1970er und 1980er Jahren immerhin war die größte Sorge der Deutschen Bundesbank, dass sich die beiden Ölpreisexplosionen (1973 und 1979) auf die gesamte Preisfront auswirken würden. Deshalb ging die Geldpolitik damals sehr radikal vor und dämmte die Inflationsbeschleunigung durch drastische Zinssteigerungen rasch ein – allerdings um den Preis zweier großer Schübe an Arbeitslosigkeit.

In den 1970er Jahren bestand das Einfallstor der Ölpreisentwicklung in die gesamte Preisfront darin, dass sich die Lohnabschlüsse an der tatsächlichen Inflationsrate (und nicht einer Zielrate) orientierten, die zu Beginn der Ölpreisexplosion naturgemäß gestiegen war – die Produzenten hatten die Rohstoffverteuerung in ihren Absatzpreisen an die Verbraucher weitergereicht. Hätten die Gewerkschaften still gehalten und den zunächst einmaligen Sprung des Preisniveaus nach oben hingenommen, statt ihn durch überzogene Lohnsteigerungen wettmachen zu wollen, wäre die Inflationsrate binnen Kürze wieder gesunken und die Geldpolitik hätte keinen Anlass für ihre scharfe Zinspolitik gehabt. Doch die Lohnpolitik hielt nicht still und so kam es zu einer Lohn-Preis-Spirale, deren geldpolitische Bekämpfung den Grundstein für unsere Arbeitslosigkeit legte.

Und heute? Sind die Preise der Hersteller unabhängiger vom Ölpreis als damals? Orientieren sich die heutigen Lohnabschlüsse an der Soll-Inflationsrate von 1,9 Prozent oder an der Ist-Inflationsrate, die davon erheblich – aber dieses Mal eben nach unten – abweicht? Das Lob von Gewerkschaftsseite wie auch von Seiten der Regierung für die Lohnentwicklung, die dank niedriger Inflation für eine ansehnliche reale Kaufkraftsteigerung sorge, legt die Vermutung nahe, dass man die tatsächliche Inflationsrate zu Rate zieht. Und so gibt man sich mit – gemessen an der Soll-Inflationsrate – recht kümmerlichen Lohnabschlüssen zufrieden. Wenn das kein Übertragungsmechanismus der Ölpreisentwicklung auf die allgemeine Preisentwicklung ist!

Werfen wir einen Blick auf die Verbraucherpreise (vgl. Abbildung 1). Der Zuwachs beim Gesamtindex (blaue Linie) liegt inzwischen bei 0 %. Der Absturz der Inflationsrate seit 2011 ist in der Tat ganz wesentlich auf die Energiepreise zurückzuführen. Denn die Entwicklung des Index ohne Energie (grüne Linie) erreichte erst 2013/2014 ihren jüngsten Höhepunkt (knapp unter 2 %). Doch auch diese „Kernrate“ der Inflation zeigt mittlerweile eine deutliche Schwäche an: Sie bewegt sich um 1 % herum und liegt damit klar unter der Zielrate der Europäischen Zentralbank von 1,9 %.

Abbildung 1

Abb 1 Verbraucherpreise

Nun argumentiert Jens Weidmann, dass „der drastische Verfall der Energiepreise dazu [führt], dass Verbraucher und Unternehmen allein in Deutschland fast 25 Milliarden Euro mehr in der Tasche haben. Das ist für sich genommen schon ein ordentliches Konjunkturprogramm. Ich sehe derzeit nicht, warum die Notenbank jetzt noch etwas draufpacken sollte.“ Der Chef der Bundesbank meint also, dass die Stärkung der Realeinkommensentwicklung durch einen deflationären Prozess bei den Energiepreisen die Konjunktur anwirft.

Das ist stark, denn es heißt nichts anderes, als dass Jens Weidmann an die Selbststabilisierung des Systems Marktwirtschaft glaubt: Deflationäre Tendenzen erhöhen die Realeinkommen, stärken auf diese Weise die reale Nachfrage und das kurbelt auf Dauer die Konjunktur wieder ganz von allein an. Das mag ja bis zu einem gewissen Grad stimmen (auch Heiner Flassbeck erklärt den derzeit stabil aufwärts gerichteten Einzelhandelsumsatz in Frankreich mit dem Umstand, dass Otto Normalverbraucher unter sonst gleichen Umständen mehr in der Tasche hat, wenn der Ölpreis sinkt).

Nur vergisst der Chef der Deutschen Bundesbank zweierlei bei seiner Argumentation: Erstens muss es sich bei dem „Konjunkturprogramm Ölpreissturz“ weltweit gesehen um ein Nullsummenspiel handeln, denn schließlich verdienen die Ölproduzenten das weniger, was hierzulande für zusätzliche Kaufkraft sorgt. Und zweitens kann das „Konjunkturprogramm Ölpreissturz“ nur dann genügend Schwung entfalten, wenn die deflationären Tendenzen tatsächlich auf den Bereich Energie beschränkt sind und bleiben und sich nicht doch auch in anderen Branchen zeigen. Sollte letzteres nämlich der Fall sein, steht der Stützung des Konsums dank deflationärer Tendenzen eine Investitionsschwäche aufgrund eben dieser deflationären Tendenzen gegenüber. Das wäre dann wie bei einem Auto, das auf einer abschüssigen Straße steht: Es rollt noch eine ganze Weile weiter, auch wenn der Motor längst ausgefallen ist, und zwar so lange, bis es im Tal angekommen ist. Dann allerdings ist unübersehbar, dass mit dem Motor etwas nicht stimmt. Und dann kann man ihn nicht mehr so leicht anwerfen.

Sehen wir uns also die Preise an, die für die Produzenten und Investoren von Bedeutung sind, die Erzeugerpreise (vgl. Abbildung 2). Ihr Zuwachs geht auf breiter Front zurück, und zwar gleichgültig, ob man den Gesamtindex der gewerblichen Produkte betrachtet oder den ohne Energie. Seit zweieinhalb Jahren weist der Gesamtindex offene Deflation aus. Der Index ohne Energie bewegt sich seit zwei Jahren um null herum und liegt derzeit mit -0,6 % klar unter null. Das ist Meilen entfernt von dem Wert, bei dem die EZB Preisstabilität als gegeben ansieht. Noch dazu erweist sich diese Abkühlung des Preisklimas als ein recht kontinuierlicher Vorgang: Anders als beim abrupten Absturz im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008/2009 siecht die Inflationsrate der Erzeugerpreise ziemlich gleichmäßig dahin. Weder in der jüngeren noch älteren Vergangenheit hat es Aufschwungphasen gegeben, in denen die Erzeugerpreise permanent fielen.

Abbildung 2

Abb 2 Erzeugerpreise

Wenn angesichts dieser Fehleinschätzung der konjunkturellen Entwicklung von Seiten der Deutschen Bundesbank schon kein Widerspruch von Seiten der Ökonomen zu vernehmen ist, dann wäre doch wenigstens ein Aufschrei der Grünen und all derer zu erwarten, denen der Klimawandel Sorgen bereitet. Man stelle sich vor, auf der Klimakonferenz in Paris im Dezember lehnten deutsche oder gar europäische Vertreter eine Verteuerung fossiler Brennstoffe mit der Begründung ab, dass man damit den Europäern den letzten Strohhalm in Sachen Konjunkturanregung nähme! Aber so sehr ich auch in den Blätterwald hineinlausche, höre ich nichts dergleichen. Nun ja, wer von Wirtschaft nichts versteht, für den werden Ökonomie und Ökologie immer zwei gegensätzliche, miteinander unvereinbare Pole bleiben. Und derjenige hält es dann vermutlich auch für gut, wenn die Wirtschaft tatsächlich keinen Aufschwung nimmt, während die Politiker von einem sprechen.

Anmelden