Deutschland ist ungeheuer selbstgefällig – und die ZEIT beweist es!

In der ZEIT (hier) gibt es eine interessante Diskussion (unter der Titelfrage: Ist Deutschland selbstgefällig?) über Deutschlands Rolle in Europa zwischen Jochen Bittner von der ZEIT und dem ehemaligen Korrespondenten der New York Times in Deutschland, Roger Cohen. Jochen Bittner beklagt sich bitter, dass im Ausland, und eben auch von Roger Cohen, Deutschland in seiner „neuen“ europäischen Rolle kritisiert wird.

Bittner schreibt zur Verteidigung Deutschlands: „Denn die Euro-Krise hat zwei geschlossene Narrative erzeugt, in denen die jeweils andere Seite der Alleinschuldige der Misere ist. Für das eine Lager ist dies das regelbesessene Deutschland, das ökonomische Gesetze über demokratischen Willen stellt. Für das andere Lager sind es unverantwortliche Politiker in Europas Süden, die für jahrelange Misswirtschaft jetzt auch noch mit einer Schuldenunion belohnt werden möchten.

Ich will gar nicht verhehlen, dass ich selbst eher dem ersten Lager zuneige. Die Deutsche Frage, denke ich, hat sich vor 25 Jahren erledigt. Es gibt meiner Wahrnehmung nach auch kein deutsches Diktat. Die Euro-Länder haben die Maastricht-Kriterien freiwillig unterschrieben. Sie haben auch unterschrieben, dass sie keine Hilfe erwarten dürfen, falls ihre Schuldenlasten untragbar werden. Wenn man Deutschland etwas vorwerfen möchte, dann, dass es die Rechtsgemeinschaft EU eher durch Nachsichtigkeit erodieren lässt.“

Zwei „geschlossene Narrative“ (Narrativ steht neudeutsch für Geschichte oder Erzählung, ob „geschlossen“ so etwas wie abschließend heißen soll, entzieht sich meiner Interpretationsfähigkeit) gibt es also. Da staunt man schon nicht schlecht und fragt sich, was denn Herr Bittner so liest, wenn er sich als Nicht-Ökonom über eine zutiefst ökonomische Frage zu informieren versucht. Außer dem Wirtschaftsteil der FAZ kann das nicht viel sein, denn wenn man ab und an in die einschlägigen Artikel der Financial Times schaut, ist es schon vorbei mit den geschlossenen Narrativen.

Geradezu grotesk ist es aber, wenn er Deutschland bescheinigt, sich an „ökonomische Gesetze“ zu halten und diese über den demokratischen Willen anderer Länder zu stellen. Diese ökonomischen Gesetze würde ich gerne einmal kennenlernen. Ist es vielleicht das ökonomische Gesetz, das da sagt, man solle Schulden, die man zwingend als Gegenposten für die eigenen Ersparnisse braucht, nur im Ausland zulassen? Ist es das Gesetz, das da sagt, jeder solle in einer Währungsunion versuchen, die anderen mit Lohnsenkungen zu unterbieten, obwohl man sich bei der Gründung der Währungsunion darauf geeinigt hat, das genau nicht zu tun, indem man ein Inflationsziel festlegte?

Ich will das nicht vertiefen, es lohnt nicht. Doch die Arroganz von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts von Volkswirtschaft verstehen und „ökonomische Gesetze“ zur Verteidigung des deutschen Merkantilismus bemühen, ist mehr als selbstgefällig. Sie ist zudem höchst gefährlich, weil diese „Meinungsführer“ in ihrer Selbstgefälligkeit nicht einmal mehr merken, wie weit sie sich in ihren selbstgebastelten „geschlossenen Narrativen“ vom Rest der Welt und von der Vernunft entfernt haben.

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