Exportweltmeister, weil Organisationsweltmeister – absurde Ökonomenstimmen

Ein Leser (danke dafür) macht mich auf einen Artikel in der „Ökonomenstimme“ aufmerksam, wo eine Professorin der LMU München (Dalia Marin) erklärt, Deutschland sei nicht Exportweltmeister, weil es Lohnzurückhaltung geübt hat, sondern weil es Weltmeister in der Organisation von Produktionsabläufen sei. Dafür wird dann sogar die protestantische Ethik herangezogen, die erkläre, warum man in Deutschland weniger autoritär arbeite und weniger hierarchische Strukturen habe, und das sei ein überlegenes Geschäftsmodell.

Man sollte denken, dass jemand, der eine so steile These in die Welt setzt, sich wenigstens Mühe gibt zu erklären, warum Deutschland mit diesem Geschäftsmodell erst mit Beginn der Europäischen Währungsunion erfolgreich war, während es kurz vorher noch als der kranke Mann Europas galt. Auch damals schon herrschte in manchen Teilen Deutschlands eine protestantische Ethik vor. Auch könnte man sich fragen, warum dieses Geschäftsmodell nur im Export erfolgreich ist und nicht auch den deutschen Binnenmarkt zum Blühen bringt. Ganz interessant wäre auch die Erörterung der Frage, warum ein Land, das über ein so erfolgreiches Organisationsmodell verfügt, auch noch Lohnzurückhaltung übt. Es könnte ja im Gegenteil sein Organisationstalent dazu nutzen, um trotz hoher Löhne im Ausland erfolgreich zu sein. Zudem hätte ich gedacht, dass sich Organisationstalent in hohem Produktivitätswachstum niederschlägt, doch davon kann in Deutschland erstens nicht die Rede sein und zweitens ist es nicht relevant für die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit. Doch warum sollte man sich um solche Fragen Gedanken machen, wenn es darum geht, den Mainstream auf Teufel komm raus zu verteidigen.

Merkwürdig ist auch, dass in einem solchen Artikel nicht einmal grundlegendste Regeln der Logik beachtet werden. So sagt die Autorin, es seien die Nominallöhne (nicht die Lohnstückkosten), bei denen Deutschland zurückhaltend gewesen sei und vergleicht Deutschland mit Spanien (warum eigentlich Spanien, warum nicht Frankreich?). Sie benutzt dafür zwei verschiedenen Perioden (2000 bis 2008 und die Zeit von 2009 bis 2013) und stellt dann fest, dass nur in der ersten Periode die Löhne in Deutschland weniger als in Spanien gestiegen sind (19 gegenüber 48 Prozent). In der zweiten dagegen seien die Löhne in Deutschland stärker gestiegen (14 gegenüber 4 Prozent). Da nach der Finanzkrise die Exporte Deutschlands dennoch wieder stärker gestiegen seien als die der anderen Länder Europas (nicht Spaniens?), folgert sie haarscharf, dass die Löhne nicht entscheidend sein können für die Exporterfolge. Die kleine Frage, ob vielleicht der Abstand der Löhne aus der ersten Periode so groß war, dass er die Umkehr der Entwicklung in der zweiten leicht verkraften konnte, mag sich Dalia Marin nicht stellen, denn schon wäre das ganze Kartenhaus zusammengebrochen.

Ich will das nicht vertiefen – würde man jeden Satz dieses Papiers zerlegen, bliebe nichts übrig. Schwer zu verstehen, warum so ein Papier bei „Ökonomenstimme“ nicht glatt abgelehnt wird. Die Art und Weise der Auseinandersetzung einer Volkswirtin mit dem größten wirtschaftspolitischen Problem Europas zeigt aber deutlich, woran der Wissenschaftsbetrieb in diesem Bereich krankt. Gäbe es in der Fakultät der LMU Ökonomen unterschiedlicher Ausrichtung und würden diese Ökonomen miteinander ernsthaft diskutieren, bliebe von den Argumenten eines solchen Papiers schon nach wenigen Minuten nichts übrig, und es würde nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Aber Professoren an Universitäten diskutieren nicht miteinander und schon gar nicht ernsthaft, also mit der Bereitschaft auf allen Seiten, sich Blößen zu geben oder sich dem Risiko auszusetzen, dass vorhandene Blößen in einem offenen Diskurs aufgedeckt werden.

Ich habe das vorgestern Abend auch an der Universität Marburg wieder erlebt, wo ich mit einem Professor für Makroökonomie die Eurokrise diskutierte. Auf meine Kritik am Monetarismus kam auch von ihm wieder die beliebte These, Monetarismus könne gar nicht falsch oder irrelevant sein, weil es eine Tatsache sei, dass es keine große Inflation der Geschichte gegeben habe ohne eine Ausweitung der Geldmenge. Das ist ein schwerwiegender logischer Fehler, wie ich im Februar 2014 in einem Artikel unserer Geldserie erklärt habe. Aber die Tatsache, dass man mit diesem simplen Trick immer noch akademische Diskussionen zu überstehen hofft, zeigt, auf welch’ bescheidenem Niveau sich die Wirtschaftswissenschaft insgesamt bewegt. Auch die simple Überlegung, dass man nicht einfach aus einem geringen deutschen Lohnanstieg innerhalb der Währungsunion auf die Wirkungsweise des Arbeitsmarktes schlechthin schließen kann, war ihm wie den meisten der Fachkollegen fremd. Es herrscht auch weiterhin in Akademikerkreisen die Vorstellung vor, man könne einfach aus der zeitlichen Koinzidenz von deutscher Lohnzurückhaltung mit deutschen Erfolgen am Arbeitsmarkt auf eine generell erfolgreiche Strategie der Lohnzurückhaltung schließen (warum das falsch ist, dazu hier und hier mehr).

Somit bleibt es am Ende bei der zentralen Frage: Wie sollen wir die Politiker dazu bewegen, eine ernsthafte und ergebnisoffene Diskussion dieser Fragen zu führen, wenn schon auf der Stufe davor diejenigen, die mit viel öffentlichem Geld dafür bezahlt werden, in der Ruhe des wissenschaftlichen Lebens alle Argumente und Fakten auf Herz und Nieren zu prüfen, so klar versagen?

 

 

 

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