Immigration und Bevölkerungsentwicklung in Amerika: ein transatlantischer Blick auf Europas Flüchtlingskrise

Das Jahr 2015 erreicht sein letztes Viertel, und schon jetzt ist klar, dass die Bilanz für Europa erneut durchwachsen ausfallen wird. Die Wirtschaft der Eurozone schrumpft zwar nicht mehr. Von einer wirklichen Erholung, die diese Bezeichnung auch verdienen würde, kann aber noch immer keine Rede sein. Massenarbeitslosigkeit und wachsende Armut bestimmen weiterhin das Bild in vielen Ländern. Die erste Jahreshälfte war dabei insbesondere von der Krise in Griechenland geprägt, die als humanitäre Krise und als Sinnbild einer gescheiterten Währungsunion weiter anhält, aber zurzeit nicht mehr als ernsthafte Bedrohung für den Bestand der Währungsunion empfunden wird.

Deutschland und Europa befinden sich nunmehr im Bann einer akuten Flüchtlingskrise, die alle anderen Herausforderungen in den Schatten gedrängt hat. Machen wir uns nichts vor: diese Krise ist, wie auf dieser Seite vielfach betont wurde, auch das Ergebnis gescheiterter westlicher Außen- und Entwicklungspolitik, speziell im Nahen Osten. Die Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung der Länder in den armen Nachbarregionen Europas (und anderswo) bleibt unzureichend. Neben weitverbreiteter Armut leistete auch die westliche Außenpolitik ihren Beitrag zur politischen Destabilisierung. Dass Armut und Krieg Menschen in die Migration treiben, ist keine neue Erfahrung. Von der Kriegsnot ganz abgesehen, ist das Armutsgefälle vielfach derart krass, dass selbst die heutigen wirtschaftlichen Krisenländer Europas auf Flüchtlinge wie ein Schlaraffenland wirken müssen.

Manche Beobachter in den Industrieländern sehen in der Flüchtlingskrise eine Chance, den düsteren demographischen Entwicklungen Europas – der Aussicht auf eine nachhaltig schrumpfende und alternde Bevölkerung (und Erwerbsbevölkerung) – entgegen zu wirken. Für andere überwiegen dagegen Ängste vor Überfremdung durch den wachsenden Einfluss fremder Kulturen und ethnischer Gruppen. Obgleich die aktuellen Flüchtlingszahlen wirklich beträchtlich sind und daraus auch erhebliche logistische Herausforderungen erwachsen, darf man die Situation aber auch nicht überschätzen. Bleibt es bei einem nur vorrübergehenden Zustrom in der jetzigen Größenordnung, wird der längerfristige Einfluss auf Europas demographische Entwicklung begrenzt bleiben, also weder Europas demographisches Problem lösen noch zu rasanter Überfremdung führen.Ein Blick auf Amerika, auf die historische und sich für die Zukunft abzeichnende Entwicklung von Immigration und Bevölkerung Amerikas, ist hier aufschlussreich.

Das in der US-Hauptstadt Washington ansässige PEW Forschungsinstitut hat hierzu gerade eine sehr interessante Studie veröffentlicht mit dem Titel „Moderne Einwanderungswelle bringt 59 Millionen nach Amerika, als Triebkraft für Bevölkerungswachstum und Wandel bis 2065“. („Modern immigration wave brings 59 million to U.S., driving population growth and change through 2065“) (hier zu finden). Das PEW Forschungsinstitut ist überparteilich und bezeichnet sich selbst als „Fact Tank“ (statt der üblicheren Bezeichnung „Think Tank“). Auf der Webseite ist hierzu Folgendes zu lesen: „Wir stellen eine Faktengrundlage bereit, die den öffentlichen Dialog bereichert und eine vernünftige Entscheidungsfindung unterstützt“. („We generate a foundation of facts that enriches the public dialogue and supports sound decision-making“).

Die neue PEW Studie blickt zurück auf die Einwanderung seit 1850, konzentriert sich allerdings auf den historischen Rückblick der letzten 50 Jahre sowie den Ausblick auf die nächsten 50 Jahre bis 2065. Das Jahr 1965 markierte einen bahnbrechenden Einschnitt in der amerikanischen Einwanderungspolitik. Das alte System nationaler Quoten, das Einwanderer aus europäischen Ländern sehr stark bevorzugt hatte, wurde damals durch ein neues System ersetzt, das Familienzusammenführung und die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften in den Vordergrund rückte. In der Tat stammten Amerikas Einwanderer bis 1965 ganz überwiegend aus Europa. Zwischen 1849 und 1889 kamen 14.3 Millionen Einwanderer nach Amerika, zwischen 1890 und 1919 kamen dann weitere 18.2 Millionen. In der ersten Phase waren Deutsche und Iren die größten Gruppen, in der Zweiten Italiener und Ost-Europäer. In Kalifornien und anderen US-Bundesstaaten im Westen bildeten 1880 dagegen Chinesen die größte Gruppe der Einwanderer. Das änderte sich allerdings mit dem „Chinese Exclusion Act“ aus dem Jahr 1882, das als „Ausschluss-Gesetz“ erst mit dem neuen Einwanderungsgesetz von 1965 seine Wirkung wieder verlor.

In den letzten 50 Jahren war Mexiko das wichtigste Ursprungsland für Einwanderer nach Amerika. In den PEW Zahlen sind auch geschätzte 11,3 Millionen illegale Einwanderer enthalten; wobei Mexico wiederum den mit Abstand größten Anteil stellt. Zusammen mit Einwanderern aus anderen lateinamerikanischen Ländern liegen hier die Ursprünge der mittlerweile größten Minderheitengruppe Amerikas, den „Latinos“, für die gewöhnlich Spanisch die Muttersprache ist und die offiziell auch als „Hispanics“ bezeichnet werden. Latinos/Hispanics stellten knapp über die Hälfte der Einwanderer seit 1965. Ein weiteres Viertel stammte aus Asien. Basierend auf der Fortschreibung aktueller Trends prognostiziert das PEW, dass die meisten Einwanderer in den nächsten 50 Jahren aus Asien stammen werden, speziell aus China und Indien. Der prognostizierte nachhaltige Zustrom aus Asien würde die amerikanische Bevölkerungsstruktur laut PEW Prognose ganz gewaltig verändern.

Die Abbildungen 1 und 2 zeigen zunächst den prozentualen Anteil der im Ausland geborenen Einwohner an der Gesamtbevölkerung sowie die absoluten Einwandererzahlen. Ausgedrückt als Anteil an der Gesamtbevölkerung haben die im Ausland geborenen Einwohner inzwischen den historischen Höchststand aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende fast wieder erreicht. Der Trend nach oben soll anhalten und bis 2065 immer neue Rekorde schreiben (siehe Abbildung 1). Ausgedrückt in absoluten Zahlen zeigt Abbildung 2, dass das Einwanderungsgesetz von 1965 eine Reaktion auf die damals herrschende Einwanderungsflaute war. Der Anstieg von 9.6 Millionen auf 44.9 Millionen misst also auch den Erfolg des Gesetzes. Es deutet sich hierin ebenfalls an, dass sich die Einwanderung in den letzten Jahren (seit der globalen Krise und „Großen Rezession“) spürbar verlangsamt hat; vor der Krise waren es jährlich rund 8 Millionen Einwanderer, seither nur noch rund 6 Millionen im Jahr. Das gilt insbesondere für die Einwanderung (sowohl legal wie illegal) aus Mexico, die aus verschiedenen Gründen deutlich gesunken ist. Für die nächsten 50 Jahre erwartet man dagegen einen rasanten Anstieg auf 78.2 Millionen Einwanderer. Die Struktur der Herkunft der Einwanderer soll sich stark verschieben.

Abbildung 1: Anteil der im Ausland geborenen Einwohner an der Gesamtbevölkerung

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Quelle: PEW

Abbildung 2:

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Quelle: PEW

Der starke Einfluss der Immigration auf die Bevölkerung ist in Abbildung 3 zu sehen, welche für die vergangenen 50 Jahre die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung mit einer hypothetischen Entwicklung ohne Einwanderung vergleicht und auch entsprechende Prognosen für die nächsten 50 Jahre zeigt. Bereits zwischen 1965 und 2015 machten Einwanderer und ihre Nachkommen 55% des US-Bevölkerungswachstums aus. Ihr Beitrag soll in der Zeit bis 2065 auf 88% ansteigen. Ohne Einwanderung würde die US-Bevölkerung also kaum noch wachsen.

Abbildung 3: Einwanderer und ihre Nachkommen als Triebkraft des US-Bevölkerungswachstums

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Bereits in den Vergangenen 50 Jahren hat die Einwanderung von Menschen aus Lateinamerika und Asien einen starken Einfluss auf die Struktur der US-Bevölkerung nach Rassen und ethnischen Gruppen gehabt. Abbildung 4 vergleicht die tatsächliche Entwicklung von 1965 bis 2015 mit der hypothetischen Situation in 2015 ohne Immigration. Sie zeigt einen Anstieg des Anteils der Hispanics um zehn Prozentpunkte. Für Asiaten sind es fünf Prozentpunkte. Entsprechend ist der Anteil der weißen Bevölkerung um 13 Prozentpunkte gesunken, beträgt heute nur 62 Prozent statt hypothetischer 75 Prozent ohne Immigration. Auch der Anteil der schwarzen Bevölkerung ist dabei gesunken und stellt eine im Vergleich zu den Hispanics deutlich kleinere Minderheit.

Abbildung 4 Wandel der Bevölkerungsstruktur seit 1965 durch Immigration (Prozentanteile)

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Abbildung 5 zeigt, wie stark sich die Struktur der Einwanderer bis 2065 laut PEW Prognose verschieben soll. 2065 werden Asiaten mit einem Anteil von 38 Prozent die größte Gruppe der Einwanderer stellen. Hispanics werden dann mit nur noch 31 Prozent auf Rang 2 zurückfallen.

Abbildung 5: Projizierte Einwanderungsstruktur bis 2065 (in Prozentanteilen)

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Anhaltende Einwanderung entsprechend der projizierten Trends würde die Struktur der US-Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren sehr stark verschieben (siehe Abbildung 6). Die weiße Bevölkerung (ohne Hispanics) soll laut PEW Prognose bereits 2055 auf unter die Hälfte sinken und 2065 nur noch 46 Prozent ausmachen. Dann würde also keine ethnische Gruppe mehr die Mehrheit der US-Bevölkerung stellen. Der Anteil der Hispanics wird laut PEW Prognose 2065 24 Prozent (heute 18 Prozent), der Anteil der Asiaten 14 Prozent (heute 6 Prozent) betragen. Anhaltende Einwanderung wird dabei das mittlere Alter der Bevölkerung um einige Jahre geringer (jünger) halten.

Abbildung 6: US-Bevölkerung nach ethnischen Gruppen (Prozentanteile)

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Die PEW Studie trägt den Untertitel “Meinungsbild zum Einfluss der Immigration auf die amerikanische Gesellschaft ist gemischt” („Views of immigration’s impact on U.S. society mixed“) und enthält die Ergebnisse von Meinungsumfragen zum Thema Einwanderung. Dabei ist zu bedenken, dass Amerika schon immer ein Einwanderungsland war. Beträchtliche Zuwanderungsströme sind vermutlich in keinem Land und zu keiner Zeit „reibungslos“ verlaufen. Dass es auch in Amerika erhebliche Ressentiments gegen Einwanderung, speziell aus bestimmten Ländern und Regionen gibt, belegt sowohl die PEW Studie, und dies zeigt sich auch wieder sehr deutlich im laufenden Wahlkampf. Immobilieninvestor und Multi-Milliardär Donald Trump, der derzeitige Spitzenreiter unter den Präsidentschaftskandidaten der republikanischen Partei, hat sich u.a. auch durch markante rassistische Bemerkungen hervorgetan, die bei bestimmten Bevölkerungsgruppen sehr gut anzukommen scheinen. Trump scheint eine große Mauer an der mexikanischen Grenze vorzuschweben. Einwanderung ist ein Dauerbrenner unter den Top-Themen im Präsidentschaftswahlkampf. Der Streit um ein mögliches neues Einwanderungsgesetz hält an.

Was kann Europa aus alledem lernen? Zunächst einmal gilt, dass ein nur vorrübergehender Flüchtlingsansturm nur einen geringen Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung und -struktur Europas haben wird. Für starke und nachhaltige Wirkungen, wie man sie etwa in Amerika in den letzten 50 Jahren erlebt hat und in den nächsten 50 Jahren erleben wird, bedarf es erheblicher und anhaltender Zuwanderungsströme. Wenn Amerika eine weiterhin wachsende Bevölkerung wünscht, wird man dazu ganz stark von Einwanderung abhängig bleiben. Im geographisch viel enger besiedelten Europa geht es weniger um eine wachsende Bevölkerung, sondern vielmehr um die Frage, ob man das sich abzeichnende Schrumpfen und Altern der Bevölkerung zumindest teilweise kompensieren will. Dazu wäre eine gezielte Einwanderungspolitik das geeignete Mittel. Will man chaotische Einwanderung wie durch die akute Flüchtlingskrise dabei lieber unterbinden, wären auch Verbesserungen in der Entwicklungs- und Außenpolitik dringend angezeigt. Auf diesem Gebiet hätte Amerika sicher auch so einiges dazuzulernen. Die beiden Ozeane sind zwar weit. Die Idee einer mexikanischen Mauer erscheint aber irrwitzig. Der Westen muss nach besseren Lösungen gegen globale Armut und politische Instabilität suchen, wenn es die eigenen Geschicke daheim im Griff behalten will.

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