Archiv flassbeck-economics | 15.10.2015 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 4

In den ersten drei Teilen dieser Serie haben wir zu zeigen versucht, wieso das traditionelle ökonomische Denken einem Wandel in Richtung mehr Umwelt- und Klimaschutz direkt entgegensteht. Friederike Spiecker hat darüber hinaus gezeigt (hier), dass es in einer komplexen Gesellschaft und in einer Demokratie nicht so einfach ist, die Präferenzen „der Menschen“ zu identifizieren, vom Umsetzen dieser Präferenzen in neue Produkte durch den Staat ganz zu schweigen.

Trotz all dieser (unbestreitbaren) Schwierigkeiten wollen wir in den nächsten Teilen der Serie fragen, wie und ob man überhaupt die globale Entwicklung derart umsteuern könnte, dass die Menschheit eine ökologische Katastrophe verhindert. Ist das mit einer Marktwirtschaft zu machen? Wird das Wachstum zum Erliegen kommen? Wie ist das mit der Verteilung der Einkommen, wenn man umsteuert? Wer muss politisch an dem Prozess beteiligt werden, damit er überhaupt möglich ist? Was können wir als Bürger tun?

Damit man diese Fragen überhaupt ernsthaft diskutieren kann, muss man zunächst unterstellen, es gebe auf der globalen Ebene so etwas wie einen gutmeinenden Diktator, der die wichtigen Weichen stellt und die wichtigen Akteure davon „überzeugt“, die Dinge zu unternehmen, die im langfristigen Interesse der Menschheit sind.

Was müsste ein solcher Diktator tun? Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es bei dem heutigen Stand des technischen Wissens darauf ankommt, die Abhängigkeit des gesamten Entwicklungsprozesses der Menschheit von fossiler Energie zu beenden. Der Verbrauch fossiler Energieträger hat in der Vergangenheit zu den größten Veränderungen in der Umwelt und beim Klima geführt. Natürlich gibt es auch viele andere Stoffe, deren Produktion und Verbrauch gewaltige Schäden anrichten. Aber Kohle und Öl sind symptomatisch für die Art und Weise, wie wir mit dem umgehen, was nur ein einziges Mal auf diesem Planeten zur Verfügung steht. Kohle und Öl lassen sich auch praktisch nicht recyceln, einmal verbrannt, sind sie in Gase verwandelt, die wohl uneinbringlich – dem Entropiegesetz folgend – diffundieren und damit nutzlos (oder eben sogar schädlich) geworden sind. (Von der Verflüssigung von Kohlendioxid und dessen unterirdischer Einlagerung wollen wir hier absehen, da der dafür wohl notwendige Energieaufwand und die mit der Einlagerung vermutlich verbundenen Risiken nach bisherigem Stand der Wissenschaft eindeutig zu hoch sind, um eine Verbesserung der Situation zu erreichen.)

Nun diskutiert man in den Expertenzirkeln ja intensiv darüber, auf welche Weise man am besten umsteuert. Schlagworte sind hier „ordnungspolitisches“ oder technisches Vorgehen gegenüber dem Vorgehen, das bei den Preisen der Produkte ansetzt, also versucht, durch Verteuerung schädlicher Stoffe die Menschen dazu zu bringen, weniger von diesen Stoffen zu kaufen und zu verbrauchen.

Im ersten Fall setzt der Staat Normen oder Regeln, die all diejenigen befolgen müssen, die das entsprechende Produkt verbrauchen. Das ist angeblich nur möglich entlang des sogenannten „Standes der Technik“. Denn der Staat kann nicht – so sagen es zumindest regelmäßig die Lobbyisten – Grenzwerte oder Verbrauchswerte vorgeben, die technisch gar nicht eingehalten werden können und daher zu einem absoluten Rückgang der Produktion bestimmter Produkte wie etwa Automobile führen würden. Das ist natürlich nicht richtig. Der Staat könnte das schon und es wäre auch – abgesehen von einigen vorübergehenden Friktionen – gesamtwirtschaftlich unproblematisch.

Doch wie immer in solchen Fällen gibt es kaum einen demokratischen Staat, der die Kompetenz und die Kraft besitzt, sich wirklich gegen mächtige Interessen durchzusetzen, zumal in solchen Fällen beide Seiten, die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber der betroffenen Industrien, an einem Strang ziehen einschließlich der Regionen, wo diese Industrien hauptsächlich angesiedelt sind. Folglich hat man sich auf einen „Stand der Technik“ geeinigt, der aber gerade nicht das ist, was die Menschheit braucht. Es kommt ja darauf an, neue technische Verfahren zu entwickeln, die es erlauben, die gleichen Ziele zu erreichen oder gar vergleichbare Produkte zu erzeugen, die aber ohne die schädlichen Stoffe auskommen und/oder weniger Ressourcen verbrauchen. (Noch schöner wäre es, eine Änderung der Präferenzen zu erreichen, was mit einer Änderung der Ziele verbunden wäre und damit vermutlich auch mit einer Abkehr von bestimmten Produkten. Aber von den Schwierigkeiten, die mit der Bildung und Durchsetzung anderer Präferenzen verbunden sind, war bereits im vorigen Beitrag die Rede.)

Nun darf man auch das sicher nicht nur schwarz oder weiß sehen: Die Technik entwickelt sich auch dann weiter, wenn der Staat lediglich den aktuellen Stand des technisch Machbaren vorschreibt. Aber der eigentliche Prozess, der die Effizienz der Marktwirtschaft ausmacht, der kommt bei einem solchen Zugang zum Problem der Umsteuerung gerade nicht vollständig zum Tragen. Wir sollten jedoch die volle Effizienz der Marktwirtschaft für ein Umsteuern nutzen, weil die bereits angerichteten Schäden und erst recht die noch auf uns zukommenden immens sind. Das Argument, ohne das System Marktwirtschaft wäre es nicht zu den Umweltproblemen gekommen, die wir haben, und daher könne dieses System auch nicht zur Problemlösung beitragen, sondern verschlimmere alles nur weiter, ist nicht sonderlich stichhaltig. Man denke nur an die Umweltschäden, die es gerade auch in der Planwirtschaft gegeben hat (Stichwort Bitterfeld).

Die Marktwirtschaft ist, wie das einer der gründlichsten Denker über marktwirtschaftliche Prozesse, F.A. von Hayek, völlig zu Recht ausgedrückt hat, ein Entdeckungsverfahren. Die Marktwirtschaft ist das Wirtschaftssystem, das die stärksten Anreize für Veränderungen, für neue Verfahren und für neue Produkte schafft. Das war es, was sie im Vergleich zur Stationarität der Planwirtschaft so überlegen machte. Wie kann diese Eigenschaft im Sinne einer Umsteuerung zugunsten des Erhalts unseres Planeten genutzt werden?

Der stärkste Anreiz, den es in diesem System gibt, läuft zweifellos über die Preise. Auch die stärksten Einsparprozesse, die das System kennt, sind eindeutig preisgetriebene Prozesse. Es sind die Einsparprozesse, deren Ergebnis wir Erhöhung der Arbeitsproduktivität nennen, weil bei diesen Prozessen mit Hilfe von Kapital (Sachkapital wie Maschinen, Patente etc., aber auch neue Ideen zu Arbeitsabläufen und der Organisation von Produktion) Arbeit eingespart wird. Das ist so, weil Arbeit, jedenfalls dann, wenn das System vernünftig funktioniert, permanent teurer wird.

Exkurs:

Warum aber wird Arbeit dauernd teurer, wenn die Marktwirtschaft gut funktioniert? Nun, das Ziel des Systems Marktwirtschaft ist es, den Menschen die Arbeit, die sie zum Erhalt ihres Lebens und darüber hinaus zur Erreichung von „Wohlstand“ verrichten müssen, zu erleichtern bzw. zu verringern, ihnen z.B. harte körperliche Arbeit zu ersparen. (Dass Menschen Sport treiben, etwa weil sie ein Mindestmaß an körperlicher Anstrengung für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden benötigen, steht diesem Gedanken nicht entgegen. Denn den Sport betreiben sie in ihrer Freizeit, d.h. sie erfüllen sich damit einen „Konsumwunsch“.) Daher sind die meisten Ideen von Erfindern und Pionieren in aller Regel darauf gerichtet, Arbeitsvorgänge zu erleichtern und dadurch Arbeit einzusparen. (Natürlich gibt es auch Ideen für neue Produkte, die nichts direkt mit Arbeitseinsparung zu tun haben, sondern die erst dadurch relevant werden, dass den Verbrauchern entsprechende Bedürfnisse etwa durch die Werbung „anerzogen“ werden. Obwohl dieser Bereich einen erheblichen Teil unserer Konsumgüterlandschaft ausmachen dürfte, soll an dieser Stelle von ihm nicht die Rede sein. Hier soll sich auf den Teil des technischen Fortschritts konzentriert werden, der die Arbeitsproduktivität steigert und dadurch den Preis der Arbeit verändert.)

Weil Arbeitszeit in einem eng definierten, ökonomischen Sinn kein „Gut“ ist (worüber sich in einem weniger eng definierten Rahmen trefflich streiten lässt – darauf kommen wir in einem späteren Beitrag noch zu sprechen), sondern mit dem „Gut“ Freizeit in direkter Konkurrenz steht, ist der Ertrag der Arbeitszeit, also das, was während der Arbeitszeit produziert worden ist, der Preis der Freizeit. Überspitzt ausgedrückt bedeutet jede Stunde Freizeit den Verzicht auf so und so viele Gütereinheiten, die in dieser Stunde hätten hergestellt werden können, wäre die Zeit als Arbeitszeit und nicht als Freizeit verbracht worden. Daher wird Freizeit immer wertvoller, je mehr Güter man pro Zeiteinheit durch Arbeit herstellen kann. Der Preis der Freizeit steigt also mit der Arbeitsproduktivität, und dieser Preis ist, andersherum betrachtet, der Arbeitslohn.

(So sollte es jedenfalls sein! An dieser Stelle greift die oben gemachte Bedingung „wenn das System vernünftig funktioniert“. Wird die Entwicklung des Arbeitslohns nämlich nicht gemäß der Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestimmt, etwa weil dank falscher Wirtschaftspolitik die Arbeitslosigkeit hoch und daher der Druck auf die Arbeitslöhne stark ist, dann gerät das System in eine Nachfragekrise.)

Solange Erfindungen getätigt werden, die Arbeit einsparen, nimmt daher der Preis für Arbeit zu. Das aber macht wiederum neue Erfindungen zur Arbeitseinsparung lohnend.

Exkurs Ende

Wir halten fest, dass Einsparprozesse preisgetrieben sind. Jedenfalls gilt das für längere Zeiträume. Kurzfristig mögen Preise wegen einer bereits vorhandenen Technologie und eines gegebenen Kapitalstocks weniger Einfluss haben, auf Dauer aber spielen sie eine entscheidende Rolle. Weil das so ist, kann und sollte man auch bei der Einsparung nicht-erneuerbarer Energieträger und fossiler Brennstoffe nicht auf die Innovationsdynamik verzichten, die ein permanenter Preisdruck erzeugt.

Ganz sicher ist das sinnvoll, wenn man die globalen Anpassungsprozesse betrachtet. Es ist ja selbst für einen wohlmeinenden Diktator nicht vorstellbar, dass er Ländern mit ganz unterschiedlicher Kapitalausstattung einheitliche Vorschriften hinsichtlich des „Standes der Technik“ macht, die jeweils einzuhalten sind. Immer würden alle Produzenten in entwickelten Ländern fordern, dass die beste auf der Welt vorhandene Technik einzusetzen ist. Die aber passt zu einem sehr einfachen Kapitalstock und damit verbundener einfacher Technik vermutlich überhaupt nicht. Eine weniger gute Technik einzusetzen, müsste dann von Land zu Land geprüft werden, um optimal den jeweiligen Produktionsbedingungen angepasst zu werden. Das ist schwer vorstellbar und würde zu einem großen Hauen und Stechen der Produzenten verschiedener Länder darüber führen, welche Technik bei ihnen tatsächlich ohne Nachteile gegenüber den Konkurrenten anderer Länder eingesetzt werden kann. Die reine Ordnungspolitik im Sinne von konkreten Verboten und Geboten kommt daher viel schneller an ihre Grenzen im Vergleich zum Instrument des Preises.

Im fünften Teil wird es darum gehen, wie ein globales Preissignal in unterschiedlichen Ländern wirkt und wie man es verwirklichen kann.

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