Archiv flassbeck-economics | 28.10.2015 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 5

Im vorhergehenden Teil unserer Umweltserie haben wir die Ausgangsbasis dafür gelegt, uns über Preissignale für ein wirksames Vorgehen gegen den Klimawandel innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems Gedanken zu machen. Ein Leser übt an dieser Stoßrichtung ganz grundsätzliche Kritik. Sein Argument: Die Preiselastizität der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen sei extrem gering – abzulesen an dem seit Jahrzehnten steigenden Verbrauch von Öl trotz steigender Ölpreise. Überhaupt reagiere die Nachfrage nach Energie kaum auf Preiserhöhungen. Grund dafür sei zum einen, dass einen einmal eingeschlagenen technologischen Weg zu verlassen sehr teuer sei, weil man große Teile des Kapitalstocks dann abschreiben müsse. Daher brächten Preisveränderungen (vor allem allmähliche) praktisch nichts, um auf klimaverträglichere Energieträger umzusteigen. Zum anderen sei der Energiehunger der Menschheit quasi unbegrenzt, so dass Preiserhöhungen bei Energie ohnehin nichts nützten, um dem Klimawandel auf Dauer Einhalt zu gebieten. Vielmehr führten nur ordnungspolitische Ge- und Verbote zum Ziel, also Veränderungen der Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Marktwirtschaft abliefe, nicht jedoch eine Nutzung des marktwirtschaftlichen Instruments ‚Preis‘ selbst.

Was ist von diesen Überlegungen zu halten? Der Energiehunger der Menschheit dürfte tatsächlich unbegrenzt sein. Und zwar nicht nur, weil das Bedürfnis vorhanden ist, ganz konkret Muskelkraft und Arbeitszeit durch technischen Fortschritt einzusparen, um es bequemer zu haben, sondern auch, weil in der gewonnenen Freizeit Güter verbraucht werden und Aktivitäten nachgegangen wird, die Energie erfordern: Skifahren unter Benutzung von Skiliften, Urlaubsreisen mit den verschiedensten Fortbewegungsmitteln, aber auch Fotografieren mit aufwendig produzierten Digitalkameras, Open Air-Konzerte mit stromverschlingenden Verstärkern etc. – es gibt unendlich viele Beispiele. Insofern dürfte der Verbrauch von Energie auch bei steigenden Preisen zunehmen.

Nur: Wie stark er steigt, dürfte sehr wohl von der Preisentwicklung für Energie im Verhältnis zu anderen Preisen von Endprodukten und Vorleistungen abhängen. Werden Skiliftpässe sehr viel schneller teurer als Hotelübernachtungen, kommt manch ein Konsument auf die Idee, zwar noch in den Winterurlaub zu fahren, aber möglicherweise lieber Skilanglauf zu betreiben.

Doch mindestens so wichtig wie die Entwicklung des Energiehungers insgesamt ist die Überlegung, mit Hilfe welcher Energieträger er gestillt wird. Und da spielen die Relativpreise eine entscheidende Rolle. Werden Öl und Kohle im Vergleich zu erneuerbaren Energien rasch und stetig teurer, spricht nichts dafür, dass Produzenten und Verbraucher an Öl und Kohle unverändert festhalten werden. Wie schnell ein Umstellungsprozess von statten geht, hängt in der Tat davon ab, wie sich die Ordnungspolitik verhält.

Das Verbot, einen bestimmten fossilen Brennstoff zu fördern und zu verbrennen, setzt seinen Preis quasi von heute auf morgen auf unendlich und entwertet so schlagartig den gesamten Kapitalstock, der für seine Förderung und seine Nutzung als Energieträger aufgebaut worden ist. Um es platt zu sagen: Darf man nicht mehr Autofahren, ist ein Auto nutzlos und damit wertlos. Das Gleiche gilt dann auch für Tankstellen. Wird mit Hilfe der Ordnungspolitik das Fahren von mit fossilen Brennstoffen betriebenen Autos hingegen nach und nach verteuert, verliert der entsprechende Kapitalstock nach und nach an Wert und werden alternative Antriebstechniken attraktiver. Wie schnell das geht, ist eindeutig eine Frage der Politik, nicht des Marktes.

Wer nur eine mit Ge- und Verboten arbeitende Ordnungspolitik für geeignet hält, den Klimawandel noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen, der muss erklären, wie er diese Ordnungspolitik durchsetzen will. (Wir sehen hier von einer „Ökodiktatur“ ab.) Auf demokratischem Weg dürfte das nämlich noch weniger gelingen als die Zustimmung zu einer Ordnungspolitik zu gewinnen, die auf kontinuierliche (wenn auch durchaus rasche) Preisveränderungen setzt. Schon diese letztere Politik hoffähig, also wählbar zu machen, ist bislang nicht gut gelungen – die Grünen können davon ein Lied singen. Wie sollte es dann mit einer Ge- und Verbotspolitik besser gehen?

Dieses Problem taucht aber nicht nur auf nationaler Ebene auf. Vielmehr besteht es vor allem auch auf internationaler Ebene, wie wir im letzten Beitrag bereits angesprochen haben: Menschen in Ländern, deren ökonomische Basis gering ist, werden Ge- und Verboten bei Produktionsweisen und Verbrauch noch viel weniger zustimmen als Menschen in reicheren Ländern, weil für die ärmeren Länder die Verwendung ökologisch verträglicherer Technologien – relativ gesehen – wesentlich teurer sein dürfte als für die reicheren: Schließlich können arme Regionen die sofortige Entwertung eines Teils ihres Kapitalstocks noch weniger verkraften als reichere.

Ein internationaler Flickenteppich in der ökologisch motivierten Ge- und Verbotslandschaft hätte zur Folge, dass die Produktion in solche Länder abwandert, in denen hohen Ge- und Verbotsstandards nicht zugestimmt wird. Dem Wettbewerb unter den Nationen um Unternehmen mittels Umweltdumping wären Tür und Tor geöffnet. Nationen, deren Bevölkerung mehrheitlich großen Wert auf Umweltschutz legt, hätten das Nachsehen und gerieten über ihre Arbeitsmärkte so schnell unter Druck, dass es mit der Bereitschaft der Bevölkerung, ökologisch verantwortungsbewusst zu produzieren und zu leben, bald ein Ende hätte.

Mit anderen Worten: Ordnungspolitisch gesteuerte Preisentwicklungen bieten im Vergleich zu Ge- und Verboten die besseren Möglichkeiten, sich anzupassen, weil sie den Menschen Raum lassen, praktikable Lösungen auf individueller und nationaler Ebene zu finden.

Alles schön und gut, würde der besagte Leser nun vermutlich einwenden, aber die Empirie spricht gegen Eure Überlegungen: Öl ist teurer geworden in den letzten sechzig Jahren und trotzdem wird heute mehr gefördert und verbraucht als in früheren Jahrzehnten. Die Menschen reagieren eben nicht auf Preise, sie passen sich nicht an. Daher muss man sie zu ihrem Glück, sprich: zu ökologischer Vernunft zwingen und lieber für eine entsprechend radikale Ge- und Verbotspolitik werben, als sich mit langwierigen Preisüberlegungen aufzuhalten, die doch zu nichts führen.

Stimmt das? Im nächsten Beitrag dieser Serie werden wir uns mit den empirischen Fakten beschäftigen und dabei sowohl kurz- als auch langfristige Entwicklungen betrachten.

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