Archiv flassbeck-economics | 26.10.2015 (editiert am 25.05.2016)

Wein aus Portugal, Tuch aus England, Fleisch aus Deutschland – Was uns die Fleischindustrie über die Ökonomie lehrt

Der Markt gilt als effizienteste Methode zur Organisation produktiver Tätigkeiten. Die Fleischindustrie zeigt, dass mehr Zweifel angebracht wären. Wein aus Portugal gegen Tuch aus England gleich komparativer Kostenvorteil. Das ist die Story, mit der der englische Ökonom David Ricardo vor 200 Jahren den freien Handel heilig gesprochen hat. Noch heute rechnen uns Ökonomen bei jedem Freihandelsabkommen vor, um wie viele Prozent das BIP nun steigen wird. Manchmal verkünden sie sogar eine „new era of growth“.

In Punkto Portugal lag Ricardo schon damals voll daneben. Die komparativen Vorteile, die Deutschland inzwischen auch beim Fleisch zum Exportweltmeister gemacht haben, widerlegen seine These vollends. Das zeigt unter anderem der Dumpingpreis, zu dem die deutschen Produktionsüberschüsse im Ausland entsorgt werden. Danach wurden 2014 insgesamt 3,9 Milliarden Kilo Fleisch (vorwiegend vom Schwein) für 8,8 Milliarden Euro exportiert. Das sind gerade mal 2,25 Euro pro Kilo. Dazu muss man wissen, dass hinter einem Kilo Schweinefleisch fast drei Kilo Schwein und 20 Kilo Futtergetreide stecken – und alles für nur 2.25 Euro und in Europas führendem Industrieland?

Um die jährlich gut 8 Millionen Tonnen Fleisch zu produzieren, unterhält Deutschlands Fleischindustrie einen Bestand von 27 Millionen Schweinen, 13 Millionen Rindern und 50 Millionen Hühner. Dazu braucht es rund 200 Millionen Tonnen Futtergetreide und 3 Milliarden Kubikmeter Wasser. So viel gibt der eigene Boden nicht her. Also wird das nötige Genmais und Soja von weit her herangekarrt. Nach dem Gesetz des komparativen Vorteils müsste Fleisch jedoch dort produziert werden, wo die Weiden grün und die Löhne tief sind.

Ricardo und seine Nachfolger gingen davon aus, dass auf Märkten vollkommene Information herrscht. In Wirklichkeit schafft aber gerade der (globale) Markt Intransparenz. Das kann man leicht erkennen, wenn man die Marktwirtschaft mit der (geldlosen) Selbstversorgung vergleicht. Bei dieser produziert jeder das, was er braucht. Produzent und Konsumenten wissen alles übereinander. Kein Wunder, sie sind identisch oder kennen sich zumindest sehr gut.

In einem (globalen) Markt produziert unabhängig vom eigenen Bedarf jeder das, was er oder sie am billigsten kann. Danach verteilt der Arbeitsmarkt Anrechtscheine auf das gemeinsam Produzierte, und nach diesem Umweg über den Finanzmarkt kann jeder auf dem Gütermarkt aus einem globalen Angebot das auslesen, was seine Bedürfnisse optimal befriedigt. Je globaler der Markt desto grösser scheinbar diese Vorteile der Spezialisierung, der Skalenerträge und der Nutzenoptimierung. Es wächst aber auch die Distanz zwischen Konsum und Produktion. Das Informationsproblem potenziert sich wie beim Turmbau von Babel.

Die Lücke klafft vor allem auf vier Ebenen: Erstens bei der Ausrichtung der Produktion auf die Bedürfnisse. Zweitens bei der Kenntnis und Internalisierung der Kosten. Je globaler die Wirtschaft, desto grösser die Möglichkeiten, ja der betriebswirtschaftliche Zwang, die Kosten nicht zu senken, sondern auf andere abzuwälzen. Drittens bei der Verteilung des gemeinsam Produzierten. Viertens bei der Verwaltung der Anrechtsscheine. Die Fleischindustrie eignet sich bestens, um diese vier Punkte zu illustrieren und um ein Gefühl für deren Bedeutung zu entwickeln.

Zunächst zum Bedarf. Fleisch wird vor allem als Lieferant von Eiweiss benötigt. Gemäss der Deutschen Gesellschaft für Ernährung braucht ein Erwachsener täglich etwa 60 Gramm. Mit Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Getreideprodukten, Blattgemüse und ein bisschen Ei und Milchprodukten lässt sich dieser Bedarf reichlich und billig decken. Wenn dann noch täglich 50 Gramm bzw. jährlich 18 Kilo Fleisch dazukommen, ist das gesunde Mass mehr als voll. Tatsächlich konsumiert der Durchschnittsdeutsche aber – je nach Quelle – 70 bis 80 Kilo Fleisch.

Das ist kein Zufall, denn in der Marktwirtschaft entwickelt die Produktion eine Eigendynamik. Wer am meisten produziert, erzielt die grösseren Skalenerträgen und kann die Konkurrenz aus dem Feld schlagen. In Deutschlands Mastbetrieben drängen sich heute bis zu 10 000 Schweine auf engstem Raum. Marktführer Tönnies schlachtet in riesigen Schlachthäusern jährlich etwa 15, die Nr. 2 Vion knapp 10 Millionen Schweine. Da kann man den Absatz nicht dem Bedarf überlassen, sondern muss auch auf diesen Gebiet aktiv werden. Vertrieb und Werbung verschlingen in den meisten Industrien mehr Geld als die eigentliche Produktion. Selbstversorgung ist schlanker.

In der Fleischindustrie wird der Absatz vor allem durch Preisdumping angekurbelt. Dank der Abwälzung von Kosten auf Arbeitnehmer, Staat und Umwelt zahlt der Konsument nur einen Bruchteil der effektiven volkswirtschaftlichen Kosten. Beispielsweise ist es – etwa in den Mastbetrieben der USA – üblich, die Jauche nicht nur durch Versickern ins Grundwasser, sondern auch durch Versprühen in der Luft zu entsorgen. Die Anwohner können dagegen nicht anstinken. Wer tausende von Jobs schafft, hat Macht, kann den Standortwettbewerb spielen lassen, sprich: den Staat erpressen. In Deutschland kassiert die Fleischindustrie laut taz.de jährlich mehr als 1 Milliarde Euro Staatsgelder.

Was bei der Fleischproduktion gespart wird, fällt als Gesundheitskosten mehrfach wieder an. Selbst wenn nur 10 Prozent der 1700 Tonnen Antibiotika, die jährlich an deutsches Schlachtvieh verfuttert werden, im Konsumenten landet, sind das immer noch 2 Gramm pro Kopf und Jahr. In den USA etwa leiden 25 Prozent aller Arbeiter in der Fleischindustrie an Atemwegskrankheiten von Bronchitis bis zur akuten Atemnot. Im Feldbau (wo das Tierfutter herkommt) erleiden jedes Jahr 7,5 % aller Arbeiter eine berufsbedingte Pestizidvergiftung. Im Verlaufe eines Arbeitslebens trifft es praktisch jeden mehrmals.

Das dritte Informationsproblem betrifft die Verteilung. Wer erhält wieviel vom gemeinsam Produzierten? Bei der Selbstversorgung entfällt dieses Problem oder es bleibt in der Familie. Die Marktwirtschaft hingegen braucht zu diesem Zweck Geld und eine Finanzindustrie, die mit zunehmender Globalisierung immer komplexer wird und inzwischen je nach Land 10 bis 15 Prozent des BIP verschlingt. Deutschlands berühmtester Metzgermeister Uli Hoeness hat sich bekanntlich um sein Geldvermögen viel intensiver gekümmert als um die Rezeptur seiner Würste.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Anrechte auf die Beute so verteilt werden sollten, dass diese auch tatsächlich konsumiert werden kann – was sich bei der Selbstversorgung von selbst versteht. Auf nationalen Märkten bilden sich aber eben nicht, wie in den Lehrbüchern beschrieben, ein Preis- und Lohnniveau sowie eine Verteilung heraus, die in etwa dem Produktionspotential des Landes entsprechen. Bei dem Machtpoker auf den Arbeitsmärkten spielen Angebot und Nachfrage zwar auch eine Rolle, aber die Machtverhältnisse sind wegen hoher Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten unfair. Eine sozial akzeptable und volkswirtschaftlich nachhaltige Verteilung ist eben kein Marktergebnis, sondern Ergebnis einer klugen Wirtschaftspolitik. Die aber gibt es nicht.

Beim freien Güteraustausch zwischen den Ländern gleichen sich die Preise für die grenzüberschreitende Güter an, während für lokale Güter und Dienstleistungen unterschiedliche Preisniveaus herrschen. Gefährlich wird es, wenn auch die Arbeitsmärkte zwischen Ländern mit unterschiedlichen Preisniveaus geöffnet werden. Dann werden die Karten im Machtpoker völlig neu gemischt. Dass dies selten gut ausgeht, zeigt das Beispiel der Fleischindustrie. In deutschen Mast- und Schlachtbetriebe arbeiten überwiegend Rumänen, Bulgaren und Polen, die an ein tiefes Lohnniveau gewöhnt sind, kaum Deutsch sprechen und sich deshalb nicht wehren können. Zwar gibt es Mindestlöhne, aber mit Werkverträgen kann man sie aushebeln. Wie sich das aus der Froschperspektive anfühlt, zeigt ein Zeitungsbericht zu einen Gerichtsfall in Oldenburg: „Einer von ihnen fasste seine Erfahrungen in Deutschland in einem Satz zusammen: „Es war wie im Lager.“ Der Arbeitstag begann morgens um 3 Uhr mit dem Transport in überfüllten VW-Bussen zur Schlachterei. Statt acht Stunden mussten sie 10 bis 12, manchmal auch länger als 14 Stunden arbeiten. Die versprochenen 1.200 Euro erhielten sie nie. Immer wieder gab es Abzüge – für die überfüllte Unterkunft genau so wie für das benötigte Arbeitsmaterial (Messer, Kettenhandschuhe, Stiefel etc.). Für Kontrollen durch das Arbeitsamt wurden bestimmte Aussagen hinsichtlich der angeblichen Arbeitszeit und Entlohnung einstudiert.“

Einst zählten Viehbauern und der Dorfmetzger zur soliden Mittelschicht. Heute sind daraus ausbeutbare Fabrikarbeiter gewordenen, deren Löhne auch unter regulären Umständen laufend sinken. In den USA etwa verdienen Schlachthausarbeiter heute real rund 30 Prozent weniger als noch 1985. Auf der anderen Seite hat sich eine dünne, mafiöse Oberschicht von superreichen Fleischmagnaten, Mietwucherern und Schleppern herausgebildet. Die Nahrungsmittelindustrie ist längst das Spiegelbild der von ihr mitgeschaffenen neuen Einkommensverteilung. Für die von ihr mitgeschaffene Unterschicht produziert sie immer billigere Nahrung, die reich an Kalorien aber arm an Nährstoffen ist. Gleichzeitig sind aber gesunde Lebensmittel deutlich teurer und für viele unerschwinglich geworden. Damit verstärkt sich auch die Ungleichheit bei der Gesundheit und bei der Lebenserwartung.

Fassen wir zusammen: Das Beispiel der globalen Fleischindustrie illustriert vier erhebliche Mängel einer zunehmend globalisierten Marktwirtschaft: Sie produziert meilenweit an den Bedürfnissen vorbei. Sie wälzt die Kosten ab, statt sie zu senken. Sie trägt zu einem aufgeblähten Finanzsektor bei. Und sie fördert die Ungleichheit und schwächt so die Nachfrage.

Sollen wir deshalb zur Selbstversorgung zurückkehren? Die Frage ist nur für Ökonomen rhetorisch. Wir sind längst da. Auch heute noch wird mehr als die Hälfte der Arbeitszeit geldlos geleistet – in Familie, Nachbarschaft, Vereinen. Die Grenzen sind fliessend. Wir können sie verschieben durch familienfreundliche Arbeitszeiten, einen besseren Städtebau und staatliche Eingriffe in die Verteilung. Wir können auch den Markt besser organisieren. In der Fleischindustrie sollte man damit anfangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmelden