Aufgelesen bei Karl-Heinz Paqué: Der Kampf wider die Rückkehr der Ideologien

Karl-Heinz Paqué nimmt das kürzlich erschienene Buch „Hall of Mirrors“ des renommierten Wirtschaftshistorikers Barry Eichengreen zum Anlass, sich gegen die Rückkehr wirtschaftstheoretischer Ideologien zu wenden.[1] Im Mittelpunkt seiner Ideologiekritik steht der Keynesianismus. Die zentrale Botschaft dieser Ideologie ist nach seiner Meinung extrem einfach:

„Alles, was für zusätzliche gesamtwirtschaftliche Nachfrage sorgt, [ist] gut, und alles, was die gesamtwirtschaftliche Nachfrage vermindert, [ist] schlecht.“

Paqué schließt daraus, dass auf Basis dieser Prämisse das Urteil Eichengreens über den Euro folgerichtig ist:

„Dieser ist eine Fehlkonstruktion, weil er die Stabilisierung der Nachfrage auf hohem Niveau verhindert hat.“

Wenn diese Schlussfolgerung richtig ist, aber die „keynesianische Prämisse“ Ausdruck einer Ideologie – und daher wohl als falsch – zu erachten ist, dann ist Paqué ganz offensichtlich der Meinung, dass es Umstände gibt, unter denen eine höhere gesamtwirtschaftliche Nachfrage (GN) schlecht und eine verminderte GN gut ist.

Paqué ist Recht zu geben: Aber auch bekennende Keynesianer würden wohl eine zusätzliche GN durch den Verkauf von Kinderpornographie als schlecht und manche auch eine Minderung der GN durch die Einschränkung der Produktion von Kriegsgerät als gut erachten. Verhindert der Euro also die Produktion gesellschaftlich schädlicher Produkte? Wohl eher nicht und das ist ganz bestimmt nicht das, was Paqué im Sinn hat. Was ihn ganz offensichtlich stört, ist, dass Keynesianer sich erdreisten, mithilfe von Geld-und Fiskalpolitik – also durch den Staat – eine Marktwirtschaft makroökonomisch steuern zu wollen. Kritisiert wird von ihm vor allem, dass Keynesianer die Konsequenzen aus einer höheren Staatsverschuldung nicht angemessen berücksichtigen.

Dass Paqué sich Sorgen um die Staatsverschuldung macht, offenbart, dass er nicht versteht, dass ein Land, das währungspolitisch souverän ist – also seine eigene Währung emittiert – niemals ein Problem mit der Finanzierung seiner Ausgaben haben kann und sich daher, anders als Unternehmen und Haushalte, auch nicht überschulden kann. Warum sollte man unter diesen Umständen die GN nicht mit fiskalpolitischen Maßnahmen auf ein Niveau heben, das erlaubt, die produktiven Ressourcen einer Volkswirtschaft so auszulasten, so dass niemand unfreiwillig arbeitslos sein muss?

In Sachen Euro gesteht Paquet allerdings zu, dass „die festen Wechselkurse einer gemeinsamen Währung den kurzfristigen Rückgewinn internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ erschweren und auf den Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit nur noch mit interner Abwertung – also mit Lohnsenkungen – reagiert werden kann. Daraus aber könne keineswegs geschlossen werden, dass der Euro für einen politisch nicht geeinten und heterogenen Wirtschaftsraum wie die Eurozone als eine Fehlkonstruktion zu erachten ist. Denn die dieser Auffassung zugrunde liegende Theorie

ist statisch, das heißt, man betrachtet allein den Ist-Zustand, der bei der Etablierung einer Währungsunion herrscht. Man lässt völlig außer Acht, wie sich dieser dynamisch verändern kann, und zwar gerade durch die Existenz der Währungsunion selbst.“

Die Währungsunion verhindert nach Meinung Paqués, dass die Volkswirtschaften der Eurozone sich mit der Abwertung ihrer Währung dem „wettbewerblichen Anpassungsdruck auf Löhne und Produzentenpreise“ entziehen können. Sinkende Löhne und Produzentenpreise sind für Paqué keine Vorboten einer Rezession oder gar einer Depression, sondern irgendwie Hinweis darauf, dass die Wirtschaft eines Landes sich auf dem „richtigen“ Weg befindet. Gut ist der Euro, weil mit ihm „ein kurzfristiger Notausgang verschlossen“ wird und damit auf Dauer mehr wettbewerbliche Glaubwürdigkeit“ gewonnen wird. Glaubwürdiger wird ein Land ohne den Notausgang „Abwertung“, so lässt uns Paqué wissen, gegenüber den „(globalen) Kapitalmärkten“. Und wer sich diese Glaubwürdigkeit verdient, dem

„winkt die Belohnung in Form einer dauerhaft besseren Einschätzung des Landes auf dem Kapitalmarkt, also besserer Bonität, niedrigerer Zinskosten und im Gefolge stärkeres Wirtschaftswachstum, jedenfalls langfristig. Je härter dabei der Test, desto größer der Gewinn an Glaubwürdigkeit. Es ist gewissermaßen ein Aufstieg in eine höhere Liga des Finanzmarktvertrauens. Der härteste denkbare Test ist dabei der (irreversible) Beitritt zu einer Währungsunion.“

 Liest man diese Zeilen, fragt man sich unwillkürlich, ob Paqués das möglicherweise in den 90er Jahren geschrieben hat, um die Einführung des Euro gegen seine vielen Kritiker in Schutz zu nehmen. Aber sechzehn Jahre nach seiner Einführung muss man sich fragen, warum denn die versprochene Belohnung in so vielen Ländern der Eurozone ausgeblieben ist. Mangelte es den Staaten, Unternehmen und Haushalten in den heutigen Krisenländern der Eurozone am Zugang zum Kapitalmarkt oder waren die Zinsen über diesen Zeitraum vielleicht zu hoch oder ist einfach der betrachtete Zeitraum zu kurz? Und wenn man erkennt, dass man nur dann von Wettbewerb reden kann, wenn zumindest zwei etwas wollen, das nur einer haben kann, ist vielleicht dann sogar der verstärkte Wettbewerbsdruck innerhalb der Eurozone selbst die Ursache für deren wirtschaftliche Malaise?

Paqués stellt sich solche Fragen nicht. Was man erfährt ist, dass es leider „Fehlentwicklungen“ gab, die nach Einführung des Euro zu einem „Jahrzehnt der Blasenbildung“ geführt haben. Aber sind diese Blasen nicht auch auf Kredite des „Kapitalmarkts“, die Unternehmen und Haushalten großzügig zur Verfügung gestellt wurden, zurückzuführen? Und haben nicht diese Kredite, die im Zusammenhang mit großen außenwirtschaftlichen Defiziten und entsprechender Verschuldung von Unternehmen und Haushalten entstanden sind, in vielen Ländern zu Nachfragebedingungen geführt, mit denen man die wirtschaftliche Stagnation in der Eurozone ohne weiteres erklären kann?

Paqué stellt sich auch diese Fragen nicht. Die Fehlentwicklungen führt er in erster Linie auf „aufgeblähte Binnensektoren“ zurück. Anders ausgedrückt: die Wirtschaft der Krisenländer hat zu viel für sich selbst und zu wenig für andere produziert. Warum das so war, ist für ihn offensichtlich nicht interessant. Er begrüßt ausdrücklich die in der Eurozone verfolgte Politik, in der er „eine Re-Strukturierung der Volkswirtschaften weg vom Binnenmarkt und hin zu größerer Wettbewerbsfähigkeit in weltmarktorientierten Branchen“ sieht. Ist es nach Meinung Paqués also erstrebenswert, dass alle Unternehmen eines Landes (und vielleicht sogar aller Länder?) nur noch für den Weltmarkt und gar nichts mehr für den Binnenmarkt produzieren oder gibt es Kriterien, die uns erlauben, das „richtige Verhältnis“ von Binnen- und Weltmarktproduktion zu bestimmen?

Paqué bleibt uns auch auf diese Fragen eine Antwort schuldig. Wer so viele Fragen unbeantwortet lässt, der kann wohl nicht anders, als Ökonomen, die die Herstellung von Vollbeschäftigung als die primäre Aufgabe der Wirtschaftspolitik erachten und unfreiwillige Arbeitslosigkeit auf eine mangelnde gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurückführen und diese mithilfe der Geld-und Fiskalpolitik erhöhen wollen, als Ideologen zu betrachten.

Anmerkung Heiner Flassbeck

Ich habe ja selbst vor kurzem mit Karl-Heinz Paqué diskutiert (ein Audio davon ist hier zu finden) und man muss in der Tat konstatieren, dass Paqué wie fast alle Ökonomen des Mainstream sich dadurch über die Runden retten, dass sie vielen entscheidenden Fragen einfach ausweichen und auch eindeutig vorhandene empirische Zusammenhänge schlicht ignorieren. Es ist keine Übertreibung zu sagen: Der ganze Mainstream entzieht sich einer ernsthaften Diskussion, weil er ahnt, wie schlecht die Karten sind, die er auf der Hand hat.

[1] Paqué, Karl Heinz (2015). Die Rückkehr der Ideologien. Anmerkungen zur akademischen Kritik an der Politik aus Anlass von Barry Eichengreens Buch „Hall of Mirrors“. In „Perspektiven der Wirtschaftspolitik (2015), 16 (3), S. 302 – 321.

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