Archiv | 25.11.2015

Der Mindestlohn für Flüchtlinge und die Irrtümer der traditionellen Arbeitsmarkttheorie – Teil 2

Lohnsenkung (oder Lohnsteigerung unterhalb der Regel, dass Produktivität und Zielinflationsrate entgolten werden müssen), wo immer und aus welchen Gründen sie praktiziert wird, vernichtet Arbeitsplätze, weil sie dazu führt, dass die Produkte, die mit Hilfe der Arbeitskraft und dem Einsatz von Kapital erzeugt worden sind, nicht mehr vollständig verkauft werden können.

Nur der Effekt, der im Gefolge einer Lohnsenkung über den Export läuft, das heißt genauer, über die Unterbietung andere Länder bei unveränderten Wechselkursen oder in einer Währungsunion (also eine reale Abwertung, wie das manchmal genannt wird), bringt mit ziemlicher Sicherheit eine positive Wirkung. Aber diese Wirkung ist niemals von Dauer, weil die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes (jedenfalls, wenn es sich um ein großes und wirtschaftlich bedeutendes Land handelt) früher oder später die Handelspartner zwingt, das gleiche zu tun oder andere Maßnahmen zu ergreifen, die die reale Abwertung, die von der Lohnsenkung ausging, zu neutralisieren (vgl. dazu den Artikel hier).

Die binnenwirtschaftlichen Wirkungen einer Lohnsenkung werden selbst bei sonst progressiven Ökonomen oft nicht so klar angesprochen wie es wünschenswert wäre. Um es an einem mikroökonomischen Beispiel zu zeigen: Wenn die Gewerkschaften mit einem Unternehmen einen „Beschäftigungssicherungsvertrag“ abschließen, der beinhaltet, das die Arbeitnehmer auf einen Teil des möglichen Lohnanstiegs verzichten, wenn sich das Unternehmen seinerseits verpflichtet, eine bestimmte Beschäftigungsmenge zu garantieren, führt das in der Regel zu Arbeitsplatzverlusten an anderer Stelle der Volkswirtschaft.

Das wäre nur dann nicht der Fall, wenn die von dem Unternehmen ausbezahlte Lohnsumme trotz Beschäftigungssicherung genau so hoch wäre wie sie gewesen wäre, wenn es eine normale Lohnerhöhung für alle Beschäftigten gegeben hätte. Das wird normalerweise nicht der Fall sein, weil sich das Unternehmen ja dann gar nicht auf die Beschäftigungssicherung (die sie ja in ihrer Dispositionsfreiheit hindert) einlassen bräuchte. Was heißt, dass die Gewerkschaften für die Beschäftigungssicherung in dem Betrieb einen Preis in Form einer geringeren Lohnsumme bezahlen. Der gesamtwirtschaftlich dafür zu zahlende Preis ist dann Arbeitslosigkeit an anderer Stelle, weil insgesamt gesehen die Lohnsumme nicht ausreicht, um alle Produkte zu kaufen.

Die neoklassische Theorie hat eine Nachfragesicherung und damit eine solche „Beschäftigungssicherung“ in ihr Modell dadurch eingebaut, dass sie annimmt, die Lohnsenkung würde von den Unternehmen sofort (in der gleichen Sekunde sozusagen) durch Mehreinstellungen ausgeglichen, so dass sich die ausbezahlte Lohnsumme und die Gesamtnachfrage überhaupt nicht ändert (dazu gab es einst eine Kontroverse zwischen mir und dem Sachverständigenrat (SVR), siehe hier). Aber das widerspricht der empirischen Evidenz (siehe oben) und – viel schlimmer noch – dem gesunden Menschenverstand.

Kein Unternehmen beginnt mit dem Umbau der Produktion sobald die Löhne sinken und stellt auf arbeitsintensive Verfahren (also sinkende oder weniger steigende Produktivität) um, obwohl er – bei gegebenem Umsatz – einen höheren Gewinn macht, wenn er bei den alten Verfahren bleibt. Dass irgendwo in der Volkswirtschaft der Umsatz wegen der Lohnsenkung sinken wird, kann er nicht wissen, aber selbst wenn er es wüsste, wäre es unsinnig, auf die Lohnsenkung zu reagieren, weil er nicht weiß, ob seine Konkurrenten das Gleiche tun.

Die gesamte Erfahrung bei der Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer hat gezeigt, dass die Unternehmen niemals ihre Produktionsweise den niedrigeren Löhnen anpassen, sondern höhere Gewinne (eine Art von temporären Monopolgewinnen) realisieren, wenn sie (bei gleicher Technik) für die Arbeitskräfte weniger bezahlen müssen. Die neoklassische Theorie hat das realistische Ergebnis allerdings von vorneherein aus ihrer Modellwelt ausgeschlossen, weil sie unterstellt, in einem perfekten Markt könne es selbst diese temporären Monopolgewinne der Unternehmen nicht geben. Dass es dann auch keine unternehmerische Dynamik à la Schumpeter gibt, interessiert den Neoklassiker ja nicht, denn er ist ja nur an der Statik eines Gleichgewichtsmodells interessiert.

Umso toller ist die Aussage, die ich beim Blättern des neuen Gutachtens des SVR zufällig zu dieser Frage gefunden habe. Der SVR schreibt in Ziffer 348: „Des Weiteren sollten Strukturreformen möglichst konkret modelliert werden. Mit dem makroökonomischen Modell von Gadatsch et al. (2014), das die Suchfriktionen am Arbeitsmarkt berücksichtigt, können Arbeitsmarktreformen untersucht werden. Im Folgenden werden eine Reduktion der Lohnverhandlungsmacht der Arbeitnehmer und eine Verbesserung der Arbeitsvermittlung zwischen Arbeitsuchenden und Unternehmen modelliert. Eine geringere Lohnverhandlungsmacht geht mit einem niedrigeren Lohnaufschlag und einem niedrigeren längerfristigen Gleichgewichtslohn einher. Sinkt der Lohn um 0,1 %, steigt das Bruttoinlandsprodukt um 0,11 %. Unabhängig davon, ob sich die Geldpolitik an der Nullzinsgrenze befindet, ist der kurzfristige Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt positiv.“

 Und in Ziffer 349 heißt es: „Die Beschäftigungszunahme kompensiert den Lohnrückgang, sodass das Einkommen dauerhaft steigt. Da der Einkommensanstieg antizipiert wird, steigt der Konsum bereits in der kurzen Frist. Die Zunahme von Nachfrage und Produktion führt zu einem Anstieg des Preisniveaus. Im Normalfall reagiert die Notenbank mit einer Zinsanhebung. Ist die Geldpolitik durch die Zinsuntergrenze beschränkt, bleibt die Zinsanhebung aus. Konsum- und Investitionsnachfrage werden dann zusätzlich stimuliert.“

 So geht das, was man – ideologisch verblendet – neoklassische Gleichgewichtsmodelle benutzt, ohne eine Sekunde über die möglichen Abläufe im wirklichen Leben nachzudenken. Der Konsum steigt in der kurzen Frist, wenn die Löhne sinken, weil die Handlungsmacht der Gewerkschaften eingeschränkt wird: Das ist moderne Volkswirtschaftslehre at its best, bravo! Es ist allerdings ein Ergebnis, das man als normaler Mensch nur im Kabarett erwarten würde. Die Preise steigen am Ende auch noch und die Arbeitnehmer antizipieren die positiven Beschäftigungswirkungen der Lohnkürzungen und schränken ihre Nachfrage nicht nur nicht ein, sondern erhöhen sogar den Konsum. Das ist mehr als Kabarett, das ist volkswirtschaftliche Magie in höchster Vollendung. Im Ernst: Kann noch etwas dümmer sein als eine solche „Analyse“? (auf die Frage, warum die Zentralbank die Zinsen nicht anheben kann, wenn die Zinsuntergrenze erreicht ist, will ich lieber nicht eingehen, das muss ein Tippfehler sein)

Mit diesem Modell kann man sicher sehr gut zeigen, wie der griechische Konsument die positiven Wirkungen der Lohnkürzungen vorhergesehen und mit massiver Zunahme seiner Nachfrage reagiert hat, denn er war ja gut informiert (hatte sicher rationale Erwartungen) und „wusste“, dass ihm die moderne Ökonomik vorhersagt, dass genau dann, wenn die lästigen Barrieren wegfallen, die seinen Arbeitgeber daran hindern, seinen Lohn zu kürzen, er die Segnungen der Flexibilität erntet und in ein höheres Konsumniveau entschwebt. Mit der kleinen unwichtigen Frage, warum in Wirklichkeit die Arbeitslosigkeit drastisch gestiegen ist, will sich der moderne Ökonom nicht beschäftigen, das würde sicher seiner Karriere schaden.

Ich sage in meinen Vorträgen den jungen Leuten im Publikum immer, dass sie ihre Zukunft nicht den heutigen Ökonomen überlassen dürfen. Man kann mit einigem Grund der Meinung sein, dass man als Fachfremder den Physikern eine Reihe lebenswichtiger Fragen überlassen sollte, weil man sowieso keine Chance hat, die Zusammenhänge zu begreifen. Es gibt aber auch keinen Grund anzunehmen, dass ordnungsgemäß ausgebildete Physiker ihre Macht in Form ihres Wissens nutzen, um die Menschheit aufgrund rein ideologischer Erwägungen in den Abgrund zu jagen. Bei den Ökonomen ist das anders. Sie gehen für ihren festen Glauben an die einzig selig machenden Marktkräfte über Tatsachen und empirische Befunde mit der gleichen Leichtigkeit hinweg, mit der sie jeden anderen als ihren eigenen Gedanken als fremd und gefährlich brandmarken. Wer ihnen die Zukunft überlässt, ist verloren.

Deswegen kann ich nur an alle, die sich Gedanken über ihre Zukunft und die Zukunft der Menschheit machen, dringend raten, sich mit ökonomischen Fragen auch dann auseinanderzusetzen, wenn man selbst nicht Volkswirtschaftslehre studiert. Das gilt insbesondere für die übrigen Sozialwissenschaftler, die häufig eine große Scheu vor ökonomischen Fragen haben und glauben, sich daran vorbeimogeln zu können und dennoch eine gesellschaftliche wertvolle Arbeit leisten zu können. Das wird aber nur in Ausnahmefällen möglich sein. Ökonomische Fragen sind heute in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens so dominant, dass man ausreichend viel davon verstehen muss, um wirklich ein umfassendes Bild von der Gesellschaft zu entwickeln und argumentativ gegen die herrschende Ökonomik bestehen zu können.

 

 

 

 

 

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