Archiv flassbeck-economics | 27.11.2015 (editiert am 25.05.2016)

Es ist die betriebliche Verteilung, Dummkopf !

Die Dauerkrise der Wirtschaft hat viele Ursachen. Die vermutlich wichtigste ist, worauf ich vor einiger Zeit (hier) schon einmal hingewiesen habe, die zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen in den Grossunternehmen. Vergleicht man einmal die physischen Bedürfnisse des Menschen mit dem, was die verschiedenen Einkommensklassen an Verfügbarkeit über Güter in Form ihrer Markteinkommen erzielen, wird aber der ganze Wahnsinn unserer Wirtschaftsordnung offensichtlich.

Wirtschaft ist dazu da, unsere Bedürfnisse zu stillen. Auf welche Weise sie das tut, kann man in den Statistiken der Haushaltsausgaben nachlesen. Dort steht etwa, wie viele Kilo Käse, Kartoffeln und Erdbeeren und wie viele Liter Bier oder Wein pro Kopf und Jahr konsumiert worden sind und wie viel jeder Haushalt im Schnitt für Miete, Gesundheit, Unterhaltung usw. ausgegeben hat.

Weil Durchschnitte wenig aussagen, werden diese Zahlen auch nach dem Einkommen aufgeschlüsselt. Für die Schweiz zeigt die entsprechende Statistik, dass das ärmste Fünftel aller Haushalte (mit ihren 1,38 Mitgliedern) 3528 Franken für Konsum und Gesundheit aufwendet, gegenüber 9445 Franken beim reichsten Fünftel mit 2,89 Mitgliedern. Pro Kopf gerechnet konsumiert das reichste Fünftel also 1,3 mal soviel wie das ärmste. Stellt man dieselbe Rechnung für die homogene Gruppe der (kinderlosen) 2-Personenhaushalte unter 65 an, ergibt sich ein Verhältnis von 1,9 zu 1.

Eine ähnliche Grössenordnung zeigt auch die entsprechende Statistik der USA. Dort konsumierte das reichste Fünftel pro Kopf letztes Jahr 2,3 mal soviel wie das ärmste. Bei der ersten Erhebung 1989 lag das Verhältnis noch bei 2,6 zu 1. Eine Aufteilung von rund 2 zu 1 scheint ein Naturgesetz zu sein. Die physischen Bedürfnisse sind nach unten und nach oben beschränkt. Wer zu wenig verdient, kann sich nicht vermehren und lebt kürzer. Reiche haben mehr Kinder, was den Konsum pro Kopf senkt.

Im Wolfsrudel gilt der Grundsatz: Gefressen ist gefressen. Die Menschheit hingegen ist von der Evolution mit Institutionen ausgerüstet worden, die ihr erlauben, die gemeinsame Beute auf zwei Arten zu verteilen: Erstens physisch durch den (gehabten) Konsum, zweitens rechtlich durch die Zuteilung von Kaufkraft durch Löhne, Dividenden, Mieteinkommen und Renten). Die wichtigsten Institutionen, die diese Aufteilung ermöglichen sind der Kapitalmarkt und der Sozialstaat. Ein Blick auf aktuelle Statistiken legt den Verdacht nahe, dass wir mit diesen Instrumenten umgegangen sind wie die sprichwörtlichen Zauberlehrlinge: Die Sache ist uns aus dem Ruder gelaufen.

In den USA etwa zeigt der Consumer Expenditure Survey, dass das reichste Zehntel der Haushalte zwar „nur“ 23,5 Prozent des Konsums bestreitet, aber 58 Prozent der Markteinkommen beansprucht. Das ärmste Zehntel hingegen bestreitet 4,2 Prozent des Konsums mit 0,4 Prozent des Markteinkommens. Zwischen der physischen Beanspruchung des BIP und dem rechtlichen Anspruch klaffen also riesige Lücken.

In der Schweiz entfallen gemäss der neuesten Erhebung der eidgenössischen Steuerverwaltung 49,5 aller Reineinkommen (inkl. Renten) auf das reichste Fünftel der Steuerpflichtigen, während für das ärmste nur gerade 2,3 Prozent übrig bleiben. Der Konsum ist, wie oben erwähnt, viel gleichmässiger verteilt. In Deutschland haben die obersten 10 Prozent der Haushalte gemäss dem neuesten Sachverständigengutachten 2011 nicht weniger als 40 Prozent des zu versteuernden Gesamteinkommens „erwirtschaftet“. 2001 waren es noch 36 Prozent. Die Kapitelüberschrift heisst übrigens „Stabile Verteilungsergebnisse“. Der Verteilungsirrsinn ist offenbar zur Normalität geworden.

Die extrem einseitige Verteilung überfordert längst sämtliche Ausgleichsmechanismen, angefangen der physischen Widerstandskraft der Unterschicht. In Deutschland etwa klafft zwischen der Lebenserwartung der Reichen (150% und mehr des Durchschnittseinkommen) und der Armen (40% unter dem Schnitt) eine Lücke von zehn (!) Jahren. Die Mittel- und Oberschicht wird von zunehmenden Abstiegsängsten und Statusstress geplagt. Zweitens wird der Sozialstaat überfordert und drittens wissen die Kapitalmärkte immer weniger, wie sie die Sparüberschüsse der Reichen „entsorgen“ können.

Die „Antwort“ der Politik auf dieses Entsorgungsproblem heisst „Wettbewerbsfähigkeit“, sprich Abbau des Sparüberhangs durch Exportüberschüsse. Damit wird das Problem auf die anderen abgewälzt und zugleich für alle verschärft. Doch selbst die Sieger in diesem Idiotenspiel stecken immer tiefer im Sumpf. Deutschland zum Beispiel: Dort waren die Markteinkommen 1991 noch relativ gleich verteilt. Das Einkommen des Durchschnittsbürgers (der Median) lag nur um 9,4% unter dem Durchschnitt aller Markteinkommen. Die Verteilung der Haushaltsnettoeinkommen war in etwa gleich. Steuern und Sozialleistungen mussten also keine nennenswerte Umverteilung bewirken. Spätestens ab 1999 änderte sich das. Bis 2009 gingen die Markteinkommen des ärmsten Fünftels um fast 20 Prozent und die der ärmeren Hälfte um 13 Prozent zurück. Auf diesen Schock war der Sozialstaat nicht ausgelegt. Er konnte die Einbussen bloss auf immer noch happige 13 bzw. 7,3 Prozent reduzieren und musste akzeptieren, dass etwa ein Viertel der Arbeitnehmer in einen Niedriglohnsektor gedrängt wurden.

Auch beim Exportweltmeister Schweiz geht die Ungleichheit der Markteinkommen allmählich an die Substanz der Sozialwerke. In der Stadt Zürich etwa sind die Sozial- und Pflegekosten allein von 2008 bis 2013 um 57 Prozent gestiegen. „In den Sozialämtern“ schreibt der Tages Anzeiger, „tauchen immer häufiger frisch Pensionierte auf, denen es im Verlauf des Berufslebens nicht gelungen ist, Altersvorsorge aufzubauen.“ Im ganzen Kanton seien bereits 12 Prozent der über 65jährigen auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Gemeinden, Kantone und Bund schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu und versuchen, sich für Sozialhilfeempfänger unattraktiv zu machen. Bürgerliche Politiker fordern „nachhaltige“ Reformen des Sozialstaates. Wobei sich die Nachhaltigkeit ausschliesslich auf die Finanzen bezieht.

Doch das Problem ist nicht der Sozialstaat, sondern die Unternehmen, die ihn mit ihrer zunehmend schiefen Verteilung der Löhne und Dividenden überfordern. Doch welche Unternehmen? Die KMU vermutlich nicht. So lag etwa im Beratungsunternehmen eines meiner Freunde der höchste Lohn (des runden Dutzend Angestellten) nie um mehr als einen Drittels höher als der tiefste. Das dürfte für ein KMU nicht untypisch sein. In den Staatsbetrieben lag die Spreizung zwischen dem obersten und dem untersten Fünftel (der Vollzeitstellen) 2008 gemäss der Lohnstrukturerhebung ziemlich genau bei 2. Derselben Quelle kann man entnehmen, dass die entsprechende Spreizung bei den Privatunternehmen 2008 beim Faktor 2,7 lag und eine steigende Tendenz aufweist.

Allerdings unterscheidet diese Statistik nicht zwischen KMU, Mittel- und Grossunternehmen. Wenn wir annehmen, dass bei ersteren die Spreizung eher unter 2 liegt, muss sie bei den Grossen deutlich über 5 liegen. Mangels einschlägiger Angaben in den Jahresberichten wissen wir wenig bis nichts über die Einkommensverteilung unserer Multis.

Versuchen wir es trotzdem und zwar bei Nestlé, einem global arbeitenden Unternehmen der Nahrungsmittelbranche. Sie müsste ihre Beute eigentlich gemäss dem Kalorienbedarf verteilen: Etwas mehr für das Fussvolk, etwas weniger für den Jetset. Doch schon ein erster Blick auf das Jahresergebnis 2014 zeigt, dass dem nicht so ist. Neben16 Milliarden Personalausgaben weist das Unternehmen nämlich auch 15 Milliarden Gewinn aus. Dank dem Global Wealth Databook der CS wissen wir aber, dass 31 Prozent aller Vermögen (und damit der Vermögenserträge) auf das reichste Prozent und 84 Prozent auf das reichste Fünftel entfallen. Damit aber krallt sich das oberste Fünftel schon rund mal 40 Prozent der Gesamtbeute, bevor auch nur ein Lohnfranken verteilt worden ist.

Die rund 16 Milliarden Franken Bruttolohnsumme verteilen sich auf 339’000 Angestellte. Macht im Schnitt 47’200 Franken brutto. Die 14 Mitglieder der Konzernleitung und die 12 des Verwaltungsrates haben 2014 zusammen knapp 60 Millionen kassiert. Das sind 3,75 Promille der Lohnsumme für 0.08 Promille der Angestellten. Mehr wissen wir nicht und dieses Halbwissen wird normalerweise so interpretiert, dass die 3,67 Promille, die das oben „zu viel“ produzieren, denen da unten nicht weh tun.

Damit der Schmerz doch spür- und sichtbar wird, treffen wir zwei vorsichtige aber plausible Annahmen. Erstens: Bei Nestlé, wie in der Schweiz insgesamt, gehen 9% der Arbeitseinkommen an das reichste Prozent. Zweitens: Die restlichen Lohneinkommen werden so verteilt wie im Schnitt aller Schweizer Privatunternehmen. Damit ergibt sich in etwa folgende Verteilung des gesamten Mehrwerts (Löhne und Dividenden): 20 Prozent für das oberste Prozent, 60 Prozent für das oberste Fünftel und für das unterste bleiben noch etwa 6 Prozent.

Das ist – wie gesagt – eine ganz grobe Schätzung. Man möchte es genauer wissen und aufgeschlüsselt nach den Ländern, in den Nestlé produziert. Doch jenseits aller nötigen Verfeinerungen zeigt die Schätzung, dass Nestlé die von ihr geschaffene Kaufkraft so einseitig verteilt, dass sie ihre eigenen Produkte ohne massive Staatshilfe niemals verkaufen könnte.

Zwar tut die Nahrungsmittelindustrie alles, um ihre Produktpalette den selbst geschaffenen Einkommensverhältnissen anzupassen. In den USA etwa wird die Unterschicht vorwiegend mit billigem Fruktosesirup, Zucker, raffinierten Getreideprodukten, gehärteten Pflanzenfett und Hormonfleisch abgespiesen. Für die Oberschicht hingegen hat etwa Nestlé neulich eine neue Luxus-Linie lanciert – „Chocolat Signature Sélection“, 130 Gramm Erlesenes für 24.90 Dollar. Doch letztlich bleibt der Kalorienbedarf für alle Menschen in etwa gleich. Deshalb zeigt denn auch der Consumer Expenditure Survey der USA, dass das oberste Zehntel pro Kopf nur etwa 40 Prozent mehr für Nahrungsmittel ausgibt als das unterste, obwohl es 50 mal mehr verdient.

Inzwischen überlässt der überforderte und durch den Steuerwettbewerb ausgetrocknete Sozialstaat die Last der Anpassung immer mehr der Leidensfähigkeit der Unterschicht und der Alchemie der Finanzmärkte. Jede Abweichung der Einkommens- von der Konsumverteilung hinterlässt entsprechende Guthaben und Forderungen, die sich am Ende der Produktionskette der Finanzindustrie erst in einer Staatsschuld und dann in ein Guthaben (der Reichen) gegenüber der Zentralbank niederschlagen – dem einzigen noch vertrauenswürdigen Schuldner.

Diese quantitative Erleichterung oder QE ist aktuell das wirtschaftspolitische Instrument. In der Tat kann man damit auch den Schaden der Ungleichheit begrenzen. Theoretisch könnte man das Instrument mit staatlichen Investitionen oder mit Helikoptergeld für die Armen nutzen und so das vorhandene Produktionspotential auslasten. Damit würden die Zentralbanken das Verteilungsergebnis künstlich herstellen, das man auch mit einer vernünftigen Lohnpolitik erreichen könnte. Doch zu einer solchen Lösung fehlt der politische Wille und wohl auch die Einsicht. Schulden sind nun mal moralisch verwerflich.

Deshalb bleibt nur ein Ausweg: Die Unternehmen müssen wieder zu einer einigermassen bedarfsgerechten Einkommensverteilung zurückzufinden. Nur so können sie ihre Produkte langfristig auch absetzen. Doch leider hat niemand ein Interesse daran, den ersten Schritt zu tun. Es ist das klassische Gefangenendilemma, aus dem man nicht mit Konkurrenz sondern nur mit (politischer) Kooperation heraus kommt. Dazu wiederum muss zunächst einmal das Problembewusstsein entwickelt werden. Der erste Schritt dazu wäre die Offenlegung der Beuteverteilung der Grossunternehmen. Die USA haben einen ersten Schritt gemacht. Der Dodd-Frank-Act schreibt den kotierten Unternehmen vor, den Medianlohn zusammen mit dem Top-Salär zu veröffentlichen. Doch damit neben dem moralischen auch der volkwirtschaftliche Aspekte der Problem klar wird, müsste mindestens auch noch Median des untersten und des obersten Quintils sowie und des obersten Prozent offengelegt werden, wie ich das in meinem ersten Artikel zu dieser Problematik dargelegt habe.

Die soziale Lunte brennt. Wir können die Explosion mit QE zwar vielleicht noch ein paar Jahre hinauszögern, aber die Diskussion um das wirkliche Problem hätte eigentlich spätestens mit der Finanzkrise von 2008 beginnen sollen.

 

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