Euro-Sprengstoff aus Italien

Ich war am vergangenen Wochenende in Italien, um an einer Euro-Konferenz teilzunehmen. In Pescara bringt seit einigen Jahren nun schon ein sehr kluger Ökonomieprofessor, Alberto Bagnai (sein Blog – in Italienisch – ist zu finden unter goofynomics), eine beeindruckende Zahl italienischer Politiker zusammen, um über den Euro und die wirtschaftliche Zukunft Italiens zu diskutieren.

Etwa 600 Menschen quer durch fast alle Parteien, nahmen an dieser Konferenz, die von Samstag Mittag bis Sonntag Abend dauerte, teil. Obwohl Bagnai sich selbst als links bezeichnet und sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums engagiert, gelingt es ihm, auch die rechten Parteien nach Pescara zu holen. Am Sonntag war der Generalsekretär der Lega Nord Matteo Salvini zu einem Interview auf der Bühne. Alle Teilnehmer eint der Wunsch und der unbedingte Wille, aus der Eurozone auszusteigen.

Die Diagnosen zur Situation Italiens und zum Euro, die ich in Pescara gehört habe, gehen grundsätzlich in die richtige Richtung. Man weiß, dass Italien in einer extrem schwierigen, ja schier aussichtslosen wirtschaftlichen Lage ist und man erkennt sehr klar, welch großen Anteil der Außenhandel im Euroraum an der Misere hat. Und die meisten Teilnehmer in Pescara, und vorneweg Alberto Bagnai, wussten auch genau, wer schuld an der Misere ist: Deutschland!

Beeindruckend ist, dass sich in Pescara auch ansonsten heillos zerstrittene Parteien von ganz links bis ganz rechts an einen Tisch setzen, weil sie das gemeinsame Ziel eint, einen Plan zu entwickeln, wie man am besten und am schnellsten aus dem Euro aussteigt. Das geht so weit, dass man sagt, man müsse wie in Kriegszeiten für dieses eine gemeinsame Ziel, den Ausstieg aus dem Euro, eng zusammenarbeiten, auch wenn man danach wieder im normalen politischen Geschäft getrennte Wege gehe. Dahinter steht eine politische Wucht, die auch ich bisher unterschätzt hatte.

Diese Konferenz, bei der ich meine normale Analyse der Eurokrise vorgelegt habe, ansonsten aber eher zu den Warnern vor zu schnellen Entscheidungen gehörte, zeigt zweierlei ganz klar. Erstens, in Ländern wie Italien (und das gilt auch für Frankreich) wächst das Bewusstsein rasend schnell, dass die Eurozone nicht nur wirtschaftlich nichts gebracht hat, sondern – mit einem merkantilistischen Deutschland in ihrer Mitte – verantwortlich ist für die unheilbare Krankheit, die diese Länder dahinsiechen lässt. Hatte man sich einige Jahre noch dem Glauben hingegeben, man könne mit „Reformen“ zu Deutschland aufschließen, wird angesichts der weiter steigenden deutschen Leistungsbilanzüberschüsse fast jedem klar, dass das eine Illusion war.

Zweitens, bei uns wird die Dimension des Problems für diese Länder dramatisch unterschätzt. Viele glauben noch immer, wie ich es am Montag in Berlin dann gleich wieder erlebt habe, dass über der Flüchtlingskrise und dem Terror der Euro und die wirtschaftliche Lage in den Hintergrund getreten und weniger wichtig sei. Das ist eine fatale Fehleinschätzung. In Frankreich wird man sicher einige Tage und vielleicht Wochen vorwiegend mit dem Terror befassen, aber die wirtschaftliche Katastrophe kommt unweigerlich zurück und sie wird mehr und mehr direkt dem Euro und indirekt Deutschland zugerechnet.

Es ist sicher kein Zufall, dass Wolfgang Münchau in Spiegel-Online zum gleichen Zeitpunkt das ausspricht, was in Deutschland noch immer kaum einer offen zu sagen wagt: Deutschland ist schuld. Er war auf einer Konferenz in England und der Tenor war dort offensichtlich genau der gleiche wie in Pescara.

Was ganz einfach zeigt, dass der Versuch der deutschen Politik, das deutsche Fehlverhalten mit Machtdemonstrationen zu überdecken oder schlicht unter den Teppich zu kehren, endgültig gescheitert ist. Auslöser dieser Anti-Euro Welle ist sicher der brutale Umgang der Troika mit Griechenland im Sommer, aber auch ohne das hätte sich früher oder später nicht mehr verbergen lassen, dass Deutschland selbst gegen zentrale Regeln verstößt, die anderen aber wegen Regelverstößen permanent abmahnt.

Ja, es ist keine Übertreibung zu sagen: Deutschland verstößt gegen die wichtigste aller Regeln im Zusammenleben der Nationen. Die Regel heißt, man muss den Partnerländern die Luft zum Atmen lassen und alle müssen eine Chance haben, ihre wirtschaftliche Lage nach einer großen Rezession wieder zu verbessern statt in Stagnation und hoher Arbeitslosigkeit zu verharren. Dass der Punkt kommt, wo die anderen unkontrolliert und unkontrollierbar zurückschlagen, war immer klar. Mir scheint nach der Erfahrung dieses Wochenendes, er ist viel näher als wir ahnen.

 

 

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