Archiv flassbeck-economics | 24.11.2015 (editiert am 25.05.2016)

Freundliche Überraschung am US Arbeitsmarkt im Oktober: Nimmt das amerikanische Jobwunder wirklich Fahrt auf?

Der mit viel Spannung erwartete Arbeitsmarktbericht für den Monat Oktober brachte eine freundliche Überraschung: Amerikas Wirtschaft wies danach 271.000 neue Jobs auf. Das übertraf die allgemeinen Erwartungen von Ökonomen, meine Erwartungen eingeschlossen, deutlich. US-Konjunkturindikatoren hatten seit einigen Monaten ganz überwiegend eine schwächere Wirtschaftsentwicklung angedeutet. Auch die Arbeitsmarktberichte für die Monate August und September, die nunmehr sehr leicht nach oben revidiert worden sind, waren schwach ausgefallen, hatten kaum mehr als die Hälfte der für Oktober gemeldeten Jobs eingebracht. Entsprechend laut viel dann der Knalleffekt der Oktober-Meldung aus, zumal auch für die Lohnentwicklung eine leichte Beschleunigung ermittelt wurde. Mit dem Aufleuchten neuer Konjunkturhoffnungen stiegen dann auch die US-Kapitalmarktzinsen sofort ein wenig an. An den Finanzmärkten wird nunmehr einer Zinserhöhung seitens der Federal Reserve bei der FOMC Tagung im Dezember eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit eingeräumt. Es scheint heute, als könne die Federal Reserve kaum noch etwas davon abhalten, zum Jahresende den ersten Zinsschritt nach oben seit fast zehn Jahren tatsächlich durchzuführen. Aber nimmt Amerikas Wirtschaft wirklich schon wieder an Fahrt auf, unbeeindruckt von den vielen Schwächeherden in der Weltwirtschaft? Blicken wir auf einige Details.

Abbildung 1

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Abbildung 1 zeigt die Beschäftigungsentwicklung ausgedrückt als absolute Veränderung zum Vormonat beginnend im Rezessionsjahr 2001. Der kräftige Jobzuwachs im Oktober 2015 fällt hier zunächst nicht weiter auf. Auffallend ist vielmehr, dass die US-Wirtschaft seit nunmehr 68 Monaten ununterbrochen neue Arbeitsplätze geschaffen hat.

Abbildung 2

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Ausgedrückt als prozentuale Veränderung zum Vorjahresmonat erkennt man dagegen, dass sich das Beschäftigungswachstum, nach vorrübergehender Beschleunigung in der zweiten Jahreshälfte 2014, zuletzt wieder verlangsamt hat, aber im Vergleich zu den Vorjahren durchaus noch stattlich bleibt. Überhaupt sticht der Aufschwung seit der Großen Rezession (Obama Administration) im Vergleich zum Aufschwung der 2000er (G.W. Bush Administration) bereits positiv hervor. Der Vergleich zu den Aufschwüngen der Achtziger (Reagan und G. Bush Administration) sowie Neunziger (Clinton Administration) dagegen fällt weniger beeindruckend aus. Die Arbeitsplatzgewinne waren damals noch kräftiger – und sie hielten auch noch länger an, was man natürlich beim laufenden Aufschwung noch nicht weiß. Allerdings gab es damals jeweils mitten im Aufschwung eine Art Verschnaufpause, in der das Beschäftigungswachstum zwar positiv blieb, aber vorrübergehend stark einbrach, um sich danach dann wieder erneut zu beschleunigen. Etwas Vergleichbares hat es bisher seit der Großen Rezession nicht gegeben. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt verlief insgesamt wenig rasant, aber dafür sehr stetig. Das alles macht die Beurteilung der Entwicklung am aktuellen Rand nicht unbedingt einfacher. Insgesamt scheint sich für 2015 eine Arbeitsmarktentwicklung anzudeuten, die nicht so gut ist wie im letzten Jahr, aber immer noch recht anständig ausfallen sollte. Im nächsten Jahr müsste dann so einiges schief gehen, damit der dann scheidende Präsident Barack Obama seinem Nachfolger eine ähnlich katastrophale Arbeitsmarktlage hinterlassen würde, wie er sie selbst in 2009 von seinem republikanischen Vorgänger geerbt hatte.

Alan Blinder und Mark Zandi haben übrigens im letzten Monat eine interessante Untersuchung (Titel: „The financial crisis: lessons for the next one“, hier) zur U.S. Finanzkrise veröffentlicht. Sie untersuchen darin die Wirksamkeit der wirtschaftspolitischen Reaktion auf die Finanzkrise, also der Geld- und Fiskalpolitik sowie etwaigen Maßnahmen zur Rettung oder Stützung des US-Finanzsystems und der US-Automobilindustrie. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Politik insgesamt sehr wirksam war. Der kurzfristige Einbruch der Wirtschaft von so nur rund vier Prozent hätte sonst wohl knapp 14 Prozent erreicht und viel länger angedauert, etwa doppelt so viele Arbeitsplätze wären verloren gegangen, und auch das Haushaltsdefizit wäre in der Spitze fast doppelt so hoch ausgefallen als tatsächlich, also auch 20 Prozent des BIP angestiegen statt „nur“ 10 Prozent. Die US-Wirtschaft wäre laut ihrer Berechnung auch heute noch deutlich schwächer als sie es tatsächlich ist. Es lohnt sich danach also wirklich, einer schweren Krise nicht nur zaghaft und zögerlich, sondern prompt und mit aller wirtschaftspolitischen Macht zu begegnen. Aus Sicht der Eurozone sind diese Ergebnisse sicher unmittelbar glaubhaft und einleuchtend. Wer zur falschen Zeit spart und den Kredithahn zudreht, der spart sich nur in den sicheren Ruin. Das hat die Wirtschaftstheorie ja eigentlich auch lange gewusst, nur wollen gewisse Wirtschaftspolitiker von Theorie und Fakten einfach nichts wissen, vertrauen lieber auf irgendwelche Binsenweisheiten schwäbischer Hausfrauen. Einmal mehr ist Europas Destruktion Ergebnis kranker Ideologie.

Abbildung 3

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Aber zurück zu Amerika, wo das stetige Beschäftigungswachstum mittlerweile zu sehr niedriger Arbeitslosigkeit geführt hat. Die offizielle Arbeitslosenquote („U-3“) beträgt heute nur noch 5 Prozent, was im Grunde auf einen Zustand von „fast“-Vollbeschäftigung hindeutet. Hierin werden Personen als arbeitslos erfasst, die keine Arbeit haben, in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht haben und auch weiterhin für Arbeit zur Verfügung stehen. Auch das breiter gefasste Maß der Arbeitslosenquote („U-6“) ist sehr stark gesunken, allerdings im Vergleich zum Vorkrisenniveau mit 11,2 Prozent immer noch erhöht. Enthalten ist hierin unfreiwillige Teilzeitarbeit sowie Personen, die nur marginal mit dem Arbeitsmarkt verbunden sind, also arbeiten wollen und für Arbeit zur Verfügung stehen und auch noch im letzten Jahr aktiv gesucht haben, aber inzwischen entmutigt die Arbeitsplatzsuche aufgegeben haben. Desweiteren zeigt Abbildung 3 auch eine fiktive Arbeitslosenquote (U-3), die eine konstante Partizipationsquote von 66 Prozent unterstellt (Stand zu Beginn der Rezession im Dezember 2007).

Abbildung 4

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Denn weiterhin bleibt das Gesamtbild der Beschäftigung trotz gesunkener Arbeitslosigkeit stark von der schweren Krise geprägt. Wie Abbildung 4 zeigt, ist die Erwerbstätigenquote (Employment-to-Population Ratio), welche die Anzahl der Erwerbstätigen als Anteil an der zivilen Bevölkerung im Alter von 16 Jahren und älter misst, in der Krise um sage und schreibe fünf Prozentpunkte eingebrochen und hat seitdem nur einen kleinen Anteil davon wieder gutgemacht. Im letzten Jahr hatte es eine leichte Beschleunigung der Erholung gegeben. Zurzeit scheint dagegen keine weitere Verbesserung stattzufinden. Entsprechend hatte im letzten Jahr eine Stabilisierung der Partizipationsquote (Labor Force Participation Rate) auf sehr niedrigem Niveau stattgefunden. Doch zuletzt scheint auch diese Quote erneut weiter zu sinken. Die fiktive Arbeitslosenquote (U-3) in Abbildung 3 oben zeigt also an, dass der Rückzug vieler Personen vom Arbeitsmarkt sehr erheblich zum Sinken der offiziellen Arbeitslosenquote beigetragen hat. Sicher ist die Unterstellung einer konstanten Partizipationsquote auf dem Niveau vom Dezember 2007 nicht ganz realistisch, weil auch demographische Faktoren mitgewirkt haben, nämlich der Eintritt der „Baby Boomer“ Generation ins Rentenalter. Die „wahre“ Arbeitslosenquote liegt also irgendwo im Graubereich zwischen 5 und 10 Prozent, jedenfalls meines Erachtens noch deutlich über 5 Prozent, worauf auch der weiterhin erhöhte Anteil der Langzeitarbeitslosen hindeutet.

Abbildung 5

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Vertraut man auf die Berechnungen des renommierten Brookings Institutes, das monatlich eine Schätzung zur bestehenden Arbeitsplatzlücke veröffentlicht, so betrug diese „Jobs Gap“ im Oktober noch 2,9 Millionen Jobs. Bei dieser Schätzung wird das wachsende Beschäftigungspotential sowie eine Rückkehr zum Vorkrisenbeschäftigungsniveau unterstellt. Je nach Tempo des Beschäftigungsaufbaus in der Zukunft, wird Amerika die ermittelte Lücke erst zwischen März bis August 2017 schließen können. (Abbildung 5 zeigt zwei Szenarios. Das Erste unterstellt monatliche 191.000 neue Arbeitsplätze, was dem Durchschnitt seit Beginn des Aufschwungs in 2010 entspricht. Das Zweite unterstellt 235.000 neue Jobs pro Monat, was dem Durchschnitt der letzten zwölf Monate entspricht.).

Abbildung 6

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Demnach hätte die Federal Reserve also auch noch einige Zeit für die angestrebte „Normalisierung“ des Zinsniveaus, wobei natürlich unklar bleibt, wie hoch denn vielleicht ein „normaler“ Zins in einer vollbeschäftigen amerikanischen Volkswirtschaft unter sonstigen heutigen Bedingungen sein könnte. Große Fragezeichen schweben über den niedrigen Investitionen und dem stark gesunkenen Produktivitätswachstum. Hohe Unsicherheit herrscht auch über die sehr niedrige Inflation, wobei die offizielle („Headline“) Inflationsrate zurzeit allerdings deutlich durch den Dollaranstieg und Rohstoffpreisverfall gedrückt wird. Abbildung 6 zeigt zusätzlich auch den von der Federal Reserve bevorzugten Preisindex der Persönlichen Konsumausgaben (PCE), der ebenfalls zurzeit bei etwa null liegt. Das von der Federal Reserve angestrebte Inflationsziel von zwei Prozent bezieht sich auf die „Kerninflationsrate“ des PCE Index, der im September 1,3 Prozent betrug.

Abbildung 7

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Umso größer war daher der Wirbel, den die leichte Beschleunigung der Lohnsteigerungen im letzten Monat ausgelöst hat. Der Index für alle Beschäftigten der Privatwirtschaft stieg im Oktober nämlich mit einer Jahresrate von 2,5 an. Das ist keineswegs rasant, aber immerhin war das der höchste Wert seit 2009. In den letzten Jahren entwickelte sich dieser Index sehr stabil bei etwa 2 Prozent. Zusätzlich zeigt Abbildung 7 einen weiteren Index, den Index der durchschnittlichen Stundenlöhne der nichtleitenden Arbeitnehmer der Privatwirtschaft. Auch dieser Index erfuhr im Oktober einen leichten Anstieg auf 2,2 Prozent. Auch dieser Index schwankt seit Jahren um die 2 Prozent. Allerdings hatte dieser Index bereits im letzten Jahr eine leichte Beschleunigung der Lohnentwicklung angedeutet, die sich dann allerdings später als nur vorübergehend entpuppte. Insgesamt bleibt unklar, ob sich hier heute tatsächlich eine anhaltende Bewegung nach oben abzeichnet.

Abbildung 8

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Daher werfen wir zuletzt auch noch einen kurzen Blick auf den Arbeitskostenindex (Abbildung 8). Dieser Index wird lediglich quartalsweise veröffentlicht. Dieser Index hatte in der zweiten Hälfte des Vorjahres bis zum ersten Quartal 2015 eine leichte Beschleunigung des amerikanischen Lohn- und Arbeitskostenwachstums angezeigt, und zwar sowohl für Löhne und Gehälter sowie Arbeitnehmergesamtentgelt in der Privatwirtschaft als auch für das Gesamtentgelt aller zivilen Arbeitnehmer (einschließlich staatlich Beschäftigter, jedoch ohne Militär). Auch dieser Anstieg hatte damals viel Hoffnung ausgelöst – die dann allerdings im zweiten und auch zuletzt im dritten Quartal 2015 erneut enttäuscht wurden. Auch hieraus kann man kaum Hoffnung schöpfen.

Abbildung 9

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Die einzige wirklich erfreuliche Entwicklung für US-Arbeitnehmer und Konsumenten ergab sich daher allein aus der zuletzt sehr niedrigen Inflation. Auch bei niedriger stabiler Nominallohnentwicklung ergab sich so im letzten Jahr eine spürbare Reallohnerhöhung. Somit überrascht es nicht, dass der private Konsum einmal mehr der entscheidende – oder auch mehr oder weniger einzige – Motor des US-Wachstums war. Dieser Reallohneffekt wird sich aber im nächsten Jahr kaum wiederholen. Vielleicht wird der Dollar weiter ansteigen. Die Zinsdifferenz etwa zum Euro ist mittlerweile so hoch, dass dies recht wahrscheinlich erscheint. Dies würde die Einfuhrpreise weiterhin unter Druck halten. Gut möglich, dass auch die Rohstoffpreise noch weiter sinken. Doch vermutlich wird auch dies eher begrenzt bleiben, so dass die („Headline“) Inflationsrate sich im Laufe der nächsten Quartale eher wieder der Kerninflationsrate annähern wird.

Eine erneut spürbare Reallohnerhöhung ergäbe sich dann im nächsten Jahr nur bei wirklich anziehendem Nominallohnwachstums. Darauf hofft man also wieder und immer noch; bei der US-Regierung und der Federal Reserve gleichermaßen. Auch darauf, dass sich vielleicht von anderer Seite irgendwie Anschub ergeben könnte. Damit dem US-Konsumenten bloß nicht noch die Puste ausgeht, bevor die Wirtschaft auch wirklich etwas mehr Wind im Segel fängt. Es bleibt wohl weiterhin eher bei stetiger Gemächlichkeit. Oder hält der US-Arbeitsmarkt weitere Überraschungen bereit?

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