Lohnverteilung offenlegen! Europa braucht einen (besseren) Dodd-Frank-Act

Die Lohnschere öffnet sich auch in der Schweiz immer mehr. Doch die Diskussion darüber ist eingeschlafen. Hier ist ein Vorschlag für eine neue, substantiellere Debatte: Die börsennotierten Unternehmen sollten ihre Lohnverteilung offenlegen.

Vorreiter in dieser Sache sind die USA. Dort müssen die börsennotierten Unternehmen gemäss dem Dodd-Frank-Act ab 2017 den Median, also den mittleren Wert der Löhne ihrer Angestellten ermitteln, mit dem Gehalt des Chefs vergleichen und die Zahlen veröffentlichen. Unser Vorschlag geht etwas weiter: Die börsennotierten Unternehmen sollen den Medianlohn des ärmsten und des reichsten Fünftels sowie des reichsten Ein-Prozent ihrer in der Schweiz tätigen Mitarbeiter veröffentlichen.

Warum diese Idee? In einer (geschlossenen) Volkswirtschaft versorgt der Unternehmenssektor mit seinen Lohn- und Dividendenzahlungen sowie mit den Steuern die übrigen Sektoren mit der Kaufkraft, die diese brauchen, um die Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen zu kaufen – und damit den Kreislauf zu schliessen. (Wenn wir Investitionen berücksichtigen ändert sich an diesem Zusammenhang grundsätzlich nichts.)

Es ist deshalb zu erwarten, dass die Verteilung der Löhne in etwa der Verteilung des Konsums entspricht. Sind die Löhne (und die Kapitaleinkommen) deutlich ungleicher verteilt als der Konsum, entsteht ein Ungleichgewicht, das durch staatliche Rückverteilung, durch staatliche Investitionsprogramme und durch Kredite ausgeglichen bzw. überbrückt werden muss. Genau darum dreht sich die aktuelle politische Diskussion in der EU: Reicht es, wenn der EZB monatlich 60 Milliarden Staatsanleihen aufkauft, oder sollen – wie Draghi auch fordert – auch die Staatsausgaben erhöht werden. Die Verteilungspolitik und die entscheidende Rolle, welche die Grossunternehmen dabei spielen, kommt in der Debatte immer nur am Rande einmal vor.

Dabei liegt das Problem genau hier. Schauen wir uns die einschlägigen Zahlen an: Die Verteilung des Konsums ist über die (westlichen) Staaten und über die letzten Jahrzehnte hinweg ziemlich konstant, die Schere hat sich nicht allzu weit geöffnet: Das reichste Fünftel der Haushalte konsumiert etwa 2 bis maximal 2,5 mal soviel wie das ärmste Fünftel. Die Verteilung der Einkommen hingegen driftet immer mehr auseinander.

In der Schweiz etwa zeigt die Statistik der Konsumausgaben der Partnerhaushalte unter 65 für die Jahre 2009 bis 2011 folgendes: Das reichste Fünftel gibt im Schnitt 8930 Franken für Konsum aus, einen Hauch mehr als doppelt soviel wie das ärmste Fünftel, das 4447 Franken verkonsumiert. Berücksichtigt man auch die Ausgaben für Gesundheit (gemessen an den Krankenkassenprämien) so sinkt der Faktor sogar auf 1,9. Betrachtet man sämtliche Haushalte aller Altersklassen und berücksichtigt, dass in den reichen Haushalten fast doppelt so viele Leute leben, bleiben die Verhältnisse in etwa die gleichen: Das einkommensstärkste Fünftel der Haushalte gibt nicht nicht ganz doppelt soviel aus wie die ärmsten.

Genau dieselben Grössenordnungen findet man auch bei den Arbeitseinkommen – wenigstens im öffentlichen Sektor. Dort verdiente 2008 (neuere Zahlen liegen nicht vor) das reichste Fünftel monatlich 9754 Franken gegenüber 4844 Franken für das ärmste Fünftel, folglich Faktor 2,01. Im privaten Sektor lag der entsprechende Faktor bei 2,7, sechs Jahre zuvor waren es noch 2,6 gewesen. Der Trend ist steigend. Allerdings ist der Privatsektor sehr heterogen. Knapp die Hälfte der Schweizer sind in Kleinbetrieben mit bis zu 50 Angestellten beschäftigt. Hier dürfte es selbst für die Firmenchefs schwierig sein, das Doppelte des Mindestlohns zu erwirtschaften. Die Lohnspreizung dürfte hier unter 2 zu 1 liegen.

Dass die Ungleichheit im wesentlichen von den Grossunternehmen geschaffen wird, zeigt unter anderem die Studie von Reto Foellmi und Isabel Martinez über die Entwicklung der Top-Einkommen in der Schweiz von 1981 bis 2008. Danach ist der Anteil der reichsten 10 Prozent allein an den Arbeitseinkommen von 27 auf 30 und der des reichsten Prozent gar von 8,8 auf 11 Prozent gestiegen. Soviel Ungleichheit, bzw. solche Spitzenlöhne würden fast jedes KMU in den Ruin treiben.

Kommt dazu, dass Grossunternehmen riesige Gewinne erwirtschaften, die erst recht ungleich verteilt sind. Beispiel Nestlé. 2014 zahlte das Unternehmen 16 Milliarden Gehälter aus und erwirtschaftete 15 Milliarden Gewinn. Gemäss dem Wealth Report der CS waren im selben Jahr in der Schweiz 72 und in den USA 75 Prozent des Vermögen (und damit der Vermögenseinkommen) im Besitz der reichsten 10 Prozent. Selbst wenn also bei Nestlé alle Lohne gleich wären, würde das reichste Zehntel doch fast die Hälfte des Mehrwertes kassieren.

Doch bleiben wir bei den Arbeitseinkommen. Ein weiteres klares Indiz für deren zunehmend ungleiche Verteilung liefert der neueste Vergütungsbericht der PWC. Danach sind die Gesamtvergütungen der CEO der 100 nach Börsenkapitalisierung grössten Schweizer Unternehmen 2014 gegenüber dem Vorjahr wie folgt gestiegen: Von 6,7 auf 7,5 Millionen bei den 20 grössten (SMI-) Firmen, von 3,6 auf 4,3 Millionen bei den 30 nächstgrössten (SMIM-) Firmen und von 1,26 auf 1,4 Millionen Franken bei den 50 so genannten Small-Caps. Diese Kategorie verzeichnet seit 2014 die mit Abstand grössten Zuwächse. Offenbar haben sich die Kleinen von den Grossen anstecken lassen. Die Hemmungen sind gefallen. Zum Vergleich: Die Nominallöhne der Normalverdiener haben 2014 um 0.8 Prozent zugenommen.

Der Bericht der PWC hat in der Schweiz kein Echo ausgelöst. Das war auch nicht die Absicht. Solche Studien dienen vielmehr dazu, den CEOs gegen viel Geld die Argumente für eine Lohnerhöhung zu liefern. Dazu muss man bloss die Zahlen so auswerten, dass ihr Gehalt unter dem Schnitt einer raffiniert ausgewählten Vergleichsgruppe liegt. Dieselben Leute werden argumentieren, bzw. haben dies in den USA getan, dass die Berechnung von Medianwerten aufgrund der Lohndaten viel zu aufwändig sei. Mit einer halbwegs modernen Lohn-Software sind die Kosten aber gering.

Der Nutzen hingegen könnte beträchtlich sein. Zwar wird sich an der Lohnverteilung durch die Offenlegung allein noch nichts ändern – noch nicht. Aber es würde Bewusstsein geschaffen für das zentrale Problem der Weltwirtschaft. So lange sich an der Verteilung insbesondere die Lohneinkommen nicht ändert, werden Stagnation und Arbeitslosigkeit nur durch den Luxuskonsum der Superreichen leicht gemildert.

Heute diskutieren wir vor allem Nebenaspekte, wie etwa QE, quantitative Erleichterung. Klar, sie ist richtig, denn indem die EZB im grossem Stile Staatsschulden monetisiert, bewahrt sie uns vielleicht vor einem noch größeren Einbruch der Nachfrage – deren Schwäche aber letztlich die Folge der „Verteilungspolitik“ der Grossunternehmen ist. Staatliche Ankurbelung? Mehr private Investitionen? Klar, wäre gut, zumal es vor allem im öffentlichen Sektor einen Investitionsrückstau gibt. Aber, wenn das Verteilungsproblem bestehen bleibt, wird auch dieser Anstoss schnell verpuffen. Auch die Forderung, die Löhne künftig mit der Produktivität steigen zu lassen, ist richtig. Doch so lange ein Drittel dieser Zuwächse weiterhin den reichsten 10 Prozent zufliessen, ist auch damit nicht allzu viel gewonnen.

Was könnte nach der Offenlegung kommen? Denkbar wäre etwa, dass die Grossunternehmen ihre schlecht bezahlten Arbeitnehmer einfach auslagern – und damit ihre Messwerte fälschen. VW lässt grüssen. Vielleicht wüchse aber bei einigen CEO die Erkenntnis, dass der Unternehmenssektor seine monetäre Nachfrage selbst generieren muss. Der Druck der öffentlichen Meinung könnte diesen Sinneswandel befördern. Auf Nachhaltigkeit bedachte Rating-Agenturen könnten Richtlinien für eine nachhaltige Einkommensverteilung ausarbeiten. Damit steigt dann auch die Akzeptanz für etwas, was heute noch nicht einmal ausgesprochen werden darf – staatliche Eingriffe in die Lohnverteilung. Wer eine bestimmt Grenze überschreitet – und damit dem Staat Rückverteilungskosten auslöst – zahlt eine Strafsteuer.

Die USA haben mit den Dodd-Frank-Act einen ersten kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Worauf warten wir noch?

 

 

 

 

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