Archiv flassbeck-economics | 15.12.2015 (editiert am 25.05.2016)

Der BRICS-Blues: Auch Südafrika steckt in der brasilianischen Falle

 

Die Financial Times berichtet (hier, kostenpflichtig), der südafrikanische Präsident Jacob Zuma habe angesichts zunehmender wirtschaftlicher Schwierigkeiten den bisherigen Finanzminister entlassen und einen weitgehend unbekannten Beamten an dessen Stelle gesetzt. Der südafrikanische Rand fällt an den internationalen Devisenmärkten und das Land gerät mehr und mehr in die Falle, in der das andere große Land der sogenannten BRICS, Brasilien, schon steckt (wir haben hier und hier darüber berichtet). Eine Rezession mit allen Folgen ist in solchen Fällen nahezu unausweichlich, weil die Geldpolitik angesichts der von ihr postulierten Inflationsgefahr normalerweise die Zinsen erhöht und auch den Staat zwingt, kürzer zu treten.

Das ist tragisch, weil BRICS einmal wie ein Synonym für Erfolg klang, wie ein neuer Aufbruch aus den alten festgefahrenen Strukturen der internationalen Wirtschaftspolitik. Aber China hat aus ökonomischen und ökologischen Gründen große Schwierigkeiten, sein Wachstumstempo zu halten, Russland hat gewaltige Probleme wegen des Verfalls des Ölpreises und der westlichen Sanktionen, Brasilien kann seine inneren Strukturen nicht ändern und nur Indien scheint trotz einiger Inflationsprobleme wirtschaftlich noch stabil zu sein, wenngleich die politische Lage sehr unsicher ist.

Ich habe es schon mehrfach gesagt, dass der Kern der Probleme in diesen Ländern mit der großen Ausnahme China ist, dass selbst dem Namen nach progressive Regierungen sich krampfhaft bemühen, konservative Finanzpolitik zu machen, um den internationalen Finanzmärkten keine Angriffsflächen zu bieten. In Südafrika kämpft man seit vielen Jahren, ja vermutlich seit dem Ende der Apartheit im Jahre 1994, mit immer wiederkehrenden Inflationsschüben, immer wieder neuen Spekulationszyklen mit einer temporären Aufwertung des Rand und immer wieder neuen Finanzkrisen, die mit restriktiver Geldpolitik und einer Abwertung des Rand enden, was jedes Mal die Wirtschaft für Jahre aus dem Tritt bringt.

Inflationsschübe gibt es dort wie in vielen anderen Ländern vor allem, weil es außerhalb Asiens keine systematische Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktionsergebnis gibt. Weil es keine Regel zur Partizipation gibt und die Arbeitnehmer einfach nicht erwarten können, bei einer moderaten Inflationsrate ihren Teil des Produktivitätszuwachses zu bekommen, bleibt ihnen nicht anderes übrig, als mit drastischen Aktionen immer einmal wieder ihren Teil einzufordern, wobei sie meist übers Ziel hinausschießen, was dann Inflation auslöst und restriktive Geldpolitik und Abwertung.

Systematische Partizipation aber ist tabu, weil die Arbeitgeber mit Unterstützung der internationalen Organisationen und des Mainstreams der Volkswirtschaftslehre diese Frage erfolgreich zum Tabu machen. Selbst ein sehr offener Mann wie der bekannte vorvorherige Finanzminister Südafrikas, Trevor Manuel, den ich viele Jahre lang auf vielen internationalen Konferenzen getroffen habe, wäre nicht über diese Hürde gesprungen. Auch er war Teil des Mainstreams, aber nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil es für den Finanzminister eines solchen Landes nahezu unmöglich ist, sich gegen den im Internationalen Währungsfonds, in der Weltbank, in der OECD und in den Finanzministerräten selbstverständlich vorherrschenden Mainstream zu stellen. Er (oder sie) müsste ja nicht nur einer der wenigen Ökonomen in der ganzen internationalen Diskussion sein, der es schafft, sich offen gegen die tausende von Mainstream-Ökonomen zu stellen, die diese Institutionen bevölkern, dieser einmalige Mensch müsste es auch schaffen, seine Kollegen dazu zu bekommen, ihm ernsthaft zuzuhören (was vollkommen unmöglich ist, weil sich ja jeder Spitzenpolitiker bei den Reden der anderen auf das vorformulierte eigene Statement konzentriert und schon deswegen nicht hören kann, was die Kollegen zu sagen haben) und ihm mit ihren Beschlüssen den Raum verschaffen, den er bräuchte, um eine andere Politik zu machen.

Eine ganze Regierung auf die Beine zu stellen, die eine progressive Wirtschaftspolitik offensiv vertritt, sich von den internationalen Zwängen nicht schrecken lässt und ihren Weg geht, das hat es in der westlichen Welt weder in einem Entwicklungsland noch in einem Industrieland gegeben. Man erinnere sich an die traurigen Vorstellungen der deutschen Sozialdemokraten nach 1999 oder den traurigen Präsidenten Hollande, der als Sozialist gesprungen ist und als Angebotspolitiker à la Tony Blair landete.

Nur in einigen Ländern Asiens ist es gelungen, sich vom westlichen Standardmodel zu lösen, weil es tiefliegende soziale und kulturelle Werte gab, die es diesen Ländern erlaubten (man denke nur an die feste, ja lebenslange Bindung der Arbeitnehmer an ihren Betrieb in Japan, aber auch in Korea), die vermeintlichen Erfolge des Westens erfolgreich zu ignorieren. Es war gerade nicht der Kapitalismus als solcher, der in diesen wenigen Ländern erfolgreich war, sondern Kapitalismus gepaart mit der vollkommen unkapitalistischen Überzeugung, der Arbeitgeber habe die Pflicht, jeden einzelnen seiner Beschäftigten wie ein Familienmitglied zu behandeln.

 

 

 

 

 

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