Der Weise als Waisenknabe

Jörg Bibow hat heute ein sehr schönes Stück (in englisch, weil der Bezug auch in englisch ist) geschrieben über die mehr als erstaunliche (und anscheinend plötzliche) Erkenntnis von Peter Bofinger in Sachen Eurokrise und der Rolle der Lohnzurückhaltung in Deutschland dabei.

Ich will das nicht weiter kommentieren, nur so viel: Ich habe noch im vergangenen Juni in einer Konferenz zum 10jährigen Bestehen des IMK in Berlin schreckliche Stunden durchleiden müssen (die mir übrigens viele Leser auf dem dort entstandenen Video angesehen haben), weil diverse Redner (darunter Peter Bofinger und Simon Waren-Lewis) über die Eurokrise in allen Varianten sprachen, die Rolle des deutschen Lohndumpings dabei aber irgendwie „vergaßen“. Auch wenn man Peter Bofinger, wie z. B. hier im Jahre 2013 oder hier zu Anfang dieses Jahres, bei früheren Gelegenheiten die Leistungsbilanzsalden kommentieren hörte, kam das deutsche Lohndumping, wenn überhaupt, dann doch recht selten oder nur ganz versteckt vor.

Auch der verkrampfte Versuch des Sachverständigenrates vor einem Jahr, die Außenhandelssalden zu verstehen, war noch nicht wirklich gelungen, wenngleich einige Elemente der jetzigen Position von Peter Bofinger dort schon auftauchten. Wir haben das hier kommentiert. Umso schöner ist es, nun konstatieren zu können, dass immerhin ein Mitglied des Sachverständigenrats die „offizielle Version“ von flassbeck-economics in allen Facetten übernommen hat.

Wirklich schlimm ist allerdings, Jörg Bibow hat es schon gesagt, dass die beachtliche Gruppe von „Experten“, auf die Bofinger antwortet, offenbar immer noch keinen Schimmer von einer relevanten Saldenlogik hat (hier ist dieses Dokument des Schreckens). Dagegen ist der Weise ein Waisenknabe. Für sie waren es ganz platt „Kapitalströme“ in die Krisenländer, die den Leistungsbilanzsalden zugrunde liegen. Auch das Problem haben wir hier schon vor einiger Zeit gelöst und viele Leser, die keine ausgebildeten Ökonomen sind (vielleicht auch gerade deswegen) haben es verstanden. Damals hieß es zum Einstieg in die Erklärung:

Um den Vorgang wirklich zu verstehen, muss man sich anschauen, wie und wo sich Veränderungen ergeben haben, die nicht per Definition bereits in den Salden enthalten sind, aber Einfluss auf sie genommen haben (könnten). Haben sich zum Beispiel Preis- oder Zinsverhältnisse fundamental verändert, so dass Konsum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und der Unternehmen davon berührt waren? Wer also das Anschwellen des deutschen Kapitalexports wirklich erklären will, muss nach Faktoren suchen, die das verursacht haben können, und den Wirkungszusammenhang erläutern. Vor allem kann es nicht um wohlfeile Behauptungen gehen wie etwa die, in Deutschland lohne sich das Investieren eben nicht und daher fließe Anlage suchendes Kapital ins Ausland, wenn man das „Sich-nicht-Lohnen“ nicht an konkreten Fakten festmachen kann. Hat der Exodus des Kapitals zugenommen, müssten sich auch die Bedingungen, die für den Exodus verantwortlich sind, verschärft haben.“

 Wie viele Jahrzehnte wird es noch dauern, bis die Mehrzahl der Ökonomen ausreichend in Erkenntnislogik geschult ist, so dass sie in der Lage ist, sich auch mit Problemen intelligent auseinanderzusetzen, die quasi hinter einer Identität oder Saldenbeziehung verborgen sind?

Zur politischen Bedeutung dieser Vorgänge muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Ignoranz der Ökonomen oder die mangelnde Bereitschaft, das deutsche Problem immer wieder klar und deutlich anzusprechen, es den deutschen „Leitmedien“ und der deutschen Politik so leicht gemacht hat und weiter macht, sich hinter Floskeln und Vorurteilen zu verstecken. Wenn in den vergangenen zehn Jahren auch nur einige wenige deutsche Ökonomen immer wieder laut und deutlich auf die Rolle des Lohndumpings hingewiesen hätten, man hätte nicht so leicht wie vergangene Woche im Handelsblatt (hier von mir kommentiert) sagen können „Deutschland kann nichts dafür“, wenn die anderen Probleme haben. Auch im Ausland hätten sich mehr Politiker getraut, schon früh (und vielleicht sogar früh genug) gegen den deutschen Merkantilismus Stellung zu beziehen, wenn es im Inland nicht nur ganz vereinzelte Stimmen gegeben hätte, die das anprangern.

Gerade erhalte ich eine Mail, in der mir ein Kollege schreibt:

It might be of interest to you that two mainstreamers finally  got it  what you were preaching for a decade (of course, without mentioning you):

http://mainlymacro.blogspot.co.at/2015/12/was-german-undercutting-deliberate.html

http://www.voxeu.org/article/german-wage-moderation-and-ez-crisis

 

 

 

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