Professor Seltsam oder wie ich lernte, die Krise zu lieben

Professor Dr. Hans-Werner Sinn hat erneut ein Buch über den Euro geschrieben („Der Euro. Von der Friedensidee zum Zankapfel“, Hanser Verlag). Es beschreibt sozusagen seine finale Sicht auf ein europäisches Reformprojekt. Dass Professor Sinn dabei in tiefes Wasser und in große Erklärungsnöte gerät, verwundert nicht. Wir greifen einige Stellen heraus, sozusagen unsere finale Sicht auf Professor Sinn, der ja demnächst in Rente geht.

Hans-Werner Sinn hat vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung die Aufgabe von Volkswirten folgendermaßen beschrieben. (hier): „Wie Spürhunde suchen Volkswirte die Wirtschaft nach Marktfehlern ab und überlegen, wie man diese Fehler durch kluge Staatseingriffe korrigieren kann“. Volkswirte eignen sich nach seiner Meinung genau dann als Spürhunde, wenn sie als „Analyserahmen“ die „neoklassische Theorie“ wählen. Denn er ist überzeugt, dass diese Theorie die Bedingungen identifiziert hat, die erfüllt sein müssen, damit eine Wirtschaftsordnung „effizient“ ist. Marktfehler sind in seiner Sichtweise nicht etwa Fehler des Marktes, sondern es sind alle Tatsachen, die mit den Annahmen und logischen Ableitungen der neoklassischen Wirtschaftstheorie nicht vereinbar sind.

Hat der Volkswirt den normativen Vorgaben der neoklassischen Theorie widersprechende Tatsachen identifiziert, dann obliegt ihm die Aufgabe, vorzuschlagen, wie man sie beseitigt. Der Spürhund wird nun zum Arzt: „Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen. Ein guter Arzt greift nicht willkürlich in die Prozesse des Körpers ein, sondern nur, wenn er eine Krankheit im Sinne einer Abweichung von der Norm objektiv nachweisen kann und über eine wirksame Therapie verfügt.“

Tatsachen, die mit den normativen Vorgaben der neoklassischen Theorie in Widerspruch stehen, sind also Krankheiten, die der neoklassisch ausgebildete Ökonom erkennen kann und die er auch zu therapieren in der Lage ist. Die hohen Arbeitslosenzahlen in vielen Ländern Europas nun sind zweifellos Marktfehler, denn die neoklassische Theorie „beweist“, dass es in einem Marktsystem keine Arbeitslosigkeit geben kann. Wie aber sieht aus der Sicht des Neoklassikers die richtige Therapie für diese Krankheit aus?

Sinn räumt immerhin ein, dass es in der wirklichen Welt, die leider noch immer weit hinter dem Marktideal herhinkt, Umstände geben kann, bei denen man auch andere als die neoklassische Medizin einsetzen muss, also zum Beispiel keynesianische. In Europa, da ist er sich allerdings ganz sicher, hilft Keynesianismus nicht: „Nur wird die Medizin nicht als Allheilmittel angesehen. Viele andere Krankheiten, unter denen die Wirtschaft leidet, sind nämlich langfristiger, struktureller Natur und bedürfen daher anderer Therapien. (…)Ein Beispiel bieten die strukturellen Probleme der südeuropäischen Länder. Solche Probleme mit keynesianischer Rezeptur bekämpfen zu wollen, ist genauso unsinnig wie der Versuch, einen Knochenbruch mit einem Herzmedikament heilen zu wollen.“

Anders aber als etwa für den Neoklassiker Karl Heinz Paque, der den Euro als geeignete Medizin für die wirtschaftliche Malaise in den südeuropäischen Ländern erachtet (wir haben uns mit ihm hier auseinandergesetzt), erklären sich nach Sinn die Probleme Südeuropas weitgehend mit der Existenz des Euro. Der Euro ist nach Sinns Meinung ein „Marktfehler“ und er hat sich daher in seinem Buch zur Aufgabe gemacht, den Konstruktionsfehlern des Euro nachzuspüren.

Ob es lohnt, dieses Buch zu lesen, wollen wir nicht entscheiden. Aber dass das Eurosystem in seiner gegenwärtigen Form nicht haltbar ist, würde kaum noch jemand bestreiten, der sich auch nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt hat. Kluge Staatseingreife zur Etablierung einer alternativen Währungsordnung für die Euroländer sind daher unabdingbar. Was aber als klug erachtet wird, wird davon abhängen, welche Konstruktionsprinzipien des Euro man als Ursachen der Krise erachtet. Unklug allerdings wäre es, den Therapievorschlägen von Sinn zu folgen, denn, wie wir im Folgenden zeigen werden, findet er keinen Zugang zu den Ursachen der Eurokrise. Mit seinen Buch aber belegt er eindrucksvoll, dass und warum die neoklassische Wirtschaftstheorie nicht als Handlungsanleitung für die Wirtschaftspolitik taugt.

Haushaltsdefizite, Staatsschulden und Banken

Zunächst einmal gesteht Sinn zu, dass er einst ein Eurobefürworter war. Warum aber hat er nicht schon damals erkannt, dass es sich beim Euro um einen Marktfehler handelt? Er schreibt: „Ich war ein junger Theoretiker, der an die Einhaltung der Regeln glaubte, und ich muss zugeben, dass ich mich als überzeugter Europäer von erhabenen Gefühlen forttreiben ließ, statt den Skeptikern das ihnen gebührende Ohr zu gewähren.“

Die Regeln, von denen Sinn spricht und deren Verletzung er aufgrund seiner erhabenen Gefühle für Europa nicht vorhersah, sind natürlich die im Stabilitäts-und Wachstumspakt (SWP) von 1996 festgelegten Grundsätze zur Verfolgung einer „soliden Haushaltspolitik“. Solide wirtschaftet ein Staat demnach, wenn der Finanzierungssaldo „konjunkturbereinigt und ohne Anrechnung einmaliger und befristeter Maßnahmen zwischen minus 1% des BIP und einem ausgeglichenen oder einem einen Überschuss aufweisenden Haushalt liegt.“

Dass dieser Regel zu folgen sinnvoll ist, scheint für Sinn außer Frage zu stehen, denn er unternimmt keinerlei Anstrengungen, zu begründen, warum eine in diesem Sinne solide Haushaltspolitik unabdingbar ist. Der Euro musste nach seiner Meinung auf jeden Fall scheitern, weil noch nicht einmal die lediglich für den Fall einer Rezession vorgesehene Obergrenze für Haushaltsdefizite von 3% des BIP eingehalten wurde. Und noch schlimmer: lediglich „in 51 von 156 Fällen wäre die Überschreitung der 3% aufgrund einer hinreichend starken Rezession erlaubt gewesen“.

Wer in der Gegenwart so hemmungslos über seine Verhältnisse lebt, der muss natürlich auch langfristig leiden. Da nimmt es nicht wunder, dass die Staatsschuldenquoten kontinuierlich zunahmen und schon bald die im SWP festgelegten 60% des BIP überschritten wurden. Sinn stellt fest: „Im Durchschnitt stieg die Schuldenquote der Euroländer von 1995 bis 2014 um 21 Prozentpunkte von 71 auf 92%. Der Euroraum selbst hätte so gesehen beim Euro nicht mitmachen dürfen.“

Inwiefern aber erklären Haushaltsdefizite und damit einhergehende Staatsschuldenquoten die Massenarbeitslosigkeit in vielen südeuropäischen Ländern? Eine Antwort auf diese Frage sucht man in dem Buch vergebens. Sinn muss sogar zugeben, dass in einer Rezession eine „solide Haushaltspolitik“ problematisch sein kann: „Bei all der gerechtfertigten Kritik muss man mit Spanien und Irland aber auch zwei heutige Krisenländer positiv hervorheben: Denn sie haben das Defizitkriterium in der Zeit, als der Euro zu funktionieren schien, nicht verletzt.“

 Aber selbst, wenn es richtig wäre, dass eine „unsolide Haushaltpolitik“ immer zu Massenarbeitslosigkeit führt, was haben Haushaltsdefizite mit dem Euro zu tun? Sinn konstatiert: „Die Einführung des Euro induzierte eine (…) Portfolio-Reallokation der Anleger, da Projekte in Ländern, die vormals als risikoreiche und problematische Standorte wahrgenommen worden waren, nach der Euroankündigung auf einmal an Attraktivität für internationale Finanzinvestoren gewannen. Es war, als wäre in den heutigen Krisenländern plötzlich ein Elektromagnet eingeschaltet worden, der das internationale Kapital anzog, als auf dem Gipfel von Madrid im Jahr 1995 klargemacht wurde, dass und wann genau, der Euro kommen würde.“

 Will uns Sinn damit sagen, dass die Staatsverschuldung vor Einführung des Euro durch einen Kapitalmangel in den heutigen Krisenländern seine natürliche Grenze fand? Sinn stellt durchaus korrekt fest, dass die Rezession von 2008 in Spanien ganz wesentlich auf das Platzen einer Immobilienblase zurückzuführen ist und dass diese ohne eine alle Grundsätze des Kreditgeschäfts über Bord werfende Bankentätigkeit nicht möglich gewesen wäre:

„In Spanien war es nicht unüblich, dass man Immobilienkredite zu bis zu 130% des Immobilienwerts vergab, damit sich die Kreditnehmer auch noch einen sportlichen Geländewagen von dem Überschuss kaufen konnten, wie mir ein Banker aus Barcelona einmal erzählte.“

 Wie aber ist es möglich, dass gewinnorientierte Banken, die ganz in Übereinstimmung mit den Vorschlägen neoklassischer Therapeuten mehr und mehr von der schädlichen staatlichen Beschränkung ihrer Suche nach der maximalen Rendite befreit worden waren, verantwortlich für eine Wirtschaftskrise sind? Ist es vielleicht so, dass, anders als die Theorie der Neoklassiker unterstellt, die von allen Fesseln befreite Profitorientierung von Banken gerade dann, wenn es einen intensiven Wettbewerb zwischen ihnen gibt, ein Verhalten fördert, das ohne Rücksicht auf Verluste auf kurzfristige Gewinne zielt? Versagt vielleicht sogar, zumindest im Bankgeschäft, der Markt?

Sinn stellt sich diese Frage selbst auch. Aber da für ihn feststeht, dass der Markt effizient ist, also keine Fehler macht, muss eine andere Erklärung gefunden werden: „Bei Investitionsentscheidungen neigen Menschen nun einmal dazu, einen einmal wahrgenommen Trend gedanklich beliebig weit in die Zukunft zu verlängern, und schießen dabei regelmäßig über das Ziel hinaus.“ So ist er halt, der Mensch! Was Sinn aber nicht zu sehen scheint, ist, dass wenn Menschen nun einmal so sind wie er meint, dass sie sind, es unmöglich ist, dass der ideale Markt jemals Realität werden kann. Denn, wer wie Sinn meint, dass die neoklassische Theorie normativ zu interpretieren ist, muss annehmen, dass Menschen im Sinne der Entscheidungstheorie rational handeln können. Sinn aber verweigert sich dieser Schlussfolgerung: „Einige Ökonomen verwechseln diese Erwartungsfehler mit Marktfehlern. Tatsächlich liegt das Problem wohl eher darin, dass es hinreichend weit in die Zukunft reichende Terminmärkte, auf denen heute schon die zukünftige Lieferung von Gütern und Krediten vereinbart und koordiniert wird, nicht gibt. Das Problem ist also, dass Märkte fehlen, nicht dass Märkte, die es gibt, fehlerhaft sind. Das ist ein feiner, aber fundamentaler Unterschied!

 Soll das heißen, dass wenn nur der Handel mit Kreditderivaten weiter ausgebaut wird, Banken bei der Kreditvergabe den Rationalitätskriterien der Entscheidungstheorie genügen? Mit Verlaub, das ist ein Argument, das so absurd ist, dass es keinen weiteren Kommentar verdient.

Am tollsten ist aber die Behauptung, dass Banken mit der Einführung des Euro plötzlich Geld zur Verfügung stand, dass sie vorher nicht hatten, und ihre Fähigkeit Kredite zu vergeben, der Einführung des Euro geschuldet ist. Dieser Glauben beruht auf der falschen Annahme, dass Banken für die Kreditvergabe vorab Geld benötigen. Wie wir schon unzählige Male dargestellt haben, hat diese Auffassung aber nichts mit der Realität zu tun. Sieht man von Mindestreserveverpflichtungen ab, die gegenwärtig in der Eurozone lediglich 1% betragen, brauchen Banken kein Geld von irgendjemand anderem um Kredite vergeben zu können, sondern sie schaffen Geld mit der Kreditvergabe in actu. (hier).

Der Interbankenmarkt dient nicht der Refinanzierung von Krediten einer anderen Bank an Haushalte und Unternehmen, sondern dem Zahlungsausgleich zwischen Banken. Überweist z.B. eine Bank eine spanische Bank im Auftrag ihres Kunden einen Betrag (x + 100) an eine deutsche Bank, die deutsche Bank aber nur einen Betrag von x an die spanische Bank, dann muss die spanische Bank die Differenz von 100 mit Zentralbankgeld ausgleichen. Verfügt sie nicht über genügend Zentralbankgeld, dann kann sie sich dieses im Regelfall bei einer anderen Bank besorgen. Dieser Handel von Zentralbankgeld wird als Interbankenmarkt bezeichnet.

Klar dürfte sein, dass die Banken eines Landes mit einem Leistungsbilanzdefizit sich bei den Banken der Länder mit einem Leistungsbilanzüberschuss in der Summe verschulden müssen. Kennzeichen funktionierender Bankensysteme ist, dass sich Banken darauf verlassen können, dass Institute, die ein Konto bei „ihrer“ Zentralbank führen, von Finanzaufsichtsbehörden so überwacht werden, dass ein Ausfallrisiko als extrem klein einzuschätzen ist. Banken für die „Kreditvergabe“ an andere Banken im gleichen Währungsraum zu schelten, ist daher ausgemachter Unsinn.

Da der Zahlungsausgleich zwischen Banken absolut essentiell ist, damit der Zahlungsverkehr reibungslos funktioniert, kann die spanische Bank, wenn sie das Zentralbankgeld nicht über den Interbankenmarkt erhält, sich an die spanische Zentralbank wenden. Es sollte eigentlich als undenkbar gelten, dass eine Zentralbank den Zahlungsausgleich verweigert, wenn damit die Funktionsfähigkeit des Zahlungssystems gefährdet wird. Der Fall Griechenland hat gezeigt, dass das Euro-Währungssystem aber so schlecht konstruiert ist, dass es die Möglichkeit eröffnet, einer politisch missliebigen Regierung mit dem Zusammenbruch des gesamten Bankensystems zu drohen.

Die Erklärung

 Wenn aber die wirtschaftliche Krise in Spanien und Irland sich nicht mit deren Staatsschuldenquoten erklären lässt, was erklärt sie dann? Es sind, so Sinn, die hohen Auslandsschulden. In Griechenland und Spanien betrugen sie 2012 sage und schreibe 112 % bzw. 91 % und in Portugal sogar 115% des BIP. Was aber ist problematisch, wenn Ausländer gegenüber Inländern Nettogläubiger sind?

Für neoklassisch ausgebildete Ökonomen scheint die Antwort auf diese Frage so evident zu sein, dass man dazu gar nichts sagen muss. Was man aber an dieser Stelle von Sinn erfährt, ist nur, dass man unter Auslandschulden keinesfalls die Schulden staatlicher Organisationen gegenüber dem Ausland versteht, sondern alle Schulden natürlicher und juristischer Personen von Inländern gegenüber Ausländern. Auslandsschulden sind z.B. auch ein Darlehen der französischen BNP an die spanische SEAT. Für ihn relativiert die Gesamtverschuldung die These „Spanien hätte sich in Schuldendisziplin geübt.“

Was Sinn nicht klar sagt, was es in Euroland allerdings gegeben hat, ist ein Problem, das dem Auslandsschuldenproblem ähnlich ist. Es gab nämlich reale Ab- und Aufwertungen bei den nationalen Wettbewerbspositionen und die entsprechenden Folgen in den Leistungsbilanzsalden, also eine Verschuldung, die wie eine typische Auslandsverschuldung entstanden ist, ohne dass es nationale Währungen gab. Das hat dazu geführt, dass nach dem Ausbruch der Finanzkrise eine Reihe der Länder, denen man nicht zutraute, diese Probleme innerhalb des Euroraumes lösen zu können, plötzlich von den Finanzmärkten wie Austrittskandidaten behandelt wurden, ihre Staatschulden erhielten einen Malus in Form höherer Zinsen.

 Wenn man einmal die vier großen Länder der Eurozone betrachtet, sieht man, dass die zwei Südländer und Frankreich mit Beginn der Währungsunion eine Passivierung ihrer Leistungsbilanzsalden erlebten, während es in Deutschland in die umgekehrte Richtung ging, die Leistungsbilanz schwang ins Plus (Abbildung 1). Wie wir schon viele Male erläutert haben, steht das in engem Zusammenhang mit den Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit, also den realen auf- und Abwertungen.

Wer also die Eurokrise erklären will, darf nicht nur Spanien herauszugreifen, sondern er muss erklären, wie einige Länder systematisch ins Defizit gerieten (Sinns Auslandsverschuldung). Herr Sinn müsste erklären, wieso alle drei ins Defizit gerieten (Abbildung 1), Deutschland aber steil in einen Überschuss hineinwuchs, also in eine Nettoforderungsposition.

Abbildung 1
Sinn 1
Für Professor Sinn aber gibt es lediglich eine einfache Mechanik, nach der „… der Investitionsboom in Südeuropa, der in einer inflationären Blase mündete,… von irgendwoher kommen (musste), und dieses „Irgendwo“ war oftmals Deutschland.“

Nach Spanien kamen die deutschen Ersparnisse, so Sinn, über spanische Banken, weil die nun „den Kredit plötzlich auf dem europäischen Interbankenmarkt zu sehr viel günstigeren Zinsen besorgen konnten“. Die Höhe von Zinsen sind nach Sinns Meinung ausschließlich von Risikoerwägungen der Banken bestimmt. Gesunken sind nach seiner Meinung nun die Zinsen unter anderem, weil die Banken bei der Risikoabwägung keine Wechselkursrisiken mehr berücksichtigen müssen. Richtig ist an dieser Behauptung, dass der Rückgang der Zinsen etwas mit dem Entfall des Wechselkursrisikos zu tun hat. Da anders als Sinn unterstellt, die Zinssätze aber von der Zentralbank „gesetzt“ werden, war der Grund für die relativen höheren Zinssätze in z.B. Spanien, dass die Zentralbank damit versuchte, den Wechselkurs ihrer Währung zu stützen. Mit der Einführung des Euros entfiel dieser Grund und da es nun nur noch eine Zentralbank gab, die das Zinsniveau für die gesamte Eurozone festlegte, konvergierten die Zinssätze.

Wie die Abbildung 2 zeigt, gilt für Spanien, dass die nominalen langfristigen Zinsen von Mitte der neunziger Jahre bis zum Beginn der Währungsunion stark sanken, von etwa 12 Prozent auf 4 Prozent 1999. Aber auch in Deutschland sanken die Zinsen erheblich von acht auf vier Prozent.

Abbildung 2

Sinn 2

Auch real gerechnet, sind die Zinsen in Spanien im Vergleich zu Deutschland stark zurückgegangen (Abbildung 3). Sie sind in Spanien bis 2006 sogar auf Null gefallen, ein Wert, den sie in Deutschland erst jüngst erreichten

Abbildung 3

Sinn 3

Das Bild von Spanien passt also schon in Professor Sinns Diagnose von den stark gesunkenen Zinsen, die einen Immobilienboom auslösten. Allerdings muss man schon hier fragen, warum der Rückgang der realen langfristigen Zinsen in Deutschland zwischen 1995 und heute (von sechs Prozent auf Null) nicht einen ähnlichen Boom auslöste. Offenbar müssen noch ganz andere Faktoren hinzukommen.

Abbildung 4

Sinn 4

Dass die Erklärung der Leistungsbilanzsalden nicht so einfach ist wie von Sinn vermutet, zeigt sich spätestens, wenn man Deutschland mit Frankreich vergleicht. Hier ist im Grunde an der Zinsfront gar nichts passiert. Nominal lagen die Zinsen in Frankreich und Deutschland vor und nach der Währungsunion praktisch gleichauf (Abbildung 4). Auch real gab es keine bedeutsamen Unterschiede.

Abbildung 5

Sinn 5

Wie man in diesem Fall das Auseinanderlaufen der Leistungsbilanzsalden erklären will, bleibt Professor Sinns Geheimnis.

Schauen wir mit Italien den dritten Fall an, der relevant ist. In Italien gab es von 1995 bis zum Beginn der Währungsunion einen Rückgang der nominalen langfristigen Zinsen, der noch größer war als der in Spanien (von fast vierzehn Prozent auf vier Prozent) (Abbildung 6). Trotzdem kam es in Italien nicht mal zu der Andeutung eines Immobilienbooms.

Abbildung 6

Sinn 6

Auch real war der Rückgang in Italien bis 1999 beachtlich, danach aber lagen die Zinsen für staatliche Anleihen nicht weit von Deutschland entfernt und meist sogar unter Deutschland, obwohl Italien eine extrem hohe Staatsschuld im Vergleich zu Deutschland hat (Abbildung 7). Man fragt sich, was die „Märkte“ sich dabei wohl „dachten“.

Abbildung 7

Sinn 7

Man sieht an diesen einfachen empirischen Belegen, wie unwissenschaftlich das Vorgehen von Herrn Sinn ist. Er sucht sich ein Land, Spanien, heraus, weil es scheinbar gut zu der von ihm vertretenen These passt, und er ignoriert all die Länder, die nicht in sein Raster passen. Hätte er auch nur den Hauch einer Ahnung von Wissenschaftstheorie und würde er die Poppersche Falsifikationsforderung beherzigen, hätte er nach dem Fall Spanien systematisch die anderen Länder untersuchen müssen, die in Schwierigkeiten waren, weil sie hohe Außenhandelsdefizite hatten. Schon bei Frankreich wäre ihm klar geworden, dass seine „spanische These“ falsch ist und er hätte sie verwerfen müssen.

So aber ticken weder Herr Sinn noch die meisten anderen deutschen Ökonomen. Hans-Werner Sinn ist ja verantwortlich für eine Reihe von Thesen, die durch die Wirklichkeit inzwischen klarer falsifiziert worden sind, als es sich Karl Raimund Popper jemals hätte vorstellen können. Widerrufen aber hat er meines Wissens keine einzige. Man kann sich kaum noch vorstellen, dass es Sinn war, der in Deutschland noch 2005 eine „Basarökonomie“ diagnostizierte, also die These vertrat, Deutschland sei gar nicht wettbewerbsfähig, sondern baue nur zusammen und verkaufe, was andere produziert haben. Das war eine These von einer geradezu historischen Absurdität, schadete seinem Ansehen im Mainstream aber nicht. Auch die Tatsache, dass es Sinn war, der in Deutschland in der Währungsunion einen Lohnrückgang von 20 Prozent forderte, ist untergegangen, obwohl er diese Forderung im Licht seiner heutigen Euro-Analyse selbst als extrem gefährlich einstufen müsste. Auch die TARGET-Salden, die er bis zum Erbrechen aufblies, waren ein grandioser Irrtum, weil er sie als Schulden von Ländern missverstand und nie erkannte, dass sie allein deswegen entstehen, weil der Zahlungsausgleich über nationale Zentralbanken erfolgt und die „Schulden“ lediglich besagen, dass von einem Land mehr Geld in ein anderes überwiesen wurde als umgekehrt.

Am schlimmsten aber ist, dass ausgerechnet er, der sich selbst immer so großen Mut zugute hielt, als „Wissenschaftler“ auch unbequeme „Wahrheiten“ auszusprechen, die entscheidenden Wahrheiten nicht ansprach. Wenn es gegen die Gewerkschaften ging, hat er in der Tat große Angriffslust bewiesen. Ob man aber Mut dazu braucht, Organisationen anzugreifen, die im Mainstream von Politik und Medien ohnehin einen schweren Stand haben, sei dahingestellt. Man kann sich aber nicht erinnern, dass sich Professor Sinn in ähnlicher Weise einmal mit den deutschen Arbeitgebern angelegt hätte. Aus seiner Diagnose der Eurokrise geht so klar wie aus unserer hervor (HF: ich habe das vor kurzem live als sein Diskussionspartner erleben dürfen), dass die Südeuropäer (inflationär) über ihren Verhältnissen, Deutschland aber (deflationär) unter seinen Verhältnissen gelebt hat. Über ersteres spricht er dauernd, über letzteres nie. Um der damit zwingenden Logik und einer Kritik an Deutschland und seinen Unternehmensverbänden aus dem Wege zu gehen, entblödet er sich sogar nicht, das in Europa gemeinsam beschlossene und damals von niemandem diskutierte Inflationsziel in Frage zu stellen. Das, lieber Herr Sinn, ist Feigheit vor denen, die die höchsten Vortragshonorare zahlen und das kann nicht verziehen werden. Wir wünschen trotzdem einen schönen Ruhestand.

 

 

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