Archiv flassbeck-economics | 11.12.2015 (editiert am 01.12.2016)

Wachstum und Entwicklung für immer? – Teil 7

 Vorbemerkung: Will Denayer hat vor einigen Tagen schon den Klimagipfel politisch eingeordnet und wird sich noch einmal zum Ausgang des Gipfels äußern. In diesem Beitrag versuche ich zu zeigen, dass schon die Art und Weise wie die Vereinten Nationen das Problem angehen, zum Scheitern verurteilt ist. Ohne einen massiven globalen Eingriff in die Preise für fossile Energieträger ist es nicht zu machen und genau davor scheuen nicht nur die Vereinten Nationen, sondern mindestens die halbe Welt zurück. In der nächsten Folge werde ich zeigen, dass es aus vielen ökonomischen Gründen auf der Nachfrage- und auf der Angebotsseite des Marktes auch nicht leicht ist, sich auf eine Preissteuerung zu einigen, das es aber bei der derzeitigen politischen Gemengelage nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist.  

 Die OPEC kann sich nicht auf eine Stützung des Ölpreises einigen, der Ölpreis sinkt weiter, Diesel kostet in Deutschland unter einem Euro und in Paris wird über das Weltklima verhandelt. Das sind, glaubt man der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung, drei weitgehend unverbundene Ereignisse. Als ich vor einigen Tagen eine Überschrift eines Kommentars bei Spiegel-Online las (hier), in der es hieß, der billige Spritpreis sei kein Grund zum Feiern, dachte ich für eine Sekunde, jemand hätte die Zeichen der Zeit erkannt. Aber weit gefehlt, das Einzige, was diesem Medium einfällt, ist Einfalt.

Ich hatte in der letzten Folge schon deutlich gemacht, dass die relativen Preise in einem globalen Maßstab absolut entscheidend dafür sind, wie wir in Zukunft Energie erzeugen. Nur wenn die relativen Preise von fossiler Energie stetig steigen und für lange Zeit stärker steigen als die durchschnittlichen Einkommen auf der Welt, kann man damit rechnen, dass es systematisch und effektiv gelingt, Kohlenstoff als Energiequelle weit genug zur Erreichung der Klimaziele aus der Energieproduktion auszuschließen. Daher ist die Aussage von Christiana Figueres, der Chefin des UN Klimaprogramms, der Pariser Deal werde auf keinen Fall eine Einigung auf einen Preis für Kohlenstoffe bringen (hier), gleichbedeutend mit der Aussage, es werde kein Ergebnis geben, das relevant für das Weltklima ist. Dass Frau Figueres das abstreitet, musste man erwarten, weil sie vermutlich weiß, wie gering die Chancen generell sind, über Preise auch nur ernsthaft zu reden.

Aber ist der Ölpreis nicht über viele Jahre gestiegen und liegt heute höher als in den siebziger Jahren, wird man entgegenhalten. Es gab doch schließlich zwei große Ölpreisschübe in den 70er Jahren und eine kräftige Erhöhung in den letzten Jahren. Um das klarzustellen, haben wir einmal einen realen Ölpreis errechnet, also einen Ölpreis, der mit dem Verbraucherpreisindex der großen Wirtschaftsräume deflationiert wurde.

Ölpreis

Das Ergebnis, das die Abbildung zeigt, ist für viele Beobachter sicher frappierend. Der reale Preis pro Barrel Rohöl liegt heute mit vier US-Dollar nicht viel höher als zu Beginn der siebziger Jahre, aber wesentlich unter dem Preis, den zu Beginn der achtziger Jahre schon einmal gab. Auch der – vor allem spekulationsbedingt (siehe unsere Papiere hier und hier) – starke Anstieg des nominalen Preises auf über einhundert Dollar, erweist sich in dieser Betrachtung doch als sehr harmlos. Mit anderen Worten, von Seiten des Ölpreises (was sicher in noch schärferer Form für den Kohlepreis gilt), gab es in den letzten vierzig Jahren insgesamt eigentlich überhaupt keinen Anreiz, fossile Brennstoffe einzusparen. Deswegen ist es eigentlich auch vollkommen einleuchtend, dass die Sparversuche in Form von effizienteren Automotoren zum Beispiel immer wieder durch Mengenausweitung (also den Absatz von Automobilen zum Beispiel und die gefahrenen Kilometer) ausgeglichen oder sogar mehr als ausgeglichen worden sind.

So betrachtet, begänne der Versuch einer wirklich ökologischen Umsteuerung der Wirtschaft erst jetzt, wenn wir nämlich in der Lage wären, von Seiten der Nachfrage und von Seiten des Angebots dafür zu sorgen, dass der Preis für fossile Rohstoffe endlich zu steigen beginnt, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern für die nächsten paar hundert Jahre. Darüber aber wird in Paris nicht einmal gesprochen. Warum ist das so?

Die Vereinten Nationen haben sich bei ihrer Klimaarbeit meines Erachtens von vorneherein ein falsches Ziel gesetzt. Sie haben sich vor der wirklich schwer zu erreichenden globalen Preisintervention bei fossilen Brennstoffen gedrückt und haben sich die Selbstverpflichtung der einzelnen Staaten in Sachen Einhaltung bestimmter Grenzwert beim CO2 Ausstoß zum Ziel gesetzt. Das aber ist nicht nur eine politisch-taktisch falsche Entscheidung, sondern auch ökonomisch unsinnig. Die Einsparung von fossiler Energie ist nämlich genau dann für den Einzelnen (und auch für ein einzelnes Land) sinnvoll, wenn er oder sie erwarten kann, dass das alle tun. Warum sollte ein Land die Kosten der Umstellung von Öl und Kohle auf erneuerbare Energien tragen, wenn es zu vermuten ist, dass bei unveränderten Preisen für diese fossilen Rohstoffe andere Länder das genau nicht tun. Es wird ja sogar so sein, dass der Rohstoff billiger wird, wenn ein Land sparsam damit umgeht, also weniger verbraucht. Das ist ein unmittelbarer Anreiz für die anderen, mehr davon zu verbrauchen.

Was erstaunlicherweise kaum verstanden wird: Es gibt einen Markt für alle diese Rohstoffe und Aufgabe des Marktes ist es nun mal, alles, was an Angebot an diesen Markt kommt (also alle fossilen Rohstoffe, die aus der Erde geholt werden), auch zu verkaufen (den Markt zu räumen, nennt man das). Das aber schließt genau das Verhalten als vernünftig aus, was wir unseren Verbrauchern einzuhämmern versuchen. Wenn bei flexiblen Marktpreisen eine Gruppe von Verbrauchern aus Einsicht und Überzeugung auf den Verbrauch fossiler Rohstoffe verzichtet, sorgt der globale Markt sofort dafür, dass woanders mehr verbraucht wird. Die Überzeugungstäter strengen sich an, ohne je Erfolg haben zu können. Wenn in Europa die Glühlampen ausgewechselt werden, um Strom zu sparen, ist das genau so ein reiner Placebo-Effekt wie die Versuche, das Autofahren in Europa umwelt- und klimafreundlicher zu machen.

Markträumung ist genau das, was wir von normalen Gütermärkten (nicht vom Arbeitsmarkt!) recht zuverlässig erwarten können. Deswegen macht jede Anstrengung nur genau dann Sinn, wenn es eine globale Anstrengung ist. Eine globale Anstrengung aber gibt es nur, wenn es auch eine globale Preissteuerung gibt. Und es ist eine grandiose Illusion zu glauben, eine globale Selbstverpflichtung für eine quantitative Einschränkung bei flexiblen Preisen könne das ersetzen. Bei der Selbstverpflichtung würde sich bei fallenden Preisen alle Welt über niedrige Spritpreise freuen und jede Einsparungsanstrengung vergessen. Würde durch politische Überzeugungsarbeit nach dem Klimagipfel wirklich viel Öl eingespart, würde der Ölpreis weiter sinken und die Verbraucher würden darauf früher oder später mit Mehrverbrauch reagieren. Man muss ja nur zur Kenntnis nehmen, wie sich Politiker und Verbraucher derzeit über den Fall des Ölpreises freuen, just zu dem Zeitpunkt, wo die große Klimakonferenz stattfindet. Niemand kann bei einer nationalen Selbstverpflichtung verhindern, dass sich auf der Mikroebene rasch das falsche Verhalten wieder durchsetzt, sobald der Ölpreis sinkt.

Ja, man muss es so brutal sagen: Es ist der Markt, der in diesem Fall verhindert, dass eine angemessene Lösung gefunden wird. Die Markträumung steht der mikroökonomischen Logik entgegen, die den Bürgern allzu häufig als Lösung verkauft wird. Bei uns fühlen sich viele wohlmeinende Bürger als Weltenretter, als gute und verantwortungsbewusste Menschen, wenn sie immer schön die Lichter löschen und mit dem Fahrrad statt dem Auto zur Arbeit fahren. Sie retten die Welt aber leider überhaupt nicht. Irgendwo auf der Welt verwendet genau deswegen jemand mehr fossile Brennstoffe, weil sie darauf verzichtet haben. Ein gutes Gewissen mag man sich mit seinem Verantwortungsbewusstsein schaffen, mit ökologischer Vorsorge hat es gerade nichts zu tun.

Ich muss noch die wahre Geschichte des Emirs aus dem Morgenland erzählen, der zu seinem Privatvergnügen 300 Rennpferde in der Wüste hält. Jeden Tag braucht er für diese Pferde ein ganzes Flugzeug mit Futter aus den USA und ein weiteres Flugzeug mit Stroh aus Australien, um die Tiere angemessen zu versorgen. Von der Klimaanlage im Stall und allem übrigen gar nicht zu reden. In den ökologischen Fußabdruck dieses einen Emirs passen vermutlich 10 Millionen Inder. Als aber bei einer Klimakonferenz (man merke auf: Klimakonferenz beim Klimakiller) im Land des Emirs gefragt wurde, wie das Land dazu stehe, dass sein Verbrauch an fossilen Rohstoffen pro Kopf der Bevölkerung höher ist als in jedem anderen Land der Erde, da sagte der Energieminister dieses Landes, man lehne ein Pro Kopf-Betrachtung grundsätzlich ab. Dann spart mal schön weiter!

Im nächsten Teil muss die Frage diskutiert werden, auf welche Weise man die Preise global steuern könnte, wenn es eine Einigung in dieser Richtung gäbe.

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