Amerikas schrumpfende Mittelschicht: Trends in der Einkommens- und Vermögensverteilung

Vor einem Monat veröffentlichte das Pew Research Center eine neue Studie zur wirtschaftlichen Position der „Mittelschicht“ (oder „Mittelklasse“) in der amerikanischen Gesellschaft. Der Titel der Studie bringt die Kernergebnisse gut zum Ausdruck: „The American middle class is losing ground“ (Die amerikanische Mittelschicht verliert an Boden; siehe hier).

Die Studie bestätigt damit einmal mehr, was ohnehin allgemein bekannt sein sollte: Amerika wird immer ungleicher. Häufig liegt das Hauptaugenmerk bei der Betrachtung dieser gesellschaftlichen Entwicklung heute bei der kleinen Schicht der großen Gewinner, der Klasse der „top 1 percent“ (oder der: top 0,1/0,01/0,001 Prozent). Denn die Gewinne und der Reichtum der Super-Reichen im Vergleich zum Durchschnitts-Amerikaner sind mittlerweile so krass und der Prunk mancher Vertreter dieser Spezis so schamlos und abgehoben, dass es immer unmöglicher wird, sie nicht als schlichtweg peinlich und gänzlich unangemessen anzusehen. Die neue Pew Studie hat dagegen weniger die Klasse der Super-Gewinner im Visier, als den Durchschnitts-Amerikaner und die Masse der Gesellschaft, speziell jene „Mittelschicht“, deren Mehrheitsstatus in der Gesellschaft manchmal eben auch als Ausdruck der „Qualität“ oder „Gesundheit“ einer Gesellschaft angesehen wird.

Die Pew Studie bestätigt den allgemeinen Eindruck, den man auch bereits aus anderen Studien zu diesem Thema gewonnen hat: der Trend zu mehr Ungleichheit besteht schon seit mehreren Jahrzehnten und hat sich auch nach der Großen Rezession noch weiter fortgesetzt. Das Zeitalter des geteilten Wohlstandswachstums endete in den USA bereits in den siebziger Jahren. Danach sank das Wachstum und Ungleichheit nahm beständig zu. Die neue Pew Studie vermeldet zusätzlich auch noch, dass die Mittelschicht heute gar nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft stellt und finanziell inzwischen sehr weit zurück gefallen ist. Die genaue Definition der Mittelschicht ist bei der Untersuchung der Ungleichheit natürlich kritisch.

Ein gebräuchlicher Ansatz unterteilt hierzu die Gesellschaft (die Gesamtheit der Familien in der Gesellschaft) hierzu zunächst in „Quintile“, also in fünf gleich große Gruppen, die jeweils zwanzig Prozent der Familien enthält, allesamt nach Einkommens- oder Vermögenshöhe im Rang angeordnet. Die mittleren drei Quintile, also die Familien, die im Einkommensranking nicht zu den jeweils ärmsten oder reichsten zwanzig Prozent zählen, sondern der breiten (20.1 bis 80 Prozent) Mitte angehören, könnte man dann als die Mittelschicht begreifen. Bei diesem Ansatz macht die „Mittelschicht“, wenn man sie denn so definieren will, also automatisch immer 60 Prozent der Familien aus. Dieser Ansatz berechnet dann im nächsten Schritt den Anteil am Gesamteinkommen, der auf die jeweiligen Quintile entfällt.

Basierend auf Daten des US Census Bureaus erhält man etwa für 2014 folgendes Bild (s. Graphik 1): die reichsten zwanzig Prozent der Familien vereinten danach fast die Hälfte des Gesamteinkommens auf sich, die ärmsten zwanzig Prozent dagegen nur knapp vier Prozent, während die mittleren drei Quintile den Rest, also gut 47 Prozent des Gesamteinkommens ausmachten.

Graphik 1. Einkommensanteile der in Quintile eingeteilten US Familien

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Diesem Ansatz folgend, kann man dann entsprechend auch die Einkommensanteile kleinerer Prozentanteile der nach Einkommenshöhe gestaffelten Familien errechnen. Das Census Bureau berechnet zusätzlich noch die Entwicklung für die reichsten fünf Prozent der Familien, die im Jahr 2014 knapp 21 Prozent des Gesamteinkommens erhielten. Auch innerhalb der reichsten 20 Prozent der Familien gab es also sehr große Ungleichheiten. Desweiteren kann man dann etwa die Durchschnittseinkommen für jedes Quintil (oder kleinere Prozentanteile) sowie deren Entwicklung im Zeitablauf abbilden, wie in Graphik 2 gemessen am arithmetischen Mittel geschehen ist.

Graphik 2. Einkommensentwicklung der Einkommensquintile in 2014 US Dollar

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Ausgedrückt in inflationsbereinigten 2014 Dollars liegen die Durchschnittseinkommen des untersten Quintils danach heute gut 10 Prozent unter ihrem Höchstwert im Jahr 1974. Familien im zweiten und dritten Quintil haben sich seit Ende der siebziger Jahre im Durchschnitt nur um drei bzw. 12 Prozent verbessert während für das vierte Quintil immerhin 25 Prozent Einkommensverbesserung herauskamen. Eine rasante Einkommensverbesserung von fast 80 Prozent ergab sich dagegen in dieser Zeit für die reichsten fünf Prozent der Familien, womit auch klar ist, dass dieser Kreis der reichsten Familien die Einkommensentwicklung im fünften Quintil insgesamt entscheidend geprägt hat.

Graphik 3. Einkommensanteil der „top 1 percent“ laut Piketty und Saez

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Anders als die hier abgebildete Entwicklung anhand von US Census Bureau Daten basiert die von Thomas Piketty und Emmanuel Saez popularisierte Betrachtung der „top 1 percent“ auf Daten der Steuerbehörden, wobei ihr Einkommensbegriff bestimmte Transfers an Haushalte mit niedrigen Einkommen ausschließt, dagegen aber realisierte Kapitalgewinne enthält, die für die reichsten Familien besonders wichtig sind, wie in Graphik 3 (Quelle: Journal of Economic Perspectives 2013) zu sehen ist. Ihre Untersuchung der Ungleichheit in den USA reicht sogar bis 1913 zurück. Laut Piketty und Saez hat die Ungleichheit heute Ausmaße erreicht wie zuletzt in den „Roaring Twenties“ – die dann, wie man weiß, wirtschaftlich und politisch in sehr schweren Krisen und Konflikten mündeten.

Jetzt aber zurück zur neuen Pew Studie. Die basiert zwar auf Census Bureau Daten, verwendet aber einen anderen Ansatz und eine spezielle Definition der Mittelschicht. Ausgehend vom Medianeinkommen aller Haushalte, definiert sie die amerikanische Mittelschicht als diejenigen Haushalte, die mindestens zwei Drittel aber nicht mehr als das Doppelte des Medianeinkommens verdient, wobei eine zusätzliche Bereinigung die Anzahl der Familienmitglieder berücksichtigt. Einkommensschwache Familien („Unterschicht“) verdienen demnach weniger als 67 Prozent des Medianeinkommens während reiche Familien („Oberschicht“) mehr als das Doppelte des Medianeinkommens verdienen. Um zur Mittelschicht zu zählen, muss eine vierköpfige Familie allerdings ein höheres Einkommen erzielen, als eine Familie ohne Kinder oder ein Einpersonenhaushalt. Im Jahr 2014 verdiente etwa eine dreiköpfige Familie der so definierten Mittelschicht ein Einkommen zwischen $42.000 und $126.000. Entsprechend lassen sich dann auch nach dieser Methodik die Einkommensanteile der so definierten Familienschichten sowie ihre Entwicklung im Zeitablauf ermitteln.

Graphik 4. Mittelschicht verliert an Boden

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Graphik 4 vergleicht den heutigen Stand mit der Situation im Jahr 1971. Damals stellte die Mittelschicht die deutliche Mehrheit der US Familien. Heute ist die Anzahl der Familien der Mittelschicht etwas kleiner als die Summe der Ober- und Unterschichten. Ihr Anteil sank von 61 Prozent im Jahr 1971 auf knapp unter 50 Prozent heute. Während der Einkommensanteil der Familien der Unterschicht leicht gesunken ist, ist der Einkommensanteil der Mittelschicht gravierend eingebrochen und zwar spiegelbildlich zu den Gewinnern: der Oberschicht.

Graphik 5. Stetiger Trend hin zu mehr Ungleichheit gilt seit Jahrzehnten

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Der Prozess zunehmender Ungleichheit hält schon seit Jahrzehnten an. Die Pew Studie unterteilt dazu die Ober- und Unterschichten in jeweils zwei Untergruppen. Die niedrigste Einkommensgruppe verdient weniger als die Hälfte des Medianeinkommens aller Haushalte, die oberste Einkommensgruppe mehr als das Dreifache dieses Einkommens. Wie Graphik 5 zeigt, hat der Anteil der niedrigsten Einkommensgruppe von 16 auf 20 Prozent zugelegt, während der Anteil der Familien mit Einkommen zwischen der Hälfte und zwei Dritteln des Medianankommens stabil blieb. Die Oberklasse insgesamt wuchs von 14 auf 21 Prozent der Haushalte, wobei der Anteil der obersten Einkommen am stärksten (von 4 auf neun Prozent) zulegte. Dass der Anteilszuwachs der Familien mit hohen Einkommen größer war als am unteren Ende (sieben Prozentpunkte gegenüber nur 4 Prozentpunkten), mag man vielleicht als positiv ansehen; sofern man sich die zunehmende Spreizung der Einkommen, die den allgemeinen Schwund der Mittelschicht begleitet, irgendwie schön reden will.

Graphik 6. Die hohen Einkommen sind am schnellsten gewachsen

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Die wachsende Ungleichheit lässt sich wiederum auch am absoluten Einkommen der Einkommensschichten sowie an der Veränderung im Zeitablauf festmachen (hier jeweils als Medianwert). Das Medianeinkommen der Unterschicht hat zwischen 1970 bis 2014 um 28 Prozent zugelegt, das der Mittelschicht um 34 Prozent, das der Oberschicht dagegen um satte 47 Prozent. Der Median aller drei Schichten lag dabei 2014 noch jeweils unter dem Stand aus dem Jahr 2000. Graphik 6 zeigt dabei die jeweiligen Einkommenswerte für eine dreiköpfige Familie.

Graphik 7. Trend der Vermögensverteilung noch krasser

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Bei der Untersuchung der Entwicklung der Vermögensverteilung greift die Pew Studie zusätzlich auf eine im Dreijahresabstand von der Federal Reserve durchgeführte Erhebung (Survey of Consumer Finances) zurück. Sie zeigt unter anderem, dass die Unterschicht heute absolut ärmer ist als 1983. Die Mittelschicht hatte zwischen 1983 und 2007 zwar deutlich zugelegt, bis 2013 dann allerdings 60 Prozent des Nettovermögens (mit einem Medianwert von $161.050) auch wieder verloren. Der Medianwert der Nettovermögens der Oberschicht ist seit 1983 am stärksten gestiegen, und auch der Verlust zwischen 2007 und 2013 fiel dann für diese Schicht relativ kleiner aus. Insgesamt ist die „Vermögenslücke“ (wealth gap) im Zeitablauf also stark gewachsen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich nicht nur die Anteile der Einkommensschichten deutlich verändert und die durchschnittlichen Einkommen und Vermögen absolut sehr unterschiedlich entwickelt. Die Pew Studie enthält noch viele weitere interessante Details zu den typischen Gewinnern und Verlierern in dieser Zeit, unterschieden nach Alter, Familienstatus, Ethnizität, Bildung, Branche etc. Wie hat sich der wirtschaftliche Status einer typischen Familie mit bestimmten Merkmalen entwickelt? Wer ist auf der wirtschaftlichen Leiter vorangekommen, wer ist zurückgefallen? Es zeigt sich, dass sich zum Beispiel Personen im Alter über 65 Jahren sowie Doppelverdiener sehr stark im Status verbessert haben. Die Altersgruppe von 18 bis 29 dagegen zählt zu den Verlierern. Hispanics sind im Vergleich zur weißen und schwarzen Bevölkerung zurückgefallen. Wer mindestens einen Bachelor Abschluss aufweist, ist im wirtschaftlichen Status etwa unverändert geblieben. Große Verlierer waren dagegen Haushalte mit nur geringer Ausbildung.

Insgesamt bleibt das wichtigste Ergebnis die Verliererposition der Mittelschicht gegenüber den Reichsten der amerikanischen Gesellschaft. Daher hat Präsident Obama auch das Konzept der „middle class economics“, einer Wirtschaftspolitik für die Mittelschicht, in die Diskussion gebracht und einige Initiativen in ihrem Sinne auf den Weg gebracht. Es wird wohl so einiges geschehen müssen, um diese Entwicklung zu stoppen und umzukehren. Auch die jüngste Aktualisierung aus dem letzten Sommer von Emmanuel Saez auf Basis der Daten der Steuerbehörden (siehe hier http://equitablegrowth.org/u-s-income-inequality-persists-amid-overall-growth-2014/) zeigte, dass die „top 1 percent“ (mit einem Einkommen von mindesten $1,26 Millionen in 2014) trotz der Anhebung des Grenzsteuersatzes der Bundeseinkommensteuer im Jahr 2013 weiter unangefochten auf der Gewinnerspur bleiben.

Graphik 8. Abkopplung vom Wohlstandsfortschritt

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Der wichtigste Faktor hinter dieser ganzen Entwicklung ist die wachsende Lohnspreizung. Laut Berechnung des Economic Policy Instituts hat sich der Lohn des typischen Arbeitnehmers in nichtleitender Position Mitte der siebziger Jahre von der volkswirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung abgekoppelt. Anscheinend sind seitdem nur die Leitenden Angestellten (sowie die Vermögenden, denn auch die Lohnquote insgesamt ist ja gesunken) produktiver geworden – oder haben zumindest aufgrund ihrer Machtposition die Einkommensentwicklung derart gestalten können.

Laut neoliberaler Ideologie sollen über verstärkte Marktanreize an die sogenannten Leistungsträger der Gesellschaft die volkswirtschaftliche Effizienz und der allgemeine Wohlstand ansteigen, immer und überall. In der Realität ist das zwar nicht zu beobachten. Aber wer stört sich schon an der Realität, zu der es vermeintlich ja auch gar keine Alternative gibt. Amerikas Mittelschicht stellt laut Pew Studie heute nicht mehr die gesellschaftliche Mehrheit. Doch politisch scheint sie gespaltener zu sein als je zuvor. Entweder begünstigt das weiterhin den Status Quo und die unbehelligte Glückseligkeit der Wenigen – oder man droht irgendwie und irgendwann ins Extreme abzugleiten.

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