Archiv | 14.01.2016

BIP-Rekordwachstum – Deutschlands Jubelpresse jubelt

Nun wissen wir es hochoffiziell und amtlich: Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr mit 1,7 Prozent so stark gewachsen wie einige Jahre zuvor nicht mehr. Die deutsche Presse, wie nicht anders zu erwarten, wird nicht müde, diesen „Erfolg“ heftig zu beklatschen. Dumm nur, dass die Börse weiter einbricht, das passt so gar nicht in das Bild von dieser Erfolgstory.

Liest man etwas genauer, erkennt man allerdings schnell, dass die meisten derer, die da schreiben, überhaupt nicht wissen, worüber sie schreiben. Toll ist zum Beispiel, was Reuters bei Spiegel-Online zum Besten geben darf:

„In das BIP wird alles einberechnet, was in einem bestimmten Zeitraum in einem Land hergestellt wird. Auch der Wert von Dienstleistungen zählt mit. Berücksichtigt werden alle Wirtschaftsbereiche vom Handwerker bis zu Handel, Banken, Industrie, Landwirtschaft und staatlichen Leistungen wie Investitionen in Straßen.“

Wie schön, dass das alles eingerechnet wird. Das Dumme ist nur, dass man für das meiste, was da aufgezählt wird, überhaupt keine Daten für das Jahr 2015 hat. Und die Bereiche, für die man harte Daten hat, zeigen leider überhaupt kein Wachstum (siehe hier). Aber für die spannende Frage, ob bei diesen Berechnungen vielleicht Phantasie im Spiel ist, fehlt es den Agenturen sicher an Phantasie.

Eine glatte Fehlinformation verbreitet die FAZ, wenn sie schreibt: „Vielen Verbrauchern sitzt das Geld seit Monaten locker, weil Sparen kaum noch belohnt wird und die gesunkenen Energiepreise die Haushalte zusätzlich entlasten. Dazu kommt, dass sich vergleichsweise Wenige aktuell Sorgen um ihren Job machen: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist historisch günstig. Mit 2,681 Millionen war die Zahl der Erwerbslosen im Dezember so niedrig wie seit 24 Jahren nicht in diesem Monat.“ Nein, der entscheidende Grund dafür, dass die Konsumausgaben 2015 stiegen, ist die Tatsache, dass die Reallöhne 2015 zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder nennenswert gestiegen sind. Und die sind gestiegen, weil die Preise noch weniger gestiegen sind als die wenig gestiegenen Nominallöhne. Mit dem Sparverhalten der Haushalte bzw. der Sparquote hat das gar nichts zu tun. Aber das darf die FAZ ja nicht sagen, das klingt ja links: Steigende Löhne führen zu steigender Nachfrage – igittigitt.

Genial auch das Statistische Bundesamt selbst, das lapidar (hier) feststellt: „Die preisbereinigten Exporte von Waren und Dienstleistungen waren um 5,4 % höher als im Vorjahr. Die Importe legten in ähnlicher Größenordnung zu (+ 5,7 %), sodass der resultierende Außenbeitrag, also die Differenz zwischen Exporten und Importen, einen vergleichsweise geringen Beitrag zum BIP-Wachstum leistete (+ 0,2 Prozentpunkte)“. Nur 0,2 Prozent vom Außenbeitrag, das ist für einen echten Merkantilisten wirklich enttäuschend. Hätten doch auch 0,7 Prozent oder mehr sein können, wie wir das in einigen Jahren schon hatten. Dass Deutschland positive Beiträge vom Außenbeitrag bekommt, wird schon gar nicht mehr in Frage gestellt, genau so wenig wie die damit zwingend verbundenen negativen Beiträge im Rest der Welt. Sollen doch die Ausländer froh sein, dass sie auf Pump die guten deutschen Produkte kaufen können, auch wenn der schöne freie Handel für sie dann negative Einkommensfolgen hat.

Wenn Sie ein ungeschminktes Bild haben wollen, müssen sie nächste Woche die europäische Konjunkturanalyse bei flassbeck-economics lesen.

 

 

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